Autorenseite

 << zurück weiter >> 

CI.

Fernere Ereignisse im Autor-Club.

Kaum war diese Sache abgemacht, so erhob sich ein Anderer und zeigte an, er habe es übernommen, einen Autor, der bisher nur in höchst verstümmelten Uebersetzungen bekannt geworden sey, in einer besseren Uebertragung herauszugeben, allein sowie dies Vorhaben ruchbar geworden, hätten die Eigenthümer jener elenden Verballhornungen sich die möglichste Mühe gegeben, sein Werk zu verschreien, und unter der Hand ausgebreitet, er verstände nicht ein Wort von der Sprache, aus welcher er zu übersetzen vorgebe.

Da dies ein Fall war, der für den größten Theil der andern Anwesenden ein besonderes Interesse hatte, so begann man die Sache in Ueberlegung zu ziehen und es bemerkten Einige: dies sey nicht nur ein boshafter Angriff gegen den Kläger, sondern auch ein feindseliger Wink für das Publicum, die Fähigkeiten der andern Uebersetzer zu untersuchen, von denen, wie nur zu bekannt, wenige so beschaffen wären, daß sie bei einer solchen Beleuchtung bestehen könnten. Andere meinten, daß außer dieser Betrachtung von unbestreitbarem Gewichte für die Gesellschaft, es auch noch nothwendig seyn dürfte, Maßregeln zu verabreden, um den Uebermuth der Buchhändler zu demüthigen, die seit undenklichen Zeiten begierig jede Gelegenheit ergriffen, die Autoren zu unterdrücken und zu Sklaven zu machen, indem sie Männer von Genie auf das Tagelohn von Schneidergesellen einschränkten, ihnen kaum einen Ruhetag in der Woche gönnten und ihre Noth auf eine Art benutzten, die gegen alle Billigkeit und Menschenliebe verstieße.

»Ich will ein Beispiel davon erzählen,« sprach Einer aus der Gesellschaft: »Nachdem ich einigen Ruf erlangt hatte, begann einer dieser Tyrannen mich zu liebkosen, mir seine Freundschaft zu versichern und mich sogar, wenn ich es bedurfte, mit Geld zu unterstützen. Ich sah den Mann für einen Phönix unter Seinesgleichen an. Hätte er meine Gesinnungen gekannt und mir darnach begegnet, gewiß, ich hätte freudig unter jeder ihm beliebigen Bedingung für ihn gearbeitet; aber da ich einst wieder einmal eine kleine Summe brauchte und mich dieserhalb an ihn wendete, da fuhr er mich mit trotzigen und groben Reden an und fragte voll Unverschämtheit: wovon ich ihm denn das mir bereits vorgeschossene Geld zurückzahlen wollte? und dennoch war ich damals bereits ziemlich weit in einem Werke für ihn gekommen, das ihn hinreichend für alle geleisteten Vorschüsse deckte. So wurde ich von ihm wie eine junge Person behandelt, die eine freche Kupplerin erst durch Liebkosungen in ihr Garn zu ziehen sucht und dann zur Sklavin ihrer nichtswürdigen Habsucht macht, und so wird ein armer Autor gedrückt und ihm selbst vor den Augen der Welt das Recht genommen, sich über das Joch zu beklagen, welches ihm seine hartherzigen Placker aufzulegen für gut finden.«

Dieser Bericht wirkte so mächtig auf die ganze Gesellschaft, daß sich der Unwille Aller aussprach und man nach kurzen Debatten einstimmig beschloß, dadurch Rache gegen diejenigen zu nehmen, die den ersten Kläger gekränkt hatten, daß letzterer von einem gut abgehenden Buche eine neue Uebersetzung machen und diese so enge drucken lassen sollte, daß sie wohlfeiler als die andere verkauft werden könne, worauf man dann diese neue Uebersetzung mit aller Kunst und dem ganzen Einfluß der Gesellschaft in die Welt einführen wolle.

Wie diese Sache zur Zufriedenheit der Anwesenden abgemacht war, erhob sich ein Autor von einigem Ansehn und bat seine Collegen um Rath und Beistand gegen einen gewissen vornehmen Herrn, der den Mäcen spielte und des Autors Bekanntschaft wegen eines Werkes zu machen gesucht hatte, das vielen Beifall im Publikum fand. »Er bat mich in sein Haus,« fuhr der Kläger fort, »und überhäufte mich mit Artigkeiten und Freundschaftsversicherungen, ja ich mußte ihm versprechen, ganz ohne allen Zwang mit ihm umzugehen und wenigstens die Woche drei- bis viermal bei ihm zu frühstücken. Um nun diesem Verlangen zu genügen und ihm keine Veranlassung zu dem Glauben zu geben, als wolle ich seine Freundschaft vernachlässigen, begab ich mich ein paar Tage darauf zu ihm, um eine Tasse Chocolate bei ihm zu trinken und ihm zugleich eines meiner Manuscripte, welches er zu lesen gewünscht hatte, zu übergeben; sein Kammerdiener sagte mir jedoch, Se. Lordschaft wären von einem den Tag vorher stattgefundenen Balle noch so ermüdet, daß er denselben nicht wage aufzuwecken, und so empfahl ich mich denn mit Zurücklassung meines Manuscripts wieder.«

»Um ihn nicht zu lange nach meinem Besuch schmachten zu lassen, ging ich den folgenden Tag von Neuem hin und erfuhr nur, daß Se. Gnaden sich sehr an meiner Arbeit ergötzt hätten, daß dieselben aber in diesem Augenblick so außerordentlich mit der Wahl eines Anzuges zu einer bevorstehenden Maskerade beschäftigt wären, daß Sie jetzt nicht das Vergnügen haben könnten, mich zu sprechen. Diese Entschuldigung ging an und ich ließ sie gelten. Nach ein paar Tagen kam ich wieder; doch jetzt hieß es: der Lord habe Privatgeschäfte. Auch dies konnte möglich seyn und ich kam deshalb zum vierten Male, in der gewissen Hoffnung, nun endlich Se. Herrlichkeit zu sehen; allein auch diesmal war dies nicht der Fall; er war eine halbe Stunde früher ausgegangen und hatte dem Kammerdiener mein Manuscript mit der Versicherung zurückgelassen: er habe dasselbe mit dem größten Vergnügen gelesen. Wahrscheinlich würde ich mit dieser Erklärung sehr zufrieden von dannen gezogen seyn, hätte ich nicht im Vorsaal gehört, wie ein Lakei meinen Führer leise fragte: ob Se. Lordschaft jetzt, im Fall gefragt würde, zu Hause seyn wollten? Man kann leicht denken, wie mich diese Entdeckung freute; ärgerlich wandte ich mich an meinen Begleiter und sprach: Ich sehe, daß Se. Herrlichkeit gesonnen sind, für noch mehr Leute, als mich, nicht zu Hause zu seyn. Der Mensch, wiewohl nur ein Kammerdiener, wurde roth über meine Bemerkung, ich aber ging, nicht wenig erbittert über den abgeschmackten Gecken, der sich für einen Beschützer der Künste ausgab, fort und beschloß, ihn nie wieder mit meinem Besuche zu belästigen.«

»Bald darauf traf ich den Lord im Park und höflich, wie ich bin, brachte ich es über mich, ihn zu grüßen, allein kaum dankte er mir und benahm sich, obschon wir ganz allein waren, überhaupt völlig fremd gegen mich, und als nun kürzlich das Werk, dem er in der Handschrift so großen Beifall gezollt hatte, auf Subscription herauskam, da hat er nicht einmal auf ein Exemplar unterzeichnet. Mehrmals habe ich mir das seltsame, widersprechende Benehmen dieses Mannes hinsichtlich meiner überlegt und ich kann nicht anders glauben, als es ist sein Wille, sich lächerlich und verhaßt zu machen. Nie habe ich um seine Gönnerschaft gebuhlt, ja ich habe ihn nicht dem Namen nach gekannt, bis er sich um meine Bekanntschaft bewarb; wenn ihm aber meine Unterhaltung mißfiel, warum drang er in mich, ihn zu besuchen?«

»Der Fall,« entgegnete hier der Präsident, »ist klar. Der Lord ist einer von jenen Dunsen, die für Männer von Geschmack gelten wollen und die sich mit den Bekanntschaften von Gelehrten brüsten, damit man glauben soll, sie stünden denselben bei ihren Arbeiten bei. Ich wette darauf, der edle Herr hat bereits in allen Gesellschaften sich berühmt, Sie hätten ihn ersucht, die Durchsicht Ihres Werkes zu übernehmen und er habe Ihnen in Betreff einiger Stellen, die gerade jetzt im Druck den Beifall der City nicht erhalten hätten, einen guten Rath ertheilt, den Sie jedoch nicht für gut befunden zu befolgen. Und was die Liebkosungen anlangt, so ist auch hier nichts Außerordentliches. Wenn Sie erst so lange wie ich werden in der Welt gelebt haben, dann werden Sie die Erfahrung machen, daß Versprechen und Halten bei Hofleuten himmelweit verschiedene Dinge sind. Was nun die Rache anbetrifft, die Sie an ihm nehmen wollen, so würde ich Ihnen meines Theils gern hierin beistehen, wenn ich nur die Möglichkeit sähe, diesen Menschen dahin zu bringen, daß ihn seine jämmerliche Vorstellung reuete; allein wenn ich nicht irre, so hat derjenige, welchen Sie meinen, längst so völlig alles Gefühl von Rechtschaffenheit und Scham von sich abgethan, daß er jeder Art von Angriff unzugänglich ist.«

Dieser Meinung des Vorstehers pflichteten die Andern sämmtlich bei; man legte die noch vorhandenen Klagen und Eingaben für die nächste Sitzung zurück und schritt nun zu der in der Regel alle vierzehn Tage stattfindenden Witzübung, die man zur Entwickelung des Genies veranstaltete. Den Inhalt wählte der Vorsitzende nach Belieben, indem er das Spiel mit irgend einer aus dem Stoff der Unterhaltung genommenen spitzen Bemerkung begann, worauf dann der Ball von einer Ecke des Zimmers in die andere getrieben wurde, je nachdem sich der Witz eines Jeden schlagfertig fand.

Um dem Leser von diesem Spiele und der Geschicklichkeit der Anwesenden darin einen Begriff zu machen, theilen wir hier die Einfälle dieses Abends, sowie sie in der Reihe folgten, mit:

Einer. Master Metaphor ist ja heute nicht da?

Ein Anderer. Der Poet wird ungestümes Wetter haben und nicht fortsegeln können.

Der Präsident (mit der Loosungsmiene im Gesicht). Wie? liegt er windfest im Hafen?

Ein Dritter. Weinfest, vermuthe ich eher.

Ein Vierter. Weinumreist! Ein wunderlicher Metaphor!

Ein Fünfter. Nicht doch, und wenn er auch in einem Oxhoft läge.

Ein Sechster. Das Oxhoft kriecht wohl eher in ihn. Es muß ein Stückfaß oder ein Ocean seyn.

Ein Siebenter. Darf man sich da wundern, wenn er untersinkt?

Ein Achter. Und wenn dies auch, er käme doch wieder empor, wenn seine Galle berstet.

Ein Neunter. Das muß bald geschehen, denn sie ist schon lange überfüllt.

Ein Zehnter. Nein, nein, auf mein Wort, er bleibt im Grunde liegen, denn er hat einen eigenen Tact zum Hinuntersinken.

Ein Eilfter. Dennoch sah ich ihn schon oft in den Wolken.

Ein Zwölfter. Sein Ingenium? ja das ist bewölkt genug.

Der Vorige. Und diese Wolken waren so finster, daß Niemand des Dichters Meinung zu durchdringen vermochte.

Der Andere. Trotz dem ist er aber doch leicht zu durchblicken.

Ein Dreizehnter. Sprechen Sie doch als wäre sein Kopf von Glas.

Ein Vierzehnter. O bewahre! der ist von dauerhafterer Masse; er biegt eher als er bricht.

Der Präsident. Dessen ungeachtet sah ich ihn bereits zerbrochen.

Ein Fünfzehnter. Kam Witz aus der Oeffnung?

Der Präsident. Er war so subtil, daß man ihn nicht bemerken konnte.

Eben sperrte wieder Einer den Mund auf, als dieses Geistesmanoeuvre plötzlich durch das Geschrei: Feuer! Feuer! unterbrochen wurde. Der Lärm kam aus der Küche und setzte die ganze Versammlung in großes Schrecken; Keiner wollte im Herausgehen der Letzte seyn, daher war der Ausgang im Augenblicke versperrt und Jeder empfing von seinem Hintermanne Püffe und Stöße. Zank und Geschrei entsprangen aus dieser Reibung; Wolken von Rauch verdunkelten dabei das Zimmer und Schrecken und Entsetzen lagerten sich auf jedem Gesicht.

Als Peregrine keine Möglichkeit sah, zur Thüre hinauskommen zu können, öffnete er das Fenster und sprang auf die Straße hinab, wo er eine Menge Menschen fand, die zum Löschen herbeigeeilt waren. Mehrere Mitglieder des College schlugen denselben Weg ein und retteten sich ebenfalls glücklich, aber der Präsident wagte es nicht, diesem Beispiele zu folgen, und stand deshalb zitternd und bebend eben im Begriff, sich langsam die Höhe hinabzulassen, als eine Sänfte dicht am Hause vorübergetragen wurde. Diese gute Gelegenheit nahm er wahr und stürzte sich nun mit solcher Anstrengung auf dieselbe, daß sie sogleich um und in den Rinnstein geworfen wurde, zum ungeheuern Entsetzen des darin Sitzenden, eines weibischen Stutzers, der sich in vollem Staate zu einem Ball tragen ließ.

Als dieses Schattenbild von einem Manne das Getöse über sich hörte und sich sogleich umgestürzt fühlte, glaubte er, ein Haus sei auf die Sänfte gefallen und stieß ein entsetzliches Geschrei aus, welches von den Umstehenden für ein Weibergekreisch gehalten wurde; die Sänftenträger hatten sich aber kaum wieder von ihrem Schreck erholt, als sie, statt dem Stutzer beizustehen, hinter dem herrannten, der das Unheil angerichtet hatte. Doch dieser war gewohnt, Gerichtsdienern zu entwischen; schnell vertiefte er sich in ein enges Gäßchen und verschwand im Augenblick, so daß er von keiner lebendigen Seele mehr bis zum nächsten Tage gesehen wurde, wo er sich in Towerhill wieder blicken ließ.

Der mitleidige Theil des Volkes, welcher sich unterdessen bemüht hatte, der vermeinten Dame in der Sänfte zu Hülfe zu kommen, merkte aber jetzt kaum sein Versehen und sah den Stutzer, der noch ganz starr vor Schreck und Furcht war, als sich sein Mitleid in Muthwillen verwandelte. Man ließ die derbsten Späße über das Unglück des jungen Mannes los und bezeigte auch nicht die geringste Lust mehr, ihm seine Lage zu erleichtern. Endlich erbarmte sich aber Peregrine des armen Gecken und brachte ihn mit Hülfe der Sänftenträger in das Haus eines Apothekers in der Nachbarschaft, dem dies Ereigniß zu nicht geringem Frommen diente, denn der Schreck hatte so heftig auf die schwachen Nerven des Stutzers gewirkt, daß er vierzehn Tage delirirte, während welcher Zeit man es denn nicht an Arzneien, Aufwartung und Pflege fehlen ließ, wie die wahrhaft königliche Rechnung des Apothekers bewies.

Nachdem Peregrine den Stutzer wohlbehalten unter Dach und Fach gebracht hatte, kehrte er wieder nach dem Orte der Verwirrung zurück, wo er jetzt erfuhr, daß das Ganze nichts als das Ausbrennen einer Esse gewesen und, da man das Feuer bald dämpfte, kein weiterer Schade daraus entstanden sey, als daß die Nachbarn beunruhigt, das College gestört und das Gehirn eines Stutzers in Unordnung gebracht wurde.

Begierig, die besonderen Verordnungen dieser Gesellschaft, die sich ihm nach und nach entschleierte, näher kennen zu lernen, begab sich unser Held bei der nächsten Zusammenkunft abermals hin und sah, wie man dieses Mal zu Gunsten mehrerer Mitglieder, die in Fleet, Marshalsea und Kingsbench verhaftet waren, Bittschriften vorlegte. Da diese armen Schriftsteller von ihren Collegen nichts verlangten als guten Rath und Dienstleistungen, die dem Beutel nichts angingen, so wurden ihre Gesuche mit großer Sorgfalt erwogen, und Peregrine fand hierbei eine Gelegenheit, seinen Collegen zu zeigen, welchen Einfluß er in der Welt besaß. Es traf sich nämlich, daß er mit dem Gläubiger eines der Verhafteten gut bekannt war, und da er nun wußte, daß die Strenge des Ersteren blos daher rührte, weil der Letztere denselben in einer Satyre deshalb durchgehechelt hatte, weil dieser ihm keine weiteren Vorschüsse machen wollte, so erbot er sich jetzt, auf die Nachricht, daß der Autor sein Vergehen bereue, den Gläubiger zur Nachsicht zu stimmen, was ihm denn auch so gut gelang, daß der Schuldner wirklich ein paar Tage darauf seine Freiheit wieder erhielt.

Nachdem diese Pflichten gegen die Gesellschaft abgemacht waren, wurde die Unterhaltung wieder allgemein und man begann einige neue literarische Erzeugnisse, vornehmlich solche, deren Verfasser nicht mit dem College in Verbindung standen, freimüthig zu beurtheilen. Auch das Theater entging der Kritik der Gesellschaft nicht, und man pflegte wöchentlich einige der einsichtsvollsten Mitglieder in die verschiedenen Schauspielhäuser zu senden, um Bemerkungen über das Spiel der Darsteller zu machen; jetzt aber rief man diese Herren auf, ihren Bericht abzustatten. Die Stücke, welche sie gesehen, waren die schöne Bußfertige und die Rache von Young.

Der, welcher der Darstellung der ersten dieser beiden Tragödien beigewohnt, äußerte, daß er, im Ganzen nichts Wesentliches über die Hauptdarsteller in diesem Stücke zu sagen habe. Anfänglich hätte ihn zwar die buntscheckige Kleidung des Lothario insofern irre gemacht, daß er denselben für einen Puppenspieler gehalten habe, der zur Belustigung der Gäste auf Callistens Hochzeit sey gemiethet worden, und auch nachher sey er über dessen seltsames Betragen erstaunt, als er bei der Herausforderung des Horazio verlangt habe, daß ein so schwerfälliger Mensch ihn eine ganze Meile weit unter Felsen suchen solle, was doch ohne offenbare Gefahr eines Beinbruches nicht hätte geschehen können.

Peregrine glaubte hier, diese Bemerkung rühre von einer gänzlichen Unbekanntschaft des Kritikers mit dem Stücke her und sagte deshalb, der Kunstrichter habe sich hier vielleicht durch die Worte irre machen lassen:

»Westwärts von der Stadt eine Meile,
Dort unter jenem Felsen, wart' ich morgen
Zwei Stunden vor dem Mittag Deiner;«

worauf denn der Beurtheiler ihm erwiederte: »In der That kannte ich den Text nicht genau, sonst würde ich den Autor und nicht den Schauspieler getadelt haben, der bei dem Worte Stadt eine ziemliche Pause machte und dann das folgende: ›Eine Meile dort unter jenem Felsen wart' ich morgen‹ ohne Unterbrechung sprach und hiermit vielleicht, in Folge seines großen Scharfsinnes, die wahre Interpunction des Dichters und daß Lothario einen Anschlag auf die gesunden Beine seines Gegners gemacht, entdeckt zu haben glaubte. In diesem Falle ist er dann zu loben, sowie auch in seinen andern Verbesserungen in Betreff der Action; seine Art zu sterben kann ich jedoch nicht billigen. Sein Fall und sein Benehmen beim Tode im Charakter dieses munteren Libertins geben vollkommen das Bild eines Kesselflickers, der, vom Fusel überwältigt, gegen einen Pfahl taumelt, in den Rinnstein fällt, Hammer und Pfanne aus der Hand gleiten laßt, verschiedene convulsivische Bewegungen macht, um sich wieder aufzuhelfen, und da er merkt, daß dies nicht gehen will, sich mit schluchzender und unterbrochener Stimme an die Umstehenden wendet, um sie zu Hülfe zu rufen.«

»Es ist wahr,« entgegnete Pickle, »die Darstellungsart dieses Schauspielers ist nicht von unnatürlicher Heftigkeit und lächerlichen Geberden frei und er strebt sehr sichtbar nach dem Beifalle der unbeholfenen Menge; doch der Vergleich mit einem Kesselflicker dürfte wohl zu strenge seyn; und was nun vollends die Verdrehung des Sinnes des Dichters durch falsche Betonung anlangt; so ist das etwas so Gewöhnliches und Allgemeines; selbst bei den besten Schauspielern, daß man darüber fast nichts mehr sagen darf. Ich selbst habe hierin von dem Roscius unserer Zeit, der sich mit dem besten Vortrage brüstet, die merkwürdigsten Verstöße vernommen.«

»Dennoch ist Quin,« fiel hier der zweite Kritiker ein, »unstreitig einer der vollkommensten Schauspieler, die jemals unsere Bühne betraten. Ich bin mehrmals hingegangen, um sein Spiel zu kritisiren, und fand keinen Anlaß, ihn zu tadeln, dagegen unendlich viel, ihn zu loben. Er hat Rollen, in denen er unnachahmlich ist, und außer seiner deutlichen Aussprache sind seine Stellungen so edel, seine Bewegungen so bedeutsam, daß, wie ich glaube, selbst Jemand, der seines Gehörs beraubt ist, ihn durch das bloße Sehen verstehen müßte. Nichts kann trefflicher seyn, als die Art, wie er Isabellen Im Trauerspiel: Zanga. erzählt, wie Alonso sich benommen hat, nachdem derselbe den meuterischen Brief gefunden, den sie auf Anstiften des Mauren fallen ließ, und wenn er nun, seine Rache zu krönen, entdeckt, daß er von allem Unheil der Anstifter war, dann ist seine Declamation und sein Spiel in den wenigen Worten:

›So wisse denn: die That – that ich‹

vortrefflich.«

Unser Held sah den Kunstrichter einige Augenblicke starr an und sagte dann: »Ich zweifle nicht, daß Ihr Lob Ironie ist, denn gerade bei den Stellen, die Sie erwähnen, treibt dieser Schauspieler seine Uebertreibungen auf den Gipfel. Die Absicht des Verfassers ist, daß der Maure seinem Vertrauten eine Nachricht in wenigen Zeilen hinterbringen soll; nun müssen diese allerdings mit Lebhaftigkeit und Selbstzufriedenheit gesprochen werden, aber nicht mit jenen lächerlichen Geberden, die denen einer Meerkatze gleichen, womit Quin die Worte spricht:

›.................... Er nahm ihn auf,
Doch kaum war er vor seinem Blick entfaltet,
So starrt er schnell, als hätt' ein Pfeil sein Auge
Durchbohrt, und warf ihn zitternd auf den Boden.‹

Bei den ersten beiden Worten bückt sich dieser große Schauspieler und thut als wolle er etwas von der Erde aufheben; wenn er aber das Folgende declamirt, dann macht er es mit den Händen so als bräche er einen Brief auf, und bei dem Gleichnisse von dem Pfeil, der durch das Auge fährt, bewegt er rasch den Zeigefinger gegen das Auge; hierauf springt er aber, wenn er die Worte spricht: ›So starrt er schnell‹ mit Heftigkeit zurück, und bei der Stelle: ›warf ihn zitternd auf den Boden‹ zittert und bebt er an allen Gliedern und läßt das in der Einbildung gehaltene Papier aus der Hand sinken. Den letzten Theil seiner Beschreibung trägt er aber mit derselben lächerlichen Gesticulation vor, wenn er sagt:

›Bestürzt und bleich stand erst mein Opfer da,
Hielt einen Seufzer noch zurück und stieß
Ihn dann heraus; rieb sich die Stirn und nahm
Ihn wieder auf.‹

Hier starrt der Schauspieler wild und seufzt zweimal so jämmerlich auf, als wär' er im Begriff zu ersticken, dann reibt er sich aber die Stirn und macht dann abermals die Geberde, als lange er etwas vom Boden auf. Dieselbe Feinheit des stummen Spielers bringt er bei dem Schluß seiner Erzählung an. Bei den Worten:

›Er stand im Anfang da als wollt' er lesen;
Von Furcht geschreckt, zerdrückt er ihn und steckt
Ihn, einer Natter gleich, in seinen Busen.‹

Hier ahmt dieser große Künstler Alonso's Kummer und Verwirrung nach. Er blickt starr auf einen Punkt, fährt dann voll Entsetzen zurück, drückt die Fäuste mit Heftigkeit zusammen und steckt hierauf mit dem Schreck eines auf der That ertappten Diebes die Hand in den Busen. Wäre er der Sprache beraubt und müßte sich blos an die klugen der Zuschauer wenden, so ließ ich diese Pantomimen gelten, allein so kann nichts lächerlicher und abgeschmackter erscheinen.«

»Gewiß will ich nicht eine passende Action vom Theater verbannen, denn ohne dieselbe würde es aufhören zu seyn, was es ist; allein die wahre Action ist von diesen lächerlichen Geberdungen eben so verschieden, als der Vortrag eines Cicero auf der Rednerbühne von den Possen eines Hanswurstes in einer Marktschreierbude, und zum Beweise meiner Behauptungen will ich mich auf das Urtheil eines jeden Unbefangenen berufen, der Fähigkeiten genug besitzt, das Schickliche und Zierliche, sowie es allgemein im wirklichen Leben anerkannt wird, zu würdigen.«

»Allerdings,« fuhr er fort, »habe ich einen Gascogner gekannt, dessen Gliedmaßen so gewandt waren, daß er keiner Zunge bedurft hätte. Nie sprach er das Wort Schlaf ohne den Kopf in die hohle Hand zu stützen, redete er von einem Pferde, so trabte er im Zimmer umher oder wieherte wenigstens, wenn sich dies nicht thun ließ. Kam das Gespräch auf einen Hund, so wackelte er mit dem Hintertheile seines Körpers und fletschte mit den Zähnen, ja einmal drückte er sein Verlangen, über Seite zu gehen, mit einer so sprechenden Geberde aus, daß die Gesellschaft glaubte, die That sey bereits geschehen und sich die Nasen zuhielt; allein es kam auch Niemandem in den Sinn diesen Possenreißer für das Muster eines guten sowohl mündlichen als körperlichen Vortrags zu halten.«

»Was nun den Schauspieler, von dem hier die Rede ist, anlangt, so glaube ich, daß er als Pantalons Diener in der Posse: Perseus und Andromeda eine gute Figur spielen würde. Vielleicht könnte er sich auch einigen Ruhm erwerben, wenn er das Trauerspiel: die Rache in eine Pantomime verwandelte. Ich würde ihm dann rathen, sich mit einer Hand voll Mehl zu versehen, um sich damit zu betünchen, wenn er die Worte: bestürzt und bleich spricht; auch sollte er bei der Stelle von der Natter ein schreckliches Zischen hören lassen; die Sache würde dadurch eindringlicher werden. Doch lassen Sie uns jetzt auf die Situation kommen, worin er sich so sehr ausgezeichnet haben soll: ich meine die in den Worten: So wisse denn: die That – that ich! liegende Erklärung. Es ist möglich, daß er seinen Vortrag seit der Zeit, wo ich ihn nicht in diesem Stücke sah, geändert hat, doch kam mir sein Benehmen so seltsam bei diesen Worten vor, daß ich glaubte, es wandle ihm ein Anfall von Epilepsie an. Wohl zwei Minuten stand er schwankend mit offenem Munde und starren Augen wie ein Mensch da, dem plötzlich die Glieder gelähmt werden, und endlich brachte er nach vielen Verdrehungen und Bewegungen, die aussahen, als würde er von Flöhen gebissen das Wort ich so tief aus seiner Brust hervor, als wär' es ein Anker, den man aus einem schlammigen Grunde herauswinden müßte.«

Diese scharfe Kritik war dem größten Theile der Anwesenden höchlich willkommen, da sie nicht viel auf den in Rede stehenden Schauspieler hielten; der Bewunderer desselben antwortete aber weiter nichts, sondern flüsterte nur seinem Nebenmanne die Frage zu, ob Peregrine vielleicht dem Theater ein Stück angeboten und es zurückerhalten hätte? Diese Bemerkung war nicht leise genug gemacht, um daß sie unser Held nicht hätte hören sollen; auch schien er Lust zu haben, darauf zu antworten, doch kam ihm ein Anderer dadurch zuvor, daß er sich die Meinung und das Gutachten der Gesellschaft über eine Elegie erbat, welche er kürzlich verfertigt hatte.

Ehe der Poet sein Erzeugniß aber noch der Versammlung zur Einsicht vorlegen konnte, bemerkte der Vorsteher mit finsterer Miene: er hätte wohl seine Zeit nützlicher anwenden können, als dazu, eine Art von Gedicht anzufertigen, worin er schon öfters unglücklich gewesen sey.

»Allerdings,« entgegnete der Andere, »ist mein letztes Product in dieser Art nicht allzugünstig aufgenommen worden, doch veranlaßte dies blos der Stoff, der die Gefühle des Herzens zu wenig erregte; diesmal, meine Herren, ist der Fall jedoch ganz anders. Ich verfertigte diese Elegie auf den Tod meiner Großmutter, einer in jedem Betracht der Thränen, die ich über ihrem Grab vergoß, werthen Frau, und ich kann sagen, das Werk ist das ächte Erzeugniß einer ungeheuchelten Traurigkeit. Die Flecken, welche Sie auf dem Papiere erblicken, sind Spuren des Schmerzes, worin ich das Lied schrieb. Lacrymae fecere litteras, und wahrlich, wer es mit trocknem Auge lesen kann, der muß ein Felsenherz im Busen tragen!«

»Wenn dies der Fall ist,« versetzte der Vorsteher, »so möchte ich wünschen, Sie sparten uns den Jammer, denn wir haben insgesammt so hinreichende wahre Anlässe zur Traurigkeit, daß wir nicht nöthig haben, erdichtetem Kummer nachzujagen.«

Trotz dieser abschreckenden Antwort bestand doch der Dichter darauf, ihm zu erlauben, eine Probe seiner Arbeit vorzulesen, da man ihm aber nur wenige Zeilen gestatten wollte, so fühlte er sich dadurch so beleidigt, daß er sein Manuskript wieder einsteckte, worauf sich denn die Versammlung bald trennte.


 << zurück weiter >>