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12.

Wenn Matrosen sich langweilen.

Im Hafen von Matagorda lagen der ›Blitz‹ und die ›Hoffnung‹, außerdem noch die ›Vesta‹ letztere jedoch im Trockendock. Sie wurde unter der persönlichen Aufsicht von Herrn Anders, Hoffmanns Ingenieur, repariert, und nach etwa acht Tagen konnte sie wieder auf dem Wasser schwimmen, der Schaden, den ihr die Matagorda-Riffe zugefügt, war geheilt.

Die Matrosen der beiden deutschen Schiffe langweilten sich in dem Hafenneste furchtbar. Mit den spanischen Bewohnern war durchaus nichts anzufangen, die verstanden gar keinen Spaß, und ihre Töchter flohen vor den deutschen Seeleuten, als wären diese Menschenfresser und keine artigen, galanten Jungen.

Ingenieur Anders lag fast Tag und Nacht auf dem Dock und leitete die Arbeiten, Steuermann Nagel wartete nur immer auf die Nachricht, daß Kapitän Hoffmann bald in Matagorda ankäme, aber Georg, die Ordonnanz, brachte nie von dem kleinen Postgebäude die Depesche mit, und die einzige Beschäftigung der Matrosen der ›Hoffnung‹ bestand darin, das Schiff von oben bis unten zu scheuern.

»Die Planken werden immer dünner,« brummte Karl, der Bootsmann, »nächstens scheuern wir ein Leck ins Schiff.« Aber auf Geheiß des Steuermanns mußte er doch immer wieder Steine, Sand und Scheuerbesen an die Matrosen austeilen.

Die einzige Abwechslung, brachte der Abend. Dann fanden sich die befreundeten Besatzungen in jener kleinen, spanischen Weinstube zusammen, und es passierte öfters, daß in ganz Matagorda kein Wein mehr aufzutreiben und gleichwohl der Durst noch nicht gelöscht war.

Wenn dann die Tante wieder eine neue Ladung Wein erhielt, so fand zwischen den beiden Besatzungen ein Wettrinken statt, und es schien überhaupt, als solle das Leben in Matagorda in eine einzige, große Sauferei, um gut deutsch zu reden, ausarten.

Darauf gab es eine Unterredung zwischen Steuermann Nagel, der doch auch kein Glas verachtete, und dem Steuermann der ›Hoffnung‹, und es war mit den Trinkgelagen aus – es gab keinen Vorschuß mehr. Die Matrosen fluchten, priemten, spuckten, aber das half alles nichts, es gab kein Geld mehr, und die Tante in der Weinschenke pumpte auch nicht.

Nun fing die Langeweile erst recht an, man verfiel auf allerlei Streiche; einige Stunden erzeugten diese wohl auch Lustigkeit, dann war es aber wieder die alte Geschichte.

Georg, der Spaßmacher, war auf einem wilden Ochsen geritten, hatte eine Gans blau und rot angepinselt, eines Nachts die Schornsteine einer ganzen Straße zugenagelt – es war alles nichts. Die Kapitäne der Schiffe fehlten, ohne sie gab es kein Geld, und Geld muß der Seemann am Lande haben, sonst fühlt er sich nicht als Mensch.

Doch Georg wußte noch Rat, wenigstens für sich und seine Freunde, um die Langeweile zu vertreiben.

Er hatte am Abend eine geheime Unterredung mit einigen seiner Freunde, die auf der ›Hoffnung‹ dienten, darunter auch Bootsmann Karl, und am nächsten Morgen warf er das Lot aus.

Steuermann Nagel stand am Deck und erwartete das Boot, welches Georg von Land an Bord bringen sollte. Georg war wieder auf der Post gewesen, um nach etwaigen Depeschen zu fragen.

Das Boot kam; Georg stand aufrecht darin und schwenkte die Hand, welche ein Papier hielt.

»Endlich,« brummte Nagel in den Bart.

Er öffnete das Telegramm; es rührte aber nicht, wie er erwartet, von Hoffmann her, jedoch von einer Person, die ihn ebensoviel anging.

»Steuermann Nagel. ›Blitz‹. Matagorda – Bin von Galveston abgereist, Hoffmann aufzusuchen. Habe militärische Bedeckung bei mir. Treffe ich Hoffmann in Austin nicht, reise ich zurück nach Matagorda. So lange auf mich warten.

Johanna Lind.«

»Teufel, muß die aber Sehnsucht nach dem Kapitän haben,« brummte Nagel, »reist das Mädel durch Urwälder, um ihren Bräutigam einmal küssen zu können!«

»Ja, Steuermann, die Liebe, die Liebe,« meinte Georg mit wichtiger Miene.

»Ach was, Liebe, habe auch eine Frau zu Hause, würde ihretwegen aber nicht eine Meile gehen, wenn kein anständiger Weg zu ihr führte. Habe übrigens wieder höllisch lange auf dich warten müssen, Georg. Dummheiten gemacht, Georg, heh?«

»Gott bewahre mich davor, daß ich jemals Dummheiten mache,« rief Georg entrüstet, »ich mußte nur auf Herrn Anders so lange warten. Dieser war nämlich ebenfalls auf der Post, als ich kam, und erhielt von Fräulein Lind aus Galveston die Anfrage, ob der Kapitän schon hier sei. Anders verneinte, Hoffmann würde wohl auch noch nicht gleich zurückkommen, und daraufhin bekam ich von Fräulein Lind diese Depesche für Euch, der Ingenieur aber eine andere, viel längere.«

»So so, daß ist etwas anderes. Verdammt hübsch von dem Mädchen, daß sie mich, als den stellvertretenden Kapitän des ›Blitz‹, von ihrem Vorhaben benachrichtigt. Das Mädel hat Manier im Leibe, das muß man ihr lassen.«

»Ja, der Kapitän hat einen fetten Fisch geangelt,« bestätigte Georg ernsthaft.

»Mir wäre es aber lieber gewesen, sie wäre hierher gekommen und hätte sich ein paar von unseren Jungen mitgenommen.«

»Donner und Doria, Steuermann, ja, das wäre ein Gedanke gewesen, mich und noch ein Dutzend.«

»Militärische Bedeckung? Pah, das ist alles nur spanisches Gesindel, das beim ersten Schuß wegläuft.«

»Wie wär's, Steuermann,« fragte Georg mit listigem Augenblinzeln, »wenn Ihr doch noch ein paar Jungens abschickt?«

»Wohin?«

»Nun, Fräulein Lind entgegen.«

»Unsinn, Georg, ich habe den strengen Befehl, alle Mannschaft zusammenzuhalten. Also Ingenieur Anders hat gesagt, der Kapitän wäre vor einigen Tagen nicht zu erwarten?«

»Wahrhaftig, das hat er gesagt, und der Beamte hat es auf seinem Apparat sogar hinübergeklappert.«

»Verflucht.«

»Ja, es ist verdammt langweilig hier.«

»Hilft nichts.«

»Gar nichts.«

»Na, geh jetzt, Georg, kannst die Kajüte scheuern.«

»Hm.«

»Und die Schränke abwischen. Auf die Glasscheiben kann man wieder einmal Landkarten malen.«

»Hm, hm.«

Der Steuermann blickte Georg an, der unschlüssig dastand, ein Bein nach dem anderen hob und dabei mit den Händen in den Hosentaschen wühlte.

»Nun, hast du noch etwas auf dem Herzen?«

»Ich? Nu ja, ich wollte – hm – ich hatte –«

»Heraus mit der Sprache, was hattest du?«

»Ach so, Steuermann – hm – ich wollte Euch schon immer etwas fragen, aber, aber – hatte immer keinen Mut dazu.«

»Nanu,« lachte Nagel, »seit wann fehlt es dir denn an Mut? Hast du etwas auf dem Gewissen?«

»Durchaus nicht, ich wollte Euch nur fragen, ob Ihr priemen tätet.«

Nagel riß auf diese unverschämt vorgetragene Frage den Mund vor Staunen auf.

»Junge, bist du denn seetoll geworden, im Hafen und bei ruhigem Wetter?« rief er. »Du weißt doch, daß ich schon seit acht Tagen schimpfe und fluche, weil mir mein Priemtabak ausgegangen und der hier käufliche das reine Süßholz ist. Oder aber, Georg, hast du etwa –?« fügte er schmunzelnd hinzu.

»Ja, ich habe,« sagte Georg jetzt schnell und brachte aus seiner endlosen Hosentasche eine kleine Rolle Priemtabak hervor.

»Aber das ist ja deiner! Ich dachte, du hättest hier welchen aufgetrieben. Du hast auch nicht mehr viel.«

»Macht nichts, Steuermann, beißt Euch ruhig ein Endchen davon ab, Euch schmeckt es gerade so gut wie mir.«

Schmunzelnd folgte Nagel dem Geheiß, er biß sich ein Stück von der Rolle ab, und der dunkelbraune Strahl, der gleich darauf von seinen Lippen fünf Meter weit ins Wasser spritzte, bewies, daß es eine gute Sorte war.

»Danke, Georg, der hält einige Stunden vor! Gott, ist das ein Genuß, wieder einmal mit den Zähnen auf etwas Herzhaftes beißen und die braune Sauce so wegspritzen zu können.«

»Ja, Tabak ist etwas Herrliches, besonders, wenn man welchen hat.«

»Na, nun geh, Georg!«

»Hm, hm, Steuermann.«

»Aha, du wolltest mich wohl bestechen, Georg,« lachte Nagel.

»Stechen? Ja nicht. Aeh, hm, ich wollte –«

»Nun, raus damit, Junge.«

»Wollt Ihr noch ein Stückchen?«

Georg hielt ihm die Rolle wieder hin.

» All right, die andere Backe will auch was haben, sonst werde ich einseitig.«

Nagel biß sich noch ein Stück ab.

»Ist er gut?«

»Ausgezeichnet!«

»Dann beißt Euch noch ein Stück ab.«

»Nee, nee,« lachte Nagel abwehrend, »Backbord und Steuerbord hat schon.«

»Dann steckt die Rolle ein!« sagte Georg und gab ihm seinen ganzen Tabak.

»Junge, Junge, du hast etwas im Rohre stecken. Schieß los damit,« ermunterte Nagel, nahm jedoch die Rolle an und ließ sie in der Hosentasche verschwinden.

»Ja, ich habe etwas,« sagte Georg jetzt offen, als hätte ihn die Abnahme des Tabaks erleichtert, »damit Ihr's nur wißt, Urlaub wollen wir haben, ich und noch ein paar andere.«

»Urlaub? Wozu denn?« fragte Nagel verwundert. »Hier gibt's doch nichts zu sehen.«

»Genug. Am Hafen natürlich nicht, aber dort,« Georg deutete auf die sichtbare Grenze des Waldes, »da muß es schön sein.«

»Dann geht doch heute abend einmal hin und spielt Versteckens oder Haschens zwischen den Bäumen.«

»Pah, Steuermann, das ist nichts mehr für unsereins. Gebt uns Flinten, Pistolen und so weiter, noch dazu ein Boot, und dann hurrjeh, dann sollt Ihr es einmal knallen hören, daß die Bäume im Walde umfallen.«

Der Steuermann stand lange Zeit sprachlos vor Staunen da, endlich aber fand er Worte:

»Du bist von Sinnen, Georg, oder die dicke Wirtin hat neuen Wein bekommen, und du hast bei ihr gepumpt.«

»Ich rede im Ernst, Steuermann; wir wollen einen Jagdausflug in den Urwald machen.«

»Hahaha,« lachte Nagel, »ihr wäret mir die rechten Jäger. Was wollt ihr denn schießen? Eidechsen he?«

»Hirsche, Rehe, Bären, Kaimans,« zählte Georg auf.

Nagel wurde wieder ernst.

»Nein, Georg, das geht nicht. Ich habe vom Kapitän den Befehl bekommen, euch nicht von Bord zu lassen, und ich muß gehorchen.«

»Ach, Steuermann, nur ein einziges Mal,« bat Georg betrübt. »Der Kapitän bleibt ja noch einige Tage fort, wie Anders selbst sagt.«

»Es geht nicht, Georg, wahrhaftig nicht.«

»Wir bringen Fleisch in Hülle und Fülle mit, Bärenschinken, meinethalben schon geräuchert.«

»Unsinn.«

»Ihr wißt doch, wir können alle mit Gewehren umgehen.«

Das mußte Nagel allerdings zugeben, Hoffmann hatte seine Leute in den Waffen ausgebildet.

»Na, Steuermann, sagt einmal ein kräftiges Ja.«

»Nein, ich kann es nicht zulassen.«

»Ach, bloß bis morgen abend.«

»Was,« schrie der Steuermann erschrocken, »gleich bis morgen abend? Ich dachte höchstens für einige Stunden.«

»Das hat doch keinen Zweck, wir gehen in den Urwald, um Tiere zu schießen, und hier in der Nähe sind keine mehr.«

»Ihr seid toll, alle samt und sonders verrückt.«

»Steuermann, Bootsmann Karl ist auch mit dabei.«

Das war Georgs letzter Trumpf, den er gegen den Alten ausspielte.

Der Steuermann hielt nämlich sehr viel von dem Bootsmann der ›Hoffnung‹. Sie waren beide als Schiffsjungen und Matrosen zusammen gefahren. Nagel hatte sein Steuermannsexamen gemacht, Karl, der leichtlebige, dagegen nicht. Dennoch schaute Nagel mit einer Art von Bewunderung zu dem Hünen auf, er erkannte offen die Überlegenheit des Freundes als Seemann an und freute sich im stillen, daß Karl noch immer der alte war, trotz seines grauen Haares ein frischer, munterer Geselle, dem es nicht so leicht bunt genug gehen konnte.

Natürlich, Karl war Junggeselle, Nagel dagegen Familienvater, der den Hauptteil seiner großen Heuer stets dem Kapitän überließ, damit dieser die Summe nach der Heimat schicken konnte.

Georg wartete gespannt ab, ob diese Worte Erfolg haben würden. Er zweifelte nicht daran.

»So, so, also Karl will auch Bären schießen gehen,« lächelte der Steuermann.

»Wer ist denn sonst noch bei der Partie?«

Das klang schon wie Erlaubnis. Georgs Hacken und Zehen hoben und senkten sich, er tanzte im stillen einen kleinen Freudenstep.

Er nannte einige Namen von der ›Hoffnung‹ und vom ›Blitz‹.

»So, so, also eine regelrechte Jagdpartie?«

»Kommt Ihr mit, Steuermann?«

»Was, ich? Ich habe es euch ja noch gar nicht erlaubt!«

»Ach, macht doch keine Geschichten, Steuermann! Ich sehe es Euch an, daß Ihr nur gar zu gern selbst mitgingt.«

Nagel seufzte auf. Georg hatte ins Schwarze getroffen. Aber die Pflicht, die Pflicht! Wenn nur die nicht gewesen wäre, und gerade so streng beim Seemann.

»Hm. Will mir es überlegen,« brummte er, »ich kann natürlich nicht mitgehen.«

»Entscheidet Euch jetzt gleich,« bat Georg. »Meine Freunde sitzen unten, gespannt wie die Regenschirme.«

»Erlaubt es denn der Steuermann von der ›Hoffnung‹?« suchte Nagel noch einmal eine Einwendung zu machen. »Das ist ein Mann, der keinen Spaß versteht!«

»Pah, der Bootsmann ist ja selbst mit dabei, und nach dessen Pfeife muß auf der ›Hoffnung‹ ja alles tanzen.«

»Aber Anders? Den mußt du auch noch fragen.«

»Habe ich schon gefragt,« entgegnete Georg mit schlauem Lächeln.

»Und was sagte der?«

»Ich sollte nur noch Eure Erlaubnis holen, er gibt es zu.«

Die ›Hoffnung‹ lag vom ›Blitz‹ ziemlich weit entfernt, das in der Takelage laufende Tauwerk konnte man schon nicht mehr erkennen. Jetzt sah man, wie ein Matrose die Wanten hinaufkletterte, eine Raa entlangrutschte, einen Sprung von dieser machte und dann gleichsam in der Luft hängen blieb.

Er hielt sich mit den Händen eben an einem vom ›Blitz‹ aus unsichtbaren Tau fest, vielleicht an der Flaggenleine.

Schon das Benehmen des Matrosen, der wie ein Affe herumturnte, war seltsam, es sollte aber, für den Steuermann wenigstens, noch rätselhafter werden.

Der in der Luft hängende Mann fing plötzlich mit den Beinen an zu strampeln, stieß sie nach unten und nach den Seiten aus, kurz, machte die unglaublichsten Bewegungen, gerade wie ein am Bindfaden hängender Hampelmann.

»Was soll das bedeuten? Ist der Kerl denn verrückt?« rief Nagel verwundert.

»Nein, auf der ›Hoffnung‹ haben sie die Erlaubnis bekommen, die Jagdpartie zu unternehmen. Steuermann, nun fehlt bloß Ihr noch, dann tanze ich auch da oben in der Luft einen Step.

»Zum Teufel denn, ja, seid aber morgen abend wieder zurück.«

Die letzte Ermahnung hörte Georg schon nicht mehr, wie ein Eichhörnchen lief er die Wanten hinauf, ein Sprung, er hing an einem Tau und führte da oben einen ebensolchen merkwürdigen Tanz aus – das Zeichen, daß auch sie die Erlaubnis erhalten hatten, ein Boot auszurüsten. Daß es jetzt gleich fortging, verstand sich nun ganz von selber.

Die Besatzungen der übrigen, im Hafen liegenden Schiffe, meistenteils Spaniolen und Südamerikaner, zwischen denen eigentlich kein großer Unterschied ist, staunten nicht schlecht über die seltsamen Kapriolen der beiden Matrosen. Doch es waren ja Deutsche, denen konnte man so etwas schon verzeihen.

Wie nämlich wir Deutsche den Engländer gern als spleenig bezeichnen, so halten andere Ausländer, und ganz besonders die Spanier uns Deutsche für verrückt, und besonders deshalb, weil wir bei ihnen samt und sonders für Trunkenbolde gelten.

Georg rutschte wieder herab und begann sofort Vorbereitungen zu der Reise.

Ein Boot wurde zum Rudern ausgerüstet, aber nicht eins von jenen starken, außen mit Blech beschlagenen, an denen hinten eine Schraube eingesetzt werden konnte, sondern ein richtiges, schlankes Seeboot aus Holz. Der ›Blitz‹ besaß auch solche, nur lagen sie nicht zur eigentlichen Benutzung bereit.

Georg wählte seine Freunde aus, acht Mann noch, alles Deutsche; sie empfingen vom lächelnden Steuermann Waffen und Munition: schwere Büchsen, Revolver und starke Bowiemesser. Er ließ sie wie Soldaten in Reih und Glied antreten und unterzog sie einer genauen Musterung.

Man konnte sofort sehen, daß Nagel ein ehemaliger Bootsmannsmaat der Marine gewesen, mit solcher Genauigkeit hielt er die Musterung ab, und genau ebenso machte es jetzt drüben der Bootsmann Karl, auch ein alter Unteroffizier der Marine, der sogar seinen Freund Nagel einst als Rekrut gedrillt hatte.

Zugleich konnte man letzterem aber auch ansehen, wie gern er selbst mit ins Boot gestiegen wäre und an der Partie teilgenommen hätte – doch er durfte seinen Posten nicht verlassen.

Jetzt inspizierte er noch einmal genau das Boot. Es enthielt genügend Hartbrot, kaltes Fleisch und Wasser für drei Tage. Außer den acht langen Riemen lagen noch die gleiche Anzahl von kurzen darin, denn die Fahrt sollte den Koloradofluß hinaufgehen, und nicht immer waren vielleicht die langen Riemen zu gebrauchen, welche eine Strichfläche von zehn Metern einnahmen. Aber der Matrose bedient sich lieber der langen Riemen als der kurzen, sie sind zwar viel schwerer zu handhaben, fördern jedoch die Fahrt bedeutend mehr.

Waffen und Munition lagen wohlverstaut im hinteren Teile des Fahrzeuges.

»Wer ist Bootssteurer?« fragte Nagel.

Georg salutierte stumm mit der Hand an der bewimpelten Mütze.

»Alles in Ordnung?«

»Nein, fehlt noch etwas,« antwortete Georg.

»Was?«

»Kein Boot fährt ohne Flagge.«

Auf des Steuermannes Befehl wurde hinten die Flaggenstange eingesteckt und das schwarz-weiß-rote Tuch zusammengewickelt daran befestigt. Es brauchte nur emporgezogen zu werden, so entfaltete es die Farben.

»Noch etwas?«

Georg vergaß plötzlich seine militärische Haltung, wie vorher fuhr er mit den Händen bis an die Ellenbogen in die Taschen und fing an darin zu wühlen.

»Nun, was gibt's? Priemtabak? Habe keinen.«

»Ne, ne, Steuermann, das ist es nicht.«

»Nun?«

»Seht, es kann einer von uns krank werden,« begann Georg zögernd, »und dann – dann ...«

»Krank? Ich glaube gar.«

»Nun ja, ich meine, bloß so ein bißchen Rheumatismus oder so etwas Aehnliches. Da ist es immer gut, wenn man etwas zum Einreiben bei sich hat.«

»Ich werde euch eine Flasche Arnika mitgeben.«

»Ach nee, Steuermann, Arnika tut's nicht.«

»Nicht? Was denn sonst.«

»So, hier, ein bißchen zum Einreiben,« sagte Georg und rieb sich die Magengegend.

»Ach so,« lachte Nagel, »innerlich einzureiben. Was für Medizin ist denn das? Du meinst doch nicht etwa Rum?«

»Das ist's,« grinste Georg.

Der Koch mußte einige dickbäuchige Flaschen aus dem Proviantraum holen, sie wanderten ins Boot und wurden von den schmunzelnden Matrosen so vorsichtig verpackt, als enthielten sie einen Explosivstoff.

»Aber,« warnte Nagel, »nicht zuviel.«

»Keine Angst, Steuermann, wir fahren unter deutscher Flagge,« entgegnete Georg selbstbewußt.

»Und morgen abend bei Sonnenuntergang zurück sein.«

»Gewiß, Steuermann.«

»Dann ins Boot.«

Im Nu schwangen sich die blauen Jungen über die Bordwand, glitten an Tauen herab und nahmen Platz, die acht Ruderer auf den Bänken, Georg am Steuer.

Letzterer übernahm jetzt das Kommando.

»Klar bei Riemen« – zwölf Hände legten sich auf die Ruder, vier ergriffen zwei Stangen, vorn mit Haken versehen.

»Hoch die Riemen« – sechs Ruder flogen gleichmäßig hoch und standen aufrecht im Boot, die Dollen, in denen die Ruder sich bewegen, wurden in die Löcher gesteckt und die zwei anderen Leute richteten ihre Stangen hoch.

»Setzt ab« – die Stangen wurden ans Boot gesetzt und dasselbe vom Schiff abgestoßen.

»Bug« – die Matrosen vertauschten ihre Stangen mit Rudern und richteten dieselben ebenfalls hoch.

»Laßt fallen – auf Riemen« – beim ersten Kommando fielen die Ruder in die Dollen, ohne daß aber die Blätter dabei das Wasser berührten – das wäre ein sehr grober Verstoß gewesen – und die Blätter wurden schnell ausgerichtet, so daß das Boot mit den langen Riemen wie ein ungeheurer Vogel mit ausgebreiteten Fittichen über dem Wasser schwebte.

»Ruder an« – gleichmäßig, wie von einer Maschine getrieben, fuhren die acht Körper der Matrosen voraus, acht Riemenblätter tauchten ins Wasser, und dann bogen sich die Oberkörper wieder zurück, bis sie fast unter dem Bootsrand verschwanden. Gleichzeitig ging hinten die deutsche Flagge hoch und entfaltete sich.

Diese Kommandos folgten kurz aufeinander, und die Ausführung ging ebenso schnell, Schlag auf Schlag, Hand in Hand, alles wie durch Zauberei. Ein ordentliches Schiff hält darauf, daß jedes Manöver glatt von statten geht, und nun gar im fremden Hafen, wo stets müßige Seeleute zuschauen und kritisieren, da spannt sich jede Muskel, jeder Nerv, und über das kleinste Versehen ärgert man sich tagelang.

Doch die Mannschaft des ›Blitz‹ brauchte derartiges nicht zu fürchten.

Die Riemen bogen sich, aber sie hielten, denn sie waren aus Eschenholz, und beim zweiten Schlag, oder besser gesagt, beim zweiten Durchholen schoß das Boot schon wie ein Pfeil über das Wasser hin, und die deutsche Flagge flatterte, wie vom Sturme gepeitscht, obgleich stilles Wetter war.

Da löste sich auch von der ›Hoffnung‹ ein gleichbesetztes Boot ab, hinten flatterten ebenfalls die schwarz-weiß-roten Farben, und Nagel erkannte am Steuer den Bootsmann Karl.

Wo der Koloradofluß in die Bucht einmündet, trafen beide Boote zusammen und fuhren nebeneinander in den breiten Fluß ein, bis eine Biegung, schon bewaldet, sie den Augen der Nachblickenden entzog.

Steuermann Nagel seufzte tief auf, stieß dann einen kernigen Fluch aus, biß sich noch ein Stück Tabak ab und stellte seine Leute wieder zur Arbeit an.

Eine halbe Stunde später betrat Ingenieur Anders das Deck und wandte sich sofort an den Steuermann.

»Nagel, hat Georg die Erlaubnis von Ihnen erhalten, den Jagdausflug zu unternehmen?« fragte er hastig.

»Gewiß, er ist schon seit einer halben Stunde unterwegs.«

Anders machte ein bestürztes Gesicht.

»So komme ich eine halbe Stunde zu spät.«

»Wollen Sie mich dafür verantwortlich machen?« fragte der Steuermann etwas spitz. »Georg sagte mir, von Ihnen hätte er schon die Erlaubnis, und Georg lügt nie.«

»Ich will Sie durchaus nicht verantwortlich machen,« entgegnete der Ingenieur schnell, »es ist nur ein unglücklicher Zufall.«

»Was ist denn geschehen?«

»Soeben spreche ich einen Herrn auf dem Dock und erfahre, daß allerlei Indianerunruhen vorgekommen sind, gar nicht weit von hier, am Koloradofluß. Englische Niederlassungen sind bereits überfallen worden, aber die Indianer haben dafür gesorgt, daß keine Verräter die Städte erreichen konnten. Daher ist die Sache so lange geheim geblieben.«

»Alle Wetter!«

»Ja, und das Schlimmste ist, auch das benachbarte Mexiko scheint die Hände dabei im Spiele zu haben. Schon wird Texas von Freischärlern durchstreift, welche sich für Mexikaner ausgeben, ja, sogar mexikanische Uniformen, Offiziere, will man unter ihnen gesehen haben. Ganz Matagorda ist plötzlich in der furchtbarsten Aufregung, bald muß ein lichterloher Aufstand losbrechen. Es scheint alles vorbereitet gewesen zu sein; kurz, ehe ich hierherkam, stellten alle spanischen Dockarbeiter wie auf Verabredung die Arbeit ein, und einem der Ingenieure, einem Yankee vom reinsten Wasser, fiel plötzlich ein schweres Stück Holz von oben auf den Kopf. Ein Spanier will es aus Versehen haben fallen lassen. Es liegt wie Gewitterschwüle über Matagorda, und man sagt, schon über ganz Texas.«

»Alle Wetter,« wiederholte Nagel, jetzt völlig erschrocken, »das sieht bös aus! Verflucht, daß sie auch gerade jetzt –«

»Sie meinen unsere Matrosen?«

»Ah pah, die schlagen sich schon durch, wenn es mir auch lieber wäre, sie wären hier. Aber die andere –«

»Miß Lind.«

»Eben die.«

»Es ist zu fatal,« sagte Herr Anders, sehr aufgeregt, »muß sie auch gerade jetzt diese gefährliche Reise antreten, da überall Indianer und spanisch-mexikanische Abenteurer herumstreifen.«

»Wenn nur erst Kapitän Hoffmann und die übrige Gesellschaft zurückwäre, damit wir dieses verdammte Nest verlassen könnten!«

»Nun, wir wollen nicht gleich das Schlimmste fürchten,« tröstete Herr Anders, »jener Mann, zwar auch ein Spanier, aber im Herzen den Vereinigten Staaten anhängend, meinte auch, die Sache würde wohl etwas übertrieben worden sein. Wenn wirklich ein Aufstand zu befürchten wäre, dann würden die in Washington auch schon davon gehört haben und Sorge tragen, daß er im Keime erstickt wird. Onkel Sam Onkel Sam, auf englisch Uncle Sam, ist der Spitzname für die Vereinigten Staaten, entstanden aus U.S., der Abkürzung für Unites States. läßt sich Texas und sein Mexiko nicht so leicht nehmen.«

»Ja, wenn! Ehe die aber etwas davon gemerkt haben, kann es hier schon lustig knallen.«

»Halloh,« unterbrach ihn da Herr Anders plötzlich, »was für ein stattliches Fahrzeug ist das da?«

Der Einfahrt des Hafens strebte eben ein Schiff zu, anscheinend ein Segler. Man konnte vorläufig nur die Takelage sehen, denn eine Mole, jenes Mauerwerk, welches den Hafen abschließt und sich oft weit ins Meer hinausschiebt, verbarg noch den Rumpf.

Auch war die Entfernung noch sehr groß.

»Ist das Schiff nicht bald getakelt wie ein – wie ein ...«

»Wie ein Kriegsschiff,« kam ihm der dann erfahrene Steuermann zu Hilfe, »allerdings, es ist ein Kriegsschiff.«

»Ein Kreuzer.«

»Eine Kreuzerfregatte,« bestätigte Nagel.

»Können Sie noch keine Flaggen erkennen?«

»Nein – doch ja, den Kriegswimpel, also ist es ein ausländisches Schiff.«

In diesem Augenblicke kam die Fregatte hinter der Mole hervorgedampft, am Heck flatterte das Sternenbanner der Vereinigten Staaten.

»Alle Hagel,« rief der Steuermann erstaunt, »ein Nordamerikaner kommt in einen nordamerikanischen Hafen und zeigt den Kriegswimpel! Was soll das bedeuten?«

»Alle Hagel,« rief der Steuermann, »ein Nordamerikaner – und zeigt den Kriegswimpel!«

»Ich erkenne sie jetzt,« ließ sich der Ingenieur vernehmen, der das Fernglas zu Hilfe genommen hatte, »es ist die Kreuzerfregatte ›Swift‹, unter dem Kommando des Kapitäns Staunton.«

»Wahrhaftig, Sie haben recht. Aber was will sie denn nur hier mit dem Kriegswimpel?«

Die Fregatte sollte diese Frage bald beantworten.

Langsam fuhr das majestätische Schiff in den Hafen, bog dann aber scharf nach rechts ab, legte sich mit der Querseite von der Stadt ab und ließ sofort, als diese Lage erreicht war, die Anker fallen.

Der lange Kriegswimpel flatterte vom mittelsten Mast, die mit Kanonen gespickte Breitseite schaute direkt auf Matagorda.

Die beiden Männer sahen einander an.

»Merken Sie etwas?« fragte Nagel.

Der Ingenieur nickte nur ernsthaft.

Auf der ›Swift‹ wurde ein Boot ausgesetzt, der Kapitän und zwei andere Offiziere nahmen darin Platz und wurden ans Land gerudert.

»Jetzt gibt es auf dem Stadthaus eine Auseinandersetzung,« meinte der Ingenieur.

»Ja, und der Kriegswimpel auf der ›Swift‹ sagt ein deutliches: Entweder – oder, meine Herren.«

»Sie meinen doch nicht, daß etwa ...?« rief Anders erschrocken.

»Daß etwa eine Blockade stattfinden kann?« ergänzte Nagel. »Ja, das glaube ich. Ich kalkuliere, wir können vielleicht noch die Kanonen des ›Swift‹ zu hören bekommen, und mit Pfefferkuchen werden die Yankees wohl nicht schießen.«

»Dann wäre alles außerordentlich schnell vor sich gegangen.«

»Und ich möchte, meine Leute wären erst wieder an Bord,« fügte Nagel seufzend hinzu, »trau' der Teufel den heißblütigen Spaniolen und den schlagfertigen Yankees!«

Ein kleiner Dampfer kam in den Hafen, und einige Minuten später lief die Nachricht durch ganz Matagorda, von Mund zu Mund, von Schiff zu Schiff, draußen vor dem Leuchtturm kreuzten vier mächtige Panzerkolosse, schwimmende Festungen, am Heck das Sternenbanner, am Mast den Kriegswimpel. Innerhalb vierundzwanzig Stunden konnte die ganze Küste blockiert sein.


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