Autorenseite

 << zurück weiter >> 

LXXI.

Peregrine gibt in London seine Empfehlungsschreiben ab und kehrt, zum unaussprechlichen Vergnügen des Commodore und dessen ganzen Hauses, in die Garnison zurück.

Jetzt, da sich Peregrine wieder auf englischem Boden befand, erhob sich sein Herz durch das stolze Gefühl, wie sehr er sich durch seine Reisen ins Ausland gebildet hätte. Die Erinnerungen seiner Jugend wachten wieder in seiner Seele auf und im Voraus genoß er schon das Vergnügen, seine Freunde in der Garnison nach einer Trennung von achtzehn Monaten wiederzusehen. Das Bild seiner geliebten Emilie, bisher durch manchen ihrer unwürdigen Gegenstand in den Hintergrund zurückgedrängt, nahm wieder Besitz von seinem Herzen; mit tiefer Scham dachte er daran, wie sehr er den erst so gewünschten Briefwechsel mit ihrem Bruder vernachlässigt hatte; dennoch aber hoffte er in glücklicher Selbstgenügsamkeit Verzeihung für diese Nachlässigkeit zu erhalten, und war leichtsinnig genug, den Gedanken zu fassen, seine Leidenschaft würde seiner glänzenden Lage Eintrag thun, falls er sie nicht unter Bedingungen befriedigen könne, die er sich früher nicht auf das Entfernteste durfte einfallen lassen.

So leid es uns thut, wir müssen offen bekennen, daß die Gesinnungen des jungen Mannes sich nicht zu ihrem Vortheil verändert hatten. Ueberschätzung seiner persönlichen Eigenschaften schwellte ihn auf; er war stolz auf seine Glücksumstände und wiegte sich in chimärischen Erwartungen. Obschon er Miß Gauntlet innig liebte, so fiel es ihm doch nicht ein, daß ihr Herz das letzte Ziel seiner Galanterien seyn sollte; seinem Bedünken nach konnte es ihm gar nicht fehlen, über die schönsten und vornehmsten Damen zu siegen und dadurch zugleich seinen Ehrgeiz und seine Begierden zu befriedigen.

Da er seine Freunde in der Garnison durch ein plötzliches Erscheinen überraschen wollte, so untersagte er Jolter, an den Commodore zu schreiben, der seit ihrer Abreise von Paris nichts von ihnen gehört hatte, und nahm nun Postpferde nach London.

Um die Anstalten zur Abreise zu treffen, war Jolter ausgegangen und hatte unvorsichtiger Weise ein ziemlich starkes, geschriebenes Buch offen auf dem Tische liegen lassen. Peregrine warf einen Blick hinein und las zu seiner nicht geringen Verwunderung: »Den 15. September. Unter Gottes Beistand heute in dem unglücklichen Königreiche England wohlbehalten wieder angelangt. Somit schließt sich das Tagebuch meiner letzten Reise.« Dieser seltsame Schluß erregte die Neugier des jungen Mannes: er fing an in dem Buche zu blättern und fand ein Diarium, wie es jene Classe von Menschen, die unter dem Namen Hofmeister bekannt sind, häufig zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Gemüthsergötzung der Aeltern oder Vormünder ihrer Untergebenen und zur Erbauung und Belustigung ihrer Freunde zu führen pflegen.

Damit man sich von Jolters Arbeit einen klaren Begriff machen kann, wollen wir hier die Beschreibung der Ereignisse von einem Tage hersetzen; man wird dadurch den Plan und die Ausführung dieses Tagebuches hinlänglich kennen lernen.

»Den 3. Mai um 8 Uhr in einer Postchaise von Boulogne abgefahren. Der Morgen war neblicht und kalt. Ich nahm zur Stärkung des Magens einen Cordial und empfahl einen Dito an Sir P. als antidotum gegen den bösen Nebel. Mem. Er schlug es ab. Das eine Pferd war lahm an dem einen Hinterfuße. Zu Samers angekommen. Mem. Die letzte Station betrug 1 ½ i. e. 3 franz. oder 9 engl. Meilen. Das Wetter wurde hell. Eine hübsche Gegend, viel Kornbau. Der Postillon verrichtete sein Gebet, als wir bei einem hölzernen Crucifix an der Landstraße vorbeikamen. Mem. Die Pferde stallten in einen Bach, der in einem Thale zwischen zwei Hügeln hinfließt. Zu Cormond angekommen. Gewöhnliche Station. Streit mit meinem Untergebenen, der halsstarrig und von einem unglücklichen Vorurtheile besessen ist. Kommen zu Mittag nach Montrevil, wo wir delicate Tauben aßen. Die Rechnung ist billig. Mem. Die Magd hatte aus Nachlässigkeit vergessen, ein Kammergeschirr in das Zimmer zu setzen. Gewöhnliche Station. Gehen nach Nampont ab. Bin mit Blähungen und Unverdaulichkeit belästigt. Sir P. ist übellaunig und nimmt ein Aufstoßen aus dem Magen für einen Wind von hinten. Kommen Abends in Bernay an, wo wir beschließen, die Nacht zu bleiben. NB. Die beiden letzten Stationen waren doppelt, unser Vieh willig, aber nicht stark. Essen Abends ein excellentes Ragout von Rebhühnern in Gesellschaft eines Herrn H. und dessen Gemahlin. Mem. Besagter Herr H. tritt mir aus Versehen auf meinen Leichdorn. Bezahle die Rechnung, die nichts weniger als billig ist. Disputire mit Sir P. wegen des Trinkgeldes für die Magd. Er will, ich soll ihr ein Vierundzwanzigsousstück geben, was nach Recht und Billigkeit zwei Drittheil zuviel war. NB. Sie war ein naseweises Ding und verdiente nicht einen Liard.«

Mehrere Stellen in diesem lehrreichen Tagebuche mißfielen jedoch unserm jungen Freund dermaßen, daß er, um den Verfasser dafür zu bestrafen, zwischen ein paar Absätzen, mit einer dem Hofmeister genau nachgemachten Hand Folgendes hineinschrieb:

» Mem. Hatte das Vergnügen, auf das Wohl unsers rechtmäßigen Königs und des königlichen Hauses, in Gesellschaft einiger ehrwürdigen Väter von der Societät Jesu, meinen lieben Landsleuten, mir einen tüchtigen Rausch zu trinken.«

Nachdem Peregrine diese kleine Rache genommen hatte, reiseten sie nach London ab, wo unser junger Herr den Herrschaften seine Aufwartung machte, an die er in Paris Empfehlungsbriefe empfangen hatte. Er wurde hier überall nicht allein sehr zuvorkommend aufgenommen, sondern auch mit Artigkeiten und Dienstanerbietungen gleichsam überschüttet, da man vernahm, daß er ein junger Mann von Vermögen war, der weder Unterstützung noch Beistand bedurfte, und im Gegentheil die Zahl der Anhänger vermehren und eine ansehnliche und nützliche Figur unter denselben spielen konnte. So genoß er die Ehre, einige Male in diesen vornehmen Häusern zu speisen und ein paar Abende in Gesellschaft der elegantesten Damen zubringen zu können, denen er sowohl durch seine Person und sein Betragen als durch sein freiwilliges Verlieren beim Spiel gar sehr willkommen war.

Auf diese Art in die schöne Welt eingeführt, hielt er es nun endlich für hohe Zeit, seinem großmüthigen Wohlthäter, dem Commodore, seine Ehrfurcht zu bezeigen, und reisete demnach eines Morgens nach der Garnison ab, woselbst er denselben Abend gesund und wohlbehalten anlangte.

So wie er in das Thor eintrat, das ihm von einem neuen Bedienten geöffnet wurde, erblickte er seinen alten Freund Hatchway, der mit einer Nachtmütze auf dem Kopfe und einer Pfeife im Munde im Hofe umherspazierte. Eh' ihn dieser noch bemerkte, eilte er auf ihn zu und nahm ihn bei der Hand, worauf der Lieutenant, erstaunt, sich von einem Fremden so begrüßt zu sehen, ihn einige Augenblicke schweigend anstarrte, dann aber, als er ihn erkannte, voll Freude seine Pfeife auf den Boden warf und ausrief: »Zerschmeiße meinen Stengenmars! Willkommen im Hafen!« Er umarmte ihn hierauf mit der wärmstem Zuneigung und äußerte durch ein derbes Händeschütteln sein Vergnügen darüber, seinen alten Schiffskumpan Pipes wiederzusehen, der jetzt seine Pfeife an den Mund setzte und so laut zu blasen begann, daß das ganze Castell wiederhallte.

Als die Dienerschaft des Hauses diesen wohlbekannten Schall vernahm, stürzte sie im frohen Gewühl herbei, und auf die Kunde, der junge Herr sey zurückgekommen, erhoben Alle einen so lauten Freudenruf, daß der Commodore und dessen Gemahlin in Erstaunen geriethen und Julien in froher Ahnung das Herz zu pochen begann. Voll freudiger Hast eilte sie dem Bruder entgegen und sank von ihrem Gefühl überwältigt, fast ohnmächtig in seine Arme. Doch erholte sie sich bald wieder und Peregrine ging nun mit ihr hinauf zu seinem Pathen und seiner Tante.

Mistreß Trunnion empfing unsern jungen Freund mit einer huldreichen Umarmung und dankte Gott mit lauter Stimme für seine glückliche Rückkehr aus dem Lande der Ruchlosigkeit und der Laster, indem sie dabei die Hoffnung äußerte, seine Sitten würden sich nicht verderbt und seine Grundsätze in der Religion nicht gelitten haben. Der Commodore, den sein Uebel auf den Stuhl fesselte, war vor Vergnügen über die Erscheinung seines Neffen ganz sprachlos und konnte nur, nach verschiedenen fruchtlosen Versuchen, aufzustehen, eine Ladung Flüche gegen seine Füße ausstoßen, indem er zugleich seinem Pathen die Hand hinhielt, die dieser mit Ehrfurcht küßte. Als er aber seine Apostrophen auf das Podagra geendet hatte, das er täglich und stündlich viel tausendmal verwünschte, rief er endlich: »Na, lieber Junge, 's mer nun gleichviel, wenn ich zu Grunde gehen thu; habe ich Dich doch gesund und glücklich im Hafen gesehen! Aber 's ist eine verfluchte Lüge, was ich da sagen thu. Möchte gern noch so lange flott bleiben, um einen tüchtigen Jungen von Dir zu sehen, siehst Du. Weiß der Teufel! bin Dir so herzlich gut, daß ich immer denke, Du bist aus meinem Rumpf gezimmert, obschon ich nicht Rede und Antwort zu geben vermag, wie Du auf den Stapel gesetzt worden bist.«

Der alte Herr blickte jetzt auf Pipes, der nun auch in das Zimmer gedrungen war und ihn mit dem üblichen Seegruß: »Wie stehts?« anredete. »He, seyd Ihr auch da, Ihr Heringskopf von e'n Seekalbe? Ihr habt Euerm alten Commandeur einen saubern Putz gespielt! Aber kommt nur her, Ihr Hund! Da ist meine Faust; 's soll Alles vergessen und vergeben seyn, weil Ihr meinen Pathen so lieb haben thut, seht Ihr! Geht und hiss't ein Faß starkes Bier herauf in den Hof, schlagt den Spund 'raus, damit alle meine Leute und Nachbarn sich was zu Gute thun können, und laßt die Stücke abfeuern und's Castell illuminiren zum Freudenszeichen, daß Euer junger Herr frisch und gesund gelandet ist. Sapperment! wenn ich meine verfluchten Stummels da brauchen könnte, wollte ich mit den Besten von euch eine Hornpipe tanzen thun.«

Die Aufmerksamkeit des Commodore richtete sich nun auf Jolter, den er mit allen Zeichen von Achtung behandelte und das Versprechen wiederholte, ihm zur Erkenntlichkeit für die Sorgfalt und Klugheit, mit welcher er den jungen Mann geleitet habe, die Pfründe zu ertheilen, die er zu vergeben hätte. Diese Güte rührte den Hofmeister so sehr, daß ihm Thränen die Wangen hinabrannen, indem er seine Dankbarkeit und das Vergnügen zu erkennen gab, welches er bei dem Anblick der Vollkommenheiten seines Zöglings empfände.

Pipes säumte unterdessen nicht, die erhaltenen Befehle zu vollziehen. Das Bier wurde auf den Hof geschafft, das Thor für Jedermann eröffnet, das Haus erleuchtet und das Geschütz zu wiederholten Malen abgebrannt. Alles dies mußte natürlich die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft erregen, und besonders erstaunte der Clubb bei Tunley über den Donner der Kanonen, und die Mitglieder dieser weisen Gesellschaft erschöpften sich in Muthmaßungen über dies Phänomen. Der Wirth meinte: der Commodore würde wahrscheinlich wieder, wie vor zwanzig Jahren, von Poltergeistern heimgesucht und ließe die Stücke, wie damals, zum Zeichen der Noth abfeuern; der Acciseinnehmer äußerte mit schalkhaftem Lächeln seine Besorgniß, Trunnion möchte gestorben seyn, weswegen denn die Stücke in der doppelten Absicht losgebrannt würden, um zugleich die Trauer und die Freude seiner Gemahlin anzuzeigen; der Anwald hegte die Vermuthung, Hatchway könne wohl sein Hochzeitfest mit Miß Pickle feiern, weshalb man das Castell erleuchtet habe, und Sir Gamaliel ließ nun auch einige schwache Merkmale von Theilnahme blicken, nahm die Pfeife aus dem Munde und äußerte die Vermuthung: seine Schwester möchte wohl niedergekommen seyn.

Während die werthe Gesellschaft sich noch so in den Irrgewinden ihrer Einbildung herumtrieb, sprang ein Haufe von Landleuten, die in der Küche saßen und tranken und deren Beine rüstiger waren als ihre Einbildungskraft, auf und rannte hin, zu erforschen, was diese Loosung bedeute, und als sie nun vernahmen, daß man eine Tonne starken Bieres angestochen habe, wozu sie von dem Hausgesinde des Commodore eingeladen wurden, so ersparten sie sich die Mühe und die Kosten den Abend im Wirthshause zuzubringen und stellten sich unter Pipes Fahnen, der den Anordner des Festes machte.

Sowie die Neuigkeit von Peregrinens Rückkehr im Kirchspiele bekannt geworden war, begaben sich sogleich der Pfarrer und einige Gentlemans aus der Nachbarschaft nach dem Castell, um ihm ihren Glückwunsch abzustatten. Man behielt sie hier zum Abendessen, das von Miß Julie, die sich trefflich auf die Wirthschaft verstand, sehr zierlich besorgt wurde, und wobei der Commodore so munter war, daß es schien, er habe sich verjüngt.

Unter den Fremden, welche diesem kleinen Feste beiwohnten, befand sich auch der junge Herr, welcher sich um Peregrinens Schwester bewarb. Sein Herz war von dieser Liebe so voll, daß er, während die Uebrigen den Gläsern zusprachen, die Gelegenheit ergriff, mit unserm Helden zu sprechen und ihn zu beschwören, in sein Glück zu willigen, indem er dabei betheuerte, daß er willig alle Bedingungen eingehen würde, die ein Mann in seiner Lage zu Gunsten eines jungen Frauenzimmers annehmen könne, welches seine unbegrenzte Zuneigung besitze.

Peregrine dankte Herrn Clover für die gütigen und rechtlichen Absichten gegen seine Schwester und sagte ihm dann: daß er vor der Hand keinen Grund sähe, seinem Verlangen entgegen zu seyn; auch versprach er ihm, Juliens Neigung zu erforschen und dann mit ihm weiter über die Sache zu reden; einstweilen bat er ihn jedoch, es zu entschuldigen, wenn er eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit nicht gleich auf der Stelle abmache, und erinnerte ihn dabei an die Veranlassung, die sie hier zusammengeführt hätte, worauf denn die Gläser so schnell in der Gesellschaft rund zu gehen begannen, daß die Freude bald sehr laut und tobend wurde.

Ein wiederholtes und schallendes Gelächter wurde ohne alle andere Anreizung, als den Wein, vernehmbar; dann folgten ziemlich ausgelassene Trinklieder, an denen der alte Herr möglichst Theil zu nehmen suchte, während der sittsame Hofmeister den Takt mit den Fingern schnippte und der Pfarrer mit einem fast weinerlichen Gesichte in den Jubel einstimmte. Eh' aber noch die Mitternacht kam, saßen fast Alle auf ihren Stühlen wie angenagelt, und das Schlimmste bei der Sache war, daß die Dienerschaft sich in demselben Zustande befand. So sah sich denn die werthe Gesellschaft genöthigt, auf ihren Plätzen zu bleiben, wo sie sich einschlafend einander zunickte, wie eine Versammlung von Wiedertäufern.

Den folgenden Tag sprach Peregrine mit seiner Schwester wegen Clover, und sie eröffnete ihm nun: ihr Verehrer habe sich erboten, ihr ein Witthum von vierhundert Pfund auszusetzen und sie ohne Aussteuer zu nehmen. Ferner erzählte sie ihm, daß ihre Mutter ihr einige Male den Befehl zugesendet habe, in das väterliche Haus zurückzukehren; allein auf Anrathen und nach dem Willen des Commodore und ihrer Tante habe sie dies abgelehnt, doch wolle sie auch nicht verhehlen, daß sie diesen Rath gern befolgt hätte, da sie alle Ursache habe, zu glauben, ihre Mutter strebe nur nach einer Gelegenheit, ihren Groll an ihr auszulassen. In der That hatte auch der Zorn dieser Frau gegen ihre Tochter bereits eine solche Höhe erreicht, daß sie, als sie dieselbe eines Tages in der Kirche erblickte, aufsprang und sie, ehe der Pfarrer noch kam, im Angesicht der ganzen Gemeinde mit der größten Bitterkeit ausschmähte.


 << zurück weiter >>