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LXXX.

Peregrine begibt sich nach London, wo er Emilie trifft und sich Zutritt bei ihrem Onkel verschafft.

Mistreß Trunnion zog auf die dringenden Bitten von Julie und deren Manne in das Haus dieser liebevollen Verwandten, die es sich zur angenehmsten Pflicht machten, die trauernde Wittwe zu trösten und zu pflegen; Jolter blieb in Erwartung der noch nicht erledigten Pfründe, im Castell, und vertrat hier gleichsam die Stelle eines Haushofmeisters; was aber den Lieutenant anlangte, so hatte Peregrine wegen des Vorschlages des Commodores, Mistreß Trunnion zu heirathen, eine lange Unterredung mit ihm.

Hatchway war nach und nach des einsamen Lebens als Junggeselle überdrießig geworden und nur die Gesellschaft seines alten Schiffsgefährten hatte ihn dahin zu bringen vermocht, so lange ledig zu bleiben. Weit entfernt daher, jenen Antrag zu verwerfen, machte er vielmehr die schalkhafte Bemerkung: er habe wohl schon öfter in Abwesenheit seines Commandeurs dessen Schiff gelenkt und wenn also die Wittwe nicht abgeneigt sey, so wolle er wohl in Erwartung, daß die Sache nicht lange dauerte, das Steuer übernehmen und sich bemühen, sie sicher und wohlbehalten in den Hafen zu bringen, wo dann der Commodore wieder an Bord kommen und sie unter seine Obhut nehmen könne.

Dieser Erklärung zufolge ward nun festgesetzt, daß Hatchway der Mistreß, sobald es der Anstand erlauben würde, den Hof machen sollte, wobei Clover und dessen Gattin versprachen, allen ihren Einfluß zu seinem Besten zu verwenden; unterdessen ersuchte man aber den Lieutenant, auf den bisherigen Fuß im Castell fortzuleben, das er alsdann, wenn die Heirath zu Stande käme, ganz in Besitz nehmen könne.

Nachdem auf diese Art Alles in Ordnung gebracht war, nahm Peregrine von seinen Freunden Abschied und begab sich in die Hauptstadt, wo er sich Equipage anschaffte, Pipes und noch einen Diener in reiche Livreen steckte, eine hübsche Wohnung in Pall-mall bezog und unter den Leuten von Ton eine ansehnliche Figur zu spielen begann.

Dieser glänzende Aufzug veranlaßte, daß die Fama ihn als einen jungen Gentleman verkündete, der durch den Tod eines Onkels Güter geerbt hätte, die ihm ein jährliches Einkommen von fünftausend Pfund brächten; daß er einst, wenn sein Vater stürbe, noch einmal so viel erwarten könne, und daß er überdies noch von seiner Mutter und seiner Tante ansehnliche Erbschaften zu hoffen habe.

So grundlos und übertrieben dies Alles auch war, so vermochte Peregrine dennoch nicht, diesen Gerüchten zu widersprechen; sein Stolz konnte sich nicht entschließen, einen Schritt zu thun, wodurch sein Ansehn in den Augen derer hätte vermindert werden können, die sich in der Voraussetzung solcher glänzender Vermögensumstände um seine Bekanntschaft bewarben, und er war selbst schwach genug, den Entschluß zu fassen, diesen Irrthum dadurch zu unterstützen, daß er diesem Gerüchte gemäß lebte. Zu dem Ende ließ er sich in alle Lustparthieen ein, die den größten Aufwand erforderten und seine Hoffnung dabei war, daß es ihm durch seine persönlichen Eigenschaften jedenfalls gelingen würde, sein Glück auf irgend eine Art zu machen, bevor noch sein dermaliges Vermögen erschöpft wäre. Kurz, Eitelkeit und Stolz herrschten so sehr bei ihm vor, daß er durchaus nicht davon zweifelte, hinreichende Eigenschaften zu besitzen, seine Lage stets wieder herstellen zu können, eh' er noch in Mangel und Noth verfiele; auch zweifelte er gar nicht, daß er jeden Augenblick eine reiche Erbin oder Wittwe, sowie er nur wollte, zu erobern vermöchte, und wirklich verleitete ihn sein Ehrgeiz jetzt schon nach dem Herzen der jungen, schönen Wittwe eines Pairs zu streben, deren Bekanntschaft er zufällig gemacht hatte. Falls es ihm aber nicht gelegen seyn sollte, durch eine Heirath sich emporzuschwingen, so glaubte er unter dem höhern Adel genugsam gut angeschrieben zu seyn, um mit leichter Mühe irgend einen Posten zu erhalten, der ihn für Alles entschädigte. – Es gibt eine Menge junge Leute, die mit der Hälfte von den Gründen, welche Pickle hatte, eingebildet zu seyn, vollkommen ähnliche Erwartungen hegen.

Trotz dieser chimärischen Plane nahm seine Leidenschaft für Emilie indeß nicht ab; im Gegentheil! seine Sehnsucht nach ihr ward bald so groß, daß sich ihr Bild jeder andern Vorstellung unterschob und es ihm schlechterdings unmöglich wurde, die anderen hochfliegenden Plane zu verfolgen, die seine Einbildungskraft entworfen hatte. Er faßte daher den Entschluß, sie in seinem jetzigen Glanze zu besuchen und alle seine Kunst und Geschicklichkeit anzuwenden, ihre Tugend zu erschüttern. In der That waren die Grundsätze der Ehre durch seine strafbaren Leidenschaften so erschüttert bei ihm worden, er hatte sein Gewissen und das Andenken der letzten Worte des Commodore so übertäubt, daß er jetzt schlecht genug war, über die Abwesenheit seines Freundes Gauntlet zu frohlocken, der sich mit seinem Regimente in Irland befand und sich daher seinem lasterhaften Vorhaben nicht zu widersetzen vermochte.

In diesen schönen Gesinnungen beschloß er, begleitet von seinem Kammerdiener und zwei Lakaien, in seiner glänzenden Equipage nach Sussex abzureisen und nahm sich dabei vor, diesmal den bei seinen letzten Versuchen gemachten Fehler zu vermeiden und die Festung durch das unterthänigste, sanfteste und einschmeichelndste Betragen zu untergraben.

Den Abend vor seiner Abreise begab er sich wie gewöhnlich in das Theater, um die Damen zu mustern. Als er in die Loge trat, begaffte er die Versammlung durch sein Glas, dessen er sich, weil es so Mode war, blödsichtig zu seyn, bediente: da erblickte er plötzlich die Gebieterin seines Herzens in einer der obersten Logen in einem sehr einfachen Anzuge. Sie sprach eben mit einem anderen Frauenzimmer, deren Aeußeres nicht viel Glanz verrieth. Obschon Emiliens Anblick ihn unwiderstehlich anzog, so stand er dennoch einige Minuten an, sich ihr zu nahen: er besorgte, einige der vornehmen anwesenden Damen möchten es ihm verdenken, wenn er mit einem Frauenzimmer von so wenigem äußeren Schimmer sich unterhielte, und schwerlich würde seine Liebe seinen Stolz so weit überwunden haben, zu Emilie hinaufzugehen, wenn er sich nicht besonnen hätte, daß seine vornehmen Freundinnen das Mädchen wohl für eine Nebenbekanntschaft ansehen und ihm so die Sache hingehen lassen würden.

Durch diesen Einfall aufgemuntert, eilte er demnach dem Orte zu, wo Miß Gauntlet saß. Sein Benehmen und sein Anzug waren übrigens so auffallend, daß er nothwendig die Blicke auf sich ziehen mußte, zumal da er zu seinem geräuschvollen Eintritt einen Augenblick wählte, wo die größte Stille im Hause herrschte und alle Anwesende mit Aufmerksamkeit auf die Vorstellung lauschten.

Emilie hatte ihn, sowie er in den Saal trat, erkannt; die Richtung seines Opernguckers hatte ihr gezeigt, daß auch er sie gesehen hatte und sein plötzliches Verschwinden aus der Loge ließ ihr seine Absicht vermuthen. Sie rief deshalb jetzt ihren ganzen Muth zusammen und bereitete sich so zu seinem Empfange vor. Mit einem lebhaften und frohen Wesen, das jedoch durch Bescheidenheit und Ehrerbietung gemildert ward, nahte er sich ihr und bezeigte ihr mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung sein Vergnügen, sie wiederzusehen. So angenehm ihr dies Benehmen von seiner Seite war, so viel Mühe gab sie sich jedoch, die Bewegung ihres Herzens zu unterdrücken und sie beantwortete daher seine Complimente mit aller der anscheinenden Ruhe und heiteren Unbefangenheit, die man bei dem zufälligen Wiedersehen eines gleichgültigen Bekannten zu haben pflegt.

Nachdem er sich von ihrem Befinden unterrichtet hatte, erkundigte er sich nun auch nach dem ihrer Mutter und Miß Sophie's; dann gab er zu verstehen, wie er kürzlich mit einem Briefe von ihrem Bruder sey beehrt worden und wie er gesonnen gewesen wäre, den nächsten Tag abzureisen, um Mistreß Gauntlet seine Aufwartung zu machen. Jetzt aber, da er das Glück gehabt habe, sie zu treffen, wolle er seine Reise verschieben, bis er die Ehre genießen könne, sie zu begleiten. Emilie dankte ihm hierauf für dies Anerbieten und eröffnete ihm dann: daß ihre Mutter in wenigen Tagen in der Stadt eintreffen würde und daß sie selbst vor einigen Wochen nach London gekommen sey, um eine Tante zu pflegen, die gefährlich krank gelegen habe, jetzt aber wieder ziemlich hergestellt wäre.

Obschon das Gespräch während der Vorstellung sich nur über allgemeine Gegenstände verbreitete, so ergriff Pickle dennoch jede Gelegenheit, durch seine Blicke die Gefühle seines Herzens zu eröffnen. Sie sah die Demuth dieser Blicke und freute sich im Stillen darüber, doch war sie so weit entfernt, sie zu erwiedern, daß sie dieselben vielmehr geflissentlich vermied und statt dessen mit einem jungen Gentleman in einer Loge gegenüber coquettirte, dessen Herz sie erobert zu haben schien. Peregrine war zu scharfsichtig, um nicht ihre Absicht hierbei einzusehen; ihre Verstellung verdroß ihn und bestrickte ihn nur noch mehr in seinen bösen Planen auf sie; dennoch beharrte er in seiner einmal angenommenen Rolle. Nach Endigung des Stücks führte er sie und ihre Gesellschafterin zu einer Miethkutsche; doch hielt es schwer, daß er die Erlaubniß bekam, sie nach dem Hause ihres Onkels begleiten zu dürfen, wo ihn die junge Dame als einen vertrauten Freund ihres Bruders Geoffry vorstellte.

Der Onkel, dem es gar nicht unbekannt war, auf welchem Fuße Peregrine mit dem Hause seiner Schwester stand, bat ihn jetzt, zum Abendessen zu bleiben, und fand bald eben so viel Geschmack an seiner Unterhaltung als an seinem Betragen, da Peregrine Gewandtheit genug besaß, Beides ganz nach den Launen seines Wirthes einzurichten.

Nach dem Essen, als sich die Frauenzimmer zurückgezogen hatten, stopfte der Citybewohner sein Abendpfeifchen und unser Held ermangelte nicht, diesem Beispiele zu folgen, und obschon ihm der Tabak im Ganzen zuwider war, doch ihn mit so viel Wohlbehagen zu rauchen und sich dabei über dessen Vorzüge so gründlich zu verbreiten, als habe er einen großen Handel damit in Virginien getrieben. Bei dem weitern Gespräch kam auch die Nationalschuld auf das Tapet und Pickle, der immer hierbei die Stimmung des Kaufmannes vor Augen hatte, sprach nun wie ein Stockjobber von der Sache, und als der Aldermann hierauf über die Beschränkungen klagte, denen der Handel unterworfen sey, da zog sein Gast gewaltig gegen die schweren Auflagen zu Felde, die er so genau wie der beste Zollbeamte zu kennen schien. Der Onkel erstaunte aber nicht wenig über diese ausgebreiteten Kenntnisse und konnte sich nicht genug wundern, wie ein so junger, munterer Mann sowohl Muße als Neigung genug gehabt habe, Dinge so genau ins Auge zu fassen, die von den gewöhnlichen Zeitvertreiben der Jugend so weit entfernt liegen.

Diese Gelegenheit benutzte Peregrine nun zu sagen, daß seine ganze Verwandtschaft aus Kaufleuten bestände, daß er sich von früher Jugend an bemüht habe, sich Kenntnisse in den verschiedenen Zweigen des Handels zu erwerben, daß er denselben nicht nur als das Geschäft seiner Familie, sondern als die wahre Quelle der Nationalmacht und Reichthümer betrachte. Dann brach er in Lobeserhebungen über den Kaufmannsstand und die Schützer desselben aus und begann, zum unendlichen Behagen des alten Herrn, die Manieren und Erziehungsart der Vornehmen auf eine so possierliche Art zu verspotten, daß sich der Kaufmann, der nunmehr unsern Helden als ein Wunder von Mäßigkeit und gutem Verstande ansah, vor Lachen den dicken Bauch halten mußte und beinahe erstickt wäre.

Nachdem sich Peregrine auf diese Art bei dem Onkel eingeschmeichelt hatte, empfahl er sich und besuchte hierauf den nächsten Vormittag in seiner glänzenden Equipage dessen Nichte, die von ihren Verwandten die Ermahnung erhalten hatte, ja hübsch säuberlich mit einem Verehrer von solcher Bedeutung umzugehen und ihn weder geringschätzig zu behandeln noch ihn zurückzustoßen.


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