Autorenseite

 << zurück weiter >> 

XC.

Der Menschenhasser setzt seine Zauberrolle fort.

Jetzt eilte Peregrine in eine Spielgesellschaft, wo sich die berühmtesten Klatschgevatterinnen der Stadt einzufinden pflegten. Hier lenkte er auf eine geschickte Art das Gespräch auf den Wahrsager und suchte ihn dabei lächerlich zu machen, dadurch reizte er aber das Verlangen dieser Herrschaften so sehr, hinter die Geheimnisse des Zauberers zu kommen, daß er es für entschieden annehmen konnte, es würden sich die Mehrsten von ihnen am nächsten Sitzungstage bei dem großen Albumazar einfinden.

Während dessen begab sich sein Bundesgenosse in eine andere Versammlung von Leuten von gutem Tone und hatte hier in Kurzem das Vergnügen, das Gespräch auf den Zauberer gebracht zu sehen: endlich fragte ihn eine ältliche Dame mittelst des Fingeralphabets: ob er auch schon von dem Magiker gehört habe, der jetzt so viel Aufsehen in der Stadt mache?

Mit seinem gewöhnlichen mürrischen Tone versetzte Crabtree: »Ihrer Frage nach halten Sie mich entweder für einen Schuft oder einen Narren. Wie in aller Welt sollte ich so einen Charlatan kennen! falls es nicht geschähe, um durch ihn meinem Spleen dadurch Nahrung zu geben, daß er alle Welt für ihr Geld zum Narren hält. Ich halte dafür, das Kuppeln wird ihm wohl das Mehrste einbringen, denn diese Art Volk sind gewöhnlich Gelegenheitsmacher. Darum besuchen ihn aber auch die Vornehmen so fleißig und ich wette darauf, der Bursche hat hübsche Zimmer zur Bequemlichkeit seiner Gäste, denn es läßt sich doch nicht füglich annehmen, daß alle, die zu ihm gehen, so dumm sind, um wirklich zu glauben, er könne etwas von der Zukunft wissen.«

Die Gesellschaft verfehlte nicht, seiner Erwartung gemäß, diesen Ausspruch seiner feindseligen Gemüthsart zuzuschreiben und er hatte nun das Vergnügen zu hören, wie man tausenderlei übertriebene Anekdoten in Betreff des Zauberers vorbrachte und ihm selbst einige mittheilte, um seine Meinung darüber zu vernehmen.

»Das Alles,« sprach er, »ist nichts als Uebertreibung und Leichtgläubigkeit und wie gewöhnlich, wird durch das Gerücht die Sache vergrößert; hierdurch bekommt aber oft eine Unbedeutenheit eine solche Ausdehnung, daß man zuletzt das Wahre nicht mehr von dem Falschen unterscheiden vermag. Ich will dieserhalb ein Beispiel mittheilen, welches der Gesellschaft beweisen wird, wie durch Wiedererzählen die Dinge vergrößert werden.«

» Gentleman, der wegen seines ernsthaften Betragens bekannt ist, wurde unlängst, als er in Whites Caffeehaus kam, nahm unlängst... einen seiner Bekannten bei der Hand und sprach zu ihm: ›Ich freue mich sehr, sie nach einer so außerordentlichen Krankheit frisch und munter wiederzusehen!‹ Dem Gentleman fiel dies auf, und er erwiederte: er habe sich zwar kürzlich nicht ganz wohl befunden, allein eine außerordentliche Krankheit habe er, Gott sey Dank! nicht gehabt. – ›Wie!‹ rief der Andere, ›Sie nennen dies nicht außerordentlich und haben doch drei junge Krähen ausgebrochen?‹ Anfänglich hielt der gravitätische Herr diese Rede für einen Scherz, obschon sein Freund kein Spaßmacher war; da er jedoch sah, daß der Andere dies im Ernst meinte, so änderte er plötzlich seine Meinung, zog nach kurzem Nachsinnen seinen Freund bei Seite und sprach: ›Sie wissen, daß ich im Begriff stehe, mich zu verheirathen und daß dies bereits geschehn seyn würde, wenn nicht ein Nebenbuhler alles Mögliche anwendete, um die Sache zu hintertreiben. Nun bin ich überzeugt, daß die Geschichte mit den drei Krähen seine Erfindung ist, und daß er dies nur ausgebreitet hat, um mich bei dem Frauenzimmer in Mißcredit zu bringen, das gewiß keine Lust haben wird, einen Mann zu nehmen, der ein Krähennest im Leibe hat. Ich muß deshalb darauf bestehen, den Urheber dieser Erzählung zu wissen, damit ich mich von dieser Verleumdung reinigen kann.‹«

»Sein Freund hielt diese Forderung für gerecht und sagte ihm ohne Bedenken, der Herr so und so, ihr gemeinschaftlicher Bekannter, habe es ihm erzählt. Sogleich ging nun der Gentleman zu diesem hin und sprach in einem barschen Tone: ›Sagen Sie mir, wer hat Ihnen erzählt, daß ich drei Krähen ausgespieen habe?‹ – › Drei?‹ versetzte der Andere, ›ich habe nur von zwei gesprochen.‹ – ›Alle Teufel!‹ rief der Gentleman, ‹auch das ist schon zu viel und ich will wissen, wer Ihnen diese Lüge aufgebunden hat?‹«

»Bestürzt, ihn so im Zorn zu sehen, sagte ihm der Gefragte nun, der und der habe es ihm mitgetheilt. Jetzt eilte der Gentleman, noch verdrießlicher darüber, daß alle seine Bekannten um die Sache wußten, zu dem ihm Genannten hin und sprach hier mit allen Zeichen des Mißvergnügens: ›Ich komme, um die paar Krähen mit Ihnen zu pflücken, die ich nach Ihrer Angabe von mir gegeben haben soll.‹ Der Beklagte leugnete jedoch schlechterdings, von ein Paar gesprochen zu haben und setzte dann hinzu: ›Allerdings ist von einer die Rede gewesen, aber auch dies nur nach einem glaubwürdigen Bericht, denn Ihr Arzt erzählte es mir selbst.‹ ›Bei Gott!‹ rief der Gentleman voll Wuth, ›da hat sicher ein Nebenbuhler diesen schlechten Menschen bestochen, um mich zu verkleinern, aber es soll nicht umsonst geschehen seyn.‹«

»Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so trat der Arzt zufällig in das Zimmer. ›Herr!‹ rief ihm der Beleidigte entgegen und hob dabei den Stock auf, ›ich will Ihnen die Krähe anstreichen, die Sie mich haben ausbrechen lassen.‹ – Erstaunt über diese Anrede bat sich der Arzt Erklärung aus und nun entdeckte es sich, daß er blos gesagt hatte, der Patient habe etwas ausgebrochen, das so schwarz wie eine Krähe gewesen sey; der Herr vom Hause gestand, es sey möglich, daß er sich verhört habe und die ganze Sache kam somit an den Tag.«

Die Gesellschaft schien an der Geschichte von den drei Krähen Behagen zu finden und sie für eine Erfindung aus dem Stegreif zu halten, allein, hieß es, wenn man sie auch für wahr annehmen will, so kann sie doch kein Gewicht gegen das Zeugniß so vieler Personen haben, die sich selbst von den übernatürlichen Kenntnissen des Zauberers überzeugten.

Am nächsten Sitzungstage hatte Crabtree kaum seinen Platz eingenommen, Peregrine sich in seinen Lauschwinkel versteckt und Hadgy die äußere Thüre geöffnet, als eine jener Damen hereintrat, deren Neugierde durch Pickle rege gemacht worden war. Mit einem vertraulichen Wesen wandte sie sich an den Schwarzkünstler und sagte: sie hätte soviel von seiner Kunst vernommen, daß sie gern Zeugin derselben seyn wolle und ihn daher bäte, ihr zu entdecken, welche Leidenschaft bei ihr vorherrsche.

Crabtree, dem ihr Charakter sehr wohl bekannt war, stand nicht an, ihr folgende Antwort niederzuschreiben: »Liebe zum Gelde hätte bei ihr die Oberhand und Sucht zu lästern besäße den nächsten Platz in ihrem Herzen.« Weit entfernt durch diese Freimüthigkeit beleidigt zu werden, lächelte sie vielmehr und bezeigte das Verlangen, näher mit ihm bekannt zu werden, dann begann sie aber, ihn über die Geheimgeschichte mehrerer bedeutenden Familien zu befragen, die er zufällig ziemlich genau kannte, und er verfehlte nun nicht, ihr eine Menge so künstlicher Winke und Andeutungen zu geben, daß sie ganz in Erstaunen gerieth und zuletzt die Frage an ihn richtete, ob seine Kunst zu erlernen sey? Der Zauberer bejahte dies, doch gab er ihr zugleich zu verstehen, nur diejenigen könnten den Gipfel der Wissenschaft erreichen, die rein von allem Interesse wären und sich von allen fleischlichen Begierden losgemacht hätten.

Dieser Ausspruch schien der Dame zu mißfallen und sie selbst an dessen Wahrheit zu zweifeln. Mit einem Blick voll Verachtung erwiederte sie: seine Kunst wäre nicht werth, daß man sie besäße, wenn man sie nicht zu seinem Vergnügen anwenden könne, ja sie war scharfsichtig genug, ihn einer Inconsequenz zu zeihen, indem sie ihn fragte: wie er denn seine Kunst für Gold treiben könne, wenn man dabei frei von allem irdischen Interesse seyn müsse? »Lassen Sie es gut seyn, Doctor,« setzte sie hinzu, »ich finde es ganz recht, daß Sie sich vor unberufener Neugier sicher stellen, wenn Sie indeß gegen mich frei mit der Sprache herausgehen wollen, so soll es Ihr Schade nicht seyn.«

Ein Schlag an die Thüre, der die Ankunft eines neuen Gastes verkündete, unterbrach dies Gespräch. Die Lady erkundigte sich nach einem geheimen Ausgange, um sich ungesehen fortbegeben zu können, als sie aber vernahm, daß es daran fehle, begab sie sich einstweilen in ein leeres Seitenzimmer, und die Neuangekommene trat nun herein. Es war dies niemand Anderes, als jene Dame, die sich der Verabredung von neulich gemäß, wieder einstellte.

Der Menschenhasser freute sich nicht wenig, diese Person jetzt der Kritik einer so unermüdlichen Priesterin der Fama unterwerfen zu können, wie die Lady im nächsten Zimmer war, die, wie er wohl wußte, nicht verfehlen würde, zu horchen. Er nöthigte deshalb die Messaline seinem Gedächtnisse durch eine Wiederholung ihres früheren Geständnisses nachzuhelfen; als diese Beichte jedoch ziemlich zu Ende war, da ließ sich außerhalb der Thüre ein lautes Geräusch vernehmen, das von zwei Gentlemans herrührte, die mit Gewalt in das Zimmer zu dringen suchten.

Dieser Tumult erschreckte nicht allein die Damen; sondern brachte auch den Zauberer etwas außer Fassung und die Erstere suchte nun Zuflucht in dem Cabinette, wohin sich das andere Frauenzimmer bereits geflüchtet hatte; kaum aber hörte diese etwas in das Zimmer rauschen, so schob sie schnell die Fensterladen zu, um unerkannt zu bleiben und Beide verbargen sich nun in äußerster Bestürzung. Crabtree hatte sich unterdeß wieder gesammelt und befahl Hadgy, die Lärmenden einzulassen, indem er hoffte, durch sein feierliches Ansehen Achtung einzuflößen. Kaum hatte der Pförtner dem Befehle gehorcht, so brauste ein junger Wildfang, dder sich seit einiger Zeit mit seinem Lehrer in Ausschweifungen außerhalb der Stadt befunden hatte, herein; es war dies ein invalider Schwelger, den der Zauberer genau kannte und Beide so berauscht, daß sie nach ihrer Art zur Fröhlichkeit gestimmt waren, die aber von anderen Menschen nur für Ungezogenheit erkannt werden konnte.

Sie taumelten auf Crabtree's Tisch zu und der Aeltere übernahm die Rolle des Sprechers. »Wie geht's, alter Ziegenbock?« begann er; »Du scheinst ein rechter ehrwürdiger Kuppler zu seyn und ich hoffe, daß Du auch ein verschwiegener bist. Da, besieh Dir einmal den Schlingel hier, das leibhaftige Ebenbild von seinem ehrwürdigen Papa; wir verlangen eine Probe von Deiner Handthierung, aber nicht von dem dummen Zeuge, das Du zum Deckmantel nimmst. Hol' der Teufel die Zukunft! Laß uns für den Augenblick leben, altes Faunengesicht! zaubere uns ein paar tüchtige Mädels her; hier ist Geld!«.

Crabtree wurde durch diesen Vorfall nicht wenig verlegen: er antwortete nicht, sondern schwenkte nur einen Zauberstab mit geheimnißvollen Bewegungen um sein Haupt, in der Absicht, den Wüstlingen dadurch Furcht einzujagen; da ihm dies jedoch nicht gelang und er nicht gern durch Herbeirufung von Peregrine und Hadgy Aufsehen machen wollte, die Tollköpfe aber immer zudringlicher wurden und einer ihm jetzt sogar am Barte zupfte, so verfiel er auf ein anderes Auskunftsmittel, und deutete mit geheimnißvoller Miene auf die Thüre des Nebenzimmers, wo sich die beiden Frauenzimmer befanden. Die Lüstlinge verstanden den Wink augenblicklich und stürzten hinein.

Vergebens suchten sich jetzt die Damen in ihrem mit Sturm eingenommenen Versteck zu retten; sie wurden unverzüglich von den Eindringenden erhascht, die nun die Laden aufrissen und, o Schreck! der Eine in seiner gemachten Beute seine Frau, der Andere seine Mutter erkannte. Das Erstaunen über diese gegenseitige Entdeckung war nicht gering und es herrschte einige Minuten ein tiefes Schweigen; während dieser Pause sammelten sich die Damen jedoch wieder und begannen nun ihren lieben Angehörigen recht ordentlich den Text wegen ihres schlechten Lebenswandels zu lesen, der, wie sie vorgaben, sie dazu genöthigt hätte, ihnen bis hierher zu folgen.

Während die zärtliche Mutter auf diese Art den Sohn ermahnte, stand dieser jedoch die Hände in den Taschen da und pfiff eine Opernarie, der Andere aber, bei dem der überraschende Anblick seiner theuren Ehehälfte die Wirkungen des reichlich genossenen Weins größtentheils vertrieb, begann bei sich zu überlegen, was seine Frau wohl eigentlich hierher gebracht haben könne, denn daß es nicht Eifersucht sey, hatte er zu gute Gründe zu vermuthen. Im Gegentheil glaubte er, es möchte wohl eine ganz andere Leidenschaft seyn, und die Dreistigkeit, mit welcher sie ihm jetzt so herbe Verweise gab, brachte ihn noch mehr auf. Er hörte daher ihre Strafpredigt mit einem sehr finsteren Gesichte an und sprach, als sie endlich schloß: »Madame, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß sich der alte Gelegenheitsmacher diesmal ein Bißchen stark versehen zu haben scheint und uns so beiderseits in unsern Erwartungen täuschte; genehmigen Sie daher, daß ich mich Ihnen empfehle.«

Mit diesen Worten entfernte er sich in ziemlicher Verwirrung und sah, als er durch das Audienzzimmer ging, den Zauberer mit einem bitterbösen Seitenblick an, indem er dabei mit vielem Nachdruck die Worte sprach: »Theurer Schurke!« Sein Gefährte führte aber, als ein pflichtliebendes Kind, die Mutter zu ihrer Sänfte und die andere Clientin schalt den Nekromanten aus, daß er diesen Zufall nicht vorausgesehen hatte und entfernte sich dann sehr gekränkt. Jetzt kam Peregrine aus seinem Schlupfwinkel hervor und wünschte seinem Freunde Glück, daß das Abentheuer noch so gut abgelaufen war; um ähnliche Unannehmlichkeiten jedoch für die Folge zu vermeiden, beschlossen Beide, an der äußeren Thür ein Gitter anbringen zu lassen, damit Crabtree alle diejenigen, welche ihn besuchten, vorher in Augenschein nehmen könne, ehe sie eingelassen würden, und Hadgy erhielt nun den Befehl, denen, welche sein Herr nicht sehen wollte, den Bescheid zu ertheilen: Derselbe habe jetzt zu thun.

Hierdurch beugte man aber zugleich noch einer Unbequemlichkeit vor, der nämlich, Fremden, die man gar nicht kannte, befriedigende Antworten geben zu sollen, denn trotz seiner Menschenkenntniß, mit der er so gern prahlte, machte Crabtree dennoch die Erfahrung, daß er sich in seiner Vermuthung getäuscht hatte, es würden nur Frauenzimmer, von der ihrem Geschlechte eigenen Neugierde getrieben, zu ihm kommen: er fand bei Fortsetzung seines Gewerbes, daß Leute jeden Alters und Geschlechtes ihn aufsuchten, um seine geheimnißvolle Kunst in Anspruch zu nehmen, und sah somit, daß, wenn Leidenschaften im Spiele sind, selbst die ernstesten und bedächtigsten Personen das Ungereimteste und Lächerlichste nicht verschmähen.

Die letzte Begebenheit ward übrigens den Erwartungen und Wünschen der Verbündeten gemäß von den daran theilnehmenden Damen, die schon längst einen gegenseitigen Groll hatten und diese Gelegenheit begierig ergriffen, um sich an einander zu rächen, so wenig verschwiegen, daß die ganze Sache schnell das allgemeine Stadtgespräch wurde und mit unzähligen Verschönerungen und Zusätzen von Mund zu Munde lief.

Diese Vorfälle, die dem Spleen des Menschenhassers einen großen Genuß verschafften, vermehrten aber auch zugleich seinen Ruf, denn beide Theile beschrieben ihn als einen Mann von außerordentlichen Kenntnissen und der Andrang von einer Menge Menschen, die alle seine Wissenschaft in Anspruch nehmen wollten, war so groß, daß er sich jetzt doppelt Glück wünschen konnte, die Veränderung an seiner Thüre gemacht zu haben, ohne welche es ihm schwerlich würde gelungen seyn, seinen Ruf zu behaupten.

Unter denen, die sich am Gitter zeigten, erblickte er auch einen gewissen Geistlichen, den er schon lange als einen demüthigen Speichellecker der Großen kannte und von dem das Gerücht ging, er verschmähe es nicht, mitunter auch der Handlanger ihrer Lüste zu seyn. Als sich dieser Mensch jetzt an der Thüre des Zauberers zeigte, hatte er sich in einen großen Reitrock und überhaupt in eine Tracht geworfen, die der seines Standes ganz entgegengesetzt war. Seine Absicht war, sich für einen Landjunker auszugeben, aber Crabtree redete ihn sogleich mit seinem Namen an und bat ihn, sich niederzulassen.

Diese Aufnahme entsprach vollkommen dem, was der Priester von des Geisterbanners Kunst gehört hatte und er sagte daher: »Wohlan, ich will in der Ueberzeugung, daß Ihre Kenntnisse von keiner Gemeinschaft mit bösen Geistern herrühren, alle Verstellung ablegen und Ihnen die eigentliche Ursache meines Besuches eröffnen. Mein Wunsch ist, zu erfahren, ob einer meiner würdigen Freunde und Collegen, der im Besitz einer Pfründe und dabei alt und sehr schwächlich ist, noch lange in diesem elenden Jammerthale hienieden zu wallen hat? Ich will dies blos darum wissen, um das traurige Vergnügen zu genießen, ihn in seinen letzten Augenblicken beistehen und ihn auf die Ewigkeit vorbereiten zu können.«

Crabtree sah sogleich den eigentlichen Grund dieser Frage ein und ertheilte nach einer feierlichen Pause die Antwort: »Obschon ich manche Fälle vorauszusehen vermag, so bin ich doch nicht allwissend. Wie weit sich das Lebensziel jenes Geistlichen erstrecken wird, vermag ich nicht genau zu sagen, doch sehe ich deutlich in der Ferne, daß der jetzige Besitzer der Pfründe den ihm bestimmten Nachfolger überleben wird.«

Dieser schreckliche Ausspruch verbannte in einem Augenblick das Blut aus den Wangen des erschrockenen Leviten; er begann am ganzen Körper zu zittern, richtete den Blick voll Todesangst gen Himmel und entfernte sich mit den Worten: »Der Wille Gottes geschehe!« Mehr vermochte er nicht zu sagen; die Zähne klapperten ihm vor Schreck und Entsetzen, und er schwankte fort.

Nachdem sich dieser Client entfernt hatte, stellte sich eines jener würdigen Subjecte ein, die man unter dem Namen Erbschleicher kennt. Durch große Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und Schwächen wohlhabender Personen, hatte er sich bereits ein ansehnliches Vermögen erworben; jetzt hatte dieser Wucherer einem jungen Verschwender eine Annuität auf Lebenszeit verkauft, wozu er durch dessen Arzt vermocht worden war, der ihm die Versicherung gegeben hatte, die Gesundheit seines Patienten sey so zu Grunde gerichtet, daß er kein Jahr mehr leben könne. Dennoch waren bereits achtzehn Monate verflossen, und das Befinden des jungen Mannes schien sich mit jedem Tage zu bessern.

Der Erbschleicher fühlte sich aber hierdurch nicht wenig beunruhigt und kam nun dieserhalb zu Crabtree, um nicht allein zu erfahren, wie lange der Annuitant wohl noch leben würde, sondern auch, wie dessen Gesundheit zu der Zeit beschaffen gewesen sey, als er die Leibrente gekauft habe, denn er war willens, den Doctor zu verklagen, falls dieser den Anderen nur für krank ausgegeben hätte. Um den Wucherer für seinen Geiz zu bestrafen, gab ihm der Menschenhasser hierauf zu verstehen: der Arzt hätte ihm damals allerdings die Wahrheit gesagt, allein jetzt sey der junge Mann auf dem besten Wege, ein schönes Alter zu erreichen.

»O! o!« rief der Client voll bitteren Verdruß aus, »das heißt doch wohl alle Zufälle ausgenommen? denn der Patron führt Gott sey Dank! ein sehr lüderliches Leben. Dazu ist er äußerst cholerisch; das kann ihn in Duelle verwickeln; bei seinen Nachtschwärmereien kann ihm in einer Prügelei das Hirn eingeschlagen werden; er kann mit der Kutsche umgeworfen, vom Pferde geschleift werden; er kann ertrinken, ein hitziges Fieber bekommen, oder durch Indigestion den Tod haben. Das mehrste Vertrauen setze ich jedoch auf die Nymphen in deren Armen er seine Nächte zubringt.... Dennoch ist dies Alles freilich sehr ungewiß und es wäre trefflich, wenn sich ein Mittel finden ließe, daß mehr Sicherheit gewährte..... Mein Herr, Sie kommen aus Indien.... es gibt daselbst Künste.... die Sache würde nicht schwer halten und meine Dankbarkeit würde groß seyn.«

Crabtree verstand diesen Wink und hatte einen Augenblick Lust, den schändlichen Buben auf eine Art anzuführen, die ihm der verdienten Verachtung der Welt preisgegeben hätte; bei näherer Ueberlegung fand er es jedoch besser, sich in nichts einzulassen und begnügte sich damit, den Vielfraß blos dadurch zu bestrafen, daß er ihm erklärte: seine Kunst in dieser Hinsicht sey ihm für alles Geld nicht feil. Der Wucherer ging nun, sehr schlecht erbaut über diesen Ausspruch, fort und der Nächste, der nach ihm kam, war ein Schriftsteller, welcher sich dadurch ein freies Entree zu verschaffen strebte, daß er vorstellte: die Alten hätten Poet und Prophet mit einerlei Benennung belegt, und Beide würden noch bis diesen Tag durch Begeisterung getrieben; Crabtree weigerte sich jedoch, diese Verwandtschaft anzuerkennen und der arme Schriftsteller würde, obschon er sich erbot, einstweilen zur Sicherung eine seiner Oden niederzulegen, die er dann durch die dritte Einnahme von einem seiner Stücke wieder einholen wollte, unverrichteter Sache haben abziehen müssen, wenn Cadwallader nicht selbst neugierig geworden wäre, das Begehren dieses Mannes zu wissen. Er sagte ihm daher, er wolle in Betracht seines Genies keine Bezahlung von ihm verlangen, und höchst erfreut über diese Willfährigkeit, eröffnete ihm nun der Dichter: daß er vor einiger Zeit von einem vornehmen Herrn, der an der Spitze eines Kreise von Kunstkennern stehe, ein Stück im Manuscript übergeben habe. »Er hat es«, fuhr er fort, »nicht nur gelesen und mit seinem Beifalle beehrt, sondern es auch über sich genommen, es auf das Theater zu bringen. Mein Gönner hat mir dabei versichert, ein Schauspieldirector habe auch auf seine Empfehlung mein Stück angenommen und das Versprechen gegeben, es bald in die Scene zu setzen. Als ich aber kürzlich diesen Unternehmer selbst besuchte, mußte ich leider von ihm hören, er kenne mein Stück gar nicht. Nun wünschte ich zu wissen, wer von den beiden Herren die Wahrheit gesprochen hat und ob ich Hoffnung habe, meine Arbeit diesen Winter noch aufgeführt zu sehen.«

Der Menschenhasser, der sich in seiner Jugend ebenfalls mit den theatralischen Musen abgegeben hatte, kam bei dieser Frage aus seiner Kaltblütigkeit heraus, weil sie ihn an eine Menge fehlgeschlagener Hoffnungen erinnerte. Er fertigte daher den Poeten ganz kurz mit der Antwort ab: »Theaterangelegenheiten lägen außerhalb des Kreises seiner Divination, weil bei denselben nur die unreinen Dämonen der Verstellung, der Unwissenheit und des Eigensinnes herrschend wären.«

Es würde ein endloses Unternehmen seyn, wollten wir hier jede Antwort mittheilen, die unser Zauberer während der Zeit dieser Komödie gab. Er ward außer den gewöhnlichen Materien der Ehe und Galanterie in allen juristischen, medizinischen und Handelsangelegenheiten zu Rathe gezogen; Gauner wollten von ihm die Kunst erlernen, unentdeckt betrügen zu können; Brautschatzjäger wollten durch ihn reiche Wittwen und Erbinnen verschafft haben: es kamen Wollüstlinge, deren Sinn nach den Frauen anderer Männer stand; lüderliche Söhne, die sich nach dem Tode ihrer Väter sehnten ; Frauenzimmer, die sich einer unerwünschten Bürde entledigt zu sehen wünschten; Kaufleute, die ihre Schiffe über den Werth hatten versichern lassen und nun nach der Nachricht von einem Schiffbruch schmachteten; Assecuranten, die um die Gabe der Voraussicht baten, um ihr Geld blos auf Schiffe zu geben, welche wohlbehalten anlangten; Clienten, die die Ebbe und Fluth der Stocks vorauszusehen wünschten; Clienten, die in die Ehrlichkeit ihrer Consulenten Zweifel setzten; kurz, in allen Sachen, die einen ungewissen Ausgang hatten, wandte man sich an ihn.


 << zurück weiter >>