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CVI.

Der Lieutenant und Pipes fallen Crabtree an und werden dafür aus dem Fleet verbannt. Peregrine beginnt das Unbehagliche seiner Lage zu empfinden.

Nachdem Peregrine wie gewöhnlich am Wirthstische gespeist hatte, begab er sich mit Crabtree auf sein Zimmer; die beiden Seeleute, welche sich dagegen genöthigt gesehen hatten, die bestellten Vorräthe selbst zu verzehren, erneuerten ihre Berathschlagungen und Pipes gab nun dem Lieutenant zu verstehen, jener alte, taube Hagestolz, den Hatchway den Tag vorher bei Peregrine getroffen, sey dessen vornehmster Vertrauter, worauf denn der Lieutenant mit seinem gewöhnlichen Scharfsinne sogleich den Schluß machte, die Halsstarrigkeit des jungen Herrn rühre lediglich von jenem alten Sünder her, den man deswegen züchtigen müsse. Diesen Vorsatz fand Pipes aber um so gerechter, als er den Alten stets für eine Art von Zauberer gehalten, dessen Bekanntschaft überhaupt nur unheilbringend sey. Hadgy's Vorspiegelungen hatten ihn besonders auf diesen Gedanken gebracht; dieser Mensch hatte ihm nämlich in den Kopf gesetzt, Crabtree besitze ungemeine Kenntnisse in der schwarzen Kunst und sey vorzüglich ein erfahrener Goldmacher, und Pipes hatte nicht ermangelt, diesen Reden so lange unbedingten Glauben zu schenken, bis sein Herr Schulden halber ins Gefängniß kam; jetzt begann er jedoch daran zu zweifeln, daß der Alte den Stein der Weisen besitze, da er sonst zuverlässig seinen vertrautesten Freund befreien würde.

In Folge dieser Gesinnungen nahm er an Hatchway's Vorhaben den wärmsten Antheil und Beide beschlossen nun, den alten Geisterbeschwörer bei erster Gelegenheit zu ergreifen und ihm ein tüchtiges Sturzbad zu bereiten; ein Plan, den sie auf denselben Abend noch würden ausgeführt haben, wenn ihnen Crabtree nicht zufällig für dies Mal entgangen wäre. Den andern Tag hielten sie jedoch besser Wache, und als nun der Menschenhasser zu Peregrinen kommend an ihnen vorüberging, da schwenkte Pipes seinen Hut und sprach: »Hol' Euch der Teufel, ihr alter tauber Seehund! wir müssen stracks zusammen entern, und weiß Gott! ich will Eurem Oberstübchen so nahe liegen thun, daß Eure Ohrpforten den Schall hineinlassen sollen und wären sie auch doppelt und dreifach mit aufgedrehten Tauen kalfatert.«

Die Ohren des Menschenfeindes waren nicht so verschlossen, um diesen Wink nicht zu vernehmen, und obschon er die Ausdrücke, deren sich Pipes bediente, nicht ganz begriff, so überfiel ihn doch eine solche Furcht, daß er Peregrinen seine Besorgniß mit den Worten eröffnete: der Mensch mit dem hölzernen Beine gefiele ihm ganz und gar nicht. Unser Held versicherte ihm dagegen, er habe von den beiden Seeleuten durchaus nichts zu befürchten, da er sie ja nicht beleidigt hätte und überdem würden sie es sicher nicht wagen, ihm etwas zuzufügen, da sie sich hierdurch, wie sie wohl wüßten, seinen ganzen Zorn zuziehen würden.

Trotz dieser Versicherung glaubte Peregrine jedoch selbst im Stillen, daß der Lieutenant wohl aufgebracht gegen Crabtree seyn könne, da dieser einer Vertraulichkeit genoß, von der sich der Andere ausgeschlossen sah; indeß, da er wußte, daß dem Alten von des Lieutenants Rache an einem Orte wie dieser, wo sogleich Hülfe auf sein Geschrei kommen konnte, nicht viel Nachtheil zu erwachsen vermochte, so wünschte er es selbst, die Seeleute möchten einen Angriff auf den Menschenhasser machen und ihm hierdurch Gelegenheit verschafften, sie aus dem Fleet, wo er sie nun einmal nicht haben wollte, fortzubringen.

Wirklich geschah auch Alles so, wie er es vorhergesehen hatte. Als Crabtree von ihm wegging, fielen ihn Hatchway und Pipes an und schleppten ihn mit großer Behendigkeit zu einem Brunnen, wo sie ihn zuverlässig mit einem tüchtigen Bade bewirthet haben würden, wenn der Alte nicht seine Stimme so laut erhoben hätte, daß augenblicklich eine Menge Menschen, und unter diesen auch Peregrine, zu seinem Beistande herbeigeeilt wären, wo sich dann die Angreifer genöthigt sahen, ihre Beute fahren zu lassen; was sie jedoch nicht anders taten, als daß sie dem Cyniker noch einige Dutzend Püffe mit auf den Weg gaben, worauf sie sich dann zurückzogen, während Peregrine den erschrockenen Crabtree bis an das Thor geleitete, dann aber eine förmliche Klage gegen die Verbündeten bei dem Aufseher des Gefängnisses eingab, die durch das Zeugniß von mehr als zwanzig Personen unterstützt ward.

In Folge dieser Anzeige eröffnete jetzt der Aufseher dem Lieutenant, daß er mit seinem Begleiter den nächsten Morgen das Fleet räumen müsse, widrigenfalls man ihn mit Gewalt ausquartieren würde. Hatchway fand jedoch nicht für gut, dieser Weisung zu gehorchen, und ward deswegen, als er am nächsten Vormittag auf dem großen Platze umherspazierte, plötzlich von den Constablers des dortigen Gerichtshofes umringt, und eh' er sich versah, mit seinem Schiffscameraden vor die Thüre hinausgesetzt, wo man ihnen ihre Sachen zugleich hinbrachte.

Inzwischen geschah diese Vertreibung nicht ohne hartnäckigen Widerstand von Seiten der beiden Seeleute und gewiß würden sie, hätte man sie nicht so schnell überrascht, viel Umstände noch gemacht haben, jetzt indessen mußte sich der Lieutenant damit begnügen, seinem Führer zum Dank und Lebewohl für die Begleitung, bei der Nase zu zupfen. Diesem löblichen Beispiele zu folgen, unterließ Pipes nicht; er gab seinem Hinausweiser zum Andenken einen derben Schlag auf dessen einziges Auge, doch da dieser ein Mann war, der es für schimpflich hielt, sich in solchen Höflichkeitsbezeigungen übertreffen zu lassen, so erwiederte er den Gruß so treulich, daß Pipes ein ganzes Schock Lichter vor seinen Augen tanzen sah.

Diese Demonstrationen waren ein hinreichender Wink für Beide, sich schlagfertig zu halten; in einem Augenblick standen sie bis auf den Gurt entblößt da; die Fleischer auf dem Markte schlossen sogleich einen Kreis um sie her, ein paar von jenen ehrwürdigen Priestern, die hier immer in diesem Theile der Stadt in Schlafröcken umher gehen, um Heirathen zu stiften, warfen sich zu Secundanten und Schiedsrichtern des Gefechtes auf, und das Treffen begann.

An Stärke und Behendigkeit waren sich die beiden Partheien gleich, allein der Kerkerknecht war ein erfahrener Meister der Boxkunst und hatte öfters schon Proben seiner Tapferkeit und Geschicklichkeit vor den Augen des Publicums angelegt, auch sein eines Auge im Laufe dieser Heldenthaten eingebüßt.

Diesen Unfall ermangelte Pipes jetzt nicht zu benutzen. Er hatte bereits mehrere herbe Schläge gegen Schläfe und Kinnbacken bekommen und es unmöglich gefunden, seinem Gegner einen Streich auf die Vorrathskammern zu versetzen; deswegen änderte er nun seinen Angriff und da er mit der linken Hand eben so gut umzugehen wußte, als mit der rechten, so erregte er ein solches Geprassel auf der blinden Seite des Gegners, daß dieser ihn für linkhändig hielt, und deshalb seine ganze Aufmerksamkeit nach dieser Seite hinwandte, aber plötzlich gab ihm nun Pipes von der andern Seite her einen solchen handfesten Stoß unter die fünfte Rippe, daß er augenblicklich besinnungslos auf das Pflaster stürzte.

Jetzt empfing der Seemann nicht allein von seinem Freunde Hatchway, sondern von allen Umstehenden, und besonders von dem Priester, der sich seiner Sache angenommen hatte, die lautesten Glückwünsche über seinen Sieg, und Letzterer bat die Fremden, ihm in seine Wohnung in einem benachbarten Alehause zu folgen, wo die beiden Seeleute die Bewirthung so ganz nach ihrem Geschmacke fanden, daß sie sogleich den Entschluß faßten, hier ihr Quartier aufzuschlagen, solange sie noch in der Stadt bleiben würden; denn trotz aller Hindernisse hatten sie noch nicht den Plan schwinden lassen, sich ferner nach ihrer Art Peregrinens anzunehmen.

Mittlerweile daß sie hier sich einrichteten und in der Gegend umher freundschaftliche Verbindungen mit guten Cameraden anknüpften, sah sich aber Peregrine Crabtree's Umgangs beraubt; denn dieser meldete ihm, er fände es nicht für rathsam, sein Leben durch einen Besuch bei ihm in Gefahr zu setzen, so lange die beiden Mordgesellen, deren Ankerplatz er erkundet hatte, die Wege zu ihm besetzt hielten. Für Peregrinen war dies höchst unangenehm; er hatte sich durch langen Verkehr so an den Menschenhasser gewöhnt, daß es ihm jetzt in einer Lage, wo er ohnedem aller andern Vergnügungen beraubt war, sehr schwer wurde, auch ihn noch zu entbehren; dennoch mußte er sich in sein Schicksal fügen.

An seinen Mitgefangenen fand er im Ganzen wenig Behagen, und so sah er sich demnach jetzt genöthigt, sein Vergnügen in sich selbst zu suchen. Zwar hatte er allerdings Gelegenheit, mit einigen Leuten umzugehen, denen es nicht an Geist mangelte, allein aus ihrem ganzen Betragen leuchtete ein gewisser Mangel an Anstand und eine Art von kerkermäßigem Schmutz hervor, der ihnen durch die Länge ihrer Gefangenschaft eigen geworden war, so daß sich sein Zartsinn fortwährend dadurch zurückgestoßen fühlte. Er entzog sich daher soviel als möglich aller Gesellschaft und nahm seine Arbeiten mit großem Eifer und Fleiß wieder vor, wobei ihn der Beifall nicht wenig unterstützte, den einige seiner Aufsätze gegen den Urheber seines Unglücks im Publicum fanden.

Auch seine Menschlichkeit blieb in dieser Zeit nicht unbeschäftigt, und in der That muß der sehr fühllos seyn, dem an solchen Orten der Noth nicht das Herz aufgeht. Jeden Tag stellten sich ihm hier Bilder des Elendes dar und da er nie vermochte, einen Unglücklichen ohne Mitgefühl zu sehen, so hatte er nur zu oft Gelegenheit, die Tugend der Wohlthätigkeit zu üben. Hierdurch schwand aber seine ohnedem nicht sehr reichlich versehene Börse so zusammen, daß er sich bald genöthigt sah, zu kleinen Vorschüssen von seinem Verleger seine Zuflucht nehmen zu müssen, da dies jedoch immer nur auf kurze Zeit half und er bald einsah, wie sein angestrengter Fleiß ihn bei seiner Freigebigkeit nicht vor neuen Verlegenheiten schützen würde, auch der Gedanke von dem Beifall der Welt, den er sich durch seine Schriften zu erwerben hoffte, wie ein oft gebrauchtes Reizmittel nach und nach die Wirkung auf seine Einbildungskraft verlor, so begann er traurig und niedergeschlagen zu werden. Diese Stimmung artete aber bald in völlige Muthlosigkeit und Melancholie durch einige Nachrichten aus, die in der That nicht dazu dienen konnten, den Geist zu erheben. Sein Advocat ließ ihm nämlich wissen, daß sein Proceß verloren und er zu den Kosten verurtheilt sey; fast gleichzeitig erfuhr er, daß sein Verleger banquerott gemacht habe und daß sein Freund Crabtree in den letzten Zügen läge.

Man kann denken, wie dies Alles auf einen Menschen von Peregrinens Charakter wirkte, dessen Stolz und Unbeugsamkeit mit dem Gewicht seines Elendes zuzunehmen schien. Wirklich beschloß er, eh' er sich dem Lieutenant, der noch immer in der Nähe des Gefängnisses vor Anker lag und auf eine Gelegenheit wartete, ihm beizustehen, verpflichten wollte, lieber jede Bequemlichkeit des Lebens zu missen, und er versetzte jetzt seine Kleider bei einem irländischen Pfänderverleiher in Fleet, um sich nur die nothwendigsten Bedürfnisse anschaffen zu können.

Nach und nach erzeugte sein Unglück den giftigsten Groll gegen das Leben und alle Menschen in ihm, und sein Daseyn ward ihm so verhaßt, daß er den Augenblick herbeisehnte, der demselben ein Ende machen würde. Obschon er täglich die auffallendsten Beispiele vom Glückswechsel vor Augen hatte, so vermochte er sich dennoch nicht mit dem Gedanken vertraut zu machen, wie manche seiner Leidensgefährten auf der niedrigsten Stufe der Abhängigkeit zu leben, und da er Stolz genug besaß, die Hülfe seiner Freunde und Verwandten auszuschlagen, so läßt es sich denken, daß er noch weniger geneigt war, Vorschlägen der Art Gehör zu geben, wie ihm einige von seinen Mitgefangenen, mit denen er bekannter geworden war, machten. Ja er wurde jetzt noch vorsichtiger als jemals darin, sich Verbindlichkeiten aufzulegen; er vermied seine bisherigen Tischgenossen, um allen freundschaftlichen Anerbietungen auszuweichen und selbst von dem Geistlichen zog er sich zurück, da er merkte, daß dieser ihn in Bezug auf seine Lage auszuforschen suchte. Zuletzt schloß er sich ganz ein und vermied jede Annäherung.


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