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Die Geschichte von Nurdschehan und Damake oder Die vier Talismane

Als Abu-ali Nabul, Kaiser der Mogolen, seines hohen Alters gedachte, sah er leicht ein, daß er sich nicht mehr lange des Lebens zu erfreuen habe, und ließ daher seinen einzigen und heißgeliebten Sohn Nurdschehan kommen und sprach also zu ihm:

›O Nurdschehan, ich trete dir meinen Thron ab und will Befehl geben, daß man mir den Todestrank mischen soll; daher mußt du bald meinen Platz einnehmen. Vergiß niemals, den Armen wie den Reichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; begnüge dich damit, ein blühendes Königreich zu besitzen, und trachte nie nach den Staaten eines andern Fürsten; lasse jedem, was ihm seine Ahnen gelassen haben; mit einem Worte: denke immer daran, daß du einst sterben mußt und daß Güte und Gerechtigkeit die schönsten Eigenschaften eines Königs sind!‹ Nachdem er solche Worte gesprochen hatte, stieg er, ohne sich durch Nurdschehans Tränen rühren zu lassen, vom Throne herab und ließ ihn seinen Sohn einnehmen; und zog sich in ein behagliches Gemach zurück, in dem er seine schönsten Tage verbracht hatte, nahm den verhängnisvollen Trank und erwartete mit größter Ruhe den Augenblick, der seine schöne und weiße Seele, die von keinen Gewissensbissen gequält wurde, zum Himmel führen mußte.

Als Nurdschehan seinem guten Vater alle Ehren erwiesen hatte, zu welchen Natur und Dankbarkeit ihn bestimmen konnten, beschäftigte er sich sorgfältig damit, nun die letzten Ratschläge zu befolgen, die er erhalten hatte. Sein Herz aber war gut und sein Gemüt gerecht. Doch wenn alle Menschen der Erfahrung bedürfen, um sich entfalten zu können, wie sehr haben sie die nötig, die zur Herrschaft auserwählt sind? Nurdschehan war von dieser wichtigen Wahrheit tief durchdrungen und neigte gar nicht zum Dünkel, der Fürsten nur zu sehr gemeinsam ist.

Eines Tages unterhielt er sich mit seinen Hofleuten über die Herrschaft der Könige und lobte die, so die Gerechtigkeit am meisten geliebt hatten. Sulaiman wurde als der gerechteste hingestellt. ›Dieses Beispiel läßt sich nicht anführen‹, antwortete Nurdschehan. ›Sulaiman war Prophet und konnte den Übeln, die er voraussah, Heilung verschaffen; ein gewöhnlicher Mensch jedoch kann sich nur seines guten Willens bedienen, um seine Schwächen wieder gutzumachen; und ich trage euch nicht nur auf, mich ohne Schmeichelei an meine Pflichten zu erinnern, sondern auch durch euren Rat meinen Fehlern vorzubeugen oder sie wieder auszuwetzen. Wenn ein König die Tugend liebt, werden bald alle seine Untertanen tugendhaft sein!‹ Kaum hatte Nurdschehan ausgesprochen, als sich Aburazi erhob und sprach: ›O großer Fürst, wenn du wünschest, daß der Gerechtigkeit in deinen Staaten vollkommen genuggetan wird, mußt du einen uneigennützigen Wesir auswählen, der nur deinen Ruhm und das Wohl des Staates im Auge hat. Und die Befriedigung, Gutes zu tun, muß ihm die Belohnung ersetzen!‹

›Du sprichst sehr wohl, o Aburazi,‹ entgegnete Nurdschehan, ›aber es ist schwer, solch einen Mann zu finden!‹

›Du hast, o Herr,‹ sagte der Höfling dawider, ›unter deinen Untertanen einen, der in seiner Mäßigung und Weisheit unter der Herrschaft deines erlauchten Vaters auf seine Ämter verzichtete; und deine Erhabenheit weiß vielleicht nicht, was sich ihm in der Stadt Schiras ereignete!‹ Als der König ihn beauftragt hatte, ihn davon zu unterrichten, fuhr Aburazi also fort:

›Imadil Deule‹ oder ›Stütze und Unterhalt der Glückseligkeit‹ hatte während des letzten Krieges, den wir gegen Persien unternahmen, unsere siegreichen Waffen bis nach Schiras geführt; und in einer Anwandlung von Menschlichkeit bewahrte er es vor der Plünderung; indessen forderten seine Krieger eine Belohnung von ihm, die sie für die Beute, die sie hätten machen können, entschädigte, und setzten ihm so zu, daß er genötigt wurde, sie ihnen zuzugestehen, obwohl er nicht wußte, woher er sie nehmen sollte. Als er nun eines Tages, mit solchen Gedanken beschäftigt, in seinem Palaste war, bemerkte er ein Loch, durch welches eine Schlange herein und hinaus kroch; er rief die Eunuchen seines Harems und sprach zu ihnen: ›Erweitert dieses Loch und greift eine Schlange, die ich eben dort hineinschlüpfen sah.‹ Die Eunuchen aber gehorchten ihm und fanden eine Höhlung, die längs der Wände mit Schränken ausgestattet war und mit Truhen, die eine über die andere aufgestapelt waren. Man öffnete sie und fand, daß sie mit Golddinaren angefüllt und die Schränke voll der köstlichsten Stoffe waren. Imadil Deule dankte Allah für diese Entdeckung und verteilte den Schatz unter seine Krieger. Dann ließ er einen Schneider rufen, der die Stoffe zu Kleidern verarbeiten sollte, mit denen er die verdienstvollen Hauptleute belohnen wollte, die unter seiner Oberaufsicht standen. Man führte ihm den geschicktesten Schneider der Stadt vor, der den letzten Statthalter bedient hatte. Zu ihm sprach Imadil Deule: ›Nicht nur gut bezahlt sollst du werden, wenn du diese Kleider mit Sorgfalt herstellst, sondern ich will dir noch eine Belohnung und Kassonade (welches eine Art Scherbett mit Gerstenzucker ist) geben!‹ Der Schneider war taub auf einem Ohr und verstand, daß er ihm die Bastonade geben lassen wollte, fing an zu weinen und redete sich noch ein, daß man Rechenschaft über die Kleider des alten Statthalters, die er in Verwahrsam hatte, von ihm verlangte; so erklärte er denn, er habe ihrer nur fünf Laden voll, und die, so ihn anklagten, daß er ihrer noch mehr habe, hätten nicht die Wahrheit gesprochen. Imadil Deule konnte sich nicht eines Lachens über die Wirkung enthalten, die die Furcht bei dem armen Schneider hervorgebracht hatte, und ließ sich diese Kleider bringen, die er alle köstlich und neu fand. Sie dienten ihm mit den Stoffen aus den Wandschränken dazu, allen Hauptleuten seines Heeres Kleider zu geben. Ich glaube nun, daß ein so uneigennütziger Mann wahrlich das Vertrauen deiner Erhabenheit verdient!‹ Nachdem Aburazi mit Sprechen aufgehört hatte, sagte Nurdschehan zu ihm:

›Imadil Deule wird nicht mein Wesir werden; ich achte ihn als einen ehrenwerten Mann, doch ist er nicht weise genug; und ich halte ihn nicht für befähigt, meiner Macht Geltung zu verschaffen; er führte das Siegel des Reiches und hat es nicht verstanden, alles für seinen Zug Notwendige vorher zu überschlagen und anzuordnen; mit einem Worte: es fehlte ihm an Geld, und die Krieger haben ihm Befehle gegeben. Was würde ohne den Zufall mit der Schlange, den jeder andere hätte ausnutzen können, geschehen sein? Und der Schneider ist hier nur eine nutzlose Erzählung!‹ Nurdschehan fuhr fort, sich mit seinen Hofleuten zu unterhalten, welche ihm oft zu allgemeine Ratschläge erteilten, die keine Erwähnung verdienen. Doch immer sich der Gerechtigkeit und des Wunsches befleißigend, ein guter Herrscher zu sein, ging er oft zu jeder Tageszeit aus seinem Palaste, um sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen. Es gab da einen alten Töpfer, der nahe bei seinem Palaste wohnte. Nurdschehan war gerührt, ihn tagtäglich mit ehrfurchtsvoller Inbrunst beten zu sehen; er blieb eines Tages vor dem kleinen Hause, das er bewohnte, stehen und sprach zu ihm: ›Erbitte dir von mir, was du dir wünschen magst, ich will es dir gewähren!‹ Der Töpfer sprach zu ihm:

›Befiehl allen deinen Hauptleuten, daß jeder einen Topf von mir kaufen und mir das dafür bezahlen soll, was ich verlange; ich werde diese Bewilligung nicht mißbrauchen, um so mehr, als ich von jedem Käufer verlangen will, daß er den Topf bewahren und ihn für deine Dienste verwenden soll!‹ Nurdschehan gewährte ihm seine Bitte und gab seiner Wache Befehl, über die Ausführung des Kaufes und Verkaufes der Töpfe zu wachen, und dann auch alles, was ihr der Töpfer auftrüge, zu tun. Der aber zog einen bescheidenen Nutzen aus der Gnade, die ihm gewährt worden war, und zufrieden, seine Ware zu verkaufen, forderte er, gar zu glücklich in der Beschäftigung mit seinem Gewerbe, nur ihren wahren Wert, und wartete darauf, daß er sich seinem Herrscher dankbar bezeigen könnte. Nurdschehans Wesir war geizig, aber aus Furcht, seinem Herrn zu mißfallen, verbarg er dieses Laster mit äußerster Sorgfalt. Er ging eines Tages zum Empfang des Kaisers, als ihn der Töpfer um einen Dinar für den Topf bat, den er ihm darbot. Der Wesir verweigerte ihn ihm und sagte, daß er sich beschweren wolle, weil er solch eine Summe für einen Gegenstand fordere, den die kleinste Münze hinreichend bezahle. Als nun der Töpfer sah, daß er seiner Weigerung noch eine Drohung zufügte, antwortete er ihm, daß er tausend Golddinare für seinen Topf haben wolle, weil er einen solchen Ton gegen ihn anschlage, und fügte hinzu, daß er nicht zum Kaiser hineingehen solle, wenn er den Topf nicht um den Hals hinge und ihn selbst auf seinem Rücken zum Empfange des Kaisers bringe, auf daß er über seine Weigerung und die Drohungen, die er gegen ihn ausgestoßen habe, Klage führen könne. Der Wesir machte viele Schwierigkeiten und Einwendungen, um den ebenso ärgerlichen wie demütigenden Bedingungen zu entgehen; aber die Stunde, in der er vor den Kaiser treten mußte, war da, und die Wache wollte ihn nicht hineinlassen, wenn er nicht dem Willen des Töpfers genugtäte, und er wurde so gezwungen, sich zu unterwerfen, tausend Golddinare zu versprechen, den Topf an seinen Hals zu hängen und, was mehr war, den Töpfer auf seinen Rücken zu nehmen; eine Bedingung, von welcher der durchaus nicht zurücktreten wollte. Der Kaiser war überrascht, als er seinen Wesir in einer so lächerlichen Weise ankommen sah, die wenig zu seiner Würde stimmte, und begehrte zu wissen, was vorgefallen war. Als er davon in Kenntnis gesetzt war, gebot er dem Wesire, zur selbigen Stunde die tausend Golddinare zu zahlen; und da er einsah, von welcher Wichtigkeit es für einen Fürsten ist, keinen habsüchtigen Minister zu haben, entsetzte er ihn sofort seines Amtes und wußte dem Töpfer vielen Dank, ihn über eine Sache aufgeklärt zu haben, die er ohne sein Zutun vielleicht noch lange nicht erfahren hätte.

Nurdschehan berief einen Staatsrat, der sich aus den ehrenwertesten Männern seines Reiches zusammensetzte, schrieb weise und kluge Gesetze und besichtigte seine Länder in der Absicht, seine Völker vor einer Gewalt zu schützen, die stets gefährlich ist, wenn die, so sie ausüben, allzu fern vom Herrscher sind. Der mit allen Tugenden begabte Fürst hatte kein anderes Ziel im Auge, als nach seinem Tode die schöne Grabschrift des Perserkönigs zu verdienen, auf dessen Grabe man ganz einfach liest:

Wie schade ist es um Schajehuha.

Nurdschehan reiste durch die Provinzen seines Landes und hatte schon ihren größten Teil besucht und zahllose Verwirrung entknotet, als ihn die Neugierde antrieb, eine Reise zu den Tataren, seinen Nachbarn, zu unternehmen. Da er sich nahe bei ihrem Reiche aufhielt, hatte er Lust, jene Tataren zu sehen und kennenzulernen, die gesitteter als die anderen sind; denn sie haben Städte und feste Wohnsitze; und mehr noch, ihre Frauen leben nicht so abgeschlossen wie die der andern Völker Asiens. Als die Tataren nun die Ankunft des Kaisers von Mogolistan erfahren hatten, kamen sie vor ihn; die einen veranstalteten Pferderennen ihm zu Ehren, andere führten Tänze mit ihren Frauen auf, die, wennschon ein wenig ungezügelt, indessen doch reizvoll, hauptsächlich aber kühn und wild waren. Unter den zahlreichen Frauen Tatariens, die sich vor ihm zeigten, fiel Nurdschehan die Schönheit eines jungen Wesens von fünfzehn Jahren auf, die sich Damake oder ›Herzensfreude‹ nannte. Sie vereinigte Wuchs und Schönheit, geistvolle Züge und Bescheidenheit in sich; Nurdschehan huldigte so vielen Heizen und ließ ihr einen Platz in seinem Harem antragen, doch sie wies ihn ab; er wollte sie durch beträchtliche Geschenke verlocken, seine Anerbietungen aber wurden nicht einmal angehört. Die Liebe verursacht oft den größten Wechsel in der Sinnesart. Unser bis dahin so weiser und maßvoller Fürst wollte sie, durch seine Leidenschaft angetrieben, durch Drohungen dazu zwingen, und ging sogar so weit, zu sagen, er wolle mit einem furchtbaren Heere einfallen, um seine Schöne zu erlangen, da ihre Weigerung wahrlich keine andere Hoffnung für ihn zulasse. Freilich ließ er dieses Aufbrausen Damake nur allein merken. Wenn die Tataren, ein auf seine Freiheit so eifersüchtiges Volk, die geringste Kenntnis davon erhalten hätten, wäre damals der Krieg erklärt worden; aber Damake antwortete ihm immer mit größter Liebenswürdigkeit, ohne Furcht zu zeigen und ohne die Ehrfurcht außer acht zu lassen, die sie einem Herrscher schuldig war; und in dem einfachen und bestimmten Tone, der wahrheitsliebenden und mutigen Menschen eigentümlich ist, erzählte sie ihm diese kleine Geschichte:

›Einer der vornehmsten Lamas,‹ sprach sie zu ihm, ›die, wie du weißt, die oberste Macht in unserem Lande haben, verliebte sich an diesem selben Orte in eine Tochter des Stammes, dem auch ich angehöre. Sie schlug ihm nicht nur alles ab, was er ihr anbieten ließ, sondern weigerte sich auch noch, den Vorschlag, sie heiraten zu wollen – so blind war er in seiner Leidenschaft –, in Betracht zu ziehen. Ihre Liebe zu einem Lautenspieler, der gar nicht einmal allzu wohlgebildet war, war die einzige Ursache ihrer Weigerung; solches gestand sie dem Lama in der Hoffnung, daß er das Unwürdige seiner Zuneigung einsehen würde. Aber der Fürst, denn als solche werden sie angesehen, ließ, außer sich vor Schmerz, seinen unwürdigen Nebenbuhler umbringen, und unter dem Vorwande, daß sie dem Dalai-Lama gefiele, machte er sich kein Gewissen daraus, sie selbst zu entführen. Und du mußt wissen, o Gebieter, daß hier im Lande schon allein vor dem Namen dieses Mannes, den man wie einen Gott verehrt, alles zittert; doch hatte der Lama keinen großen Nutzen von seiner Grausamkeit und Ungerechtigkeit; denn nachdem sie ihm dann versprochen hatte, sich seinen verliebten Nachstellungen zu ergeben, erhielt sie ein wenig mehr Freiheit; da stürzte sie sich nun von der Höhe eines Felsens herab, den man von hier erblickt und noch heute im Lande als Denkmal der Beständigkeit und Entschlossenheit zeigt, derer die Tatarentöchter fähig sind! Nicht weil ich ähnlich voreingenommen bin,‹ fuhr Damake fort, ›weigere ich mich, dem Anerbieten deiner Erhabenheit Folge zu leisten; mein Herz ist frei bis auf diesen Tag, lerne es ganz kennen, o Gebieter, bis auf seinen tiefsten Grund. Es ist treu und verdient vielleicht die Güte, mit der du mich zu beehren würdigst; jedoch haben dich nur meine nichtigen äußeren Reize bestochen; aber ein Weib, das gar keine anderen Verdienste aufzuweisen hat, ist meiner Ansicht nach recht wenig wert.‹

›Vielleicht‹, sprach Nurdschehan darauf, ›ist die Verschiedenheit der Religionen meinem Glücke im Wege!‹

›Nein, o Herr, ich bin Mohammedanerin‹, erwiderte Damake; ›glaubst du, daß ich meinem Verstande die Begriffe aufzwingen könnte, die man uns von dem Dalai-Lama gibt? Kann man glauben, daß ein Mensch unsterblich sei? Die Kunstgriffe, derer man sich bedient, um uns solches einzureden, sind zu plump; mit einem Worte, sie sind zu durchsichtig, als daß ich zwischen den von Priestern genährten Grundgedanken schwanken könnte und denen, welche die Göttlichkeit des durch seinen großen Freund verkündigten Gottes geben kann und muß. Im übrigen‹, sprach sie weiter, ›kenne ich auch die Gefahr, die mir mit deiner Zuneigung droht. Die Zeit läßt die Nachtigall, den liebenswürdigsten der Vögel, klagen, und läßt die Rose, diese anmutige Blume, sich inmitten der Dornen entfalten, läßt den Mond nächtens leuchten und sein Licht bleich werden, wenn der Tag heraufsteigt; die Nacht läßt die Sonne, die Königin, des Mondes, unsichtbar werden, und nachdem das Schicksal einen Menschen bis zum Königtum erhoben hat, erniedrigt es ihn bis zur Armut. Trotz aller dieser Erwägungen – ich will es nur gestehen, o Gebieter – schmeichelt es mir, einem Manne zu gefallen, dessen Tugend ich höher achte denn seine Stellung; jedoch möchte ich ihm durch andere Eigenschaften gefallen und wünschte seiner durch so bedeutende Dienste wert zu sein, daß eine so ungleiche Heirat, anstatt ihn Vorwürfen auszusetzen, nur dazu diente, seine Wahl billigen zu lassen. Urteile, o Gebieter,‹ fuhr sie fort, ›ob man sich nach einem so überzeugenden Beispiele, wie ich dir verkündet habe – und das ich lobe –, und dem Unwillen, den eine solche Wahl erregen muß, zum Trotz, sich durch Anerbieten bestechen oder durch Gewalt unterwerfen lassen kann!‹ Nurdschehan war entzückt, soviel Geist und Gefühl in einem Wesen zu finden, das eine reizvolle Gestalt liebenswert machte, und bewunderte seine Tugend, gab ihm sein königliches Wort, es, niemals zu zwingen, und wollte sich nicht mehr von ihm trennen. Und er schickte der schönen Damake, die ihm mit ihrer ganzen Verwandtschaft folgte, Sklaven und Kamele. Niemals würde sie diesen Schritt unternommen haben, wenn sie genötigt gewesen wäre, ihre Eltern zu verlassen, an denen sie hing und deren Gegenwart verhüten konnte, daß sich das Geringste gegen ihren Ruf sagen ließ. Der König aber sah sie alle Tage und konnte keinen Augenblick verbringen ohne den Wunsch, sie zu sehen, und ohne sie sehend zu bewundern. Indessen drang das Gerede des Volkes und des Hofes Damake zu Ohren; und sie wußte, daß man ihr bitter unrecht tat. Um diesem Übelstande abzuhelfen, beschloß sie, solche Reden zunichte zu machen und die Gemüter für sich einzunehmen. Zu dem Zwecke beschwor sie Nurdschehan, die Weisen seines Königreiches zusammenzurufen, auf daß sie ihnen auf ihre Fragen antworten und ihrerseits selbst vielleicht einige an sie stellen könnte. Nurdschehan fürchtete, daß ein so junges Wesen wie Damake sich sehr leicht der Gefahr aussetzen und mit Schimpf aus einem solchen Wettstreite hervorgehen könnte, und machte lebhafte Einwände, um ihr diese Bitte nicht gewähren zu müssen; denn die Eigenliebe, die man für ein geliebtes Wesen fühlt, ist unstreitig stärker als die, die man für sich selbst hegt; alle Vorstellungen aber waren vergeblich. Die Weisen – zwölf an der Zahl – versammelten sich, und bei dem Empfange, welchen ihnen der König gewährte, saß er mit Staatsgewändern angetan auf dem erhöhten Throne; Damake saß viel tiefer und ihm gegenüber auf Polstern und war in höchster Einfachheit gekleidet und gekämmt, strahlte aber in allen Reizen ihrer Jugend und allen Geschenken der Natur. Zwölf Weise nun umgaben sie, die ihr Alter und ihre langen Bärte verehrungswürdig machten, und stützten sich auf einen großen Tisch, um den sie mit ihr saßen. Die Weisen wußten nicht, zu welchem Zwecke Nurdschehan sie versammelt hatte, und waren sehr erstaunt, als er ihnen Damakes Vorhaben eröffnete; und sie betrachteten die Gegnerin, die man ihnen gestellt hatte, und gedachten nicht zu sprechen, da sie glaubten, der König wolle sie ohne Grund verspotten. Nurdschehan aber sprach zu ihnen: ›Ich fühle, was ihr denkt; doch ich habe mein königliches Wort gegeben, und seine Einlösung steht bei euch. Richtet ohne Schonung die schwersten Fragen an diese Schöne, die sich verpflichtet, die Schwierigkeiten zu überwinden, so eure große Klugheit vor ihr aufzutürmen vermag.‹ Nunmehr nahm einer der Weisen das Wort, indem er sprach:

›Wer ist der, dessen Brust schmal ist und der gleichwohl zum Vergnügen der Welt dient; dessen Haupt mit Feuer, dessen Bauch mit Wasser angefüllt ist und über dessen Rücken die Luft streicht?‹

Damake antwortete, ohne zu zaudern: ›Es ist das Bad!‹ Der Weise war ebenso verwirrt wie Nurdschehan freudig bewegt.

Der zweite Weise aber fragte sie: ›Welches Ding ist das, was die Farbe dessen annimmt, der es betrachtet, ohne das der Mensch nicht leben kann und das weder Körper noch Farbe hat?‹

›Das Wasser ist es‹, antwortete Damake dawider.

Darauf sprach der dritte Weise zu ihr: ›Kannst du, o Wunder der Weisheit und Schönheit, mir sagen, welches Ding das ist, was weder Tor noch Grund hat und innen gelb und weiß ist?‹

›Das ist das Ei‹, antwortete die schöne Sonne der Glückseligkeit.

Nachdem der vierte Weise etwas nachgedacht hatte, in der Hoffnung, seine Mitbrüder überbieten zu können, denn die Weisen von Mogolistan haben von jeher sehr viel Eigenliebe, sprach er zu ihr: ›Es gibt im Garten einen Baum, dieser Baum hat zwölf Zweige, über jedem Zweige stehen dreißig Blätter und unter jedem Blatte fünf Früchte; drei von ihnen sind im Schatten, zwei in der Sonne: wie heißt dieser Baum? Wo befindet er sich?‹

›Dieser Baum‹, erwiderte Damake, ›stellt das Jahr dar; die zwölf Zweige sind die Monate, die dreißig Blätter die Tage, die fünf Früchte jedoch die fünf Gebetzeiten, deren zwei am Tage, drei des Nachts sind!‹

Der Weise stand verwirrt da, und die Hofleute, deren Meinung oft ein Nichts umstimmt, begannen sich innerlich von dem zu überzeugen, was sie anfangs zu bewundern geheuchelt hatten.

Die andern Weisen aber, die noch nicht gesprochen hatten, wollten sich darauf von neuem entschuldigen und ihr Schweigen zugunsten des Lobes gelten lassen, das sie dem scharfen Verstände derer zollten, welche die beschämt hatte, die ihnen vorausgegangen waren. Auf Damakes Bitten jedoch befahl ihnen Nurdschehan, die Prüfung fortzusetzen. Einer von ihnen fragte, welches Ding schwerer wäre als ein Gebirge, ein anderer, was tiefer schnitte als ein Säbel; und der dritte, was schneller flöge denn ein Pfeil. Damake antwortete mit immer gleicher Geistesgegenwart: das erste sei die Zunge eines Menschen, welcher klagt; das zweite: die Schmähsucht; und das dritte: der Blick. Es waren nun noch vier Weise da, die ihre schweren Fragen noch nicht gestellt hatten. Nurdschehan fürchtete, daß am Ende Damakes Geist versiegen und sie den Euhm so vieler schöner Antworten verlieren könnte. Indessen schien dieser schöne Mond der Welt weder ermüdet noch auf das stolz zu sein, das der Eitelkeit der größten Zahl der Menschen genuggetan hätte. Aber die Eigenliebe ist den Wünschen dessen, so man liebt, untertan. Nurdschehan, den die vorhergehenden Erfolge noch keineswegs sicher machten, war voller Aufregung und Unruhe und forderte sie durch ein Nicken mit dem Kopfe, dem sie nicht zu widerstehen wagten, zum Weitersprechen auf.

Der erste fragte sie, was für ein Tier das wäre, das die Welt flöhe und sieben verschiedene Tiere in sich vereinige und in unbewohnten Landstrichen hause.

Der zweite wollte wissen, was das ist, dessen Kleid mit spitzen Messern bewaffnet ist und das ein schwarzes Kamisol und ein gelbes Leibchen trägt, dessen Mutter länger als hundert Jahre lebt, und das jedermann liebt.

Der dritte bat sie, ihm den zu nennen, der nur ein Bein, ein Loch im Kopfe und einen Ledergürtel hat, der den Kopf erhebt und sich selbst quält, wenn man ihm die Haare ausreißt und ihm ins Gesicht speit; und der vierte fügte folgende Frage hinzu:

›Wer ist die Frau von über hundert Jahren, die alle Jahre mehr denn tausend Töchter gebiert; die doch nicht verheiratet ist und Gift speit, wenn sie den Mund öffnet, während ihren Töchtern Honig von den Lippen träufelt.‹

Damake aber antwortete dem ersten, daß die Heuschrecke sieben Tiere in sich vereinige: dieweil sie einen Pferdekopf, einen Rinderhals, Adlerflügel, Kamelbeine, den Schwanz einer Schlange, Hirschhörner und den Bauch eines Skorpions habe.

Die Schöne hatte etwas mehr Mühe, die Frage des zweiten zu beantworten; es gab sogar einen Augenblick, in dem die ganze Versammlung sie schon für besiegt hielt. Diese Meinung, die sie aus den Augen aller, die sie betrachteten, las, ließ sie erröten; dadurch wurde sie nur noch schöner, und Nurdschehan war fröhlich, als er den Weisen, der die Frage vorgelegt hatte, dem zustimmen sah, was sie mit ihrer gewöhnlichen Richtigkeit geantwortet hatte, indem sie sagte, daß es die Kastanie sei.

Dem dritten entgegnete sie ohne weitere Überlegung: es wäre der Rocken; und es dauerte nicht lange, bis sie dem vierten versicherte, die Lösung seines Rätsels sei der Feigenbaum.

So viele Kenntnisse, so viel Geistesgegenwart, verbunden mit so viel natürlicher Anmut, erzeugten eine solch große Verwirrung in den Gemütern, daß jedermann trotz der Ehrfurcht, die Nurdschehans Anwesenheit einflößen mußte, Freude und Bewunderung äußerte und vergnügt war, Zeuge eines so einzigartigen Auftrittes gewesen zu sein. Nun machte Damake ein Zeichen, daß sie ihrerseits jetzt auch sprechen wollte. Man gab Ruhe, und sie bat die Weisen, ihr sagen zu wollen, was süßer denn Honig sei. Die einen antworteten, das wäre die Befriedigung ihrer Wünsche, die andern das Gefühl der Dankbarkeit; wieder andere rieten auf das Vergnügen, Dienste erweisen zu können. Als Damake ihnen Zeit genug zur Antwort gelassen hatte, lobte sie alles, was sie anweisen und guten Gedanken ausgesprochen hatten, und endigte mit der Frage: ob sie sich täusche, wenn sie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde für das allersüßeste auf der Welt erklärte ?

Eine für eine Frau, die immer ihrer Pflichten eingedenk erscheinen muß, so bezeichnende Antwort und eine dabei auch so bescheiden ausgesprochene Auflösung gewannen ihr vollends alle Herzen. Aber Damake hatte keine andern Absichten bei dieser Gelegenheit, als die Gemüter für sich einzunehmen und die Guttaten zu rechtfertigen, mit denen Nurdschehan sie ehrte; und sie wollte einen Vorgang, den sie nicht zu wiederholen gedachte, zu seinem Höhepunkte führen. Sie ließ sich daher ein Saitenspiel bringen und sang und spielte nach den Weisen der Musik, die man Neva und Irak nennt, und beschloß ihren Gesang in der so bekannten Tonart von Zeaghiule, die zur großen Weise Khuscini gehört, mit dem folgenden Liede, das sie mit aller denkbaren Anmut begleitete:

Ich bin nicht müde, den, den ich liebe, zu sehn;

Wenn man mich von ihm trennte, würde ich sterben vor Schmerz.

Mein Herz, mein Leib sind in Liebe zu ihm entbrannt und würden im Feuer der Trennung zunichte.

Immerdar steht er vor meinen Augen, und immerdar ist sein Name auf meinen Lippen;

Ich kann nicht leben ohne ihn; seine Liebe, sein Kummer sind der Quell und der Inhalt meines Trostes.

Im Übermaße der Freude, die der wiederholte Erfolg eines geliebten Wesens hervorrufen kann, beurlaubte Nurdschehan, so schnell es ihm nur möglich war, die Versammlung, was freilich nicht ohne große Geschenke an die Weisen vor sich ging. Und als sich alle Welt zurückgezogen hatte, fiel er Damake zu Füßen und sprach zu ihr: ›Du bist die Fackel meines Herzens und das Leben meiner Seele, schiebe mein Glück nicht länger auf!‹ Die Schönheit des Lichts antwortete ihm, daß sie seiner noch nicht würdig sei. ›Was willst du mehr?‹ rief der verliebte Fürst aus. ›Du hast meinen ganzen Hof entzückt, du hast die Gelehrsamkeit unserer berühmtesten Männer der Weisheit und Wissenschaft zuschanden gemacht. Die Richtigkeit deiner Antworten, die Milde deiner Fragen, die Bescheidenheit, mit der du den Vorteil eines so großen Tages errungen hast, haben sie niedergeschmettert; doch nicht zufrieden, soviel Scharfsinn zu zeigen, wie viele Talente hast du nicht entfaltet, indem du spieltest? Welchen Gefallen hast du nicht durch dein Lied bereitet? Wer hat jemals, wie Damake, so viel Verdienst und Schönheit in sich vereint? Doch ich sehe ein, du liebst mich nicht,‹ sprach der Fürst leise zu ihr, ›da du dich weigerst, dich an mein Schicksal zu fesseln; ohne Zweifel hast du eine Abneigung gegen mich!‹

›Wahrlich, o Gebieter,‹ sprach die Schönste aller Schönen, ›solchen Vorwurf verdiene ich nicht; du sollst dich davon überzeugen. Das größte Vergnügen und die größte Genugtuung, die ich an diesem Tage gehabt habe, den du in deiner Voreingenommenheit für mich so glänzend findest, bestand darin, daß ich angesichts deines ganzen Hofes und in einer geziemenden Weise die Gefühle, die mein Herz für dich bewegen, in dem Liede des berühmten Enneveri ausdrücken konnte!‹

›Was zögerst du dann, mich zum glücklichsten Menschen der Erde zu machen!‹ rief Nurdschehan voller Glut. ›Du liebst mich, und ich bete dich an. Wessen bedarf es mehr? Mein Verlangen nach dir ist ein uferloser Ozean geworden!‹

›Ich will dich, o Herr,‹ antwortete sie, ›durch schätzbarere Fähigkeiten, als die in der Musik, verdienen und durch ersprießlicheren Verstand als den, von dem deine Weisen so große Stücke halten und der nur ein mehr blendender als wesentlicher Scharfsinn ist. Und ich will mich in deinem Herzen auf einem festeren Grunde als dem der Schönheit und dem der oberflächlichen Fähigkeiten niederlassen, die du in deiner Güte beklatschtest; und ich möchte endlich, daß die Liebe in dir nur eine Staffel sei, um zu der Achtung und Freundschaft zu gelangen, die ich zu verdienen hoffe; zwinge diese Gnade deiner Ungeduld ab, es kostet mich vielleicht mehr, sie von dir zu erbitten, als deiner Erhabenheit, sie mir zu gewähren: laß mich doch noch einige Zeit im Schatten deiner Glückseligkeit leben!‹ ›Ich vermag nur dich zu lieben und dir zu gehorchen‹, entgegnete ihr Nurdschehan; ›aber wenigstens‹, fügte er hinzu, ›erlaube mir, dir einen glänzenden Beweis der Gerechtigkeit zu geben, die ich deinem Geiste widerfahren lasse: nimm am Diwan teil, leite alle Angelegenheiten und gib mir deinen Rat; ich kann nicht weiser noch einsichtsvoller handeln!‹ ›Der Diamant rühmte sich,‹ antwortete ihm Damake dawider, ›daß es keinen Stein gäbe, der ihm an Stärke und Härte gliche; Allah, der die Hoffart nicht liebt, verwandelte seine Beschaffenheit gegenüber dem Blei, dem er die Kraft verlieh, ihn zu zerschneiden. Ohne Rücksicht auf den Hochmut, dessen ich mich schuldig machen würde, wenn ich dein verbindliches Anerbieten annähme,‹ fuhr die schöne Rose der Schönheit fort, ›möge es Allah nicht gefallen, daß ich meinem höchsten Gebieter das Unrecht antue, durch meine Aufführung die Vorwürfe gutzuheißen, die er sich zuziehen würde; und es würde begründet sein, wenn man sagte, er wird von einer Frau beherrscht. Ich gebe zu, daß deine Erhabenheit einen Wesir nötig hat; du kannst nicht alles selbst tun, und ich glaube einen Nurdschehans würdigen angeben zu können!‹ ›Nenne ihn mir,‹ antwortete er ihr, ›und auf der Stelle gebe ich ihm das Amt!‹ ›Deine Erhabenheit muß ihn kennenlernen, ehe du ihn annimmst,‹ erwiderte die schöne Damake, ›du wirst, glaube ich, in dem, den ich dir vorschlage, alle Tugenden und Fähigkeiten finden, die ein Mann, der solch ein wichtiges Amt bekleiden soll, haben muß. Er hat sich in die Stadt Balk zurückgezogen und heißt Diafer. Das Wesiramt eines der mächtigsten Königreiche Indiens hatte sich seit mehr denn tausend Jahren in seinem Geschlechte fortgeerbt, urteile, o Herr, welch bewunderungswürdige Kenntnisse des Herrschens er besitzen muß. Indessen hat ihn ein Fürst, der blind war durch die schlechten Ratschläge seiner Günstlinge, abgesetzt, und er verbringt seine Tage in Balk, die glücklich sein würden, wenn er nicht an Arbeit und große Pläne gewöhnt wäre, welches gewißlich nichts ersetzen kann!‹ Nurdschehan antwortete alsobald: ›Diafer ist mein Wesir; kann Damake sich täuschen?‹ Auf der Stelle schrieb er an den Statthalter von Balk und übersandte ihm tausend Golddinare, die er Diafer als Kosten für seine Reise einhändigen sollte; und er gab demselben Boten ein Schreiben mit, in dem er Diafer inständig bat, das Amt, das er ihm anbot, anzunehmen. Diafer nun machte sich auf den Weg und wurde in allen Städten prächtig aufgenommen, auch schickte ihm der König alle seine Hofleute entgegen, um ihn nach dem Palaste zu geleiten, den er im Königreiche Visapur für ihn bestimmt hatte, allwo er sich damals befand. Und Diafer wurde dort drei Tage lang mit unerhörter Pracht gefeiert; nach diesen führte man ihn zum Morgenempfange des Fürsten. Es schien ein Höhepunkt der Freude für den zu sein, einen Mann zu erhalten, den Damake so hoch schätzte; aber die Freude war nicht von langer Dauer. Denn der von Natur so sanfte und zu seinen Gunsten eingenommene Fürst geriet in einen entsetzlichen Zorn, sowie er seiner ansichtig wurde. ›Gehe sofort hinaus‹, sagte er zu ihm, ›und erscheine niemals wieder vor mir!‹ Diafer gehorchte und zog sich verwirrt und schmerzbewegt und überrascht ob eines solchen Empfanges zurück; und kam wieder in sein Gemach, ohne den Grund für den Zorn des Königs ahnen zu können; der aber hielt seinen Rat in den Geschäften seines Königreiches und arbeitete, ohne sich etwas von dem merken zu lassen, was mit dem vorgefallen war, den er zu seinem Wesire bestimmt hatte. Er begab sich dann zu Damake, die schon von dem Ereignisse, das den Hof beschäftigte, gehört hatte und nicht daran zweifelte, daß irgendeine Verwirrung in dem Gemüte dessen stattgefunden hatte, mit dem sie so vollkommen verbunden war. Der Schmerz, den dieser Gedanke ihr verursachte, hatte sie in eine große Niedergeschlagenheit gebracht, die ihr den Gebrauch der Sprache raubte. Indessen legte sie sich Zwang an; nach einigen Augenblicken des Schweigens sprach sie zu ihm: ›Wie kann man Diafer, o Herr, so schlecht aufnehmen nach all den Ausgaben, die du gemacht, und allen Mühen, so du dir gegeben hast, ihn an deinen Hof zu ziehen, nach all den Ehren, mit denen du ihn behandeln ließest und du ihn ja selbst überhäuftest?‹ ›Ach, o Damake,‹ rief der König aus, ›ich würde keine Rücksicht auf das genommen haben, was ich für ihn tat, auf den Glanz seiner Familie und auf die Mühseligkeiten, die er erduldet hat, um hierherzukommen, wenn anders du ihn mir nicht empfohlen hättest; und würde ihm im Augenblicke, als er sich vor mir zeigte, den Kopf haben herunterhauen lassen, und bin einzig mit Rücksicht auf dich willens, ihn nur auf immer aus meiner Gegenwart zu verbannen!‹ ›Aber wie konnte er sich denn deine Ungnade zuzuziehen? ‹ fuhr Damake fort. ›Denke doch,‹ erwiderte der König, ›er hatte, als er vor mich trat, das stärkste aller Gifte bei sich!‹ ›Darf ich dich fragen, o Herr,‹ fuhr Damake fort, ›was dir die Gewißheit eines solchen Geschehens gibt; und kannst du nicht an der Redlichkeit dessen zweifeln, der dir solches gemeldet hat?‹ Nurdschehan aber entgegnete ihr: ›Ich weiß es durch mich selbst; du scheinst daran zu zweifeln, doch gestatte ich dir, dich darüber aufzuklären, und du wirst sehen, ob ich mich getäuscht habe!‹ Als Nurdschehan Damake, die weniger besorgt um den Verstand des Kaisers, als darüber aufgeregt war, daß er sich so leicht durch neue Eindrücke konnte bestimmen lassen, zurückgelassen hatte, entbot sie Diafer zu sich, der voll des heftigsten Kummers vor ihr erschien. Sie unterhielt sich einige Zeit mit ihm; und als sie sah, wie tief die schlechte Behandlung, die ihm der König hatte zuteil werden lassen, das Schwert des Grams in sein Herz gestoßen hatte, sagte sie zu ihm, er tue nicht gut daran, sich zu betrüben, Nurdschehans Zorn würde nicht von langer Dauer sein; und er würde den Schimpf, den er ihm angetan, bald wieder gutmachen. Und sie fügte hinzu, daß Fürsten oft Augenblicke hätten, die man ihnen übersehen, ja verzeihen müßte. Da sie sich selbst ein wenig ob seines Kummers erregt hatte, schloß sie ihre Rede an ihn mit solchen Worten: ›Wenn ich dein Vertrauen verdiene und du mir glaubst, daß ich darauf sinnen muß, die Strafe, die du erleidest, wieder rückgängig zu machen, da ich, von deinen Fähigkeiten unterrichtet, ja die unschuldige Ursache deines Kommens bin, wenn ich also etwas bei dir gelte, so sage mir doch bitte, weshalb hattest du Gift bei dir, als man dich vor Nurdschehan führte?‹ Diafer war überrascht ob dieser Frage und antwortete ihr, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte: ›Es ist wahr, daß ich solches bei mir hatte, aber mein Herz war rein, als ich es trug, wie der Morgentau; und ich trage es noch in diesem Augenblicke, wo ich mit dir rede, bei mir!‹ Alsobald zog er einen Ring von seiner Hand und sagte zu ihr: ›‹Die Fassung dieses Ringes enthält eines der stärksten Gifte; er ist ein Stück, das sich seit tausend Jahren in unserm Geschlechte von Vater auf Sohn vererbt; meine Ahnherren haben ihn immer getragen, um sich dem Zorne der Fürsten, denen sie gedient haben, entziehen zu können, falls es das Unglück wollte, daß sie bei der Ausübung des Wesiramtes in Ungnade fielen. Du kannst dir wohl denken,‹ fuhr er fort, ›daß ich es nicht vergaß, diesen Schatz mitzunehmen, als der König, ohne mich zu kennen, mich für dieses Amt ausersah, sintemal ich wohl weiß, wie viele Feinde sich gewöhnlich der Fremde verschafft. Der Schmerz, den mir Nurdschehans grausames Vorgehen verursacht, und die Schande, die er auf mich häufte, haben ihn mir noch wertvoller gemacht, weil ich nicht mehr lange zögern will, ihn zu benutzen!‹ Damake verlangte von ihm, daß er ein so trauriges Vorhaben wenigstens um einige Tage verschöbe, und bat ihn, ihre Nachrichten in seinem Palaste abzuwarten.

Sie machte Nurdschehan sofort von dem Gehörten Mitteilung. Der Fürst ersah aus ihrer Erzählung, daß Diafer keinen schwarzen Plan gehabt hatte und daß die Grausamkeit der Fürsten insgemein solches Mißtrauen nur allzusehr rechtfertigte, bereute, ihn so schlecht aufgenommen zu haben, und versprach Damake anderen Tages, den ihm bereiteten Kummer wieder gutzumachen. Sie billigte dieses Vorhaben; ehe sie ihn jedoch verließ, beschwor sie ihn, ihre Neugierde zu befriedigen, indem er ihr erzähle, wie er das Gift, das Diafer tatsächlich bei sich getragen, habe merken können. Nurdschehan antwortete ihr: ›Niemals würde ich etwas vor der Herrin meines Herzens verbergen: ich trage stets einen Armreif,‹ fuhr er fort, ›den mir mein Vater hinterlassen hat und der seit langem in unserer Familie ist, ohne daß ich den Namen des Weisen kenne, der ihn hergestellt hat, noch weiß, wie er in die Hände meiner Ahnen geraten ist. Er besteht aus einem Stoffe, welcher der Koralle sehr ähnelt, und hat die Eigenschaft, Gift selbst in ziemlicher Entfernung zu entdecken. Und er bewegt sich hastig und zittert, wenn etwas davon in seine Nähe kommt; und als Diafer auf mich zutrat, fehlte wenig daran und mein Armreif wäre zerbrochen, solch eine Stärke und Kraft hatte das Gift, das er bei sich trug. Ich hätte jedem anderen Menschen, der nicht von dir empfohlen war, den Kopf herunterschlagen lassen‹, fuhr er fort; ›und ich war um so überzeugter, daß Diafer gefährliches Gift bei sich trug, als der Armreif in Ruhe kam, sobald er sich aus dem Empfangsgemach entfernt hatte.‹ Nurdschehan zog ihn von seinem Arme und reichte ihn Damake. Sie betrachtete ihn mit sehr viel Aufmerksamkeit und sagte dann: ›Dieser Talisman, o Gebieter, ist wahrlich zweifelsohne bewundernswert, indessen beweist dir dieses Abenteuer, wie sehr sich die Machthaber vor Zufälligkeiten hüten müssen und wie wichtig es ist, daß sie nicht auf den ersten Schein hin urteilen!‹ Damake zog sich zurück, und Nurdschehan ordnete den größten Prunk und die prächtigsten Zurüstungen zu Diafers Empfange an, der am folgenden Tage statthaben sollte. Der Befehl wurde ausgeführt, und Nurdschehan empfing Diafer mit aller möglichen Gnade und sprach ihm sein herzlichstes Bedauern ob des Vorfalls aus. Dann reichte man ihm auf seinen Befehl ein goldenes Schreibzeug und Griffel und Papier. Alsobald schrieb Diafer in den schönsten Buchstaben die erhabensten Aussprüche über die Weise auf, in der ein Wesir sein Amt leiten muß. Nurdschehan aber bewunderte seine Gaben und ließ ihm das Wesirsgewand anlegen und erzählte ihm, um seinen Guttaten die Krone aufzusetzen, das Geheimnis seines Armreifes. Diafer redete dem Fürsten zu, ihn niemals abzulegen; und in der Freude, einen so kostbaren Schatz zu besitzen, fragte er seinen neuen Wesir, ob er glaube, daß man auf der Welt etwas Merkwürdigeres finden könnte. ›O erlauchter Fürst,‹ antwortete ihm Diafer, ›ich habe in der Stadt Diul ein anderes Wunder gesehen, das wahrlich weniger nützlich ist, aber was die Hohe der Kunst und des Wissens angeht, mit der es ein Weiser hergestellt hat, kann man es ihm vergleichen.‹ ›Was ist es,‹ antwortete Nurdschehan, ›es wird mich freuen, wenn ich davon höre!‹ Und Diafer erzählte solcherart:

›Als ich die Befehle deiner Erhabenheit erhalten hatte, mich zu dir zu begeben, brach ich auf und sah mich genötigt, einigen Aufenthalt in Diul zu nehmen, wo ich auf meiner Reise nach Visapur verweilte, allwo ich mit deiner Erhabenheit zusammenzutreffen hoffte. Trotz meiner Ungeduld wurde ich gezwungen, mich mit mehreren Dingen auszurüsten, deren ich für meine Reise bedurfte, und benutzte diese Zeit, um mir die Schönheiten der Stadt anzusehen. Der Statthalter, dessen Reichtum und Überfluß mioh in Erstaunen setzte, kam am Tage meiner Ankunft zu mir und führte mich in seinen Palast; er überhäufte mich mit Ehren und erwies mir während meines Aufenthaltes die ausgesuchtesten Aufmerksamkeiten. Indessen waren sie mit einem gezwungenen Wesen begleitet, das mir seine Redlichkeit verdächtig machte; bei den Zerstreuungen, die er mir bot, wußte er mich zu einer Vergnügungsfahrt auf dem Meere zu begeistern, ich willigte gern ein, und wir stiegen folgenden Tages in ein kleines Schiff, das er zu diesem Zwecke hatte ausrüsten lassen; die Witterung ließ nichts zu wünschen übrig, und unsere Unterhaltung war sehr angenehm. Der Statthalter von Diul saß hoch auf dem Achterdeck und ich ihm zur Seite; ein junger Knabe, schön wie die Sonne, rieb seine Füße; die köstlichsten Weine standen auf einem Tische, den man vor uns gerückt hatte; ihre Kühle und die, welche der Schnee verbreitete, mit dem alle Früchte umgeben waren, trugen zu dem bezaubernden Genüsse bei, zumal auch die schönen Sklavinnen keine Zeit ließen, an noch andere Dinge als ihre Vorzüge, oder vielleicht an die Vollendung zu denken, mit der sie sangen und die verschiedenen Musikgeräte spielten. Unsere Fahrt war also mit allem versehen, was sie köstlich machen mußte; und als ich über einige Dinge nachdachte, um dem Statthalter etwas zu sagen, das ihm angenehm sein konnte, erblickte ich an seinem Finger einen so kostbaren Rubin, daß ich mich nicht zu enthalten vermochte, ihm meine Bewunderung über ihn auszusprechen. Der Statthalter zog den Eing ab und reichte ihn mir; ich besah ihn sorgfältig und gab ihn ihm wieder, doch hatte ich die größte Mühe der Welt, ihn zur Rücknahme zu bewegen. Schließlich gelang es mir; als er aber sah, daß ich mich hartnäckig weigerte, ihn anzunehmen, wurde er so ärgerlich darob, daß er ihn ins Meer warf. Ich bereute nun, ein so vollkommenes Meisterstück der Natur nicht angenommen zu haben, und sprach das auch dem Statthalter aus, der mir sagte, daß es meine Schuld sei. ›Indessen,‹ fuhr er fort, ›wenn du mir versprichst, den Ring anzunehmen, soll es mir nicht schwer werden, ihn wiederzufinden, der wahrlich schön genug war, um dir als Geschenk geboten zu werden.‹ Ich nahm an, daß er einen andern habe, der dem ersten sehr ähnlich sei und den er mir schenken wolle; aber ohne mir etwas zu sagen, befahl er, daß man alsbald das Schiff zum Lande steuere. Hier angekommen, schickte er alsbald einen Sklaven ab, der von seinem Schatzmeister eine kleine Lade holen sollte, die er ihm beschrieb; man warf den Anker und erwartete die Rückkehr des Sklaven. Der führte schnell den empfangenen Auftrag aus; und nachdem der Statthalter einen kleinen goldenen Schlüssel aus seiner Tasche gezogen hatte, öffnete er die Lade, aus der er einen kleinen Fisch aus demselben Metalle und von köstlichster Arbeit nahm; den warf er nun ins Meer. Sogleich tauchte er unter und ließ sich nach einiger Zeit, den Ring in seinem Maule haltend, an der Oberfläche des Wassers sehen. Die Sklaven, die auf dem Schiffe waren, ergriffen ihn mit den Händen und trugen ihn vor den Statthalter, dem er den Ring auslieferte, indem er das Maul öffnete; jeder andere würde ihm den nicht haben entreißen können. Als ihn mir der Statthalter von neuem bot, konnte ich ihn unmöglich zurückweisen, besonders angesichts der Bitten, die er noch verdoppelte. Man legte das Fischchen wieder in sein kleines Behältnis und schickte es dem Schatzmeister zurück.‹

Nachdem Diafer diese Geschichte erzählt hatte, zog er den Ring von seinem Finger und reichte ihn Nurdschehan dar; der fand ihn sehr schön und sprach zu ihm: ›Verschenke niemals etwas, das noch einziger ist durch die Kraft des Talismans, der es in deinen Besitz brachte, als durch seine natürliche Schönheit. Aber‹, fuhr er fort, ›hast du in Erfahrung bringen können, in welcher Zeit, wie und durch wen dieses erstaunliche Meisterwerk der Kunst hergestellt worden ist?‹ ›Ich habe mir alle mögliche Mühe gegeben, es zu erfahren,‹ antwortete ihm Diafer, ›aber sie war unnütz. Betroffen von einem so seltenen Ereignisse, dachte ich nicht mehr an die Freuden der Lustfahrt. Und als der Statthalter mich so gedankenvoll sah, sprach er zu mir: ›Das Leben ist kurz, nutze jeden Augenblick aus und freue dich des Vergnügens. Unsere Seele ist wie ein Vogel, der in den Käfig unseres Körpers eingesperrt ist, sie muß ihn bald verlassen, erfreue dich, solange du es kannst, du weißt nicht, ob du morgen noch lebst!‹ Ich gestand ihm, daß die Neugierde meinen Sinn bewölkte; er antwortete mir aber: ›Ich bin ganz verzweifelt, weil ich dich darüber nicht aufklären kann,‹ brachte jedoch diese Worte mit dem Tone hervor, den man anschlägt, wenn man keine genaue Antwort geben will. ›Denke nur daran, dich zu unterhalten!‹ fuhr er fort. Ich folgte seinem Rate, soweit es mir möglich war, und bin aus Diul aufgebrochen, ohne vom Statthalter über die Sache etwas Genaueres zu erfahren; doch bin ich fest überzeugt, daß dieser Talisman der Quell all der Schätze ist, die er besitzt.

Nurdschehan beendigte Diafers Empfang, indem er ihm seine Gnade versprach, wenn er all seine Sorgfalt auf die Handhabung der Gerechtigkeit verwende; dann eilte er zu Damake, um ihr die Unterhaltung mitzuteilen, die er mit seinem Wesir gepflogen hatte, und erzählte ihr die Geschichte des Fischchens. ›Ich liebe Talismane,‹ sprach der Fürst zu ihr, ›und dieses Fischchen erweckt meine äußerste Neugierde; wenigstens möchte ich doch seinen Schöpfer kennen!‹ Unser schöner Stern des Himmelsbogens versprach ihm, alles aufzubieten, um ihm Genaues darüber zu sagen. Und in der Tat, anderen Tages sprach Damake zu ihm, daß von allen Talismanen, die der berühmte Seidel-Bekir gemacht hätte, nicht mehr als vier übriggeblieben wären: sein Armreif, das Fischchen, von dem Diafer erzählt hatte, und das sie ihm jetzt von seiten des Statthalters von Diul zum Geschenk mache; und sie fügte hinzu, daß der von seinen treuen Untertanen gefangengehalten würde und es ihm schenke, um dafür sein Leben zu gewinnen, das er zu verlieren verdiene, weil er die Waffen gegen ihn erhoben hätte; und als drittes sei noch ein wenig verzierter Dolch vorhanden, den sie ihn anzunehmen bäte. ›Die anderen‹, fuhr sie fort, ›sind verschwunden, denn du weißt, o Herr, daß sie nur für eine bestimmte Zeit Wirkungen erzeugen, oder sind gar durch folgenschwere Ereignisse zerstört!‹ ›Warum‹, nahm Nurdsehehan das Wort, ›hat der Statthalter von Diul Diafer durchaus nicht sagen wollen, daß Seidel-Bekir der Schöpfer dessen war, so er besaß?‹ ›Er wußte es nicht, o Herr,‹ unterbrach ihn Damake, ›vielleicht gab er vor, weil es ihm schimpflich zu sein schien, nichts zu wissen, ihm nichts sagen zu können, wie so viele Menschen, die ihre Unwissenheit in ein geheimnisvolles Schweigen hüllen!‹ ›Aber welche Wirkung besitzt der Talisman, den du mir schenkst?‹ fragte Nurdschehan sie, indem er den Dolch in die Hand nahm. ›Ich will es dir sagen, o Gebieter, wenn ich dir erzählt habe, was ich über das Fischchen in Erfahrung brachte. Es mögen ungefähr dreitausend Jahre her sein, als in diesem Teile Asiens, den wir bewohnen, ein Mann mit Namen Huna erschien; der war so groß, daß er den Beinamen Seidel-Bekir erhielt. Es war dies ein Weiser, der unter allen Fähigkeiten, die ihm eine allgemeine Verehrung einbrachten, die Kunst, Talismane herzustellen, kannte, und dies in so hohem Grade, daß er durch sie Gestirnen und ihren Einflüssen befehligte. Unglücklicherweise sind seine Schriften verlorengegangen; daher kann man heutzutage keine Talismane mehr herstellen, die den seinigen gleichen. Antinmur, König von Hindostan, hatte Mittel und Wege gefunden, eine Freundschaft mit ihm anzuknüpfen. Um sich nun für seine Gefühle und einige kleine Dienste, die er ihm geleistet hatte, erkenntlich zu zeigen, machte ihm Seidel-Bekir das Fischchen zum Geschenk, von dem dir dein Wesir erzählte; und es ist immer in Antinmurs Schatze geblieben, solange sein Geschlecht gelebt hat. Einer der Ahnen des Statthalters von Diul war als Wesir bei dem Letzten dieses Stammes; als aber dessen Familie durch die Empörungen, wodurch Indiens Geschichte des langen und breiten berüchtigt ist, und die kein Mensch alle kennt, ausgelöscht war, bemächtigte sich der Wesir dieser Kostbarkeit, und seine Nachfolger haben sie sorgfältig bis auf den heutigen Tag aufbewahrt. Und nicht nur bringt dieser Talisman seinem Besitzer alles, was man ins Meer hat fallen lassen, zurück, sondern wenn man ihm Dinge sagt, die man von ihm aus diesem Elemente geholt haben will, so sucht er sie auf den Befehl hin mit der größten Genauigkeit!‹ ›So weiß ich nun genug von meinen Talismanen,‹ entgegnete ihr Nurdschehan, ›niemals hat ein Fürst größere Reichtümer besessen, ich darf mich wahrlich König des Meeres nennen. Was schulde ich dir nicht, o Herrin meiner Seele! Aber welche Wirkung mag der erzeugen, den mir die schöne Damake jetzt schenkt?‹ ›O Gebieter,‹ antwortete sie ihm, ›wenn ich dir sage, zu welchem Zwecke er hergestellt wurde, wirst du seine Kraft erkennen.

Man liest in den Empörungsgeschichten Hindostans, daß Antinmur ungerechterweise eine Abgabe von Keiramur eintreiben wollte. Dieser war zu schwach, um der Macht seines Feindes widerstehen zu können, und wußte nicht, woher er sich Hilfe verschaffen sollte; er beschloß, sich an den weisen Seidel-Bekir zu wenden, und schickte seinen Wesir mit köstlichen Geschenken zu ihm; der Weise verweigerte ihre Annahme, wurde aber so gerührt ob der Lage, in die er seinen königlichen Freund versetzt sah, daß er schwur, Antinmur solle mit seinem Unternehmen kein Glück haben. Alsobald fertigte er ebendiesen Dolch an, den ich meinem Gebieter jetzt schenke,‹ unterbrach sich Damake, und gab ihn dem Wesir. ›Sage deinem Herrn von mir,‹ sprach er zu ihm, ›er solle zwanzig der tapfersten Krieger seines Königreichs auswählen und den Dolch ihrem Befehlshaber in die Hand geben. Dieser Dolch hat die Macht,‹ fügte er hinzu, ›wenn man ihn zückt, nicht allein seinen Träger unsichtbar zu machen, sondern auch alle, die er der Kraft des Talismans teilhaftig werden lassen will; sein Wille allein entscheidet darüber! Keiramur‹, fuhr er fort, ›soll zwanzig Leute mit einem Schreiben an Antinmur schicken, in dem er sich weigert, die verlangte Abgabe zu zahlen. Im Übermaße seines Zornes wird dann Antinmur den Gesandten gefangennehmen lassen. Dieweil nun dadurch das Völkerrecht verletzt wird, macht sich der Dolchträger unsichtbar, indem er den Dolch in der Hand hält; und seinen Säbel in die andere nehmend – seine Leute mögen ebenso handeln –, soll er alles tun, wozu ihn seine Kraft bestimmen kann.‹

Der Wesir suchte Keiramur auf, und alle Anordnungen Seidel-Bekirs wurden befolgt. Der Sohn des Königs wurde mit der Oberaufsicht und der Ausführung dieses Unternehmens bedacht. Antinmur wurde zornig beim Lesen des Schreibens, das ihm dargereicht wurde. ›Man soll diesen unverschämten Gesandten gefangennehmen!‹ rief er aus. Da hatte der Königssohn alsogleich seinen Dolch gezogen, nahm den Säbel zur Hand und schlug Antinmur den Kopf herunter; hinterher kamen alle Teilnehmer des Diwans an die Reihe. Und als er dann durch die Stadt stürmte, sah man eine zahllose Menge Köpfe fallen, ohne zu sehen, wer sie abschlug. Nach diesem großen Gemetzel machte der Gesandte sich und seine Leute wieder sichtbar und erklärte dem Volke auf einem öffentlichen Platze, daß es kein anderes Mittel für sie gäbe, dem sicheren Tode zu entgehen, als sich Keiramur zu unterwerfen, was sie dann auch mit Freuden taten. Dieser Dolch‹, fuhr Damake fort, ›wurde lange Zeit im Schatze der Fürsten dieses Landes aufbewahrt; nach und nach hat man sein Verdienst vergessen und die Kenntnis seiner seltenen Eigenschaft verloren; und als deine Erhabenheit einige Aufschlüsse über Talismane gewünscht hat, wußte ich, daß er in Bassorah bei einem kleinen jüdischen Kaufmanne war, der an der Brücke der Stadt alles alte Eisen und gebrauchte Sachen, die man sammelt, verkauft; so ist es mir denn nicht schwer gefallen, ihn in meinen Besitz zu bekommen. Damit habe ich wenigstens das Verdienst, meinem hohen Gebieter einen Talisman schenken zu können, der für mich völlig wertlos ist, während das Geschick der Könige sie zu ähnlichen notwendigen Vorsichtsmaßregeln zwingen könnte.‹ Nurdschehan jauchzte tausendmal über den Ozean ihrer Freigebigkeit und sprach zu ihr: ›O Herrin meines Herzens, bedenkst du auch alles, so du mir gesagt hast? Bedenke, wenn schon alle diese Talismane, die an sich bedeutend, im Vergleich mit dir aber schwach sind, meine Neugier gereizt haben, wie groß ist dann erst die, die du in mir verursachen mußt! Nein, alle Weisen und selbst Seidel-Bekir haben nichts Erstaunlicheres hervorgerufen als du; du wußtest gestern nicht ein einziges Wort von der Geschichte dieser Talismane, heute bist du völlig mit ihr vertraut. Dieser Dolch‹, sagte er, indem er auf ihn hinwies, ›war – es sind noch keine vierundzwanzig Stunden her – in Bassorah; trotz der Entfernung, die uns von dieser Stadt trennt, gibst du ihn mir in diesem Augenblicke; bist du vielleicht Seidel-Bekirs Tochter, oder bist du gar selbst ein Weiser?‹ Damake errötete ob dieser Rede, und Nurdschehan hatte noch nicht ausgesprochen, als sie begann: ›O Gebieter, das beste und vollkommenste Mittel, zu erfahren, was sich ein von uns geliebtes Wesen wünscht, wird wahrlich die Liebe sein; doch ich darf dir nichts verbergen.

Wenige Zeit, nachdem mich meine Mutter zur Welt gebracht hatte, saß sie am Fuße eines Palmbaumes, sich mit mir der Frische des Morgens erfreuend, und dachte an nichts weiter, als durch ihre Küsse meine unschuldigen Liebkosungen zu erwidern, als sie sich mit einem Male von einem Hofstaate umgeben sah, der einer schönen und hoheitsvollen und prächtig gekleideten Königin folgte, die selbst ein Kind auf dem Arme trug. Trotz der Pracht ihres Gefolges und ihres königlichen Gepränges liebkoste sie mich, so klein ich auch noch war. Und nach einigen Augenblicken des Verweilens sagte die Königin zu meiner Mutter: ›Das Kind, das du hier siehst, gehört mir, und es ist notwendig, daß es die Milch einer Sterblichen trinkt; solches ist ein Befehl des großen Gottes, der uns gebietet; und ich habe keine finden können, die bescheidener, weiser und deren Milch reiner ist; mache mir doch die Freude‹, sprach sie zu meiner Mutter, ›und gib meinem Kinde während einiger Augenblicke zu trinken!‹ Die aber erfüllte freudig ihr Begehren, und die Königin sagte, um sich für ihre Erkenntlichkeit gefällig zu zeigen: ›Jedesmal, wenn du einen Kummer oder einen Wunsch hast, komme an einen männlichen Palmbaum, brich ein Blatt von ihm ab, verbrenne es dort und rufe mich; ich bin die Göttin Malikatada und werde dir schnell zur Hilfe eilen; ein Gleiches will ich endlich deiner kleinen Tochter tun, wenn sie in das verständige Alter kommt!‹ Meine Mutter‹, fuhr Damake fort, ›hat die Göttin nur in Sorgen, die meine Erziehung angingen, herbeigewünscht; und ich, o Gebieter, habe mich überhaupt nicht an sie gewandt, ehe ich dich sah, denn mein Herz hatte kein Verlangen. Seit der Zeit aber‹, sagte sie und errötete, ›fürchte ich, ihr beschwerlich zu fallen, so viele Sorgen und Unruhen haben sich meines Herzens bemächtigt; sie ist es, wie du wohl merkst, die mir Diafer nannte, die mir die Antworten sagte, die ich den Weisen gab, die mich über die Talismane belehrt und mir diesen hier zurückgelassen hat. Sie ist es auch noch, die den Statthalter von Diul gefangennahm und dich um sein Leben bitten ließ als Lohn für das Fischchen, das ich dir von ihm gegeben habe; sie selbst hat mir ...‹ ›Fahre doch fort, o schöne Damake,‹ sprach Nurdschehan zärtlich zu ihr, ›kannst du, wenn du mich liebst, irgend etwas vor mir verbergen?‹›Sie hat mir einen Talisman geben wollen,‹ fuhr Damake fort, ›der die Eigenschaft erzeugt, immer von dir geliebt zu werden; aber ich habe ihn ausgeschlagen: gibt es in der Liebe einen anderen Talisman denn das Herz?‹ Nurdschehan wurde mehr und mehr betroffen von so viel Tugenden und so viel Beweisen der Zuneigung und wollte sein Glück nicht länger entbehren. Er ließ auf der Stelle sein ganzes Gefolge versammeln und die Großen seines Königreichs. ›Ich kann mich rühmen,‹ sprach er, ›der glücklichste Fürst der Erde zu sein, und besitze einen Armreif, der mich vor allen Giften bewahrt; alle Schätze des Meeres gehören mir durch einen Fisch, der sie auf meinen Willen im Grunde der Gewässer sucht und ein Geschenk ist, das mir Damake gemacht hat; welche Prinzessin kann eine ähnliche Mitgift aufweisen? Das ist aber noch nicht alles, sie hat mir auch diesen Dolch gegeben, der unsichtbar macht; die Probe, die ich vor euren Augen mit diesem wunderbaren Talismane machen will, wird euch auch von der Kraft des Goldfischchens überzeugen, die euch zu beweisen, zeitraubender und schwieriger sein würde‹; er zog dann seinen Dolch und wurde unsichtbar. Das Erstaunen der Zuschauer hatte sich noch nicht gegeben, als er mit seinen Kriegshauptleuten verschwinden wollte, und fragte dann seine Richter: ›Seht ihr den und den Heerführer, und mit einem Worte alle, die in meinem Heere stehen?‹ ›Nein‹, antworteten sie ihm auf jede Frage. Er machte sich darauf vor den Augen seiner Krieger unsichtbar und verschwand mit den Wesiren und allen Gesetzeskundigen, um sie dadurch völlig zu überzeugen und nicht eifersüchtig zu machen. ›Dankt doch mit mir dem allmächtigen Allah und seinem Propheten,‹ sagte er alsdann zu ihnen, ›weil sie mich zum mächtigsten Fürsten der Welt gemacht haben!‹ Und er verrichtete dann mit einer Innigkeit, die der Güte, die der Himmel über ihn ausgeschüttet hatte, entsprach, ein Dankgebet; alle seine Hofleute aber folgten seinem Beispiele. Als er diese wichtige Schuld eingelöst hatte, sprach er zu ihnen: ›Das größte Laster des Menschenherzens ist unzweifelhaft die Undankbarkeit; Damake verdanke ich gleichfalls große Schätze; ihre einzige Schönheit, ihr Geist und ihre Tugenden verdienen die Dankbarkeit, die ich ihr all mein Leben lang bezeigen will; doch muß Dankbarkeit von Beweisen begleitet sein; ich will mich also an diesem Tage für immer mit ihr verbinden!‹ Der ganze Hofstaat und die Großen begrüßten seine Wahl, und Nurdschehan befahl, daß man Damake holen solle; sie erschien in ihrer Bescheidenheit mit aller Anmut, mit der sie die Natur geziert hatte. Als der Fürst ihr aber in Gegenwart des Großimams die Hand gereicht hatte, fiel Damake ihrem Gatten zu Füßen und sprach zu ihm mit lauter Stimme: ›Als ich dir, o Gebieter, die Talismane des berühmten Seidel-Bekir aufzählte, habe ich dir gesagt, daß ihrer noch vier in der Welt seien; indessen hast du nur drei von ihnen!‹ ›Bin ich nicht reich genug, wenn ich dich habe,‹ antwortete ihr Nurdschehan, ›du darfst dich wahrlich für den vierten ausgeben, denn du wiegst sie alle auf!‹ ›Nein, o Gebieter,‹ sprach Damake dawider, indem sie die Augen niederschlug, ›welcher dir fehlt, ist ein Stahlring, der seinen Besitzer in dem Grunde der Herzen lesen läßt. Andere an meiner Stelle würden diesen Talisman für gefährlich erachten, doch ich sehe ihn für ein Glück an, wenn du dich lange an den Gefühlen, die in mein Herz eingegraben sind, erfreuen wolltest; und wenn ich das Unglück habe, diese anziehende Neugier nicht mehr zu verdienen, wird er dir zum wenigsten zweifelsohne die Sinnesart und Treue deiner Untertanen verkünden.‹

In diesem Augenblicke erschien die Göttin Malikatada mit ihrem ganzen Gefolge und bat den König, in einen Garten zu gehen, der durch ihre und der Genien Macht mit Pracht und erlesenem Geschmack geschmückt war. Sie beehrte die Hochzeit mit ihrer Anwesenheit; Nurdschehan aber lebte glückselig, und solches noch mehr durch die Liebe und Damakes Ratschläge als durch alle Talismane, die er den Glücksgütern hätte zufügen können, deren Besitzer er war. – –«

Als Moradbak mit Erzählen aufgehört hatte, sprach Hudschadsch zu ihr: »Das sind schöne Geschenke; ein Mädchen, das sie als Heiratsgut mitbringt, darf sich einen Mann wählen!« »Damake war so glücklich,« entgegnete ihm Moradbak, »unter dem Schutze einer Göttin zu stehen, die sie befähigte, ihre Gefühle auf eine so unzweideutige Weise darzulegen!«

»Ich würde all diese Talismane nicht so schätzen, wie man es tut«, sagte Hudschadsch; »man muß eine rasende Angst vor Giften haben, um solch einen Armreif zu tragen, und derartige Furcht ist selbst das grausamste Gift. Wenig würde ich für die Reichtümer, die mir das Fischchen verschaffte, empfänglich sein, dieweil ich so leicht erworbene Güter nicht schätze; die Zahl und die Stärke meiner Krieger aber würden mir mehr gelten als der Dolch, und der Ring würde mir nur beweisen, daß kein Mensch etwas taugt. Erzähle mir morgen eine weniger wundersame Geschichte; alle diese Geschehnisse sind schwer zu glauben, und die einfachsten passen besser zu meinem Zustande.« Moradbak gehorchte ihm und erzählte folgenden Tages diese Geschichte:


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