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LXIII.

Peregrine findet Mistreß Hornbeck wieder, die ihn über den erlittenen Verlust zu trösten sucht.

Die Gesellschaft speisete jetzt in grosser Eintracht zusammen, den Nachmittag blieb aber Peregrine unter dem Vorwande zu Hause, Briefe schreiben zu müssen; während aber seine Reisegefährten sich nach einem Kaffeehause begaben, ließ er einen Wagen holen und fuhr mit seinem Kammerdiener, dem Einzigen, der seine gegenwärtige Gemüthsstimmung kannte, nach dem öffentlichen Spaziergange, wo sich an schönen Sommerabenden die Damenwelt von Brüssel zu versammeln pflegt und woselbst er auch seinen schönen Flüchtling wiederzufinden hoffte.

Nachdem er hier mehrmals rund umhergefahren und jedes weibliche Geschöpf möglichst genau betrachtet hatte, bemerkte er in einiger Entfernung einen Wagen, auf welchem ein Diener in Hornbecks Livree stand. Er befahl nun sogleich dem Kammerdiener, Kundschaft über diesen Wagen einzuziehen, machte aber während dem die Fenster an dem seinigen in die Höhe, um nicht eher bemerkt zu werden, als bis er einige Nachrichten erhalten hätte, wie er sich eigentlich jetzt zu benehmen habe. Uebrigens lenkte dies Ereigniß, das sich zwischen die eigentliche Absicht seines Hierherkommen schob, seine Aufmerksamkeit keinen Augenblick von den Nachforschungen nach der schönen Flamländerin ab.

Sein Bote kehrte bald mit dem Bericht zurück: in dem Wagen befinde sich Niemand als Mistreß Hornbeck und eine ältliche Person, die das Ansehn einer Duenna habe; auch sey der Bediente nicht derselbe, der Herrn Hornbeck nach Frankreich begleitet hatte. Durch diese Nachricht aufgemuntert, gebot jetzt unser Held seinem Kutscher, dicht an die Seite des andern Wagens zu fahren, wo er dann der Dame das gewöhnliche Compliment machte, die bei seinem Erblicken über und über erröthete und sogleich mit dem Ton des Entzückens ausrief: »Mein theuerster Bruder! ich bin ausnehmend erfreut, Sie zu sehen. Kommen Sie doch in meinen Wagen; ich bitte Sie recht herzlich.« Es läßt sich denken, daß Peregrine diese Aufforderung nicht zweimal an sich ergehen ließ; er erfüllte das Verlangen seiner neuen Schwester, stieg ein und umarmte sie mit großer Zärtlichkeit.

Da Mistreß Hornbeck wahrnahm, daß ihre Begleiterin etwas bestürzt und unruhig über diese Zusammenkunft war, so begann sie sogleich, theils um Peregrinen einen Fingerzeig zu seiner Rolle zu geben, theils nur ihrer Wächterin allen Verdacht zu benehmen, dem Ersteren zu erzählen: daß sein Bruder – ihr Mann nämlich – auf Anrathen der Aerzte, zur Wiederherstellung seiner schwankenden Gesundheit, nach Spaa gereiset sey, und daß sie das Vergnügen haben könne, ihm zu melden, daß nach den letzten Briefen, die sie empfangen, die Cur recht gut anzuschlagen schiene. Peregrine verfehlte nicht, über diese Nachricht seine Zufriedenheit zu äußern und mit der Miene brüderlicher Theilnahme die Bemerkung anzuhängen: wenn sein Bruder seiner Constitution nicht zu viel zugetraut hätte, so würden seine Freunde in England sich jetzt nicht über seine Abwesenheit und seine schwache Gesundheit zu beklagen haben, die ihn nun von seinem Vaterlande und seinen Verwandten entfernte. Dann fragte er mit einem erkünstelten Erstaunen: wie es käme, daß sie ihren Gemahl nicht begleitet habe? worauf sie sogleich erwiederte: seine Zärtlichkeit für sie wäre zu groß, um sie den Beschwerlichkeiten einer Reise auszusetzen, die durch so rauhe Berggegenden führe.

Nachdem die Zweifel der Duenna durch diese Einleitung gehoben waren, lenkte Peregrine das Gespräch auf die Vergnügungen des Ortes und fragte die junge Dame unter Anderm: ob die Frau Schwester Versailles bereits gesehen habe? ein öffentlicher Ort an einem Kanal, ungefähr zwei Stunden von der Stadt, mit recht hübschen Gärten, wo sich die beste Gesellschaft zu versammeln pflegt. Als die Mistreß hierauf mit Nein! geantwortet hatte, schlug er aber vor, sie sogleich dahin zu begleiten. Jetzt glaubte jedoch die bis dahin ganz still gebliebene Aufseherin mitsprechen zu müssen und bemerkte in gebrochenem Englisch: die Dame stehe unter ihrer Aufsicht und sie könne es bei Herrn Hornbeck nicht verantworten, wenn sie ihr erlaube, einen solchen Ort zu besuchen.

»O da seyn Sie doch ganz außer Sorge, Madame!« erwiederte Peregrine voll Zuversicht; »ich stehe für die Folgen und nehme es über mich, Alles bei meinem Bruder zu verantworten.« Zugleich befahl er dem Kutscher, nach Versailles zu fahren, und ließ den Kammerdiener mit seinem Wagen nachfolgen. Die Duenna, überzeugt durch seine Versicherungen, unterwarf sich seiner Autorität.

An Ort und Stelle angelangt, half Peregrine den Damen aus dem Wagen und machte dabei die Bemerkung, daß die Duenna lahm sey; ein Umstand, den er sogleich zu benutzen suchte, indem er, nachdem er ein Glas Wein getrunken, seiner neuen Schwester den Vorschlag machte, ein Bißchen im Garten umherzuspazieren, wobei denn, obschon die Alte sich die größte Mühe gab, Beide immer im Gesicht zu behalten, dennoch eine kurze geheime Unterredung zwischen ihnen Statt fand. Unser Held erfuhr hier, daß Hornbeck seine theure Ehehälfte nur darum in Brüssel zurückgelassen hatte, um sie vor den Badegästen und dem unter denselben herrschenden vertraulichen Tone zu bewahren, so wie ferner, daß sie drei Wochen in einem Kloster zu Ryssel gelebt, dann aber von ihrem Manne wieder abgeholt worden sey, da er es nicht länger ohne sie hätte aushalten können. Zuletzt eröffnete sie ihm noch, daß ihre Aufseherin ein wahrer Drache sey und daß ein spanischer Kaufmann, dessen Frau sie bis an ihren Tod bewacht, sie ihrem Manne empfohlen habe; ob übrigens die Treue dieses Argus gegen Geld und gebrannte Wasser die Probe halte, stehe dahin. Peregrine versicherte hierauf: dieser Versuch solle sogleich gemacht werden, ehe man noch von hier wegfahre; dann aber kam das Pärchen doch mit einander überein, die Nacht an diesem Orte zu bleiben, im Fall die Sache gelinge.

Nachdem man nun noch sich eine tüchtige Bewegung gemacht und dadurch die Duenna so ermüdet hatte, daß sie desto eher geneigt seyn konnte, eine Stärkung zu sich zu nehmen, kehrte man in das Zimmer zurück, wo denn auch sogleich der alten Dame ein volles Glas präsentirt und von ihr nicht abgewiesen wurde. Da dies jedoch keine so große Veränderung bei ihr hervorbrachte als Peregrine dies hoffte und wünschte, und überdies die Alte die Erinnerung machte: es würde bereits spät und die Thore der Stadt in Kurzem geschlossen werden, so füllte er noch ein Glas und that ihr in einem gleich großen Bescheid. Das Blut der Aufseherin war jedoch viel zu sehr erkaltet, um durch eine so starke Dosis sonderlich erwärmt zu werden, die im Gegentheil auf das Gehirn des jungen Herrn einen so unmittelbaren Eindruck machten, so daß er jetzt in seiner Aufgeregtheit die Duenna mit einem solchen Strom von schönen Sachen überschüttete, daß sie dadurch mehr noch als durch den genossenen Spiritus berauscht ward; und als er endlich bei seinen Tändeleien gar eine Börse in ihren Busen fallen ließ, da schien die gute Frau ganz zu vergessen, daß die Nacht immer mehr heranrückte, und willigte, mit Genehmigung ihres Mündels, in den Vorschlag, ein kleines Abendessen hier einzunehmen.

Soviel Peregrine aber auch nun schon gewonnen hatte, so sah er doch deutlich ein, da die Duenna ihn ganz unrecht verstand und sein ganzes bisheriges Benehmen auf Rechnung ihrer Reize setzte; ein Irrthum, der durch nichts Anderes ausgeglichen werden konnte, als wenn man ihr mit der Flasche so lange zusprach, bis sie nichts mehr zu unterscheiden vermochte. Zu diesem Ende ließ Pickle die Gläser fleißig rundgehen; aber die Dame that ihm so tapfer Bescheid und schien in diesem Punkte so sattelfest zu seyn, daß er endlich einsah, er würde sich weit eher selbst, als sie, betäuben. In dieser Verlegenheit nahm er nun zu seinem Kammerdiener Zuflucht, der auch den ihm zugeworfenen Wink sogleich verstand und es willig über sich nahm, die Rolle vollends durchzuführen. Nachdem aber diese Sache in Richtigkeit gebracht und die Zeit ungleich näher zum Morgen als zum Abend war, ergriff Peregrine eine bequeme Gelegenheit, der Duenna ins Ohr zu flüstern: er würde das Vergnügen haben, ihr noch seine Aufwartung zu machen, sobald seine Schwester zur Ruhe gegangen sey, weswegen er sie denn bäte, ihre Thüre nicht zu verschließen.

Nach diesem sehr freudig aufgenommenen Wink sagte er der Mistreß, indem er sie nach ihrem Zimmer begleitete, fast dasselbe, und kaum herrschte Ruhe und Stille im Hause, so machten sich, er sowohl als sein treuer Knappe, auf den Weg, jeder nach seinem schönen und doch so verschiedenen Ziele, und ohne Störung würde diesmal Alles abgelaufen seyn, wenn nicht der Kammerdiener neben seiner Dulcinea in einen tiefen Schlaf gefallen und hier von einem furchtbaren Traume wäre geängstigt worden, so daß er laut aufschrie und nun von der Dame für den erkannt wurde, der er war. Mit Gekreisch und Kneipen und Kratzen weckte sie ihn sogleich auf und drohte, ihn vor Gericht zu belangen, indem sie ihn gleich mit allen Ehrentiteln belegte, welche die Wuth einer solchen Täuschung einem bösen Weibe einzuflößen vermag. Aber der Thäter war ein schlauer Schelm und verstand es, geschickt sich aus dem Handel zu wickeln. Mit großer Ruhe stellte er der aufgebrachten Schönen vor, wie sie sich um ihres eigenen guten Namens willen, der ihm selbst so sehr am Herzen läge, beruhigen möchte; wie er die unverbrüchlichste Achtung für ihre liebenswürdige Person hege, und wie er, gefesselt von ihrer Anmuth auf ewig, bereit sey, Alles zu thun, was in seiner Macht stände, um sein Vergehen gegen sie wieder gut zu machen. Diese Vorstellung, untermischt mit einigen wohlangebrachten Zärtlichkeiten, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Domina sah ein, daß es das Beste für sie wäre, einen Vergleich zu schließen, und zeigte sich bereitwillig, ihm Vergebung angedeihen zu lassen, wenn er ihr sein Wort gäbe, die ihr zugefügte Schmach durch eine Heirath zu vergüten. Dies zu versprechen fiel dem heillosen Gauner nicht schwer; mit großer Bereitwilligkeit legte er eine Menge Gelübde ab und gab mit der größten Geläufigkeit alle Versicherungen, die sie nur verlangte, ohne dabei den Gedanken zu haben, auch nur eine einzige erfüllen zu wollen.

Peregrine war durch den Lärm, den Beide erhoben hatten, beunruhigt worden und nach der Thüre ihres Zimmers hingelaufen, um sich nöthigenfalls ins Mittel zu schlagen. Nachdem er hier aber erhorcht, daß sich die Sache gütlich ausglich, kehrte er zu seiner Gebieterin zurück, die den Hergang mit Freuden vernahm, daß sie nun leicht voraussehen konnte, daß die Strenge ihrer Wächterin ihr jetzt keine Hindernisse mehr in den Weg legen würde.


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