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XIC.

Peregrine wird von der Aufrichtigkeit des Ministers überzeugt. Sein Stolz und sein Ehrgeiz leben von Neuem auf, werden aber bald wieder gedemüthigt.

Wäre der Lord nicht ein Schuldner von Peregrine gewesen, so würde er vielleicht sich wenig um dessen Gesuch oder Racheplan bekümmert haben; allein da der Verkauf der hypothekarischen Verschreibung nicht ohne eine Untersuchung abgehen konnte, die ihm unangenehm war, so wandte er alle seine Kräfte an, die verlangte Audienz zu verschaffen und wirklich glückte es ihm auch damit. Mit großer Wärme und Beredtsamkeit trug jetzt Peregrine Sr. Herrlichkeit den Verlust vor, den er an seinem Vermögen bei dem Wahlgeschäft für den Burgflecken gelitten hatte; dabei gedachte er seiner fehlgeschlagenen Erwartungen bei der zweiten Wahl, erinnerte den Minister an die ihm gemachten Versprechungen und bat schließlich, ihm offen zu sagen, ob und was er zu erwarten habe.

Ruhig hörte ihn der Minister bis zu Ende an, dann erwiederte er ihm mit einem huldreichen Gesichte: er wäre zwar von seinen Verdiensten und seiner Anhänglichkeit wohl unterrichtet, und auch geneigt ihm Beweise seiner Achtung zu geben, doch habe er bis vor Kurzem nicht genau gewußt, was er eigentlich wünsche, auch stände es nicht immer in seiner Gewalt, Allen denen behülflich zu seyn, denen er gern dienen wolle: Sir Pickle solle ihm indeß nur angeben, wie und auf welche Art er sich ihm verbindlich machen könne, und er würde dann nicht anstehen, ihm augenblicklich zu helfen.

Bei dieser Aeußerung hielt ihn Peregrine fest und nannte mehrere Stellen her, die, wie er wußte, noch unbesetzt waren; aber jetzt begann der Minister wieder seine alten Ausflüchte hervorzusuchen: da hing die eine Bedienung nicht von seinem Departement ab, die andere war dem jüngern Sohne eines Pairs noch vor dem Hinscheiden des letzten Besitzers versprochen, die dritte war mit einer Pension beschwert, die einen großen Theil des Gehaltes wegnahm, kurz, es fanden sich bei allen eine solche Menge Einwände, daß Peregrine jetzt deutlich sah, man wolle nur das Kränkende einer völlig abschlägigen Antwort bemänteln. Durch diesen Mangel an Erkenntlichkeit und Dankbarkeit aber erbittert, sagte er: »Ich kann leicht voraussehen, daß es nie an dergleichen Schwierigkeiten fehlen wird, wenn ich mich um irgend eine Stelle bewerbe und will mir deshalb lieber in Zukunft die Mühe ersparen, darum nachzusuchen.«

Nachdem er dies gesprochen, entfernte er sich schnell und athmete nichts als Zorn und Rache; aber sein Patron, der es nicht für rathsam fand, ihn auf das Aeußerste zu treiben, suchte jetzt den Minister dahin zu bringen, etwas zu thun, um den jungen Mann zu besänftigen, und noch denselben Abend erhielt Peregrine eine Einladung von dem Lord, unverzüglich zu ihm zu kommen.

Mit einem Gesicht, das deutlich zeigte, wie er keinesweges in der Stimmung sey, um noch Verweise hinzunehmen, trat er bei seinem Gönner ein, der sich wohl hütend, diesen Ton anzustimmen, ihm sogleich eröffnete: der Minister habe ihm in Betracht seiner Dienste einen Bankzettel auf dreihundert Pfund mit dem Versprechen geschickt, ihm jährlich so lange eine gleiche Summe zu zahlen, bis sich eine passende Versorgung für ihn fände. Diese Eröffnung besänftigte den jungen Mann etwas; er willigte ein, dies Geschenk zu nehmen und stattete den folgenden Tag dem Minister beim Levers seinen Dank ab, der ihn auch dafür mit einem so huldvollen Lächeln beehrte, daß alle Spuren des Unwillens vollends bei Peregrine verschwanden; denn da er den wahren Grund nicht ahnen konnte, warum man ihn mit so vieler Rücksicht behandelte, so sah er in dieser Herablassung nur einen unumstößlichen Beweis der Aufrichtigkeit von Sr. Herrlichkeit und glaubte gewiß, der Minister würde nicht verfehlen, ihm lieber bei erster Gelegenheit eine Stelle, als dies Wartegeld ferner aus seiner Tasche zu geben. Wahrscheinlich würde dies auch geschehen seyn, wenn nicht bald ein unvorhergesehener Zufall in einem Augenblicke sein ganzes Ansehn bei Hofe zu Grunde gerichtet hätte.

Indessen belebte doch dieser augenblickliche Strahl des Glücks die Ideen des jungen Mannes von Stolz und Ehrgeiz wieder; sein Gesicht heiterte sich von Neuem auf, seine gute Laune kehrte zurück und aus seinem ganzen Wesen leuchtete wieder Frohsinn hervor. Wirklich begannen auch seine Mitclienten, da sie sahen, mit welcher besondern Beachtung er bei den Levers behandelt wurde, ihn als einen Menschen zu betrachten, der im Steigen sey, und Einige fingen an, sich um seine Gunst zu bewerben. Er selbst vermied nicht mehr, wie bisher seine früheren Bekannten, mit denen er ehemals einen Theil seines Vermögens durchgebracht hatte, sondern kam mit ihnen, wie einst, an den öffentlichen Vergnügungsorten zusammen, ja, er ließ sich sogar in der gewissen Ueberzeugung, alle seine Hoffnungen binnen Kurzem erfüllt zu sehen, wieder in einige Schwelgereien ein: auch begannen er und Crabtree von Neuem ihre Arbeiten im Bereich des Lächerlichen und führten verschiedene Unternehmungen gegen Personen aus, die sich ihre Unzufriedenheit zugezogen hatten.

Diese Heiterkeit wurde jedoch sehr bald durch ein eben so unerwartetes als niederschlagendes Ereigniß unterbrochen. Peregrinens Gönner rührte der Schlag; zwar stellten ihn die Aerzte wieder her, jedoch nur, um ihn schon nach Verlauf von zwei Monaten, nach allen Regeln der Kunst den Weg alles Fleisches gehen zu lassen. Dieser Zufall schlug Peregrinen sehr nieder, nicht nur aus Freundschaft gegen den Verstorbenen, dem er viele und große Verbindlichkeiten schuldig zu seyn glaubte, sondern auch, weil er besorgte, sein Interesse würde durch den Hintritt dieses Pairs, den er für eine seiner Hauptstützen hielt, einen heftigen Stoß erleiden. Er legte demnach aus Achtung für das Andenken seines verstorbenen Freundes Trauer an und in der That hatte er auch mehr als zu viel Ursache hierzu; denn als der Tag kam, wo er seine Zinsen heben sollte und er sich nun dieserhalb an den Haushofmeister von den Erben des Lords wendete, da kann man sich denken, mit welcher Bestürzung er die Nachricht vernahm, daß er fortan weder auf Capital noch Zinsen rechnen dürfe. »Ihre Miene, Sir Pickle,« sagte der Haushofmeister zu ihm, »spricht Sie von dem Verdachte los, daß Sie einen Betrug im Sinne haben, aber die Hypothek auf die Grundstücke, deren Sie gedenken, hat schon lange vorher, ehe Sie das Geld geliehen haben wollen, ein Anderer bekommen und erst heute Morgen habe ich, wie diese Quittung es Ihnen bezeuget, die Zinsen von diesem Capitale ausgezahlt.«

Diese Nachricht, die ihm Alles raubte, war für Peregrine ein solcher Donnerschlag, daß er kein Wort hervorzubringen vermochte; ein Umstand, wodurch der Intendant keine sonderlich günstige Meinung von ihm erhielt und jetzt wirklich und im Ernste einige Zweifel in Hinsicht seiner Redlichkeit zu hegen begann, die um so mehr Begründung erhielten, da unter den Papieren des Verstorbenen sich nicht das Geringste über diese Schuld vorfand. Nach einer langen Pause sammelte sich Peregrine jedoch endlich so weit wieder, um dem Intendanten sagen zu können, daß er sich über den letzten Punkt nothwendig irren müsse, falls nicht der verstorbene Lord der größte Betrüger auf Erden gewesen. »Doch werden Sie mir erlauben,« fuhr er fort, »daß ich Ihnen bemerke, wie mir Ihre bloße Versicherung nicht hinreichend ist, um den Verlust von zehntausend Pfund so ruhig zu ertragen.«

Mit diesen Worten begab er sich fort und lief einige Male in dem Park auf und nieder, wobei er zum Lobe seines verstorbenen Freundes einen Monolog hielt, dessen Refrain immer eine Reihe unzusammenhängender Flüche gegen sich selbst war; als sich aber zuletzt seine Aufwallung zu legen begann, da stellte er nun die kummervollsten Betrachtungen über seine Lage an und beschloß, ohne Säumen einige Rechtsgelehrte zu Rathe zu ziehen; vor allen Dingen nahm er sich jedoch vor, sich selbst an den Erben zu wenden, der vielleicht, dachte er, redlich genug seyn wird, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn ich ihm die Sache klar und deutlich vorstelle.

Diesem Entschluß zufolge begab er sich am nächsten Morgen nach dem Hause des jungen Lords, wo ihm sein gutes Ansehen und ein Trinkgeld an den Thürsteher Zutritt verschaffte. Hier legte er jetzt dem Erben die ganze Sache umständlich vor, bekräftigte seine Behauptung durch die mitgebrachten Papiere und schilderte den Schimpf, der das Andenken des Verstorbenen treffen würde, wenn er sich zu dem Schritte genöthigt sähe, die Sache anhängig zu machen.

Der Erbe, ein Mann von Welt, beklagte mit großer Theilnahme Peregrinens Unfall, obschon ihn das Ganze nicht sehr zu überraschen schien, und wünschte dann, wenn doch einmal ein solcher Vorfall stattfinden sollte, daß der Schade den ersten hypothekarischen Gläubiger möchte getroffen haben; »denn dies ist,« sagte er, »ein nichtswürdiger Wucherer, der durch den Ruin Anderer reich geworden ist.« – Auf die Vorstellungen unseres jungen Herrn bemerkte er jedoch, daß er sich nicht für verpflichtet hielte, die mindeste Rücksicht auf den guten Namen des Verstorbenen zu nehmen, da dieser höchst ungerecht und unverwandtschaftlich gegen ihn gehandelt und ihm nicht nur seinen Schutz gänzlich versagt, sondern ihm auch so viel als möglich die Erbschaft selbst verkümmert habe. Auf diese Art könne demnach kein Billigdenkender von ihm verlangen, daß er zehntausend Pfund für nichts und wieder nichts bezahlen solle.

Trotz seinem Aerger mußte sich Peregrine doch gestehen, daß diese abschlägige Antwort nicht so ganz unbillig war und nachdem er seinem Unwillen gegen den Verstorbenen in den heftigsten Ausdrücken Luft gemacht hatte, empfahl er sich dem artigen Erben desselben und ging nun zu einem Advocaten, um diesem den Fall vorzutragen. Der Rechtsconsulent versicherte ihm, seine Sache sey ganz liquid, und so wurde denn der Proceß eingeleitet.

Alle diese Maßregeln wurden von Peregrine in der ersten Hitze genommen, wo seine Leidenschaften noch durch sein Unglück so aufgeregt waren, daß er das für Gleichmuth hielt, was nichts als Berauschung war. So verstrichen zwei volle Tage, eh' er zum rechten Gefühl seines Unglücks kam, dann aber nahm er eine schmerzenvolle Selbstprüfung vor, bei der jeder Umstand neue marternde Betrachtungen in ihm erweckte, deren Endresultat aber zuletzt die traurige Entdeckung war, daß sein Vermögen gänzlich fort und er somit in den Zustand einer beklagenswerthen Abhängigkeit gerathen sey. Diese Vorstellung wurde hingereicht haben, ihn zu einem verzweifelnden Schritte zu treiben, wenn ihn nicht das Vertrauen auf den guten Ausgang seines Processes und die Versicherungen des Ministers noch aufrecht erhalten hätten.

Gern giebt sich der Mensch Hoffnungen hin und ein Strohhalm dient ihm oft zur Stütze. Dies war jetzt auch der Fall mit unserm Helden: statt sich den melancholischen Ideen zu überlassen, die sein Unglück hervorrief, schmeichelte er sich mit bunten Träumen künftiger Größe und suchte den Vorhang der Vergessenheit über das Geschehene zu ziehen; eben so entschloß er sich auch, Crabtree mit seinem Unglück bekannt zu machen und so lieber ein für allemal die Feuerprobe seiner Spöttereien auszuhalten, als sich eine ewige Zeit hindurch dessen hämischen Winken und Anspielungen auszusetzen. Er benutzte demnach die erste Gelegenheit, dem Menschenhasser zu erzählen, daß er durch die Schlechtigkeit seines Gönners gänzlich zu Grunde gerichtet worden sey, zugleich ihn aber auch dabei zu bitten, nicht durch ihm so eigene beißende Bemerkungen seinen Schmerz noch zu vergrößern. Crabtree hörte diese Nachricht nicht ohne Ueberraschung an, doch ließ er sich keinesweges etwas davon merken und erwiederte nur nach einer kurzen Pause: Peregrine dürfe nicht fürchten, noch etwas von ihm über ein Ereigniß zu hören, das er längst erwartete habe. Hierauf ermahnte er ihn mit spöttischem Lächeln, sich mit dem Versprechen des Ministers zu trösten, der sicher die Schuld seines hinübergegangenen Busenfreundes tilgen würde.


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