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CIII.

Peregrinen wird das Haus des Ministers verboten. Man nimmt ihm seinen Gehalt und sprengt das Gerücht von ihm aus, er sey wahnsinnig geworden.

Diese Aussichten, verbunden mit seinen Hoffnungen auf den Minister, gereichten Peregrinen zum großen Trost in den ihm zugestoßenen Widerwärtigkeiten und bei der Ungewißheit seines Processes, den er noch immer zur Wiedererlangung seiner zehntausend Pfund fortsetzte, und wobei sein Sachwalter, während er ihn mit unwesentlichen Hoffnungen speiste, seinen Beutel so fleißig leerte, daß Peregrine sich genöthigt sah, Geld von dem Verleger seiner Uebersetzung voraus zu nehmen, um nur die Forderungen dieser Harpye befriedigen zu können. So unangenehm dies war, so that er dies jedoch immer noch lieber, als daß er sich an den Menschenhasser oder an Hatchway gewendet hätte, welcher Letztere durchaus nichts von seiner Noth wußte. Selbst die Ankunft des zweiten Schiffes, auf welches er Geld geliehen hatte, half ihm nicht aus seiner Bedrängniß; er erfuhr, sein Schuldner wäre zu Bombay, als das Schiff abging, gefährlich krank zurückgeblieben, und es sey demnach sehr mißlich, ob er jemals etwas von dem Capitale wiedererhalten würde.

Es läßt sich leicht denken, daß er in diesen Verhältnissen nicht sonderlich ruhig leben konnte, doch gab er sich die möglichste Mühe, die in ihm aufsteigenden trüben Gedanken zu unterdrücken; zuweilen bemächtigten sie sich seiner aber doch dermaßen, daß alle heiteren Bilder seiner Hoffnungen zu Boden sanken. Jede Kutsche auf der Straße, jeder ihm Begegnende von Rang und Ansehn rief ihm die entschwundenen Zeiten seines Glücks zurück, und es gesellten sich dazu so trübe Betrachtungen in Betreff seiner Zukunft, daß er wahrhaft tödtlich dadurch verwundet wurde. Er lebte daher beständig in allen Martern des Neides und der Unruhe, doch ist hierunter nicht jene nichtswürdige Leidenschaft zu verstehen, vermöge welcher sich manche Menschen über das Glück ihres Nächsten betrüben, sondern vielmehr jener sich selbstquälende Unwille über das behagliche Seyn der Thoren, Dummköpfe und Bösewichter. Hätte ihn nicht zuweilen der Umgang mit einigen Freunden noch aufgerichtet, er würde nicht vermögend gewesen seyn, dies Daseyn zu ertragen, oder wenigstens Gefahr gelaufen haben, den Verstand zu verlieren. Allein auch in den schlimmsten Lagen des Lebens findet sich immer noch irgend ein Umstand, der einigen Trost gewährt, und man kann sagen, daß Pickle äußerst sinnreich darin war, dergleichen Trost- und Hoffnungsgründe zu ersinnen und hierdurch sich so lange in immer noch leidlicher Stimmung hinzuhalten, bis der Tag kam, wo er die dreihundert Pfund Wartegeld ausgezahlt erhalten sollte.

Als jedoch dieser ersehnte Tag verging, ohne daß man ihm den bewilligten Schadenersatz auszahlte, obschon er nicht ermangelt hatte, sich bei dem Lever des Ministers einzufinden, da schrieb er einen Brief ein Se. Herrlichkeit, in welchem er denselben nicht allein an sein Versprechen erinnerte, sondern ihm auch das Drückende seiner Lage offenbarte und zugleich um die Auszahlung des ihm jetzt äußerst nöthigen Jahrgeldes bat.

Voll der Hoffnung, ungesäumt bei Sr. Excellenz vorgelassen zu werden, ging er hierauf am folgenden Morgen hin, allein Se. Herrlichkeit waren nicht sichtbar für ihn. Jetzt erschien er beim Lever und zweifelte nicht, ins Cabinet gerufen zu werden, aber so sorgsam er auch die Blicke von Sir Steady bewachte, so fiel doch kein einziger derselben auf ihn, und zu seinem Erstaunen sah er, wie der Minister sich wieder zurückzog, ohne ihn auch nur der geringsten Beachtung zu würdigen.

Diese Zeichen einer vorsätzlichen Vernachlässigung waren für unseren Helden unsäglich kränkend; voll tödtlichen Unwillens ging er in seine Wohnung zurück, um hier sogleich einen bitterbösen Brief an Se. Herrlichkeit, zu schreiben, der jedoch nichts Anderes bewirkte, als daß er sich dadurch vollends aller Ansprüche auf eine Privataudienz beraubte und ihm außerdem noch, auf des Ministers ausdrücklichen Befehl, der Zutritt an den Audienztagen versagt ward.

Dies Verbot, eine Verkündigung seines gänzlichen Unterganges, erfüllte ihn mit Wuth und Verzweiflung; voll Zorn drohte er dem Thürsteher, der ihm den Eingang verweigerte, zu züchtigen, und zum Erstaunen der Umstehenden stieß er die giftigsten Verwünschungen gegen dessen Herrn aus; nachdem er sich aber so in vergebenen Exclamationen erschöpft hatte, kehrte er wie wahnsinnig in seine Wohnung zurück, wo er sich vor Wuth die Lippen zerbiß, mit dem Kopf gegen das Kamin rannte und laut weinte.

Pipes, der gerade hinreichende Beurtheilungskraft besaß, um den Unterschied der Lage seines Herrn zwischen Jetzt und Ehemals einzusehen, wollte, als er die Ausbrüche von dessen Unmuth vernahm, in das Zimmer, um ihn zu trösten; da er aber die Thüre verschlossen fand, so verlangte er eingelassen zu werden, widrigenfalls er sich, wie er versicherte, Eingang in die Cajüte verschaffen würde, ehe man die Hand umdrehe. Peregrine befahl ihm jedoch, sich zu packen und schwor, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er es wage, die Thüre aufzubrechen. Diese Drohung hielt Pipes nicht ab, sogleich Hand ans Werk zu legen, und voll Erbitterung über diesen Mangel an Gehorsam flog Peregrine nun in das Cabinet, wo er eine seiner bereits geladenen Pistolen ergriff und selbige in dem Augenblick dicht vor der Stirn seines Dieners abdrückte, als dieser die Thüre aufsprengend hereintrat. Zum Glück blitzte das Zündkraut ab und die unsinnige That hatte somit keine Folgen; der ehrliche Pipes aber blieb, obschon er wußte, daß das Gewehr geladen war, ganz ruhig stehen und fragte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, treuherzig: ob denn immerwährend Unwetter seyn müsse?

So ergrimmt Peregrine auch war, so reuete ihn doch jetzt sein abscheulicher Vorsatz gegen einen so treuen Diener. Ohne Zweifel würde er sich, wäre die Sache unglücklich ausgefallen, mit dem zweiten Pistol selbst fortgeschafft haben, aber jetzt wirkte der Anblick seines ruhig dastehenden wackern Dieners, der ihn mit unverwüstlicher Anhänglichkeit liebte und dessen gefurchte Stirn ihm sowohl die langen Jahre seiner treuen Dienste als die Empfehlung seines verstorbenen Wohlthäters in das Gedächtniß zurückrief, wie ein elektrischer Schlag auf ihn.

Dennoch und obschon sich sein Zorn gelegt und Reue ihn erfaßt hatte, blieb Peregrinens Stirne noch immer gerunzelt, und mit milden Blicken fragte er den sich ihm Aufdrängenden, wie er es wagen könne, seinem Befehl zuwider in das Zimmer zu kommen? Ganz gelassen erwiederte ihm Pipes darauf: »Na, warum sollte ich denn nicht Hand anlegen thun, das Schiff zu erhalten, wenn's mehr Segel als Ballast am Bord hat und der Steuermann 's Ruder fahren läßt? Wer wird denn gleich verzweifeln, wenn eine Reise schlecht abläuft, so lange noch die Steven stark und's Schiff dicht ist? Verliert man auf einer Fahrt, so gewinnt man auf der andern, und ich will verdammt seyn, wenn wir nicht noch guten Wind kriegen thun. Fehlt's an Proviant? Sie haben ja eine hübsche Ladung in meinen Kielraum gelegt, und's soll mir lieb seyn, wenn Sie sie wieder heraufhissen.«

Der ehrliche Diener ward hier durch Crabtree unterbrochen, der in das Zimmer trat, sogleich aber wieder umkehrte, als er Peregrinen, Kopf und Hände voll Blut, die Blicke wild und mit einer Pistole in der Hand erblickte, und noch überdies das abgeblitzte Pulver roch, denn er zweifelte nicht daran, daß sein Freund entweder einen Mord begangen habe oder wenigstens in Begriff stehe, einen zu begehen. So sehr er aber auch eilte, fortzukommen, so holte ihn Pipes doch noch auf dem Vorsaal ein und führte ihn mit der Bemerkung: »Jetzt ist es nicht Zeit abzusegeln, da der Camerad in Noth steckt und Hülfe braucht!« nach Peregrinens Zimmer zurück.

Das Gesicht des Menschenhassers, der sich, wie er glaubte, in einer höchst mißlichen Lage befand, hatte, als er wieder hereinkam, etwas so wehmüthig Ernsthaftes, daß Peregrine zu jeder andern Zeit herzlich darüber würde gelacht haben; allein jetzt war ihm freilich nicht so zu Muth. Er hatte während der Zeit die Pistole weggelegt und sich, wiewohl vergebens, bemüht, ein gelassenes Aeußere anzunehmen, doch war er nicht im Stande, eine Sylbe hervorzubringen, und starrte nur den Menschenhasser mit wilden, fast wahnsinnigen Blicken an, wodurch denn natürlich dieser sich eben nicht beruhigt fühlte.

Endlich sammelte sich Crabtree ein wenig und fragte, noch immer überzeugt, es sey hier eine blutige That geschehen: »Sagen Sie mir doch, wo haben Sie denn den Leichnam hingethan?« Pickle, der jetzt die Sprache wieder erhielt, befahl Pipes, sich zu entfernen, und erzählte Crabtree'n hierauf, wiewohl ohne allen Zusammenhang, das treulose Verfahren des Ministers.

Diese Mittheilung erleichterte die Angst des alten Cynikers sehr, da er jedoch den jungen Mann zu aufgeregt sah, so wagte er es nicht, ihn diesmal auf den gewöhnlichen Fuß zu behandeln. Er gestand, Se. Herrlichkeit wären ein Schurke, und suchte Peregrinens Muth durch die Hoffnung zu beleben, daß er dereinst wohl in den Fall kommen könnte, Repressalien zu gebrauchen. Zugleich bot er ihm seine Börse an und ermahnte ihn, sich von dem Renegatengezücht loszumachen; zum Schluß rieth er ihm aber, sein erlittenes Unrecht jenem vornehmen Herrn vorzustellen, den er sich einst verbindlich gemacht habe, und diesen, wo möglich, dahin zu bewegen, sich für ihn zu verwenden oder wenigstens den Minister zu einer befriedigenden Erklärung zu bringen, und vorher keine übereilten Maßregeln der Rache zu ergreifen.

Diese Ermahnungen, die er nicht so von dem Menschenhasser erwartet hatte, brachten eine günstige Wirkung bei Peregrinen hervor; seine Aufwallung legte sich und er versprach dem guten Rathe zu folgen. Wirklich begab er sich auch den nächsten Morgen zu dem Lord, der ihn, wie immer, günstig aufnahm und mit großer Geduld Peregrinens Klagen anhörte, dann ihm aber, nach einem gelinden Verweis über den unbesonnenen Brief an den Minister, das Versprechen gab, sich seiner Sache bei demselben anzunehmen. Noch denselben Tag lösete der Pair auch dieses Wort; zu seinem Erstaunen sagte ihm aber der Minister: er müsse bedauern, dem jungen Manne nicht helfen zu können, da dessen Gehirn in eine so völlige Zerrüttung gerathen sey, daß man ihm unmöglich weder einen Posten anvertrauen noch verlangen könne, er solle dessen Ausschweifungen aus seinem Beutel ferner unterstützen. Auf das Ansuchen eines verstorbenen vornehmen Herrn habe er ihm dreihundert Pfund geschenkt, weil Pickle vorgegeben hätte, bei einer gewissen Wahl einen Verlust erlitten zu haben, allein seit dieser Zeit hätte der junge Mensch sowohl durch seine Briefe als auch durch sein Betragen so untrügliche Beweise von Verrücktheit gegeben, daß er sich genöthigt gesehen hätte, ihm die Thüre verbieten zu lassen.

Um diese Behauptung zu beweisen, ließ der Minister einen Thürsteher und einen seiner Hausofficianten herbeirufen, die Zeugen von dem Benehmen unsers Helden gewesen waren, als man ihm den fernern Zutritt versagte, und so geschah es, daß der Lord nun ebenfalls fest davon überzeugt ward, Peregrine sey so unsinnig wie ein Märzhase, und nach und nach anfing, sich gewisser Symptome des Wahnsinnes zu erinnern, die dieser bei seinem letzten Besuche bei ihm gezeigt haben sollte, wo Peregrine allerdings sich manches heftigen Ausdrucks bedient und noch ein sehr verstörtes Wesen gezeigt hatte. Der Pair beschloß demnach, seiner eigenen Ehre und Sicherheit wegen, sich in Zukunft eine so gefährliche Bekanntschaft ebenfalls vom Halse zu schaffen.

Er ahmte somit den Minister nach und befahl, daß seine Thüre vor Peregrinen verschlossen bleiben sollte, und als dieser nun kam, um zu hören, wie die Unterredung mit Sir Steady ausgefallen sey, da hatte er auch hier den Schmerz, sich die Pforte vor der Nase verschließen zu sehen und von dem Thürsteher zu vernehmen, daß Se. Lordschaft ihn ersuchen ließen, sich nicht mehr mit ferneren Besuchen zu bemühen. Pickle war diesmal so klug, kein Wort hierauf zu erwiedern; er schrieb sogleich dem Minister diesen neuen Liebesdienst zu und ging, Rache schnaubend gegen denselben, zu Crabtree, der ihn, als er den Vorgang vernommen, bat, nicht eher etwas zu thun, bis es ihm gelungen seyn würde, hinter das Geheimniß zu kommen: eine Sache, die er glaubte um so leichter bewerkstelligen zu können, da er mit einer Familie bekannt war, in welcher der Lord öfters des Abends eine Parthie Whist spielte.

Wirklich fand Crabtree auch bald Gelegenheit hierzu. Der Lord, welcher keine Verbindlichkeit hatte, die Geschichte geheim zu halten, erzählte gleich am nächsten Tage das Unglück des jungen Herrn, und da Peregrinens Name in der feinen Welt nichts weniger als unbekannt war, so sprach man bald allgemein davon, und so kam die Sache schnell mit allen von dem Minister angegebenen Umständen dem Menschenhasser so ausführlich zu Ohren, daß dieser, indem er nun auch sich aller Handlungen des Ungestüms und der Ungeduld von Peregrine erinnerte, fast Gefahr lief, die allgemeine Meinung über unsern Helden zu theilen.

Wirklich findet auch nichts in der Welt so leicht Glauben, als die Beschuldigung von Tollheit, mag man sie aufbürden, wem man will, und ist einmal die Aufmerksamkeit in dieser Hinsicht rege gemacht worden, so wird der Besonnenste und Ruhigste sich leicht durch etwas in seinem Betragen dieser Anklage gemäß bezeigen. Jede Eigenheit in seiner Kleidung oder seinem Benehmen – und wer hat die nicht! – die man früher gar nicht wahrnahm, wird dann durch das Vergrößerungsglas der Einbildungskraft betrachtet; jeder Blick, jede Bewegung beobachtet; man findet in den einfachsten Worten und Ausdrücken etwas Seltsames und selbst das Schweigen erscheint als ein verdächtiges Brüten über wahnsinnige Grillen; ein gelassenes Benehmen gilt aber nur noch als ein lichter Augenblick zwischen den Anfällen lauter Tollheit.

Da nun Menschen von dem ruhigsten und einförmigsten Betragen so leicht solchen Beurtheilungen unterworfen sind, so läßt es sich denken, um wie viel mehr ein solches Gerücht von einem jungen Manne Glauben finden mußte, dessen heftiger Charakter zum Theil die Ausstreuungen seiner Feinde nur zu sehr rechtfertigte, und wirklich ward Peregrine jetzt allgemein als einer jener Sausewinde betrachtet, die, nachdem sie ihr Vermögen vergeudet haben, so glücklich sind, den Verstand zu verlieren und dadurch dem Gefühle des Mangels und des Elends enthoben werden, das sie sich selbst zugezogen haben.

Auf Crabtree machte dies Gerücht in der That einen solchen Eindruck, daß er lange unschlüssig war, was er von Peregrine denken sollte und es mehrere Tage nicht über sich zu gewinnen vermochte, ihm die erhaltene Nachricht mitzutheilen oder überhaupt ferner mit ihm als einem Menschen von zerrüttetem Geiste umzugehen. Endlich wagte er es doch, Picklen Alles zu entdecken, doch that er dies mit möglichster Vorsicht und Mäßigung, um ihn vor jeder Ausschreitung zu bewahren; allein diesmal sah er sich in seiner Vermuthung auf eine sehr angenehme Art getäuscht, denn so erbittert Peregrine auch über das Verfahren des Ministers war, so konnte er sich doch über dies wunderliche Gerücht des Lachens nicht enthalten.

»Diese Verleumdung,« sprach er zu Crabtree, »soll auf eine Art widerlegt werden, die ihrem Urheber nicht angenehm seyn wird. Ich weiß, Se. Herrlichkeit pflegen alle diejenigen gern so anzuschwärzen, denen Sie Verbindlichkeiten schuldig sind, und die Sache ist einige Male bereits zum Bewundern gelungen, denn es sind dadurch mehrere arme Teufel so an den Rand der Verzweiflung getrieben worden, daß sie zuletzt wirklich wahnsinnig wurden. Dadurch ist der edle Herr aber vor ihren ferneren Sollicitationen nicht nur gesichert, sondern auch sein Urtheil bestätigt worden. Ich aber besitze jetzt, Gott sey Dank! einen solchen Grad philosophischer Entschlossenheit, daß ich alle diese elenden Umtriebe zu verachten vermag und binnen Kurzem soll die Welt den edeln Sir Steady in seiner ganzen nackten Blöße kennen lernen.«

In der That war dies der Plan, den Peregrine während Crabtree's Nachforschungen gefaßt hatte, und der Gedanke, im Stande zu seyn, seinen Gegner trotz dessen Macht zu demüthigen und sich dabei zugleich unter denen auszuzeichnen, die gegen die Regierung schrieben, trug nicht wenig dazu bei, ihn zu beruhigen. Dies Vorhaben würde übrigens vielleicht auch nicht so ganz chimärisch gewesen seyn, als es auf den ersten Blick erscheint, hätte er nur nicht dabei einen wesentlichen Umstand übersehen, der auch seinem Freunde Crabtree entging.

Während er indeß jetzt auf Rache sann, war das Gerücht von seiner Gemüthskrankheit auch der Lady V... bekannt geworden, die, wie wir wissen, unsern Helden bei einer für seinen Charakter ehrenvollen Gelegenheit kennen lernte. Zwar war der Umgang zwischen ihr und ihm, da er sich vor den mächtigen Eindrücken ihrer Reize sichern wollte, längst abgebrochen, (ein Grund, den er ihr selbst früher gestanden hatte), allein dennoch hegte sie fortwährend Freundschaft und Achtung für ihn, und fühlte jetzt einen wahren Schmerz, als sie sein Unglück und seine bedauernswerthe Krankheit vernahm. Sie hatte gesehen, wie man in den Tagen seines Glücks um seine Gunst buhlte und ihr eigenes Schicksal hatte ihr die Falschheit jener Maulfreunde kennen lehren, die sich bei hereinbrechenden Unfällen zurückziehen. Ihr Mitleid dachte sich ihn jetzt als einen armen, unglücklichen Wahnsinnigen, der, der Nothwendigkeiten des Lebens beraubt, die zerstörten Ueberreste seines besseren Seyns mühselig umherschleppt und das traurige Schauspiel einer frühverwelkten Jugend bietend, unter der Bürde der Verachtung und des Abscheues seiner Nebengeschöpfe erliegt.

Diese Vorstellung machte einen tiefen Eindruck auf sie und im Gefühle dieser Theilnahme erkundigte sie sich nun nach Peregrinens Wohnung, und als sie dieselbe wußte, setzte sie alles überflüssige Ceremoniell bei Seite und begab sich in einer Miethkutsche dahin. Der treue Pipes öffnete ihr die Thüre.

Lady V. erkannte sogleich den alten Diener wieder, den sie wegen seiner Anhänglichkeit an seinen Herrn liebgewonnen hatte und ihm dies jetzt in einigen gütigen Worten sagte, sodann ihn aber fragte: wie es mit der Gesundheit seines Herrn stehe und ob sie ihn sprechen könne?

Pipes, der nicht glaubte, daß der Besuch einer schönen Dame seinem Herrn unwillkommen seyn würde, erwiederte nichts hierauf, sondern winkte ihr blos mit einer so schalkhaften Miene, daß sie sich des Lächelns darüber nicht zu enthalten vermochte. So folgte sie dem stummen Führer in das Zimmer des jungen Herrn, wo sie diesen, an seinem Schreibtische sitzend, in voller Beschäftigung fand, eine Lobschrift auf den edeln Sir Steady zu verfertigen. Dies Geschäft hatte seinen Zügen einen ungewöhnlichen Grad von Lebhaftigkeit verliehen, und ein sauberer, anständiger Hausanzug gab ihm dabei ein vortheilhaftes Aeußere in den Augen einer Dame, die den gewöhnlichen Flitterstaat der Welt verachtete. Dieser Anblick überraschte sie sehr angenehm, denn anstatt die schmutzige Dürftigkeit und die verzerrten Züge des Wahnsinns zu finden, sah sie überall Reinlichkeit und Anständigkeit und auf dem Gesichte des Patienten den Ausdruck der Zufriedenheit; Peregrine aber, der sich beim Oeffnen der Thüre umgeblickt, sprang jetzt, sowie er die Lady gewahrte, von Erstaunen und Ehrfurcht ergriffen, von seinem Stuhle auf.

Eh' er sich noch von seiner Verlegenheit, in die ihn dieser unerwartete Besuch setzte, zu erholen vermochte, erzählte sie ihm, sie sey aus alter Bekanntschaft gekommen, ihn einmal zu sehen, obschon sein Nichterscheinen bei ihr sie auf die Vermuthung habe bringen müssen, daß er sie gänzlich vergessen wolle. Mit den feurigsten Versicherungen des Dankes betheuerte er ihr dagegen, daß nur seine Unfälle ihn bisher davon abgehalten hätten, ihr seine Aufwartung zu machen, daß aber selbst der entschiedenste Wille nicht vermögend seyn würde, ihr Andenken bei ihm zu verwischen.

Noch immer in Ungewißheit über seinen Gemüthszustand, fing die Lady jetzt an, sich mit ihm über die verschiedenartigsten Gegenstände zu unterhalten, wobei sie denn bald den Glauben gewann, daß nur die Bosheit seiner Feinde das von ihm umlaufende Gerücht habe ausbreiten können, und sie stand nunmehr nicht an, ihm offen die wahre Veranlassung ihres Besuchs zu gestehen. Dieser Beweis ihrer Theilnahme rührte ihn tief und bis zu Thränen; was aber die Anschuldigung der Verrücktheit betraf, so erklärte er sich darüber so zur Zufriedenheit der Lady, daß sie jetzt deutlich sah, wie abscheulich man ihn behandelt hatte und wie diese Behauptung nichts als die schändlichste Verleumdung sey.

Soviel Mühe er sich auch gab, seinen ökonomischen Zustand nicht zu enthüllen, so konnte er doch die Erzählung seiner Ereignisse nicht machen, ohne die Besorgnisse zu verrathen, in denen er sich befand, und Lady V., deren Scharfsinn aus diesen wenigen Worten Alles errieth, überreichte ihm nun auf die feinste Art von der Welt eine Banknote auf eine beträchtliche Summe, mit der Bitte, dieselbe als ein geringes Zeichen ihrer Achtung von ihr anzunehmen; dies schlug er jedoch bestimmt mit der Versicherung aus: daß, obschon seine Angelegenheiten für den Augenblick etwas in Unordnung wären, so leide er dennoch bis jetzt keinen Mangel und bäte sie daher, ihm nicht die Bürde einer unnöthigen Verbindlichkeit aufzulegen.

Sie sah sich demnach genöthigt, den Zettel zurückzunehmen, doch versicherte sie ihm, daß sie es ihm nie verzeihen würde, wenn sie jemals hörte, er hätte ihren Beistand in einem Augenblicke der Verlegenheit ausschlagen können, und setzte dann hinzu: »Ich würde eine übertriebene Delicatesse in diesem Punkt als einen Tadel meines Betragens ansehen, denn ich selbst habe in dringenden Fällen keinen Anstand genommen, mich an meine Freunde zu wenden.«

Diese Vorstellungen und Beweise einer vorzüglichen Freundschaft mußten natürlich einen tiefen Eindruck auf Peregrine machen; er fühlte Alles, was ein Mann von Ehre bei dergleichen Gelegenheiten empfindet; dabei erwachten aber auch wieder seine früheren Gefühle der Zärtlichkeit für diese Dame in seiner Brust.

Die Lady besaß zu vielen Scharfsinn, um nicht bald zu bemerken, was in ihm vorging, und da er nun durch einige Anspielungen ihr dies noch näher legte, sie aber nicht für gut fand, ihn in seinen Bewerbungen aufzumuntern, so stellte sie sich als nähme sie dies für eine gewöhnliche Galanterie und bat ihn, ihr nicht Veranlassung zu dem Glauben zu geben, daß seine lichten Augenblicke schon vorüber wären.

Um ihr zu beweisen, daß nicht eine momentane Empfindung nur aus ihm spräche, ging er aber jetzt an sein Pult und holte ein Gedicht herbei, das er in früherer Zeit auf sie gemacht hatte und in welchem sich die Gluth seiner Empfindungen für sie auf das Deutlichste aussprach, und das auch von der Lady nicht ohne inneres Behagen gelesen wurde. Doch faßte sie sich bald wieder, und indem sie es ihm zurückgab, sprach sie: »Wenn ich mehr zum Argwohn geneigt wäre, als ich es bin, so würde ich glauben, an der Entstehung dieser Verse keinen Theil zu haben, da ich mir zu wohl bewußt bin, zu solchen Aeußerungen nicht begeistern zu können. Doch ich will Ihren Worten einmal glauben und danke Ihnen für dieses Compliment; indessen erlauben Sie wohl der Freundin, Ihnen zu sagen, wie es nunmehr Zeit für Sie wird, jenem ungebundenen Geiste der Galanterie zu entsagen, dem Sie so lange freien Lauf ließen, und sich endlich ganz mit ungetheiltem Herzen der reizenden Emilie hinzugeben, die in jeder Hinsicht Ihre Achtung und Aufmerksamkeit so sehr verdient.«

Die Nennung dieses Namens, den er nie ohne Erschütterung zu hören vermochte, ergriff Peregrinen tief, und um sich nicht noch mehr zu verrathen, brach er jetzt lieber das Thema ab und brachte ein anderes Gespräch auf die Bahn.


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