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LXXXVIII.

Peregrine macht zum Zeitvertreibe einige Streifereien in das Gebiet des Lasters und der Thorheit.

Jugendliche Unbedachtsamkeit und Unfälle seltsamer Art hatten Lady Vany in mancherlei Verwicklungen gestürzt, deren Erzählung die Gesellschaft eben so unterhielt, als sie Peregrinen mit gerechter Bewunderung für den immer edlen Charakter der Dame erfüllten und einen Herrn am Schlusse des Berichtes zu der Bemerkung veranlaßten: »Lady Vany habe nur Einiges in der Schilderung ihres Lebens vergessen, wie sie nämlich eine Menge der mildesten und wohlthätigsten Werke, die er selbst Gelegenheit gehabt habe zu beobachten, nicht erwähnt hätte.«

Wäre jetzt nicht Emiliens Bild noch immer in seinem Herzen gewesen, so würde Peregrine ohne Zweifel sich ganz dem Eindrucke hingegeben haben, den die liebenswürdige Lady Vany auf ihn machte, so aber begnügte er sich um so mehr damit, blos sich um ihre Freundschaft zu bewerben, da er gelegentlich durch Crabtree erfuhr, daß auch sie, trotz aller Gewogenheit für ihn, nur solche Gefühle gegen ihn hegte. Um sich indeß ganz sicher gegen die Wirkung von Reizen zu stellen, die doch über kurz oder lang einen tiefern Eindruck auf ihn machen konnten, und sich möglichst seinen betrübenden Erinnerungen an Emilie zu entschlagen, beschloß er, sich in mancherlei Neckereien einzulassen, die seiner Gemüthsbeschaffenheit so viel Vergnügen gewährten. In diesem Entschlusse bestätigte ihn der Menschenfeind sehr angelegentlich und machte ihm dabei Vorwürfe, daß er sein Talent in diesem Punkte so ungebraucht verrosten ließe.

Beide begannen demnach gemeinschaftlich Lächerlichkeiten der Welt und führten zum Erstaunen und ungemeinen Verdruß aller Arten von Narren, männlichen und weiblichen Geschlechts, eine Menge Heldenthaten aus, deren umständliche Schilderung den Leser leicht ermüden dürfte, weshalb hier nur ein paar dergleichen Ereignisse mitgetheilt werden sollen.

Peregrinens Kundschafter besaß, wie wir wissen, das Vorrecht, fast in allen Häusern Zutritt zu haben. So fügte es sich daß er eines Morgens bei einer Art von großem Manne zum Frühstück war, der neben einer tüchtigen Portion von Aberglauben und Scheinfrömmigkeit eine nicht mindere von Sinnlichkeit besaß. Unter den Clienten dieses Herrn befand sich nun auch ein Mensch, der durch knechtisches Schmiegen in die Launen seines Gönners und durch niederträchtige Gefälligkeiten gegen dieselben, sich dessen Vertrauen in einem hohen Grade erworben und gewissermaßen sein Rathgeber und Führer, sowohl in geistlichen als weltlichen Angelegenheiten, geworden war.

Der schlaue Parasit, der die Schwäche seines Patrons wohl kannte, begann jedoch zu fürchten, der Andere möchte bei den Anreizungen seines Fleisches und Blutes in Versuchung fallen, einen anderen Unterhändler zur Befriedigung seiner Lüste zu gebrauchen, und um diesem nun zuvorzukommen, beschloß er jetzt das Geschäft eines Merkurs ebenfalls mit zu übernehmen, wozu er auch in der That kein geringes Talent besaß. Um sich jedoch ganz sicher zu setzen, suchte er die etwaigen Bedenklichkeiten und Gewissenszweifel seines Mäcen erst vorher zu beseitigen; eine Sache, die ihm vermöge der Neigung des Andern nicht allzu schwer ward: als aber dies geschehen war, sah er sich nach einem Frauenzimmer um, das guten Willen genug besaß, das Feuer in der Brust des alten Herrn zu dämpfen, und gerade an dem Tage, wo sich Crabtree gegenwärtig befand, wurde nun zwischen dem Patron und seinem Clienten das Nähere zu einem Rendezvous mit der Schönen auf den Abend verabredet, so daß der Cyniker Alles mit anhörte. Der Kuppler hinterbrachte seinem Herrn, daß das Mädchen, sowohl um die Zusammenkunft geheim zuhalten, als um sich die Verwirrung zu ersparen, verlangt hätte, die Scene solle in einem Hause, das am Ende des Gartens des alten Sünders lag, vorfallen und zwar ohne daß Licht dabei sey; um aber die Inamorata unbemerkt in den Garten führen zu können, sollte ein Hinterpförtchen desselben offen bleiben.

Nachdem Peregrine auf diese Art alle näheren Umstände der Zusammenkunft und die anberaumte Stunde erfahren hatte, befahl er Pipes, ein lebendiges Kalb zu kaufen und es in einem Sacke in der Dämmerung an die hintere Mauer des Gartens zu tragen; dann ging er selbst im Dunkeln mit seinen Leuten durch das offene Pförtchen und versteckte sich in eine dichte Laube neben dem Sommerhause. Hier rieb er die Stirn des Kalbes mit Phosphorus und gebot Pipes, das Thier bei Annäherung der Gesellschaft aus dem Sacke herauszulassen, während er sich selbst hinter einen Pfeiler stellte, um den Ausgang mitanzusehen.

So hatte er fast eine Stunde gewartet, als sich endlich drei Personen näherten; Pipes begann nun sogleich das ihm anvertraute Geschöpf loszumachen, da er jedoch keine besondere Gewandtheit in dieser Art Geschäften besaß, so entwischte ihm das Kalb, sobald es sich aus dem Sacke befand, und lief den Nahenden mit lautem Geblöke entgegen.

Die Leidenschaft des alten Herren war durch die Erwartung bis zu einem Gipfel gestiegen, der ihn eben so gut wie zur Liebe, auch zu der Empfindung eines religiösen Schauers fähig machte, und als er nun jetzt in einem Augenblicke, wo er seinen sträflichen Begierden hatte nachhängen wollen, eine solche Erscheinung auf sich zukommen sah und dabei die Worte: »Tod und Verdammniß!« vernahm, die Pipes in seinem Aerger darüber, daß ihm das Kalb entlief, mit dumpfer Stimme aus seinem Winkel hervorbrüllte, da erfaßte ihn ein ungeheures Entsetzen und er fiel voll Todesangst auf sein Antlitz nieder, indem er nicht anders glaubte, als durch eine feurige Botschaft von oben gewarnt worden zu seyn. Minder als er erschrak sein Vertrauter über diese glänzende Erscheinung; das Frauenzimmer aber rannte zu der Gartenthüre hinaus und schrie laut um Hülfe auf dem Felde umher.

Bei dem Kuppler bedurfte es jedoch nur einiger Augenblicke, um sich zu fassen: als er seinen Gönner lang ausgestreckt am Boden liegen sah und seufzen hörte, errieth er schnell dessen Gedanken und beschloß auf der Stelle, Nutzen davon zu ziehen. Zu dem Ende legte er sich ebenfalls ganz säuberlich auf die Erde hin und blieb ruhig in dieser Stellung, bis sein Mäcen ihn drei Mal voll Angst vergebens gerufen hatte und sich nun aufraffte und ganz demüthig bis zu ihm heranschlich. Jetzt erst schien der scheinheilige Kuppler aus seiner Verzückung zu erwachen und stieß ein andächtiges Stoßgebet aus. Dies verfehlte nicht, den Andern in seiner Meinung zu bestärken; voll Furcht und Zittern fragte er ihn: ob er die Stimme gehört und das Licht gesehen habe und dieser, der ein vortrefflicher Schauspieler war, versetzte nun mit allen Merkmalen des Entsetzens: »Wohl! wohl! ein ungeheurer Lichtstrom, der den Glanz der Mittagssonne übertraf, verbreitete sich auf einmal über die Erde und dabei erscholl das Tönen einer Stimme, wie das Brausen vieler Wasser, und die Stimme verkündete allen denen die ewige Verdammniß, die den Lüsten des Fleisches nachhängen.«

Der bekehrte Sünder, dem zwar von allen diesen außerordentlichen Umständen bei jener Erscheinung nichts vorgekommen war, glaubte dennoch blindlings diese Erzählung und maß es seinen schwächeren, schneller in Unordnung gerathenen Organen zu, daß sein Agent mehr hatte vernehmen können als er; er that daher den Vorschlag, sich gemeinschaftlich in das Zimmer zu begeben, das ein Schauplatz seiner Vergehen hatte werden sollen und hier mit zerknirschtem Herzen den Himmel wegen der vorgehabten Beleidigung um Verzeihung zu flehen. Dies war der Andere, wie natürlich, sehr gern zufrieden; ihre Bemühungen, die Nymphe vorher aufzufinden, blieben jedoch vergebens.

Jetzt schien der Kuppler die Meinung zu hegen, sie möchte wohl durch übernatürliche Mittel aus dem Garten entrückt worden seyn, »denn,« sprach er, »als ich so halb verzückt auf dem Boden lag, da hörte ich ein Gerassel, wie von fernen Heerschaaren, und das Geschrei der jungen Person ward immer schwächer und schwächer, als würde sie durch die Lüfte hinweggeführt.«

Während nun die Beiden ihre Bußübungen vornahmen, entfernte sich Peregrine mit seinem Begleiter durch die Pforte nach dem Felde hinaus, wo Pipes sein Kalb, das gegen die Mauer zugelaufen war, aufsuchte, dessen Herr aber quer über das Feld nach jenem Theile der Stadt ging, wo er sich mit Crabtree zu treffen versprochen hatte. Hier war es, daß er bei einem Haufen Holz vorbeikam, auf welchem er ein ziemlich wohlgekleidetes Frauenzimmer sitzen sah, das sich ein Riechbüchschen vorhielt. Er vermuthete sogleich, es möchte dies wohl jene Person seyn, die er in ihrer Zusammenkunft gestört hatte und da er es für seine Pflicht hielt, die ihr zugefügte Kränkung wieder gut zu machen, so näherte er sich derselben und redete sie mit vieler Artigkeit an, indem er sich dabei erbot, sie, falls sie es ihm erlauben wolle, von einem so einsamen und abgelegenen Orte wegzuführen, damit sie hier nicht Beleidigungen ausgesetzt sey.

Seine Vermuthung hatte ihn nicht getäuscht; es war das aus dem Garten entflohene Mädchen, das, ob der unerwarteten Erscheinung, so in Schrecken gerathen war, daß es sich hier hatte niederlassen müssen, um sich ein wenig zu erholen. Ihre Furcht war jedoch noch nicht vorüber, sondern vielmehr durch Nacht und Einsamkeit noch vermehrt worden. Sie nahm daher das Erbieten unseres jungen Herrn mit Vergnügen an und da sie noch ganz kraftlos war, so bat er sie, sich auf seinen Arm zu stützen und bezeigte ihr zugleich das Verlangen, die Veranlassung zu erfahren, durch welche sie in diese Lage gekommen wäre.

So lange Beide noch auf dem Felde waren, sprach sie jedoch sehr wenig, denn trotz seinen Versicherungen und seinem Ansehen glaubte sie doch noch nicht, sich ihm ganz anvertrauen zu können, als man indeß wieder in der Stadt und unter Menschen war, faßte sie Muth, ihr Mißtrauen schwand und die Erinnerung an den Vorfall, der sie in eine so große Bestürzung versetzt hatte, erweckte jetzt ihre Lustigkeit so, daß, als Peregrine von Neuem in sie drang, ihm ihre Geschichte zu erzählen, sie nicht umhin konnte, herzlich über die Umstände zu lachen, welche diese Frage ihr ins Gedächtniß zurückrief. Durch diese Aeußerung von guter Laune aufgemuntert, stellte Peregrine ihr aber nun vor: sie würde wahrscheinlich zu angegriffen seyn, um weiter gehen zu zu können und sie möchte daher die Güte haben, mit ihm in eine der nächsten Tavernen zu gehen, wo er dann nach einem Wagen schicken wolle, um sie vollends nach Hause zu bringen. Nach einigen Weigerungen nahm sie dies an und zu seinem Vergnügen bemerkte er nun, als er mit ihr in das Haus trat, daß sie ein recht hübsches junges Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren war.

Die Freude, welche ihm diese Entdeckung machte, blitzte aus seinen Augen; aber auch sie war nicht im Stande, ihre geheime Zufriedenheit über das Aussehn ihres Begleiters zu verbergen; kurz, Beide schienen es nicht zu bereuen, sich gefunden zu haben. Ohne viele Mühe ließ sie sich bereden, ein Glas Wein mit ihm zu trinken und gestützt auf die Kenntniß ihres Charakters benutzte nun Peregrine diese Gelegenheit, ihr sehr ernstlich den Hof zu machen. Anfänglich that sie zwar, als fühle sie sich durch seine Dreistigkeit beleidigt, da sie aber aus einigen Winken von ihm merkte, er kenne sie besser, als sie vermuthet hatte, so schwand ihre Zurückhaltung allmählig und es kam bald zu einer beide Theile befriedigenden Erklärung, bei deren Beginn er ihr ganz ehrlich die nähere Bewandtniß von dem gehabten Gesichte mittheilte. Diese Entdeckung wäre jedoch beinahe unglücklich für das Mädchen ausgefallen, denn sie bekam eine so heftige Anwandlung von Lachsucht, daß sie fast erstickte, nachdem dies aber vorüber war, theilte sie ihm ganz treuherzig ihre Lebensgeschichte mit. So erfuhr er, daß der treffliche Agent ihres alten Verehrers sonst bei ihrer Mutter im Hause gewohnt habe, die eine Wittwe sey und Zimmer vermiethe: hier hätte er das Vertrauen, welches man in ihn gesetzt, dazu benutzt, sie, als sie kaum funfzehn Jahre gewesen, zu verführen, als aber die Mutter hinter das Verständniß gekommen sey, weil sie eine Schwangerschaft gemerkt habe, da hätte er das Haus verlassen und sich geweigert, für sie und ihr Kind zu sorgen. Hierdurch sey sie nun genöthigt worden, ihn gerichtlich zu belangen, zugleich aber auch, um sich selbst fortzuhelfen, Besuche anzunehmen. Doch sey dies immer nur so selten und mit so viel Berücksichtigung des Anstands geschehen, daß ihre Nachbarn niemals davon etwas geahnet hätten. Endlich sey vor Kurzem ihr erster Verführer wieder gekommen und habe sich durch Geschenke und Versprechungen so von Neuem einzuschmeicheln gewußt, daß sie sich entschlossen habe, ihm zu seinem hohen Gönner zu folgen, der gesonnen gewesen, ihr ein kleines Jahrgeld auszusetzen.

Wegen dieser fehlgeschlagenen Erwartung suchte Peregrine sie jetzt durch Mittheilung dessen, was er von der Unterredung im Garten vernommen hatte, zu trösten, indem er hieraus den Schluß machte, daß die Sinnlichkeit des alten Herrn wohl noch, trotz aller Erscheinung, die Oberhand behalten, und somit ihr Interesse nicht durch das gestörte Rendezvous leiden würde; sollte dies jedoch noch der Fall seyn, so wolle er schon für sie sorgen, daß sie keine Ursache haben sollte, über ihn zu klagen.

Das Mädchen bezeigte sich hierauf nicht wenig zufrieden und in der That gelang es ihrem munteren und ungezwungenen Wesen, Peregrine gewissermaßen zu fesseln. Sie besaß Verstand und Lebhaftigkeit, und unterschied sich in ihrem Betragen sehr vortheilhaft von dem Haufen jener elenden Geschöpfe, in deren Armen die vornehme Jugend nur zu oft ihre Kräfte und ihr Vermögen vergeudet.

Nachdem Peregrine den Abend mit seiner neuen Bekanntschaft zugebracht und die nöthigen Verabredungen getroffen hatte, seinen Verkehr mit ihr unterhalten zu können, begab er sich nach der Wohnung des Cynikers, der über sein langes Außenbleiben so unzufrieden mit ihm geworden war, daß er seinem Diener den Befehl gegeben hatte, ihn zu verleugnen. Hierdurch ließ sich unser Held jedoch nicht abhalten, sondern drang trotz dem Verbot in das Zimmer.

Aber Crabtree wollte den Mund nicht öffnen; er hatte sein Gesicht in die grimmigsten Falten gelegt und saß in einem mürrischen Schweigen da, bis die Erzählung des Abentheuers, in die sein Verbündeter außerordentlich viel Interesse zu legen wußte, ihm ein unfreiwilliges Lächeln abzwang. Bald darauf brach er aber in ein lautes Gelächter aus und versicherte Peregrine seines Beifalls, denn obschon er die Muskeln seines Gesichtes ganz in seiner Gewalt hatte, und sich in dieser Hinsicht vor den Menschen völlig zu beherrschen verstand, so kostete ihm dies doch nicht wenig Mühe und er hielt sich daher gern im Geheim für diesen Zwang schadlos.

Den Abend des nächsten Tages besuchte Peregrine das Mädchen und erfuhr von ihr, der Neubekehrte habe eine Botschaft ergehen und sie zur Reue und Besserung auffordern lassen mit dem Versprechen, sie in diesem Falle zu unterstützen. Zugleich habe ihr der treue Bote die Bekehrung seines Patrons auf die spaßhafteste Art erzählt und ihr versichert, die Erscheinung sey nichts anders gewesen, als ein Hund mit einer Papierlaterne um den Hals, den einige Lehrjungen über die Gartenmauer geworfen hätten, um der Dienerschaft im Hause einen Schreck zu machen. Dabei hatte der saubere Geselle dem Mädchen ganz freimüthig eröffnet, daß er des Vortheils wegen seinen Herrn und Meister in dessen abergläubischer Furcht bestärkt und ihm sogar gerathen habe, seinen längst gehegten Plan, als Schriftsteller aufzutreten und die Sache der Wunder gegen die ruchlosen Kinder der Welt in Schriften zu vertheidigen, auszuführen; dann aber hatte der Kuppler angefangen, den Verliebten auf eigene Rechnung zu spielen und ihr den Antrag gemacht, ein ferneres Verständniß mit ihm zu unterhalten, wofür sie durch die Güte seines Patrons reichlich belohnt werden sollte, den er durch falsche Berichte von ihrer Reue und Buße zu täuschen übernahm.

Das Mädchen, welches aber einen Abscheu vor diesem Schmarotzer hatte, dessen schlechter Charakter ihr mehr als hinreichend bekannt war, gab ihm jedoch, statt in den Plan einzugehen, mit verstelltem Ernst den Bescheid: daß, möchte er so ruchlos denken, wie er wolle, ihr Herz nicht verhärtet gegen die Warnungen des Himmels sey, sondern daß sie den festen Vorsatz habe, dem Beispiel und den Ermahnungen seines Gönners zu folgen, dem sie einen schriftlichen Bericht von den Regungen in ihrem Inneren, die, wie sie hoffe, nichts Anderes, als die Wirkungen der Gnade Gottes wären, abzustatten gedenke.

Kaum hatte der Kuppler diese unerwartete Erklärung vernommen, so benutzte er sein Heuchlertalent, hob andächtig die Hände und die Augen empor und dankte Gott für das Wunder ihrer Bekehrung, indem er dabei mit großer Feierlichkeit versicherte, Alles, was er bisher gesagt habe, sey blos in der Absicht geschehen, um sie zu prüfen und so zu sehen, ob der Geist bei ihr den Sieg über das Fleisch davon getragen habe. Hieran ermahnte er sie sehr ernsthaft, auf der guten Bahn zu beharren, und während der Rede, die er ihr nun noch hielt, verfehlte er nicht, Thränen zu vergießen, und in seinen Blicken jene Exaltation und starre Wildheit zu zeigen, welche Schwärmer in ihren Verzückungen zu haben pflegen.

Obschon das Mädchen vollkommen von seiner nichtsnutzigen Heuchelei überzeugt war, so stellte sie sich doch, als glaube sie ihm und nun gab er ihr, sie in dieser Gesinnung zu bestärken, eine volle Börse und beim Abschiede noch die Versicherung, daß sie nie Mangel leiden solle, wenn sie in ihrem lieblichen Bußwerke fortführe. – Dies Benehmen billigte Peregrine sehr und ertheilte ihr nun Rath, wie sie sich künftig zu verhalten hätte, dann aber begab er sich zu seinem Kundschafter und Bundesgenossen.

Mit diesem verabredete er jetzt eine andere List gegen eine Spielerin von Stande und einen französischen Glücksritter, welcher unter dem Titel eines Grafen und vermöge seiner unverwüstlichen Unverschämtheit und einer ansehnlichen Portion Schlauheit, sich Zutritt bei mehreren Standespersonen verschafft hatte, denen er mitunter bedeutende Summen im Spiele abnahm. Unter denen, die er so in Contribution gesetzt hatte, war nun auch eine Lady, die trotz aller Feinheit seinen höhern Talenten hatte unterliegen müssen und ihm an fünfhundert Pfund schuldig geworden war. Diese Summe vermochte sie aber nicht ohne Beistand ihres Gemahls zu bezahlen und diesen darum zu bitten, hielt sie nicht für rathsam; da nun aber ihr Gläubiger immer ungestümer in seinen Mahnungen wurde und zuletzt sogar drohte, sich geradezu an ihren Gemahl selbst zu wenden, so versuchte die Lady, deren Grundsätze nicht besonders feststanden, in dieser Noth einen Angriff auf das Herz des Spielers, gegen den sie nun alle Künste der Coquetterie aufbot und hierbei durch ein sehr glückliches Aeußere unterstützt ward. Dennoch würde sie höchstwahrscheinlich den interessirten Gauner unbezwingbar gefunden haben, wenn ihm nicht Fortuna gerade damals vorzüglich günstig gewesen wäre: dies gab jedoch seiner Phantasie einen fröhlichen Schwung und brachte ihn auf den Gedanken, sein Herz auch einmal den Eindrücken der Liebe zu öffnen. Die Reize seiner Schuldnerin begannen ihm einzuleuchten; er erklärte ihr in einem Billet seine Leidenschaft und machte ihr zuletzt ganz unverholen den Vorschlag, ihn entweder in baarem Gelde oder so zu befriedigen, wie sie es im Geheim wünschte.

Nach einigen von der Schicklichkeit unumgänglich gebotenen Einwänden, ward endlich der Contract eines Morgens in Crabtree's Gegenwart unter den beiden Herrschaften abgeschlossen und der Menschenhasser verfehlte nun nicht seinem Verbündeten zu berichten, daß Mylady den Grafen in das Haus einer gutmüthigen Witwe bestellt habe, die unter der Benennung einer Galanteriehändlerin Zimmer zu dergleichen Rendezvous bereit hielt.

Kaum vernahm Peregrine dies Alles: so eilte er ebenfalls in ein Zimmer dicht neben dem, welches der Spieler gewählt hatte und fand sich hier einige Zeit früher, als dieser mit seiner Dame anlangte, in Begleitung von Crabtree ein, der sich, um nicht in eigener Person bei dieser Angelegenheit zu figuriren, in Frauenzimmerkleider gesteckt hatte.

Nicht lange, so stellte sich auch das andere Paar ein; die Lady hatte sich durch eine sehr einfache Kleidung und einen sehr großen Schleier unkenntlich zu machen gesucht; man verschloß die Stube und eben war der Graf im Begriff, sein gutes Glück zu genießen, als Peregrine sich dicht an die Thüre stellte und mit dem treffend nachgemachten Tone des ihm wohl bekannten Gemahls der Dame laut rief: »Bleiben Sie nur dort auf ihrem Posten, Herr Constabel, und lassen Sie ja keine Seele durch; ich will indeß die Thüre aufbrechen und mich des sauberen Paares bemächtigen«.

Diese Rede brachte eine ungemeine Wirkung im Nebenzimmer hervor; voll Angst rannte der angebliche Graf nach dem Fenster, und würde ohne Zweifel auf die Gasse herabgesprungen seyn, wenn nicht Mylady mit einer Geistesgegenwart, die ihr in solchen Fällen nie fehlte, schnell ihren Entschluß gefaßt und ihn beim Kragen festgehalten hätte, indem sie dabei mit lauter Stimme rief: »Zu Hülfe, lieben Leute! zu Hülfe! o entsetzliches Ungeheuer! Sind das die Spitzen, die Du mir hier zeigen wolltest? Ha, Bösewicht! mein Gemahl wird mich rächen. Zu Hülfe! zu Hülfe!«

Dieses laute Geschrei, auf welches sich Pickle sogleich in seinen Schlupfwinkel zurückzog, brachte das ganze Haus in Aufruhr und die Wirthin, deren guter Name jetzt auf dem Spiele stand, eilte mit ein paar Sänftenträgern herbei, die auf Mylady unten warteten und jetzt auf deren Begehren die Thür sprengten, wo man dann die Dame, die den am ganzen Leibe zitternden Spieler noch immer festhielt, in der heftigsten Wallung fand, endlich aber mit vielem Anstand auf ein Ruhebett in Ohnmacht sank. Während ihr hier eine Matrone ein Riechfläschchen unter die Nase hielt, bemächtigten sich die beiden handfesten Gesellen des um alle Fassung gebrachten Galans.

Nachdem die Lady sich wieder etwas gesammelt hatte, sah sie sich nach ihrem Gemahl um und da sie diesen nun nicht erblickte, so glaubte sie, er sey durch ihren Kunstgriff so zufrieden gestellt, einstweilen in ein Nebenzimmer gegangen, um sie nicht zu sehr zu erschüttern. In diesem Gedanken erneuerte sie ihr Geschrei gegen den angeblichen Ehrenräuber, belegte ihn mit den ausgesuchtesten Titeln und begann ihren Verdacht zu äußern, ob dies hier wohl ein rechtliches Haus sey.

Der Besitzerin desselben war der Charakter der Lady keineswegs unbekannt; sie hatte deshalb auch nicht angestanden, dem Grafen Glauben zu schenken, als dieser den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft eröffnete, jetzt aber, da sich die Dame so ganz anders benahm, wähnte sie im vollen Ernste, der Spieler habe ihr Haus zum Schauplatz einer gewaltsamen Handlung machen wollen, und benahm sich demzufolge mit großer Heftigkeit gegen ihn, indem sie zugleich der Lady versicherte, das Zimmer sey von ihm für ein junges Frauenzimmer gemiethet worden, die er, seinem Vorgeben nach, wider Willen ihrer Eltern geheirathet habe und die sich deshalb verborgen halten wollen.

Der höchst betrübte Glücksritter, dem so auf diese Art von zwei Seiten gewaltig zugesetzt wurde und der dabei vor Schrecken bebte, vielleicht einer Jury Rede und Antwort geben zu sollen, wagte es nicht einmal, sich gegen alle diese Beschuldigungen zu vertheidigen und fest überzeugt, das Ganze sey nichts als eine bösliche Verschwörung gegen sein Leben und sein Vermögen, fiel er vor seiner Anklägerin nieder und erbot sich, ihre Verzeihung durch ein außerordentliches Geschenk von tausend Pfund zu erkaufen. Hätte er diese Bedingung unter vier Augen vorgeschlagen, so würde die Dame ohne Zweifel nicht unerbittlich geblieben seyn, aber so, vor Zeugen, und noch immer, wie sie glaubte, vielleicht von ihrem Gemahle beobachtet, verwarf sie den Antrag mit Verachtung und befahl den Sänftenträgern, ihn so lange zu bewachen, bis ihn die dazu geeigneten Gerichtspersonen in Empfang nehmen würden, indem sein Verbrechen zu den nie abzubüßenden gehöre.

Nachdem sie diesen Befehl ertheilt hatte, den der arme Gefangene mit Händeringen vernahm, entfernte sie sich aber mit der Wirthin in ein anderes Zimmer, in der Erwartung, daß nun ihr Gemahl erscheinen würde; da dies jedoch nicht geschah, so vermochte sie in ihre Unruhe nicht länger die Frage zu unterdrücken, ob noch andere Zimmer im Hause besetzt wären? und als die Wirthin dies verneinte und der Lady nun durch mehrere geschickt angebrachte Fragen klar wurde, daß seit ihrer Ankunft kein Fremder mehr das Haus betreten hatte, da gerieth sie nach und nach auf die Vermuthung, die Stimme, welche sie erschreckt hatte, möchte wohl aus dem Nebenhause herübergeschallt seyn, das nur durch eine äußerst dünne Zwischenwand von diesem Gebäude getrennt war.

Diese Entdeckung war ihr in gewisser Hinsicht unangenehm und auch wieder nicht; es war ihr verdrießlich, daß sie sich durch diese Unterbrechung genöthigt sah, der Nachfrage derer, die ihr Geschrei um Hülfe herbeigezogen hatte, ihren guten Namen unterwerfen zu müssen, doch war es ihr auch wieder sehr lieb, daß Se. Lordschaft nichts von diesem Abentheuer wußten und daß es nun in ihrer Macht stand, sich an dem Grafen für seine frühere Strenge zu rächen. Sie beschloß demnach, mittelst eines Vergleichs ein rundes Sümmchen von ihm zu erpressen und unter dem Vorwande, lieber eine Sache unterdrückt zu sehen, die nur den Lästerzungen Stoff zur Verleumdung gewähren würde, äußerte sie gegen die Wirthin das Verlangen, die Angelegenheit beigelegt zu sehen.

Diese Mäßigung ward von der klugen Galanteriehändlerin ungemein gepriesen, die sich nun, mit dem Vertrauen der Dame beehrt, zu dem Gefangenen begab, um ihm die Vorschläge der Lady zu melden. Der Graf hatte jedoch während der Zeit Mittel gefunden, seine Wächter so zu seinen Gunsten zu stimmen, daß sie ihn in Freiheit setzten und mit ihm auf und davon gingen. So scheiterte der Plan der Dame und sie war genöthigt, sich nach Hause zu begeben und auf andere Mittel zu denken, ihn zu bestrafen; doch fand er nicht für gut, dies abzuwarten, sondern ordnete in aller Schnelle seine Angelegenheiten und reiste noch dieselbe Nacht in sein Vaterland zurück, woselbst er auch glücklich und mit der festen Ueberzeugung anlangte, es sey in England eine furchtbare Verschwörung gegen ihn angezettelt worden, an deren Spitze Mylady gestanden habe.

Unterdessen hatten sich unser Held und der Menschenhasser nicht wenig an der Verwirrung ergötzt, die durch sie veranlaßt worden war. Sie betrachteten das Ganze als die heilsame Züchtigung einer Frau, welche allen Sinn für Anstand und Häuslichkeit verloren hatte, und als die gerechte Bestrafung eines unverschämten Glücksritters; das ganze Abentheuer brachte Peregrinen aber auf einen Einfall, dessen Ausführung allen rechtlichen Leuten in der Stadt Unterhaltung verschaffte und ihnen zugleich ihre Bewunderung abdrang.

Crabtree hatte in seiner Frauenzimmertracht jedoch ein so seltsames und unnatürliches Aussehen, daß die Wirthin des Hauses, als sie ihn beim Hinaufgehen in das Zimmer an sich vorüberschreiten sah, ihr Erstaunen und ihren Schreck über eine solche Figur nicht zu verbergen vermochte; ja, trotz ihrer Klugheit, vermöge welcher sie sich stets sehr gewissenhaft enthielt, die Damen, welche ihr Haus besuchten, genau zu betrachten, konnte sie doch, als die Lady sich entfernt hatte, nicht umhin, ihren Sohn Pickle in ein anderes Zimmer zu rufen und ihn hier mit offenbaren Zeichen der Bestürzung zu fragen, ob denn die Person, die er mitgebracht habe, wirklich ein Frauenzimmer und eine Christin sey? Dabei äußerte sie, daß sie dieselbe der vielen Runzeln und Borsten in ihrem Gesichte wegen für eine Hexe oder einen Zauberer hielte, deren Hülfe er sich vielleicht bedient habe, um ihre geehrten Kundleute in Verlegenheit zu setzen, welchen losen Streich ihm Gott vergeben möge. »Denn,« fuhr sie fort, »es ist nichts gewisser, als daß Mylady und der Graf wie ein paar Lämmchen so fromm mit einander in das Zimmer gingen und wie man die Hand umdreht, Gott sey uns gnädig! war nichts als Teufelszwietracht und Scandal darin. Ach, Sir Pickle! Sir Pickle! Sie hatten nichts Gutes im Sinne, als Sie so bestimmt auf das Zimmer nebenan bestanden, und als ich Sie mit der alten Scheuche ankommen sah, da wurde mir gleich bange. O, Sie haben mein Haus um allen seinen Ruf gebracht! Alle meine Gönnerinnen, die Gräfin Pappermarsch und Lady Tikleton und Mistreß Piggle, und wie sie alle weiter heißen, werden nicht mehr über meine Schwelle kommen. O, ich unglückliche Wittwe! ich verliere mein Bißchen ehrliches Brod und das blos durch die Grausamkeit eines jungen Herrn, den ich so lieb hatte, als wäre er mein eigener Sohn. Ach! ach! wäre ich doch nie geboren worden!«

Diese Worte begleitete sie mit tiefen Seufzern und einigen hervorgepreßten Thränen; als aber Peregrine ihr ein Mittel gegen diesen Schmerz in die Hand drückte, heiterte sich den Augenblick ihr Antlitz wider auf und alle ihr Herzweh war vorüber.


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