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CIX.

Peregrine geräth in eine Correspondenz, die durch ein unerwartetes Ereigniß unterbrochen wird.

Während man noch über diese Sache verhandelte, sagte Gauntlet unserm Freunde, Emilie befinde sich in der Stadt und habe sich nach ihm mit großer Theilnahme erkundigt; er bäte ihn daher, ihm zu eröffnen, ob er sie von seiner Lage unterrichten dürfe, was bis jetzt noch nicht geschehen sey.

Dieser Beweis von Theilnahme seitens Emiliens brachte eine sehr günstige Wirkung auf Peregrine hervor; seine Brust begann sich in neuen Hoffnungen zu heben, und ob er schon gänzlich Verzicht darauf gethan hatte, die Gewogenheit der Geliebten jemals wieder zu gewinnen, so wollte er doch jetzt um so weniger Verzicht auf ihr Mitleid thun, da sein Unfall der Art war, daß er ohnedem nicht füglich ihrem Wissen entzogen werden konnte. Er bat demnach Geoffry, seiner Schwester in seinem Namen die tiefste Hochachtung eines entsagenden Verehrers zu bezeigen, im Stillen war jedoch, trotz dieser Erklärung, seine Einbildungskraft mit den anmuthigsten Bildern erfüllt. Crabtree's Plan leuchtete ihm jetzt immer mehr und mehr ein und er begann sich dem Gedanken an ein ländliches, stilles Glück in Emiliens Armen, fern von den geräuschvollen Scenen der Welt, hinzugeben. Die kleine Leibrente, die er noch zu kaufen vermögend war, sollte ihn, verbunden mit den Früchten einer nützlichen Thätigkeit, in den Stand setzen, der Geliebten seines Herzens ein zwar nicht glänzendes, aber doch anständiges Loos zu bereiten und in der Freundschaft des Lieutenants, der ihn bereits zu seinem Erben eingesetzt hatte, sah er ein Mittel, seine anwachsende Familie einst versorgen zu können.

So angenehm ihm indeß diese Gedanken waren, mit denen er sich jetzt oft in einsamen Stunden trug, so sah er jedoch bald ein, daß dies nichts als ein Spiel seiner Einbildungskraft war, und zwar nicht etwa darum, weil er daran hätte verzweifeln müssen, daß ein Mann in seinen Verhältnissen ein solches Glück erreichen könne, sondern weil er fühlte, daß er es nie über sich würde zu gewinnen vermögen, jetzt Vorschläge zu thun, die in irgend einer Hinsicht Emiliens Interesse nachtheilig seyn oder ihm vielleicht eine abschlägige Antwort von ihr, die seine Bewerbungen verschmäht hatte, als er noch auf dem Gipfel des Glücks stand, zuziehen konnten. Während er sich aber noch mit jenen anmuthigen Träumen ergötzte, vernahm er, daß der Oheim von Gauntlet und dessen Schwester an der Krankheit gestorben sey, an welcher er schon lange gelitten hatte, und daß er in seinem Testamente dem Hauptmann fünftausend und dessen Schwester zehntausend Pfund ausgesetzt habe.

Jetzt glaubte Peregrine die Scheidewand zwischen Emilie und sich größer als jemals, und beschloß, jeden Gedanken an sie in sich zu unterdrücken; aber nicht lange, so überreichte ihm Gauntlet eines Tages einen Brief, in dessen Ueberschrift er sogleich Emiliens Hand erkannte. Ein Beben befiel ihn bei diesem Anblick und er küßte die theuren Züge; wie ward ihm aber erst, als er den Inhalt des Billets durchlief! Emilie sagte ihm hier, daß sie glaube, endlich ihren Unwillen gegen ihn genug gethan zu haben, daß sie noch immer den innigsten Antheil an seinem Loose nähme, und durch eine feine Wendung gab sie ihm dann zu verstehen, daß es nur von ihm abhinge, daß sich ihr beiderseitiges früheres Verhältniß wiederknüpfe und daß ihr Bruder dieserhalb unbegrenzte Vollmacht von ihr habe.

Man kann denken, welchen Eindruck dieses Alles auf ihn machte! Voll Entzücken drückte er den Brief an sein Herz und mit emporgehobenen Augen rief er aus: »Ja, ich habe mich nicht in diesem edeln, seltenen Mädchen geirrt! sie ist die Krone ihres Geschlechts und so lange ich athme, werde ich sie verehren.... aber dennoch, und kostete es mein Leben, dennoch muß ich meine Liebe zu ihr meiner Ehre opfern, und sollte ich auch in diesem Kampfe untergehen. Wie meine und ihre Verhältnisse jetzt sind, muß ich mich selbst des höchsten Glücks berauben.«

Vergebens bestritt Geoffry diesen nicht sowohl unerwarteten, als ihm schmerzlichen Entschluß, vergebens stellte er ihm von Neuem Alles vor, was Liebe und Freundschaft nur vermögen, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen, umsonst! Peregrine, dessen Charakter seit seinen Unfällen wo möglich noch unerschütterlicher in diesem Punkt geworden war als früher, wies alle Gründe zurück, daß sein grausames Schicksal ihn zwänge, seinen schönsten, blühendsten Hoffnungen auf immer zu entsagen, und daß in diesem Schmerz, dem furchtbarsten von allen, die der Himmel ihm auflegen könne, sein einziger Trost der bliebe, neben ihrer Verzeihung auch ihre Achtung wieder gewonnen zu haben, und den Glauben hegen zu dürfen, ihr Zartsinn werde seine jetzige Handlungsweise billigen.

Miß Gauntlet kannte den Charakter unsers Helden zu gut, um nicht eine solche Antwort erwartet zu haben; indeß zweifelte sie nicht daran, diesen Widerstand auf eine geschickte Art besiegen zu können, und schritt dieserhalb um so muthiger an das Werk, da sie sich von seiner innigen und treuen Liebe überzeugt hielt und an seiner Seite allein sich das Glück des Lebens versprach. Sie knüpfte deshalb jetzt mit ihm einen Briefwechsel an, wo nun von beiden Seiten alles Mögliche gethan wurde, um die aufgestellten Gründe entweder zu bekämpfen oder zu vertheidigen, und durch welchen Peregrine die Gelegenheit erhielt, sowohl ihren Scharfsinn als ihre Feinheit zu bewundern. Allein obschon gerade dies nur dazu dienen konnte, das Band noch fester zu knüpfen, das ihn an sie fesselte, so blieb er dennoch so unbesiegbar bei seiner Meinung, daß Emilie endlich die Hoffnung aufzugeben begann, ihn auf diese Art zu bekehren, und den Entschluß faßte, unter dem Vorwande, daß sie nicht vermögend sey, alle ihre Einwendungen gegen seine Gründe in eine Reihe kurzer Briefe zu bringen, eine Zusammenkunft vorzuschlagen, wo sie dann nicht zweifelte, schnell den Sieg über seine Bedenklichkeiten zu erringen. Ihr Bruder erbot sich dabei, sich so lange persönlich für Peregrine im Fleet zu verbürgen, als derselbe abwesend seyn würde, aber unser Held lehnte, so schwer es ihm auch wurde, einem solchen schönen Augenblicke zu entsagen, auch dies ab, da er sich nur zu sehr bewußt war, daß er der Geliebten gegenüber seine Standhaftigkeit nicht würde behaupten können. Wahr ist es indeß aber auch, daß die Natur so mächtigen Angriffen wohl nicht zu widerstehen vermocht haben würde, wenn sich nicht der Stolz und der Eigensinn seines Charakters durch den Triumph, den ihm diese Verhandlungen verschafften, geschmeichelt gefühlt hätte. Er sah diesen Streit für ganz originell an und hielt vorzüglich deshalb so hartnäckig mit aus, weil er die Ueberzeugung hatte, daß es nur von ihm abhinge, sobald als er wolle, die vortheilhaftesten Bedingungen zu erhalten. Leicht ist es jedoch möglich, daß er sich bei fernerem, eigensinnigem Beharren hätte verrechnen können, denn es konnte nicht fehlen, daß ein junges Frauenzimmer von Emiliens Reizen und Glücksumständen Versuchungen ausgesetzt war, denen wenige ihres Geschlechts zu widerstehen vermögen; sie konnte dabei leicht einmal irgend eine Stelle in einem Briefe von Peregrinen falsch auslegen oder übel aufnehmen; es konnte endlich diese hartnäckige Sonderbarkeit von seiner Seite sie ermüden; ein Anderer konnte das Glück haben, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln u. s. w., allein allen diesen Möglichkeiten war durch einen glücklichen Zufall vorgebeugt, der wichtigere Folgen hatte als irgend einer von denen, die wir jetzt aufzählten. Es geschah nämlich, daß eines Morgens früh Pipes in seiner Ruhe durch die Ankunft eines Boten gestört ward, den Clover mit einem Packet an Hatchway abgesendet hatte. Der Mensch war schon den Abend vorher in der Stadt eingetroffen, hatte hier aber sich genöthigt gesehen, sich erst in der City bei dem Correspondenten des Lieutenants nach der Wohnung des Letzteren zu erkundigen; als er aber nun in das Fleet wollte, so war das Thor bereits verschlossen und man ließ ihn, trotz seinen Vorstellungen, daß er die größte Eile habe, nicht eher als den nächsten Morgen ein.

Gemächlich öffnete Hatchway jetzt das Packet und fand einen Brief an Peregrine darin, mit der Bitte, denselben ungesäumt an die Adresse zu geben. Diese dringende Aufforderung ließ in dem Kopfe des Lieutenants den Gedanken entstehen, Mistreß Clover sey gewiß ihrem Ende nahe und wünsche ihren Bruder noch einmal zu sehen, und diese Vorstellung wirkte nun so stark auf seine Einbildungskraft, daß er, während er sich ankleidete und dann nach dem Zimmer unseres Helden eilte, auf die Thorheit des Mannes fluchte, der einen ohnedem jetzt in so gereizter Stimmung sich befindenden Menschen wie Peregrine, noch mit solchen unangenehmen Nachrichten heimsuchen könne. Diese Betrachtungen würden ihn vielleicht vermocht haben, den Brief ganz zu unterdrücken, hätte er sich nicht im Entdeckungsfalle vor dem Zorn unseres Freundes gefürchtet; er übergab ihn daher zwar, doch konnte er sich nicht enthalten, dabei in die Worte auszubrechen: »Nun, ich, meines Parts habe wohl auch so viel Liebe als ein Anderer, aber als mein Weib absegeln that, da trug ich mein Unglück wie ein ächter Seemann und ein guter Christ; denn weiß Gott! das ist ein schlechter Steuermann, der nicht gegen den Strom der Widerwärtigkeiten zu segeln versteht.«

Peregrine, der durch Hatchway's Eintritt in einem angenehmen Traume von der reizenden Emilie unterbrochen wurde, richtete sich bei diesem seltsamen Eingange im Bette empor und erbrach ziemlich verstimmt den Brief; wie sehr wurde er aber überrascht, als er darin die ihm von seinem Schwager Clover mitgetheilte Nachricht las, daß sein Vater plötzlich durch einen Schlagfluß aus dem Leben abgerufen worden sey, daß derselbe kein Testament gemacht habe und daß Clover als Friedensrichter sogleich alle Maßregeln getroffen habe, die zur Sicherung von Peregrinens Gerechtsame nöthig waren. »Eilen Sie daher,« schloß sich der Brief, »zu uns zu kommen. Das Begräbniß Ihres Vaters soll so lange aufgeschoben bleiben, bis Sie bestimmt haben werden, wie Sie es damit gehalten wissen wollen.«

Anfänglich sah Peregrine diesen Brief für eine bloße Täuschung und eine Fortsetzung seines Traumes an. Er las ihn wohl zehnmal durch, dann rieb er sich die Augen, sprang aus dem Bette, räusperte sich, zwickte sich an der Nase, öffnete das Fenster, um sich die wohlbekannten Gegenstände zu betrachten, und als er Alles in gehöriger und gewohnter Ordnung fand, da sagte er zu sich selbst: »Bei Gott! wenn es nicht Wahrheit ist, so ist dies der täuschendste Traum, den jemals ein Mensch hatte.« Hierauf ergriff er das Papier wieder und las es von Neuem mehrmals durch.

Hatchway, der alle diese Handlungen und die wilden und verworrenen Blicke sah, von denen sie begleitet wurden, kam jetzt auf den Gedanken, Pickle's Gehirn sey endlich in der That in Unordnung gerathen und dachte schon auf Mittel, sich vor ihm sicher zu stellen, als Peregrine endlich im Tone des Erstaunens ausrief: »Guter Gott! wache ich denn wirklich oder träume ich nur!« – »Ja, seht Vetter,« antwortete der Lieutenant, »das ist die Frage, die das Bleiloth meines Verstandes nicht lang genug ist zu ergründen; aber's wart, wir wollen bald dahinter kommen.« Mit diesen Worten nahm er einen Krug mit Wasser vom Nachttische und goß dessen Inhalt plötzlich Peregrinen in das Gesicht.

So unbehaglich dies Mittel auch war, so brachte es doch die gewünschte Wirkung hervor. Der junge Herr hatte kaum seinen Athem wieder, der durch diese drastische Operation in Gefahr gerieth auszubleiben, so dankte er Hatchway für das gute Mittel, und da er nun unmöglich länger an dem zweifeln konnte, was auf seine Sinne so überzeugend sich berief, so zog er sich eilfertig trocken an, warf einen Ueberrock über und lief dann dem großen Platze zu, um hier mit sich selbst Rath über die empfangene Nachricht zu halten.

Noch nicht völlig von der Gesundheit seines Verstandes überzeugt und neugierig, den Inhalt eines Briefes zu erfahren, der einen so außerordentlichen Eindruck gemacht hatte, ging ihm Hatchway in der Hoffnung, Aufschluß von ihm während des Spazierganges zu erhalten, nach; kaum ließ sich aber Peregrine an der nach der Straße zu führenden Thüre blicken, so grüßte ihn der daselbst harrende Bote sehr ehrerbietig und sprach: »Gott segne Ihro Gnaden, den gestrengen Squire Peregrine, und lasse Sie vergnügt und froh Ihres Herrn Vaters Güter antreten.« Diese Worte waren kaum ausgesprochen, da hinkte der Lieutenant mit großer Lebhaftigkeit auf den Landmann zu, drückte ihm die Hand und fragte: »Ist denn der alte Knabe wirklich abgesegelt?« – »Ja wohl, Master Hatchway,« versetzte der Bote, »und zwar so über Hals und Kopf, daß er das Testament vergessen hat.« – »Blitz!« rief jetzt der Seemann, »das ist die beste Zeitung, die ich gehört habe, seit ich zuerst in See stach. Da, Junge, nimm den Beutel und lade Dich mit dem besten Branntwein im ganzen Königreiche voll.«

Mit diesen Worten steckte er dem Boten einige Guineen in die Hand, und gleich darauf hörte man den ganzen Platz von Toms Pfeife wiederhallen. Peregrine begab sich nun nach dem Spaziergange, wo er seinem alten Freunde den erhaltenen Brief mittheilte und diesen dann bat, schleunigst den Hauptmann herbeizuholen, der sich, wie man denken kann, nicht wenig über die erhaltene Nachricht freute.


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