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LXXVI.

Die beiden Freunde spielen den Einwohnern von Bath einen bösen Streich. Peregrine demüthigt einen Eisenfresser und lernt bei einer Lady einen Mann von seltsamem Charakter kennen.

Diesem Abentheuer folgte ein anderer Streich, der fast alle Einwohner von Bath in eine lustige Verlegenheit setzte. Peregrine hatte bemerkt, daß an diesem Orte keine Bratenwender gebräuchlich waren, sondern daß man sich statt dessen Hunde zum Drehen der Spieße bediente, die sich mit großer Genauigkeit zur bestimmten Stunde in den Häusern einzustellen pflegten, so daß man in allen Familien mit der größten Sicherheit auf diese Gehülfen rechnete und sich nicht erst die Mühe nahm, sich ihrer zum Voraus zu versichern.

Unsere beiden Freunde ließen jetzt durch einige ihrer Unterhändler mehrere Sänftenträger beauftragen, diese nützlichen Thiere eines Sonnabends Abends sämmtlich einzufangen, und in ein Hinterhaus zu sperren, in der Absicht, dadurch die Leute wegen ihres Mittagsessens auf den Sonntag in Verlegenheit zu setzen. Diese Erwartung schlug auch nicht fehl; die Braten wurden an die Spieße gesteckt und fast gleichzeitig ließ sich an jeder Thüre eine Köchin sehen, die die Straße hinabblickte, dann sie hinunterlief, den Hunden pfiff und zuletzt auf die nachlässigen Thiere schalt, die ihrer Schuldigkeit nicht nachzukommen vermochten.

So unbedeutend dieser Umstand auch erscheinen mag, so ward er doch als eine Familienangelegenheit von Wichtigkeit betrachtet und nachdem die Mägde ihre Frauen von dem Hergange unterrichtet hatten, sandte sogleich jede Familie den Hausherrn in Nachtmütze, Pantoffeln und Schlafrock aus, um gegen diesen unerwarteten Unfall irgend ein Mittel ausfindig zu machen. Jetzt erhob sich ein allgemeines Pfeifconcert auf der Straße, doch vergebens! man versammelte sich truppweise, um sich wegen der unerhörten Meuterei der Hunde zu berathschlagen, aber nachdem sich Jeder umsonst in Mutmaßungen erschöpft hatte, kehrte man, sehr bestürzt darüber, heute so schmachvoll um seinen Braten zu kommen nach Hause zurück.

Außer dieser Verwirrung, an welcher sich unsere jungen Herren persönlich belustigt hatten, erfuhren sie auch noch später, daß die Not in manchen Häusern durch die seltsamen Hülfsmittel, die man ergriffen hatte, noch bedeutend vermehrt worden war. Hier hatte ein Hausherr sich genöthigt gesehen, in höchsteigner Person den Bratspieß zu drehen, um nur seinem Appetit Genüge zu thun; dort war einer auf den klugen Gedanken gerathen, seinen Braten in Stücken zu zerschneiden und darüber vor Aerger fast unsinnig geworden; ein Dritter hatte den Braten an einem Strick am Feuer aufgehangen und ihn so durch seine Leute wenden lassen; aber der Strick war, als die Arbeit bald vollendet gewesen, gerissen, der Braten in die Pfanne gefallen, und hierdurch der Wender jämmerlich verbrüht worden.

Um das Maß des allgemeinen Verdrusses voll zu machen, gab Pickle um ein Uhr, als der Schade geschehen und nicht mehr zu verbessern war, den Befehl, die Hunde loszulassen, und den Augenblick fanden sich nun die vierfüßigen Küchenjungen in jedem Hause ein, gleich als kämen sie nur, sich über den angerichteten Schaden lustig zu machen.

Dieser und eine Menge anderer Streiche befestigten und vermehrten den Ruf der beiden Freunde, die sich nach und nach bei allen Sündern von beiden Geschlechtern furchtbar gemacht hatten, vom Spieler mit der ehernen Stirne und der Courtisane an, bis zur alten tugendbelobten Jungfer, die mit Lästerungen und gebranntem Wasser zu thun hat und dem jämmerlichen Zierbengel, der auf alle Ansprüche an Männlichkeit Verzicht gethan zu haben scheint.

Unter denen, die sich während der Badezeit an diesem Orte regelmäßig aufzuhalten pflegten, befand sich auch ein gewisser Mensch, der früher in einer sehr niedrigen Lage gelebt, durch seine Industrie, vorzüglich am Spieltische, sich aber ein Vermögen von ungefähr 15,000 Pfund zusammengescharrt hatte und jetzt, obgleich sein Stand und seine Herkunft hinreichend bekannt waren, doch Zutritt in allen sogenannten guten Gesellschaften genoß, ja, sich hier so einzuschmeicheln verstand, daß keine Lustparthie vorfiel, ohne daß man auf ihn besondere Rücksicht nahm. Von Natur schon sehr zum Uebermuth geneigt, war er es hierdurch aber noch mehr und bis zu einem fast unleidlichen Grade geworden; sein martialisches Aussehen und sein keckes Benehmen verschafften ihm dabei den Ruf einer gewaltigen Herzhaftigkeit und einige Vorfälle, bei denen es ihm gelungen war, einige andere Eisenfresser zu demüthigen, hatten diesen Ruf befestigt. So war er gleichsam das Oberhaupt der Bramarbasse in Bath geworden.

Mit diesem Menschen spielte Peregrine eines Abends und zwar so glücklich, daß er nicht umhin konnte, mit seinem Freunde davon zu sprechen, als aber Geoffry die Beschreibung von der Person des Verlierenden vernahm, erkannte er sogleich, daß er denselben früher schon in Tunbridge gesehen habe und versicherte Pickle, dieser Mensch sey ein Gauner erster Größe, mit dem er ihn warnte, sich ferner einzulassen, da er ihm sicher jetzt nur etwas habe gewinnen lassen, um ihn gelegentlich desto tüchtiger zu schröpfen. Diesen heilsamen Rath benutzte Peregrine. Als der Spieler den folgenden Tag Revanche begehrte, weigerte er sich keinen Augenblick, sie ihm zu geben; nachdem der Eisenfresser aber sein den vorigen Tag verlornes Geld wieder hatte, da erklärte unser Held: es sey nun genug und hob das Spiel auf. Der Andere, welcher ihn für einen unerfahrenen jungen Menschen hielt, bemühte sich nun, ihn in Hitze zu bringen und spöttelte über seine Vorsicht und seinen Mangel an Geschicklichkeit; dabei gab er ihm den Rath, lieber erst noch in die Schule zu gehen, eh' er sich unterwände, mit Männern seiner Art sich einzulassen. Voll Zorn erwiederte ihm Peregrine, daß er recht gut wisse, mit Männern von Ehre zu spielen, die keine Fuscheleien machten; doch habe er stets die Pfiffe und Kniffe der Spieler von Profession zu erlernen für eine Niederträchtigkeit gehalten.

»Hölle und Teufel!« rief der Bramarbas und zog sein Gesicht in fürchterliche Falten, »meinen Sie etwa mich, Sir? Verflucht! auf der Stelle breche ich dem den Hals, der sich unterfängt, daran zu zweifeln, daß ich nicht so ehrlich als der beste Cavalier im Königreiche spiele. Blitz und Donner, Sir! Den Augenblick erklären Sie sich, oder Sie müssen mir auf andere Art Satisfaction geben.«

»Wohlan,« sprach Peregrine, dessen Blut zu wallen begann; »Ihre Forderung ist so gerecht, daß ich sie ohne Anstand erfüllen will. So wissen sie denn, daß ich Sie nach unverwerflichen Zeugnissen für einen unverschämten Schurken und Betrüger halte.«

Diese freimüthige Erklärung brachte den Bramarbas einen Augenblick aus seiner Fassung; dann flüsterte er unserm Helden eine Aufforderung ins Ohr, die dieser auch sogleich annahm.

Als man den folgenden Morgen auf dem Kampfplatze erschien, waffnete der Spieler sein Gesicht mit einer grimmigen Miene, zog einen Degen von ungeheurer Länge und rief mit einer Donnerstimme: »Zieht! daß Ihr verdammt werdet, zieht! Ihr sollt den Augenblick bei Euren Vätern seyn!« – Peregrine ließ nicht auf sich warten; er zog und sein Angriff zeugte von so viel Herzhaftigkeit und Geschicklichkeit, daß der Gegner, welcher nur mit Mühe den ersten Stoß abzulenken vermochte, ein paar Schritte zurücktrat und mit ihm zu sprechen begehrte. Er bemühte sich jetzt, unserm jungen Herrn zu zeigen, wie es der unbedachtsamste Schritt seines Lebens sey, sich mit einem Manne, wie ihn, einzulassen, doch hab' er Mitleid mit ihm und wolle ihm sein junges Daseyn schenken, wenn er ihm demüthig seinen Degen ausliefern und das Versprechen geben wolle, ihn öffentlich um Verzeihung zu bitten. –

Diese grenzenlose Unverschämtheit erbitterte Peregrine aber dermaßen, daß er, statt aller Antwort, ihm seinen Hut ins Gesicht warf und gleich darauf seinen Angriff so nachdrücklich erneuerte, daß der Spieler, sich in Lebensgefahr sehend, Fersengeld gab und eilig nach Hause rannte, während Peregrine, der seinen Degen eingesteckt hatte, hinter ihm herlief und ihn mit Steinen warf. Durch die Schmach dieser Niederlage ward aber der Bramarbas genöthigt, noch denselben Tag Bath zu verlassen, wo er so lange das große Wort führte.

Da man den Flüchtling für einen Helden angesehen hatte, so verfehlte dies Ereigniß nicht, den Ruf unseres jungen Herrn ungemein zu erhöhen, doch fühlten sich zugleich auch eine Menge Personen, die mit dem Ausreißer in genauer Verbindung standen, höchlich durch diesen Vorfall gekränkt, gleich als wenn das Unglück einen würdigen Mann betroffen hätte; indeß war die Zahl dieser guten Leutchen gegen die nur gering, welche ein großes Vergnügen an dem Ausgange dieses Zweikampfs hatten, weil sie früher von dem Bramarbas theils übermüthig behandelt, theils betrogen worden waren.

Auch den Damen war dieser Beweis von dem Muthe unseres Helden nicht unangenehm: nur wenige von ihnen konnte der vereinten Macht so vieler Vollkommenheiten widerstehen und gewiß würde es weder Peregrine noch Geoffry schwer geworden seyn, hier angenehme Lebensgefährtinnen zu finden: allein Gauntlets Herz war Miß Sophy geweiht und außer seiner Anhänglichkeit an Emilie, besaß Pickle eine solche Portion von Ehrgeiz, daß ihn keine hier zu machende Eroberung befriedigte.

Er stattete dem zufolge zwar in der Absicht, sich einen Zeitvertreib zu verschaffen, bald hier, bald da Besuche ab, allein so sehr es ihm auch schmeichelte, die Zuvorkommenheiten der Schönen gegen sich zu sehen, so wenig fiel es ihm doch auch ein, die Grenzen der gewöhnlichen Galanterie zu überschreiten und sich auf irgend eine Erklärung einzulassen. Was ihm aber am mehrsten Vergnügen gewährte, war die geheime Geschichte der Badegäste und der Einwohner zu erforschen, die ihm durch eine merkwürdige Person mitgetheilt ward, mit welcher er auf folgende Art bekannt wurde.

Als er sich eines Tages in dem Hause einer gewissen Lady befand, fiel ihm das Aussehen eines alten Mannes auf, der nach ihm in das Zimmer trat. Kaum war der Mann über die Schwelle, so ersuchte die Frau vom Hause laut einen von den eben anwesenden Witzlingen, den alten Simpel doch aufzuziehen. Stolz auf dieses Geschäft, ging der Stutzer auf den Fremden zu, der etwas ganz Eigenes und Bedeutsames in seinem Wesen hatte, machte ihm verschiedene sehr höfliche Verbeugungen und sage dann: »Gehorsamer Diener, Ihr alter Schurke! ich hoffe bald die Ehre zu haben, Euch an dem Galgen zu sehen. Aufs Wort, Ihr seht mit Euren triefigen Augen, Euren Laternenbacken und Eurem zahnlosen Maule wie ein wahrer Popanz aus. Wie! Ihr alte Mispel, seht noch nach den Damen? Oho! Ihr könnt Euch wohl mit einer Küchenmagd begnügen. Nicht wahr, alter Schelm, Ihr möchtet Euch gerne setzen? Eure verwelkten Schenkel schlottern unter Euch; aber wartet nur, Ihr alter Satyr, ich will verdammt seyn, wenn ich Euch nicht noch länger hudle.«

Diese mit vielen Grimassen begleitete Anrede kitzelte die Gesellschaft so ungemein, daß sie in ein lautes Gelächter ausbrach, welches man zur Entschuldigung auf einen Affen schob, der in der Stube an einer Kette lag. Nachdem das Gelächter eben wieder verstummt war, begann der Witzling von Neuem: »Ich glaube, Ihr seyd dumm genug, Euch einzubilden, der Affe sey die Ursache der allgemeinen Lustigkeit. Fürwahr! Ihr taugtet recht gut zu seinem Hüter und Wärter, denn offenbar gehört Ihr zu seiner Familie. Das Lachen galt Euch, Ihr alter Narr; dankt dem Himmel dafür, daß er Euch so lächerlich machte.«

Während der Stutzer diese sinnreichen Einfälle vorbrachte, bückte sich der alte Mann wechselsweise bald gegen ihn, bald gegen den Affe, der dem Anderen alle Geberden nachmachte und ihm nachzuplaudern schien, dann aber erwiederte er mit einer halb spöttischen, halb ernsten Miene: »Meine Herren, da ich nicht so glücklich bin, Ihre Complimente zu verstehen, so werden sie bei jedem Anderen von Ihnen besser angebracht seyn.« Mit diesen Worten ließ er sich nieder und hatte das Vergnügen, jetzt die Lacher auf seiner Seite, und seinen Gegner so betreten und beschämt zu sehen, daß er bald darauf das Zimmer verließ und beim Weggehen murmelte: »Weiß Gott! der alte Bursche wird ordentlich muthwillig.«

Peregrine hatte diesen seltsamen Auftritt mit Befremden angehört und die Dame vom Hause, welche dies bemerkte, sagte ihm nun: der alte Mann sey seines Gehörs gänzlich beraubt; er heiße Cadwallader Crabtree und sey ein Menschenhasser. Wegen seiner hämischen Bemerkungen und der lächerlichen Mißverständnisse, die sein Naturfehler veranlasse, sey er jedoch sehr unterhaltend und deshalb in allen Gesellschaften willkommen.

Auf die Bestätigung diesen Schilderung brauchte Peregrine nicht lange zu warten; jedes Wort, das aus Crabtree's Munde ging, war Galle und seine Satyre bestand nicht blos in allgemeinen Bemerkungen, sondern in einer Reihe Beobachtungen, die er in seiner launenhaften und seltsamen Denkungsart gemacht hatte.

Unter den Anwesenden befand sich auch ein junger Officier, der durch mächtige Gönner eine Stelle im Unterhause erhalten hatte und es nun für seine Pflicht hielt, von nichts als Staatssachen zu sprechen. Er unterhielt demnach die Gesellschaft mit einer angeblichen geheimen Expedition, welche Frankreich vorbereiten sollte und versicherte, er habe es aus dem Munde des Ministers selbst, dem es seine auswärtigen Agenten berichtet hätten. Dann vertiefte er sich in eine umständliche Beschreibung der Sache; zwanzig Linienschiffe sollten in Brest segelfertig liegen, um nach Toulon zu gehen, wo eben so viele zu ihnen stoßen würden; das Weitere wäre jedoch ein Geheimniß, von dem man nicht sprechen dürfe.

Die ganze Gesellschaft vernahm diese Nachricht mit großem Erstaunen, nur Crabtree nicht, der durch den Verlust seines Gehörs auf Alles so was Verzicht thun mußte. Bald darauf wandte sich eine der Damen an ihn und fragte ihn mittelst des Fingeralphabets: ob er nicht auch etwas Neues wisse? Mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit antwortete der Cyniker darauf: ob sie ihn für einen Spion hielte, daß sie ihn ewig mit dergleichen Fragen martere? Dann aber ließ er sich weitläufig über die thörichte Neugier der Menschen aus, die, wie er behauptete, lediglich aus Müßiggang und Ideenmangel entspränge, und zuletzt wiederholte er denn fast wörtlich den Bericht des Officiers, den er für ein lächerliches Mährchen erklärte, das von einem Hasenfuß erfunden sey, der sich eine wichtige Miene zu geben und die Leute zu überreden suche, als wisse er etwas von den geheimen Absichten der Franzosen und vermöge deren Kräfte und Macht zu würdigen. Zur Bestätigung dieser Behauptung zeigte er nun, daß jenes Volk nach den vielen erlittenen Verlusten unmöglich im Stande sey, jetzt eine solche Flotte auszurüsten und versicherte aus guten Quellen zu wissen, daß gegenwärtig in den Häfen von Brest und Toulon nicht ein Geschwader von acht Linienschiffen zusammenzubringen sey.

Der Herr aus dem Parlament, welcher den Menschenhasser nicht kannte, glühte bei diesen Worten vor Scham und Unwillen und bemühte sich mit erhobener Stimme und großem Eifer, seine Wahrhaftigkeit darzulegen, indem er dabei manche Schmähung gegen seinen Widersacher in die Vertheidigung einmischte. Crabtree saß jedoch mit dem ruhigsten Gesichte von der Welt da, bis des Officiers Geduld völlig erschöpft war und dieser nun zu seiner nicht geringer Beschämung erfuhr, daß er die Posaune des Weltgerichts nicht vernehmen würde, falls nicht seine Gehörwerkzeuge vorher erneuert wären.


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