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29.

Die erste Niederlage.

Einige Tage später herrschte auf der Besitzung Hoffmanns eine allgemeine Aufregung. Eines Abends traf Nick Sharp ein in der Begleitung von zwei rauhen Hinterwäldlern, welche einen feingekleideten Herrn gefesselt mit sich führten.

Das Erstaunen wuchs, als Miß Murray in diesem Mann ihren Cousin erkannte. Mitleid fühlte sie nicht mit ihm. Sein Gespräch mit Spurgeon im Walde von Matagorda hatte ihr seinen verbrecherischen Charakter verraten.

»Nummer eins,« sagte Sharp. »Die übrigen wird Mister Hoffmann mitbringen, kalkuliere ich. Das wird eine Freude werden, wenn sie sich hier wiedersehen.«

Kirkholm beachtete nicht die erstaunten und unwilligen Blicke der Damen und Herren; finster schritt er zwischen seinen Wächtern und wurde in ein starkgebautes Häuschen gesperrt, welches wie zum Gefängnis geschaffen war.

Sharp stellte Posten von deutschen Matrosen auf und gab den Befehl, den Gefangenen bei einem etwaigen Fluchtversuch rücksichtslos zu erschießen, so daß Kirkholm diese Weisung hörte, er konnte sich darnach richten.

»Was wollen Sie mit ihm beginnen?« fragte Miß Murray den Detektiven.

»Vor allen Dingen im eigenen Gewahrsam halten, bis der Prozeß gegen ihn eingeleitet wird. Dazu ist nötig, daß wir auch die andere Sippschaft haben, welche unter dem Namen des Meisters unzählige Verbrechen verübt habt: Diebstähle, einfache Morde, Raubmorde und so weiter. Ich kann Ihnen das Treiben der Bande nicht mit kurzen Worten enthüllen, es wird später alles ans Tageslicht kommen. Nur so viel will ich Ihnen sagen, daß Kirkholm zu jenen Schurken gehört, denen es nicht darauf ankam, eine ganze Schiffsbesatzung von Hunderten von Menschen zu vergiften, konnten sie sich dadurch bereichern.«

»Wollen Sie die Sache nicht gleich den Gerichten übergeben?«

»Nein, noch immer können Helfershelfer auftauchen, welche die Genossen befreien. Erst muß ihre ganze Schlechtigkeit enthüllt werden, dann ist es Zeit, sie den Gerichten auszuliefern.«

In einiger Entfernung hatte Ellen gestanden und mit einer Freundin gesprochen, zugleich aber dem Zwiegespräch der beiden gelauscht. Jetzt trat sie auf den Detektiven zu.

»Mister Sharp,« sagte sie lächelnd, »Sie versuchen umsonst, Ihrem Benehmen gegen die Gefangenen oder noch gefangenzunehmenden Personen einen anderen Beweggrund zu geben, als den, den Sie wirklich haben.«

Sharp verbeugte sich.

»Miß Petersen, ich habe nie an Ihrem Scharfsinn gezweifelt.«

»Darf ich Sie überzeugen, daß ich mich nicht getäuscht habe?«

»Bitte! Ich bemerke aber gleich, daß der Grund zu meiner Handlungsweise nicht fern liegt.«

»Allerdings nicht.«

»Nun?«

»Sie wollen die Ehre, das Gewebe der Verbrecherbande aufgedeckt zu haben, einzig für sich allein besitzen. Ich vermute, Sie beginnen mit einem Privatprozeß und endigen mit Anklagen, wie sie die Welt bisher noch nicht zu hören bekommen hat. Die Beweismittel liegen einzig und allein in Ihrer Hand, und Sie werden dafür sorgen, daß sie Ihnen nicht genommen werden.«

»Ihr Scharfsinn hat Sie nicht betrogen, so ist es,« gestand der Detektiv. »Uebergebe ich nämlich die Sache den Gerichten, so trete ich zwar als Hauptzeuge auf und spiele allerdings eine bedeutende Rolle, aber das Hauptverdienst wird mir doch von höhergestellten Personen entrissen. Ich will aber die Ehre für mich ganz allein besitzen, die Verbrecher entlarvt und gefangen zu haben. Diejenigen, welche mir dabei geholfen haben, werde ich natürlich nennen.«

»Lassen Sie nur uns möglichst aus dem Spiele, wir haben genug davon,« lachte Ellen.

»Möglichst, ja, aber ganz werden Sie mir Ihre Aussagen doch nicht vorenthalten.«

»Wenn wir als Zeugen verlangt werden, müssen wir natürlich gehorchen, so unangenehm auch derartige öffentliche Verhöre uns sind.«

»Es soll alles schriftlich abgemacht werden.«

»Ah, das ist schön. Und glauben Sie, aus Ihren Bemühungen Vorteile ziehen zu können?«

»Die allergrößten. Das Privat-Detektiv-Amt von Nikolas Sharp wird weltberühmt werden.«

»Miß Lind wird Ihnen sehr fehlen.«

»Allerdings. Doch gibt es noch genug gute Kräfte. Gern hätte ich Miß Morgan engagiert, allein dieses Weib war zu verdorben.«

»Wie? Selbst aus Verbrechern würden Sie Ihre Beamten rekrutieren?«

»Sogar mit Vorliebe. Gar viele von den Personen, welche einst in verbrecherischer Weise gegen Sie operiert haben, werden mir noch dienen. Ich nehme sie an.«

»Das Detektivgewerbe ist seltsam,« sagte Ellen kopfschüttelnd.

»Und welcher Mittel bedient man sich heutzutage, um sich einen Ruf zu erwerben!« fügte Miß Murray hinzu. »Jahrelang hat sich Mister Sharp damit beschäftigt, die Spuren der Verbrecherbande zu verfolgen, und ich glaube, fast weniger darum, um sie unschädlich zu machen, als vielmehr, um durch ihre Vernichtung sich einen Namen zu machen.«

»Wissen Sie, meine Damen, auf welche Weise die ›Times‹ in London zu ihrer Berühmtheit gekommen sind?«

Mit diesen Worten trat Mister Youngpig zu der Gruppe.

»Durch die Genauigkeit, mit welcher sie ihren Leserkreis über alle Vorkommnisse in der Welt orientiert.«

»Nicht allein dadurch; dazu gehört nur eine Unmenge von Reportern und eine energische, bemittelte Redaktion. Sie verdankt ihre Berühmtheit hauptsächlich einem Geniestreich, der ihr zugleich den Ruf der Allwissenheit eingebracht hat.«

»Erzählen Sie!«

»London wurde einst von einem kolossalen, noch nie dagewesenen Raub bedroht. Es hatte sich eine Diebesbande gebildet, welche beschlossen hatte, in allen Juwelierläden, Banken und so weiter von ganz London gleichzeitig in ein und derselben Nacht einzubrechen. Jahre vergingen mit der Vorbereitung, ein deutscher Schlosser, in großer Not, lieferte ihnen die Nachschlüssel. Es wurde alles mit so großer Vorsicht betrieben, daß selbst die sonst so scharfsichtige Londoner Polizei nicht das geringste ahnte. Die bestimmte Nacht rückte immer näher heran, da die Bande gleichzeitig in die Läden und Banken einbrechen sollte.«

»Aber wie ist das möglich?« unterbrach eine Dame den Erzähler. »Wenn so viele Einbrüche gleichzeitig stattfinden, müssen die Diebe doch Aufsehen erregen und gefaßt werden.«

»Wohl, gnädiges Fräulein. Einige Einbrüche wären sicher vereitelt worden, meinetwegen die Hälfte, aber die anderen? London ist groß, die Polizei kann nicht überall sein, also Erfolg versprach sich der Leiter der Bande auf jeden Fall. Einige Millionen Pfund Sterling hätte er dabei sicher eingeheimst. Wer gefangen wurde, war es eben, wer entkam, war ein reicher Mann. Sie müssen bedenken, daß Einbrecher Leute sind, welche nichts als ihre Freiheit zu verlieren, aber sehr viel zu gewinnen haben. Der Leiter des Unternehmens aber machte sicher ein gutes Geschäft, er stellte sich nicht bloß und kassierte dann den Raub ein.«

»Nun gut, dies ist mir klar.«

»Die Polizei also merkte nichts, wohl aber kam ein Reporter der ›Times‹ eine jener Spürnasen, die in dem Gewerbe der Verbrecher herumschnüffeln, hinter die Pläne. Er erwarb sich das Vertrauen des deutschen Schlossers, weil er sich für ein Mitglied der Bande ausgab. Als er ahnte, um was es sich handelte, ging er nicht zur Polizei und zeigte das Vorhaben an, sondern zum Chefredakteur der ›Times‹. Dieser Redakteur operierte auf eigene Faust weiter. Für eine hohe Summe wurde der Schlosser gewonnen, alles zu verraten, und er tat es gern, denn es wurde ihm Straffreiheit versprochen. Der Mann war übrigens nicht so sehr schuldig, er hätte die Schlüssel nicht geliefert, wenn er gewußt, wozu sie gebraucht wurden, und dann, als er es erfuhr, war es zu spät – er war zum Mitschuldigen gemacht worden. Kurz und gut, der Redakteur der ›Times‹ beschloß, das Verbrechen mit eigenen Mitteln zu vereiteln und die Täter dingfest zu machen, ohne der Polizei etwas davon mitzuteilen, ja, noch mehr, er sorgte auch dafür, daß die Verbrecher ungestört arbeiten konnten und die Polizei in Sicherheit gewiegt wurde. Durch allerlei Kniffe und Schliche gelang ihm dies auch.

»In der betreffenden Nacht hob der Redakteur mit geworbenen Leuten das Räubernest aus, die gefundenen Nachschlüssel wurden in Gewahrsam genommen, und dies alles geschah, ohne daß die Polizei auch nur eine Ahnung davon hatte. Der deutsche Schlosser dampfte noch in derselben Nacht nach Amerika ab – der Redakteur war ein Mann von Wort.

»Am nächsten Morgen brachten die ›Times‹ eine Erzählung, in welche die eben geschilderten Vorgänge verflochten waren, und sehr wohlgefällig schloß der Erzähler mit den Worten: ›So hat die allwissende Redaktion der ›Times‹ über London gewacht. Millionen von Pfunden wären verloren gegangen, die Polizei war ohnmächtig und ahnungslos. Dank der wachsamen Redaktion sind Unzählige vor unermeßlichem Schaden bewahrt worden.‹

»Man hielt dies eben nur für eine Erzählung, der Polizeidirektor nahm sie sogar übel. Nun denken Sie sich das Erstaunen, als ihm die gefangenen Diebe vorgeführt wurden. Sie gestanden alles offen, ihre Aussagen widersprachen sich nicht, es galt einen kolossalen Einbruch auszuführen, und die gefundenen Schlüssel paßten überall da, wo sie dieselben als passend angaben. Seither war der Ruf der ›Times‹ als bestorientiertes, allwissendes Blatt begründet, selbst die Polizei konnte nicht so schnell in Geheimnisse dringen, wie die ›Times‹. Und wer meine Erzählung nicht glaubt, der gehe nach der Redaktion der ›Times‹.

»Dort hängen zwei Tafeln. Die eine erzählt in goldenen Buchstaben kurz die Geschichte; die zweite enthält eine Dankschrift der vereinigten Juweliere und Bankiers von London an die wachsame Redaktion.«

»Was sagte der Polizeidirektor?«

»Der soll sich tüchtig hinter den Ohren gekratzt haben.«

Die Zuhörer lachten, doch Mister Youngpig hatte die ungeschminkte Wahrheit erzählt.

Am folgenden Tage traf wieder ein Transport von Gefangenen ein. Sie wurden von Hoffmann geführt, und ihre Wächter waren Leute, die im Dienste Nick Sharps standen.

Eine unangenehme Stimmung bemächtigte sich der Damen, jene sechs neuen Gefangenen waren nahe und entfernte Verwandte. Sie waren es, denen die Vestalinnen die Widerwärtigkeiten und Angriffe auf der Reise zum Teil verdankten.

Die Gefangenen fühlten sich auch als Verbrecher. Stumm, ohne den Blick zu heben, schritten sie durch die Reihen derer, nach deren Leben und Besitz sie seit Jahren getrachtet hatten. Dasselbe Häuschen, welches schon Kirkholm beherbergte, nahm auch sie auf. Die Wachsamkeit der Matrosen vereitelte jeden Fluchtversuch, und Sharp sorgte dafür, daß sie auch nicht so leicht zum Selbstmord greifen konnten. Sie wurden in einzelne, wohlverwahrte Stuben gebracht, genau durchsucht und ihnen nicht einmal ein Hosenträger gelassen, an dem sie sich hätten aufhängen können.

Hoffmann und Sharp hatten eine Unterredung.

»Wo ist Elias Kinnaird?« fragte Hoffmann.

»Tot,« entgegnete Sharp finster.

»Tot?«

»Ja, er hat sich nur wenige Meilen hinter der ›Goldhütte‹ vergiftet.«

»Hatten Sie ihn nicht durchsucht?«

»Doch, aber ich vergaß, ihm den Ring vom Finger zu nehmen, was ich bei den anderen Gefangenen nicht wieder versäumt habe. Kinnaird trug einen hohlen Goldreifen, in welchem er Gift verborgen hatte. Er nahm es und starb mir nach wenigen Sekunden unter den Händen.«

»Ist es Ihnen ein großer Verlust?«

»Nein, ich besitze seinen Koffer, und dieser enthält alle Papiere, welche beweisen, daß er den Verbrechern Gift, Betäubungsmittel, falsche Stempel und so weiter lieferte.«

»Was ist nun Ihre nächste Aufgabe?«

»Die, zu welcher Sie erst eine Unterredung mit Miß Petersen nötig haben.«

»Ah so. Lord Harrlington wird sie nicht allein reisen lassen.«

»So kommt er mit.«

»Gut, ich werde es ihnen sagen.«

»Auch Hannes und Hope werde ich zum Mitgehen bewegen.«

»Wie Sie wollen! Wann reisen Sie?«

»Vielleicht heute noch, spätestens morgen früh. Geben Sie mir die Vollmacht, daß ich an Bord des ›Blitz‹ den betreffenden Mann abholen kann.«

»Ich werde Ihnen dieselbe ausfertigen.«

»Gelang Ihnen die Gefangennahme in Little Rock sofort, ohne auf Widerstand zu stoßen?«

»Sofort! Die Schurken waren im Saale des Hotels versammelt, und die größte Bestürzung herrschte unter ihnen. Sie hatten eben die Nachricht erhalten, daß die Rebellen niedergeworfen seien; und daß die englischen Lords dem Kapitän Staunton beigestanden hätten. Als sie die Namen der totgeglaubten Damen lasen, stieg ihre Bestürzung aufs höchste. Sie kamen nicht dazu, ihre Verzweiflung auszudrücken oder neue Pläne zu schmieden, denn ich trat mit Ihren Leuten zwischen sie und erklärte sie für meine Gefangenen. Sie waren völlig gebrochen, ließen sich wie Kinder fesseln und dachten nicht einmal daran, Chalmers zu schmähen, der ihre Namen nannte und sie selbst eine Strecke begleitete.«

»Ist Chalmers dann zurückgekehrt?«

»Er ist in Little Rock geblieben.«

»So wollte ich es.«

»Sie behalten Chalmers bei sich?«

»Ja.«

»Auch ich halte ihn jetzt für zuverlässig.«

»Er ist es. Mister Hoffmann, ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen.«

»Ich tat es gern, ich vergalt nur Gleiches mit Gleichem.«

»Nun ist nur noch Flexan aufzuspüren, dann sind alle dingfest gemacht.«

»Er wird niemandem mehr viel schaden können.«

Die beiden Männer trennten sich. Hoffmann ging in die Villa, wo ihn Johanna erwartete, und Sharp spazierte in den Anlagen auf und ab.

Es wurde Abend, und da die Jahreszeit kühl war, so befanden sich nur noch wenige Personen im Freien. Die Verwundeten lagen in den Baracken, ihre Freunde waren bei ihnen, und die Herren und Damen hielten sich in der Villa auf, um die letzten Ereignisse zu besprechen. Auch die Kranken beteiligten sich daran.

Nick Sharp traf während seines Spazierganges nur selten einen fremden Gast oder einen zur Besitzung Gehörenden, und je weiter er sich vom Hause entfernte, je tiefer er in den parkähnlichen Wald drang, desto spärlicher wurden die ihm Begegnenden, bis er endlich ganz allein zwischen den Bäumen wandelte.

Der Detektiv zeigte sich ganz anders, als sonst. Er besaß nicht seine gewöhnliche Gelassenheit; denn bald ging er schneller, bald langsamer, er gestikulierte und, was er sonst nie tat, er murmelte sogar, vor sich hin.

»Eine verfluchte Sache! Ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie ist einfach, aber riskant, reinfallen tue ich auf jeden Fall, so oder so. Merkwürdig, mein Verstand sagt nein, und das Herz? Nun, das wird nicht gefragt. Und dennoch will ich. Ich habe die Westenknöpfe gezählt, die Rockknöpfe gezählt, und immer kommt ein Ja heraus. Sollte das mehr als Zufall sein? Nun, noch einmal will ich es probieren, und zwar an den Hosenknöpfen. Sagen sie auch ja, dann ist es beschlossen. Dann, Nick Sharp, dann begehst du die größte Torheit, die du je im Leben begangen hast, aber mit Absicht, und vielleicht – nun wer weiß.«

»Ja – nein – ja – nein,« begann der Detektiv zu zählen und griff dabei an seine Hosenknöpfe, »ja – nein – ja – nein. Nichts ist es, das Schicksal will nicht. Aber halt, da fehlt ein Knopf. Diese Liederlichkeit darf nicht geduldet werden, und die vorige Zählung gilt natürlich nichts.«

Sharp zog sein Nähetui hervor und begann, sich den fehlenden Knopf anzunähen. Der Detektiv mußte sich wie ein Aal krümmen, um dies tun zu können.

»Verdammt saures Geschäft,« brummte er, »ich hätte es aber bald nicht mehr nötig, wenn –. Ja, wenn; nun, das Herumreisen hat ja nun ein Ende.«

Das schwierige Geschäft war beendet, Sharp fing von neuem an, das Schicksal zu befragen; und natürlich mußte er nun ein »Ja« erlangen.

»Das nennt man das Schicksal zwingen,« sagte er befriedigt, »jetzt heißt es: Entweder – oder.«

Er drehte sich um, der Villa zu, als sein scharfes Auge eine weibliche Gestalt wahrnahm, welche durch die Bäume des Waldes auf ihn zueilte.

»Alle Wetter, sollte das ...? Wahrhaftig, es ist Miß Chalmers. Was hat sie hier zu tun?«

Er sollte nicht lange im Zweifel darüber bleiben.

»Endlich,« rief das junge Mädchen, als es den Detektiven erreicht hatte, »ich habe Sie wie eine Stecknadel gesucht, in der Villa, im Garten und im Park. Wer ahnt auch, daß Sie bei Nacht im Walde herumstreifen!«

»Haben Sie sich so nach mir gesehnt?« entgegnete Sharp in seiner gewöhnlichen, ironischen Weise.

»Haben Sie sich so nach mir gesehnt?« fragte Sharp ironisch die vor ihm stehende Miß Chalmers

»Gesehnt gerade nicht, aber ich wünschte Sie zu sprechen,« rief Miß Chalmers lächelnd. Doch gleich wurde sie wieder ernst, und dem Detektiven entging es trotz der Dunkelheit nicht, daß ihre Züge sogar einen sehr ernsten Ausdruck annahmen.

Miß Klara Chalmers, die Cousine von Eugen Chalmers, dem Straßenprediger, der sich nachher als Verbrecher entpuppte, war ein munteres, brünettes Mädchen, nicht gerade ausgelassen, aber doch lieber fröhlich, als traurig. Sonst hätte sie auch nicht unter die Vestalinnen gepaßt.

Ihr ernstes Benehmen war daher auffallend.

»Sprechen Sie sich ruhig aus,« sagte Sharp ermutigend, »wenn Sie Hilfe oder Rat brauchen. Einen bereitwilligeren Freund, als mich, finden Sie nirgends.«

»Ich weiß, Sie haben sich unser stets mit der Fürsorge eines Vaters angenommen, ohne darauf zu achten, daß Ihnen Ihre Dienste mit Undank vergolten wurden.«

»Hm, als Vater fühle ich mich eigentlich noch etwas zu jung,« brummte Sharp.

»Es war ja nur ein Vergleich; ein Vater verliert ebenso, wie die Mutter, nicht die Liebe zu den Kindern, wenn diese ihm auch Sorge machen, ja, selbst wenn sie seine Liebe mit Nichtachtung vergelten.«

»In diesem Falle würde ich meinen Kindern den Stock ordentlich zu schmecken geben.«

»Haben Sie Kinder?«

»Ich? Um Gottes willen, Fräulein, ich habe bis jetzt noch nicht einmal Zeit zum Heiraten gehabt.«

»Dann können Sie allerdings nicht wissen, wie es einem Vater zumute ist, dem sein Kind Schande bereitet –«

»Bitte, lassen Sie den Vater aus dem Spiele,« unterbrach sie Sharp, »ich fühle mich noch zu jung, um Vater sein zu können. In der Hinsicht bin ich unschuldig, wie ein Säugling im Wickelbettchen.«

»Aber vielleicht haben Sie schon einmal bittere Erfahrungen an Verwandten gemacht,« fuhr Miß Chalmers fort, »man nimmt doch immer Anteil an deren Ergehen.«

»Hm, wohl möglich, ich war allerdings noch nie in der Lage, meinen Verwandten zürnen zu müssen,« entgegnete Sharp und im stillen dachte er:

»Teufel, wohinaus will sie denn nur? Aha ja, das könnte möglich sein.«

»Unter jenen Menschen, welche auf unrechtmäßige Weise in Besitz unseres Vermögens kommen wollten, befindet sich einer, der meinen Namen trägt.«

»Ah so, ich verstehe. Sie meinen Ihren Cousin. Es tut mir leid, Ihnen gestehen zu müssen, daß er ein Luftikus ersten Ranges ist.«

Es entstand eine lange Pause, das Mädchen schwieg, und Sharp, der zur Seite schielte, sah, wie ihre Lippen fest aufeinandergepreßt waren, und wie in ihren Augen ein Ausdruck von großer Trauer lag.

Sofort bereute Sharp die eben gesprochenen Worte. Er konnte wohl grob, sogar rücksichtslos sein, aber jemanden kränken, lag nicht in seiner Absicht. Jetzt wußte er, daß dieses Mädchen mit ihrem Cousin, der ihren Namen trug, Mitleid fühlte.

»Ich meinte, Mister Chalmers war ein großer Taugenichts,« sagte er daher, »er scheint jetzt einen anderen Weg einschlagen zu wollen, der ihn wieder zum ehrlichen Menschen macht.«

»Das zu hören, freut mich,« rief das Mädchen, und in ihrer Stimme lag wirkliche Freude, »um so mehr, als es mir ein Mann sagt, den ich schätze.«

»So schätzen Sie mich?«

»Ich schätze Sie als ehrlichen, zuverlässigen Mann, dessen Freund zu sein, jedem eine Ehre sein sollte.«

»Obgleich ich ein Detektiv bin?«

»Ich bin über Vorurteile erhaben.«

»Das freut wieder mich. Doch nun zu Mister Chalmers! Haben Sie seinetwegen eine Frage?«

»Ja. Mister Hoffmann erzählte mir vorhin, Sie würden für das Fortkommen meines Cousins sorgen.«

»Das war eigentlich indiskret von Mister Hoffmann.«

»Er sagte es auf meine Bitte hin, weil er weiß, daß mich das Schicksal Chalmers bekümmert. Er ist ja mein Cousin.«

Merkwürdig innige Verwandtenliebe! dachte Nick Sharp und zog seine Pfeife hervor.

»Dann sei's ihm verziehen. Ja, ich interessiere mich für diesen Mann, er ist ein befähigter Kopf. Er ist zum Verbrecher wie geschaffen.«

»O!«

»Oder auch zum Detektiven.«

»Ach so, Sie wollen ihn zu einem solchen ausbilden?«

»Nein, ich habe noch höheres mit ihm vor. Sie wissen, ich will ein Bureau gründen?«

»Mister Hoffmann erzählte mir davon: eine Art von Beobachtungsamt.«

»Noch viel mehr, ich mache der Polizei Konkurrenz, befasse mich aber natürlich nur mit delikaten Angelegenheiten, welche Gewinn einbringen.«

»Und dabei verwenden Sie Mister Chalmers?«

»Ja, wenn er sich gut hält.«

»Als was?«

»Er wird mein Agent in Australien, ich ernenne ihn zum Direktor der Agentur in Sydney.«

»Ist das eine ehrenvolle Stellung?«

»Ist ein Polizeidirektor etwa kein respektabler Mann?«

»Gewiß. Ich hoffe, nein, ich weiß, daß Mister Chalmers ein anderer Mensch werden wird, daß Sie ihm völliges Vertrauen schenken können.«

»Ich zweifle auch nicht daran, doch eine Probezeit muß er, wie jeder, bestehen.«

»Kennen Sie seine Lebensgeschichte?«

»Er hat sie Mister Hoffmann mitgeteilt, und dieser hat sie mir oberflächlich erzählt.«

»Mister Chalmers war als Knabe gut, liebevoll und weichherzig. Sein Vater, ein Ehrenmann, hatte, schon ältlich, den unglücklichen Gedanken, noch einmal zu heiraten. Ich will keinen Stein auf seine zweite Frau werfen, ich kann ihr nichts nachsagen, aber sie stellte vor der Hochzeit die ungerechte Forderung, das Kind ihres Mannes müsse außer dem Hause erzogen werden. So kam Eugen im Alter von vierzehn Jahren in Pension, und er hat das Haus seines Vaters nie wieder betreten, obgleich ihn dieser und später auch die Stiefmutter zurückhaben wollten. Daß ihn sein Vater wegen seiner Frau aus dem Hause unter fremde Leute gestoßen, hat er nie vergessen können. Er kam, da er ohne alle Aufsicht blieb, in schlechte Gesellschaft, wußte sich aber anscheinend wieder emporzuraffen und studierte Theologie. Er trieb sein leichtsinniges Leben unter der Maske eines frommen Mannes weiter und ist zu dem geworden, als was wir ihn kennen gelernt haben. Wäre er zu Hause geblieben, er wäre nimmer so tief gesunken. Eugen besaß eine gute, edle Natur; er ist verdorben worden, weil man ihn unbarmherzig in die Fremde gestoßen hat. Haß gegen die Eltern war die erste Sünde, welche seine Seele befleckte. Es war nicht seine Schuld, ich wage ihn daher nicht zu verdammen.«

»Sie halten sehr viel von Ihrem Cousin.«

»Weil ich ihn von Jugend auf kenne und weiß, daß ein guter Kern in ihm steckt.«

»Sie haben viel mit ihm verkehrt?«

»Wir waren ständige Spielgefährten, er war mein Beschützer in der Jugend.«

Sharp hatte unterdes seine Pfeife gestopft und zündete sie jetzt an.

»Hm,« brummte er, »so würden Sie sich also freuen, wenn Sie fernerhin Gutes von ihm hörten?«

»Außerordentlich.«

»Nun, ich werde mein möglichstes tun, ihn zu einem guten Menschen zu machen. Es sind mir schon verschiedene solche Kuren gelungen.«

Das Mädchen ergriff seine Hand und drückte sie herzlich.

»Nehmen Sie meinen Dank schon im voraus,« rief sie.

Sharp blickte sie verwundert an; er vergaß sogar das Rauchen. Die nimmt ja ein außerordentliches Interesse an dem jungen Taugenichts, dachte er. Nun ja, für Jugendfreunde behält man später immer noch ein Herz.

»Ist die Sache betreffs Chalmers nun erledigt?« fragte er.

»Sie ist es. Gehen Sie nach der Villa?«

»Noch nicht. Würden Sie mit mir noch etwas hier auf- und abgehen? Ich habe mit Ihnen etwas Geschäftliches zu besprechen.«

»Etwas Geschäftliches?« fragte das Mädchen erstaunt.

»Nun ja, wie man's nimmt.«

»Gern, eine Gefälligkeit ist der anderen wert.«

Beide gingen einige Zeit nebeneinander, ohne daß der Detektiv anfing zu sprechen. Er paffte mächtige Wolken vor sich hin, und als eine solche einmal gerade ins Gesicht des jungen Mädchens kam, bekam dieses einen Hustenanfall.

»Gott, was für einen beizenden Tabak rauchen Sie,« lachte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Es ist aber eine teure Sorte.«

»Er riecht nicht gut.«

»Ich finde das Gegenteil.«

»Ich kann den Tabakrauch nicht vertragen.«

»Nicht?«

Sharp war diesmal außerordentlich galant, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Er drückte das Feuer aus und steckte die Pfeife in die Tasche.

Gleich darauf hörte Miß Chalmers ein leises Knirschen der Zähne, als bisse ihr Begleiter etwas ab.

»Sie kauen Tabak?«

»Ja, etwas muß man doch zu tun haben.«

»O, pfui!«

»Finden Sie Tabakkauen unanständig?«

»Es ist ordinär.«

Sharp spuckte auch das Priemchen aus.

»Ich füge mich ganz Ihrem Willen,« sagte er. »Ihretwegen würde ich mir sogar das Essen abgewöhnen.«

»Das verlange ich nicht,« lachte das Mädchen. »Aber es wird kalt, wir wollen ins Haus gehen.«

»Einen Augenblick noch, ich habe etwas auf dem Herzen.«

»Sprechen Sie sich offen aus!«

»Nun gut! Sehen Sie, Miß Chalmers, ich bin zweiunddreißig Jahre alt.«

»Nicht älter?«

»Sehe ich denn schon so alt aus?«

»Sie machen immer einen verschiedenen Eindruck.«

»Das ist allerdings fatal, daß Sie mich nicht in meiner wirklichen Gestalt kennen. Ich muß mich Ihnen einmal in derselben vorstellen. Dann bin ich ein noch ganz leidlich aussehender Mensch.«

»Das glaube ich Ihnen gern.«

»Nicht wahr? Sehen Sie, ich bin gewillt, mein unstetes Leben aufzugeben, ich will mich in New-York häuslich niederlassen und von dort aus mein Geschäft, welches sich natürlich über die ganze Welt erstrecken soll, leiten.«

»Ich wünsche Ihnen viel Glück dazu.«

»Danke schön. Vorhin nun habe ich die Knöpfe an meiner Weste gezählt – Sie kennen doch das Spiel: ja, nein, ja, nein, um das Schicksal zu befragen?«

»Ich kenne es.«

»Zählen Sie auch Knöpfe?«

»Nein, ich rupfe Blumenblätter aus,« lachte das Mädchen.

»Ich mache dasselbe mit meinen Knöpfen, das heißt, ich rupfe sie nicht ab – das kostete mir nachher die Mühe des Annähens, ich zähle sie. Und sonderbar, ich blieb bei einem Ja stehen.«

»Das kommt öfters vor.«

»Die Geschichte wird noch merkwürdiger. Ich zähle die Knöpfe meines Rockes – ich endige ebenfalls mit einem Ja.«

»Was haben Sie sich denn gewünscht?«

»Davon später! Ich zähle auch noch meine – meine – anderen Knöpfe, und indem ich mir einen schnell annähe, endige ich auch wieder mit einem Ja.«

»Dann geht Ihr Wunsch sicher in Erfüllung,« lachte Miß Chalmers, »obgleich das Annähen des Knopfes nicht vorschriftsmäßig ist. Aber ich reiße auch manchmal zwei Blütenblätter aus, wenn ich die bejahende Antwort erzwingen will.«

»Und trifft es dann ein?«

»Unbedingt.«

»Gut, dann habe ich Hoffnung.«

»Um was handelt es sich denn nur? Sie tun ja schrecklich geheimnisvoll.«

»Die ersten beiden Male hatte ich das Schicksal um Rat gefragt, ohne mir etwas dabei zu wünschen. Das drittemal aber, als ich mir den Knopf annähte, stieg der Gedanke in mir auf, daß es eigentlich doch jämmerlich ist, wenn ein Mann sich seine Knöpfe selbst annähen muß.«

»Lassen Sie es von einem Schneider besorgen.«

»Der ist nicht immer anzutreffen.«

»So von einem Soldaten, die verstehen sich auf derartige Sachen.«

»Soldaten nähen zu grob, denen kommt es gar nicht darauf an, die Haut mit festzunähen.«

Wieder mußte das junge Mädchen laut auflachen, die Unterhaltung mit dem Detektiven gefiel ihm. Es fühlte jetzt nicht mehr die Kälte des Abends.

»Dann kann ich Ihnen nur noch einen Rat geben, heiraten Sie so bald wie möglich!«

»Das war es, um was ich das Schicksal befragte, und Weste, Rock und alles andere antwortete mit einem Ja. Meiner Heirat steht also nichts mehr im Wege.«

»Wie, Sie wollen heiraten? Nicht möglich!« rief Miß Chalmers erstaunt.

Sie hätte eher den Einsturz des Himmels erwartet, als aus des Detektiven eigenem Munde hören zu müssen, daß er heiraten wolle. Dieser energische, kaltblütige Mann war ihr von jeher als der eingefleischteste Junggeselle erschienen. Doch was vermag die Liebe nicht alles zu tun?

»Nicht möglich?« wiederholte Sharp. »Nanu, warum soll ich denn nicht heiraten können?«

»Die Ueberraschung erpreßte mir diese Worte,« sagte das Mädchen beschämt. »Gewiß, ich glaube, Sie geben einen vortrefflichen Ehemann ab.«

»Nicht wahr, das glaube ich auch!« rief Sharp erfreut.

»Haben Sie schon unter den Töchtern des Landes gewählt?«

»Ich habe gewählt.«

»Ah, darf ich fragen, ob sie eine Deutsche ist, da Sie doch von deutscher Abstammung sind?«

»Sie ist eine Amerikanerin.«

»Werden Sie bald heiraten?«

»Sobald ich mit ihr gesprochen habe.«

»Sie haben dies noch gar nicht getan?«

»Nein.«

»Aber sie weiß, daß sie von Ihnen geliebt wird?«

»Ich glaube, nein.«

»Sie sind ein seltsamer Charakter. Lieben Sie denn das Mädchen?«

»Sehr.«

»Schon lange?«

»Ich kenne es nun seit beinahe drei Jahren, lieben tue ich es seit einem halben Jahre.«

»Und haben mit ihm noch nie darüber gesprochen?«

»Noch nie! Sie wissen, ich beobachte gern lange, ehe ich dem Köder zu Leibe gehe. Ich habe die betreffende Person nun seit drei Jahren fortgesetzt beobachtet, seitdem ich sie liebe, noch genauer, und bin nun zu der festen Ueberzeugung gekommen, daß sie oder keine andere die Meine wird.«

»Das ist schön von Ihnen, aber Sie wissen doch, daß das Mädchen Sie liebt?«

»Bis jetzt hat sie's mir noch nicht gesagt.«

»Das ist auch nicht nötig. Ihnen brauche ich doch nicht erst zu sagen, daß die Liebe auch in anderer Weise, als durch Worte angedeutet werden kann.«

»Sie hat mir noch nichts zu verstehen gegeben.«

»Dann ist Ihre Spekulation eine gewagte.«

»Wieso? Ich finde das nicht! Ich weiß, daß das Mädchen keinen anderen liebt, von keinem anderen geliebt wird, und so trete ich als einziger Bewerber auf.«

»Dann haben Sie allerdings Hoffnung. Aber immerhin, die Liebe ist launisch.«

»Bin ich nicht ein ganz ansehnlicher Mensch?«

»Das sind Sie.«

»Ich habe keine Untugenden an mir.«

»Sie dürfen nicht mehr Tabak kauen.«

»Werde es mir abgewöhnen.«

»Und Ihr Tabak riecht beizend.«

»Ich rauche eine leichtere Sorte.«

»Na, dann können Sie Ihr Glück ja probieren. Aber wie ist mir denn?« Miß Chalmers blieb plötzlich stehen. »Sie sind doch die letzten Jahre fast immer in unserer Gesellschaft gewesen. Sie haben doch nicht etwa die Absicht ...«

»Ich werde sie wohl haben,« nickte der Detektiv.

»Eine der Vestalinnen?«

»Allerdings.«

»Da haben Sie sich wohl getäuscht,« sagte Miß Chalmers, den Weg wieder aufnehmend. »Soviel ich weiß, ist die Hand keiner Vestalin mehr frei.«

»O doch!«

»Ich wüßte nicht, welche.«

»Meinem Auge entgeht nichts.«

»So nennen Sie mir den Namen!«

»Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit bauen?«

»Ich plaudere nicht.«

»Nun gut, so werde ich Ihnen den Namen nennen. Sie heißt Klara Chalmers.«

Das Mädchen war stehen geblieben. Erst sah es den Detektiven erschrocken an, dann aber wurde sein Gesichtsausdruck ein unwilliger.

»Wenn Sie glauben, mit mir Scherz treiben zu können, so irren Sie sich,« sagte sie leise und langsam. »Ich verstehe in solchen ernsten Sachen keinen Spaß. Ich kenne Ihre bittere Ironie, aber diese an mir probieren zu wollen, verbitte ich mir ein für allemal. Adieu!«

Sie drehte sich kurz um und wollte dem Hause zueilen, doch schon stand Nick Sharp vor ihr und versperrte ihr den Weg.

Seine Stimme klang ganz anders als sonst, es lag etwas Bittendes darin.

»Aber, verehrtes Fräulein, ich mache ja gar keinen Spaß. Wahrhaftig, ich liebe Sie, ich liebe Sie schon lange, und wenn Sie mich glücklich machen wollen, so sagen Sie mir, daß Sie versuchen wollen, mich wieder zu lieben. Mehr kann ich jetzt nicht verlangen, ich weiß, daß ich nicht zum Brautwerber passe, nehmen Sie daher Rücksicht auf mich, verzeihen Sie mir meine sonderbare Einleitung zu der Werbung.«

Plötzlich wußte Miß Chalmers, daß dieser Mann vor ihr wirklich im Ernst sprach. Lange Zeit stand sie bewegungslos vor ihm, sie machte keinen Versuch, ihre Hände aus der seinen zu befreien, aber ein Zittern verriet ihre innere Bewegung.

»Sprechen Sie! Wird es mir gelingen, Ihre Gegenliebe zu gewinnen?« bat Nick Sharp.

»Nein,« klang es leise, aber bestimmt.

»Wie? Nein?«

»Nein, ich empfinde keine Neigung zu Ihnen, frei und offen gesagt.«

»Fassen Sie den Entschluß nicht so schnell, Sie kennen mich noch nicht.«

»Ich war jahrelang mit Ihnen zusammen.«

»Aber ich bin bemüht, mich immer anders zu geben, als ich wirklich bin. Mein Beruf brachte dies mit sich. Jetzt lege ich ihn nieder, ich will mich so geben, wie ich bin, verkehren Sie mit mir, und Sie werden zur Einsicht kommen, daß es sich mit mir recht gut leben lassen wird! Ich bin ein gutmütiger, friedliebender Mensch, ich begehre Sie nicht zur Frau Ihres Reichtums willen, denn ich gebrauche ihn nicht, ich kann Ihnen ein Leben bieten, wie Sie es nur wünschen mögen, ich liebe Sie, Sie ganz allein, verschenken Sie Ihr Vermögen und werden Sie mein. Klara, sagen Sie, Sie wollen versuchen, mich zu lieben, mich wenigstens erst kennen zu lernen, aber sagen Sie nicht einfach ein kaltes Nein!«

»Mein Nein ist nicht kalt, es tut mir weh,« entgegnete Klara mit zitternder Stimme, »und dennoch, ich muß auf Ihre Frage mit einem Nein antworten.«

»So glauben Sie, mich nicht lieben zu können?«

»Nein.«

»Warum nicht? Erscheine ich Ihnen abstoßend?«

»Nein, wir wollen Freunde werden, Sharp.«

Der Detektiv seufzte tief auf.

»Es ist verdammt hart, derjenigen ein Freund zu sein, welche man liebt.«

»Ich bitte Sie, bleiben Sie mir ein Freund, wie ich stets der Ihre sein werde.«

»Warum nur ein Freund?«

»Weil – ich einen anderen liebe,« kam es leise und zögernd über des Mädchens bebende Lippen.

»Ah, das ist etwas anderes. Dann muß ich mich in mein Schicksal fügen. Ich bin zu spät gekommen.«

Sharps Stimme klang traurig, er ließ die Hände des Mädchens frei, doch dieses ergriff die seinigen von neuem.

»Zürnen Sie mir?«

»Wie sollte ich dies? Ich zürne vielmehr mir, daß ich mich habe von meinem Urteil täuschen lassen. Ich schäme mich jetzt, weil ich mit meinem Scharfsinn geprahlt habe.«

»Ach, niemand weiß, daß ich liebe, Sie sind der erste, der es erfährt.«

»So lieben Sie unglücklich?« fragte Sharp teilnahmvoll.

»Ich liebte unglücklich.«

»Sie fanden keine Gegenliebe?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Meine Liebe war – ein Verbrechen.«

»Das sind Redensarten.«

»Nein, denn sie galt einem Unwürdigen.«

Sharp war zu zartfühlend, um nach dem Namen zu forschen, er wollte ein anderes Gespräch anfangen, doch Klara kam von selbst auf das Thema zurück.

»Bitte!«

»Mister Sharp, lieben Sie mich wirklich?«

»Von ganzem Herzen.«

»Und wollen Sie nach dem, was ich Ihnen gesagt habe, mir ein Freund bleiben?«

»Zählen Sie auf mich im Leben und Sterben, Sie finden keinen treueren Freund als mich.«

»Ich brauche einen Helfer in der Not.«

»Ich stehe meinen Mann.«

»Es gilt ein Menschenleben zu retten.«

»Wie das?« fragte der Detektiv erstaunt.

Regungslos stand Miß Chalmers vor ihm, seine Hände noch immer in den ihren, vor Erregung zitternd.

»Wen soll ich retten?« fragte Sharp nochmals verwundert.

»Eugen Chalmers,« erklang es flüsternd, noch ein Händedruck, und das Mädchen war verschwunden.

Wie vom Donner gerührt stand Nick Sharp da und blickte der Davoneilenden nach. Dann kam ein langer, leiser Pfiff über seine Lippen.

»Also so steht die Sache!« murmelte er. »Nick Sharp, was für ein großer Esel bist du doch! Ein scharfsinniger Detektiv willst du sein, der schon von weitem riecht, wie es in einem menschlichen Herzen aussieht? Ein blinder Maulwurf bist du!«

Er schlug langsam den Weg nach dem Hause ein.

»Aber nein,« fuhr er dann fort, »du brauchst dir keine solchen schweren Vorwürfe zu machen. An dem Rätsel des Frauenherzens sind schon ganz andere Geister gescheitert als du. Wunderbar, wunderbar! Sie liebt den Taugenichts, den Verbrecher. ›Eugen Chalmers,‹ wie schmelzend konnte sie den Namen aussprechen! Herrgott, da könnte einem doch der Verstand stillstehen! Und ich, der ich sie liebe? Ich soll aus ihm einen guten Menschen machen, damit sie ihn heiraten kann! Man könnte sich doch gleich den Kopf am nächsten Baume zerschmettern, aber leider habe ich einen harten Schädel. Was hilft's, ich muß mein Wort halten, umsonst soll sie nicht an meine Freundschaft appelliert haben. Mein Los wird nun wohl sein, Junggeselle zu bleiben, denn zum zweiten Male mag ich mich nicht so furchtbar blamieren. Das war mein erster Irrtum, meine erste verfehlte Spekulation, meine erste Niederlage, eine zweite mag ich nicht wieder erleben, so wahr ich Nick Sharp heiße.«

Die erleuchteten Fenster der Villa tauchten vor ihm auf, heiteres Lachen schlug an seine Ohren.

»Glückliche Menschen, wie sie lachen und scherzen! Nur ich bin unglücklich, ich bin nur als Freund brauchbar. Ich kann meine Knöpfe ewig allein annähen. Verdammte Knöpfe, ihr allein seid an meinem Unglück schuld! Wenn ihr nicht immer mit einem Ja auf meine Frage geantwortet hättet, so wäre ich von der Blamage verschont geblieben. Und daß ich mir den unglückseligen Hosenknopf annähen mußte! Meine Hose war klüger als ich, hätte ich ihr nur gefolgt. Habe ich denn nur gar keinen Trost im Elend? Doch ja, meine Pfeife.«

Er zog die kurze Holzpfeife hervor, schlug Feuer und sog mit Behagen den Rauch ein.

»Ah, das labt!« schmunzelte er. »Wer weiß, ob mir eine leichtere Sorte geschmeckt hätte. Am Ende hätte Miß Chalmers gar von mir verlangt, ich sollte das Rauchen aufgeben, und ich armer, verliebter Narr hätte ihr natürlich gehorcht. Dann hätte ich nur wie ein Schulbube heimlich unter einem Strauche rauchen können. Wahrhaftig, das ist auch ein Trost. Nick Sharp, vielleicht hat es das Schicksal doch ganz gut gemeint, denn ohne Rauchen bin ich nun einmal kein Mensch, dadurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier.«

Als wolle er das Versäumte nachholen, begann er zu dampfen, wie eine Lokomotive, und eine dichte Rauchsäule hinter sich lassend, erreichte er das Gebäude.

Er begab sich sofort nach dem Pferdestall.

»Sattle und zäume den Braunen dort!« rief er dem schwarzen Stallknecht zu.

»Wollen Massa noch heute nacht spazieren reiten?«

»Paßt das dir bratwurstlippigem Nigger vielleicht nicht?«

Grinsend zeigte der Neger die Zähne und tat nach dein Geheiße des Detektiven; er machte das bezeichnete Pferd fertig, und Sharp half ihm dabei.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und sich umblickend, sah er in die erschrockenen Augen von Miß Chalmers.

»Sie wollen fort?«

»Ja.«

»Sie zürnen mir?«

»Nicht im mindesten.«

»Sie wollen wirklich nicht fort, weil – –«

»Weil ich einen Korb bekommen habe? Denke nicht daran, wir bleiben Freunde. Good bye, Miß, auf Wiedersehen in einigen Tagen.«

Sharp setzte den Fuß in den Steigbügel, zog ihn aber noch einmal zurück, denn Williams trat auf ihn zu.

»Sie wollen fort?«

»Ja, eine kleine Reise. Sir Williams, zählen Sie manchmal Knöpfe, um das Schicksal zu befragen? Sie verstehen doch, wie ich es meine.«

»Ich verstehe. Nein, ich tue das nicht. Früher warf ich bei ernsten Fragen ein Geldstück in die Höhe, und je nachdem, wie es fiel, ob Kopf oder Wappen oben war, danach entschied ich. Seit mir aber als jungem Burschen, als mir das Geld noch knapp zugemessen wurde, ein Goldstück durch eine Spalte ins Wasser fiel, habe ich diese Spielerei aufgegeben.«

»Gut denn, so brauche ich Ihnen dies nicht erst zu raten.«

»Was denn?«

»Trauen Sie nie dem Orakel der Knöpfe, und am allerwenigsten denen der Hose, sie lügen immer. Vorsicht, zurückgetreten!«

Sharp war in den Sattel gesprungen. Die Umstehenden wichen zurück, denn der feurige Hengst bäumte sich und schlug mit den Vorderfüßen in der Luft herum.

»Sagen Sie Mister Hoffmann, ich hätte meine Reise schon angetreten. Good bye

Der Neger eilte nach dem Tor, um dieses zu öffnen, aber schon flog der Hengst an ihm vorüber und setzte, unter dem Schenkeldruck des Detektiven nebenan über die Fenz hinweg.

Man hörte noch die Galoppsprünge des Pferdes auf dem kiesigen Wege, die anfeuernden Rufe Sharps, dann war der rasige Boden des Parkes erreicht, und Roß und Reiter verschwanden lautlos zwischen den Bäumen.

Kopfschüttelnd kehrten die im Freien Befindlichen ins Haus zurück. Sie konnten sich den Ritt des Detektiven in der Nacht nicht erklären, nur Hoffmann nickte befriedigt mit dem Kopfe, als er davon erfuhr.


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