Autorenseite

 << zurück weiter >> 

LXXXIII.

Peregrine wendet Alles an, sich mit seiner Gebieterin wieder auszusöhnen. Er geräth mit ihrem Onkel in einen Wortwechsel und dieser verbietet ihm das Haus.

Man brachte ihn in einer Sänfte in seine Wohnung, als er aber hier eben mit sich darüber zu Rathe ging, ob er Emilie auf immer entsagen oder ihr voll Demuth, um sein Vergehen wieder gut zu machen, seine Hand antragen sollte, da überreichte ihm einer seiner Diener ein für ihn angekommenes Päckchen. Kaum hatte er in der Ueberschrift Emiliens Züge erkannt, so errieth er auch sogleich den Inhalt. Zitternd erbrach er das Siegel und fand den ihr geschenkten Schmuck mit folgendem Billet:

»Um mir nicht den geringsten Vorwurf machen zu dürfen, das geringste Andenken von einem Elenden behalten zu haben, den ich eben so verachte als verabscheue, sende ich hier das zurück, was er als Werkzeug seiner nichtswürdigen Absichten gebrauchte.

Emilie

Die Bitterkeit dieser Zeilen entflammte seinen Aerger so sehr, daß er sich wie wüthend die Nägel zerbiß und vor Verdruß weinte. Bald wollte er sich an ihr rächen, dann aber flößte ihm wieder ihr Benehmen Ehrfurcht und Achtung ein. So ward seine Brust von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen und Liebe, Scham, Reue, Stolz und Wuth kämpften wechselsweise in ihm: endlich siegte sein Verlangen nach der Geliebten über alles Andere, und er beschloß, einen Versuch zu wagen, die beleidigte Schöne zu versöhnen.

Nicht ohne Hoffnung, jenes süße Vergnügen zu schmecken, das die Aussöhnung zweier Liebenden zu gewähren pflegt, begab er sich den Nachmittag nach der Wohnung des Onkels, und obschon ihm das Bewußtseyn seiner Schuld ein verlegenes und linkisches Ansehen verlieh, so besaß er doch Vertrauen genug, in seine persönlichen Eigenschaften, um nicht an einem guten Gelingen zu verzweifeln.

Als er an der Thüre des Kaufmanns stand, wußte er eine sehr künstliche und pathetische Rede auswendig, die er zu seiner Vertheidigung zu halten gedachte und in welcher er das Tadelnswürdige seines Betragens mit vielem Geschick auf den zu reichlich genossenen Burgunder schob; leider hatte er aber keine Gelegenheit, von dieser schönen Vorbereitung Nutzen zu ziehen, denn Emilie, die es vermuthete, er dürfte wohl einen solchen Schritt thun, war unter den Vorwand, einen Besuch abzustatten, ausgegangen, und hatte vorher ihren Verwandten ihren Entschluß eröffnet, in Zukunft Peregrinens Umgang, einiger zweideutigen Züge wegen, die sie auf dem Balle an ihm bemerkt hätte, zu vermeiden. Sie wollte ihren Vorsatz lieber in diesem Wink verhüllt andeuten, als das ganze abscheuliche Benehmen des jungen Mannes umständlich mittheilen, da sie hierdurch fürchtete, die Rache und Erbitterung der Familie zu sehr zu reizen.

Da sich Peregrine somit in seiner Hoffnung, sie zu sehen, getäuscht sah, fragte er nach dem Onkel, bei dem er sich genug EInfluß zutraute, um sich vor ihm mit Glück rechtfertigen zu können, falls der selbe vielleicht durch Emilie gegen ihn eingenommen seyn sollte. Aber auch diese Hoffnung schlug ihm fehl; der alte Herr hatte diesen Mittag auf dem Lande gespeist und seine Frau war unpaß. Somit war ihm jeder Vorwand genommen, bis zur Zurückkehr seiner Geliebten zu warten, doch stets reich an Ausfluchtsmitteln, ließ er seinen Wagen fortfahren und quartierte sich einstweilen in dem Zimmer eines Weinhauses ein, dessen Fenster die Thüre des Kaufmanns beherrschten. Hier beschloß er, Emiliens Rückkehr zu erwarten, und wirklich führte er auch diesen Vorsatz mit unermüdeter Geduld aus, doch entsprach der Erfolg durchaus nicht seinen Erwartungen.

Emilie, zu vorsichtig, sich auf irgend eine Art der Gefahr auszusetzen, mit ihm zusammenzutreffen, begab sich, in der Vermuthung, daß er ihr wohl irgendwo auflauern möchte, auf einem andern Wege durch eine Hinterthüre in das Haus, und was den Onkel anlangte, so kehrte dieser erst so spät aus seiner Gesellschaft zurück, daß Peregrine unmöglich jetzt noch um eine Unterredung mit ihm bitten konnte.

Dies hinderte ihn jedoch nicht, sich am nächsten Morgen von Neuem an der Thüre zu zeigen, aber seine Gebieterin ließ sich verleugnen. Jetzt bestand unser Held darauf, den Herrn vom Hause zu sprechen, doch dieser empfing ihn mit einer solchen kalten Höflichkeit, daß er deutlich sah, er kenne die Ursache von dem Mißvergnügen seiner Nichte. Dies veranlaßte ihn nun, mit der Miene der Offenheit zu dem Kaufmann zu sagen: er sähe an seinem Benehmen, daß er ein Vertrauter von Miß Emilie sey; er selbst aber wäre jetzt gekommen, die junge Dame wegen einer gewissen ihr zugefügten Beleidigung um Verzeihung zu bitten, und er schmeichle sich, im Stande zu seyn, sie zu überzeugen, daß er nicht mit Absicht gefehlt habe; auch sey er bereit, ihr eine solche Genugthuung zu geben, daß sein Vergehen dadurch vollkommen abgebüßt würde.

Auf diese Erklärung antwortete der Citybewohner ganz unverhohlen: zwar wisse er nicht, worin die Beleidigung gegen seine Nichte eigentlich bestanden habe, allein sie müsse sehr bedeutend gewesen seyn, weil seine Emmy so äußerst erbittert gegen ihn sey, während sie doch früher die größte Achtung für ihn gehegt habe. Er gestand, daß sie geäußert habe, wie sie fest entschlossen sey, alle Bekanntschaft mit ihm abzubrechen; nothwendig müsse sie hierzu ihre guten Gründe haben; was ihn aber beträfe, so könne er sich nur in dem Fall zu der Rolle eines Vermittlers verstehen, wenn Sir Pickle ihm unumschränkte Vollmacht gäbe, wegen einer Heirath zu unterhandeln, denn dies dürfte das einzige Mittel seyn, seine Redlichkeit zu beweisen und Emiliens Verzeihung zu erlangen.

Diese unschicklich angebrachte Bemerkung beleidigte aber Peregrinens Stolz und brachte ihn auf den Gedanken eines verabredeten Planes zwischen Onkel und Nichte: er versetzte daher mit unverholenen Merkmalen des Verdrusses, daß er nicht einsähe, wozu ein Mittler nöthig sey, die Mißhelligkeiten zwischen ihm und Emilie beizulegen, und daß er nichts als eine Gelegenheit, seine Sache selbst zu führen, verlange.

Jetzt sagte ihm der Kaufmann aber gerade heraus, seine Nichte wolle durchaus seine Gesellschaft vermeiden, und er sey nicht gesonnen, ihr den mindesten Zwang anzuthun; zugleich gab er ihm zu verstehen, daß er Geschäfte habe.

Diese hochmüthige Begegnung brachte den jungen Mann vollends in Zorn. »Ich habe Unrecht daran gethan,« sprach er, »so weit diesseits Tempelbar feine Sitten zu suchen; erlauben Sie mir jedoch, Ihnen zu bemerken, daß wenn mir keine Unterredung mit Miß Gauntlet gestattet wird, ich hieraus schließen muß, daß man ihrer Neigung Zwang anthut und daß Sie selbst vielleicht unerlaubte Absichten mit ihr haben.« – »Folgern Sie in Gottes Namen was Ihnen beliebt,« entgegnete der alte Herr nicht weniger aufgebracht, »doch bitte ich Sie, mir das Vorrecht nicht zu rauben, Herr in meinem Hause zu seyn.« Mit diesen Worten wies er ihm sehr höflich die Thüre.

Unser Held, der sowohl seiner Mäßigung nicht traute, als einsah, daß ihm hier jeder Widerstand zu nichts nützen könne, als die Schmach seiner Fortweisung zu vergrößern, verließ dem zu Folge in heftigster Wuth das Haus, doch konnte er seinen Ingrimm nicht ganz unterdrücken und sagte dieserhalb beim Weggehen zu dem Kaufmann: wofern ihn nicht sein Alter geschützt hätte, so würde er nicht ermangelt haben, ihn für seine Unart zu züchtigen.


 << zurück weiter >>