Autorenseite

 << zurück weiter >> 

LXIV.

Hornbeck wird von den Vorgängen in Brüssel unterrichtet und sucht sich an Pickle zu rächen; dieser erfährt aber seinen Plan und fordert ihn. Folgen hiervon.

Noch war aber eine Person vorhanden, die man nicht gewonnen hatte, und dies war der Bediente. Zwar suchte Peregrine am nächsten Tage den Burschen durch ein recht artiges Geschenk auf seine Seite zu bringen, allein, obschon dasselbe mit vielen Aeußerungen von Dankbarkeit aufgenommen wurde, so blieb der Diener doch bei seinem Vorsatze, seinem Herrn das ganze Ereigniß zu melden. Hornbeck hatte ihm nicht allein den Auftrag gegeben, auf das Betragen seiner Frau ein wachsames Auge zu haben, sondern auch zugleich die Duenna zu beobachten, und ihm dabei für jede Entdeckung eine ansehnliche Belohnung zugesichert; den anderen aus England mitgebrachten Bedienten hatte er aber darum mit sich nach Spaa genommen, weil er demselben nicht mehr traute, da ihm dieser einst den vernünftigen Rath ertheilte, seine Frau wo möglich durch gelinde Mittel für sich zu gewinnen.

Seiner Obliegenheit gemäß, schrieb demnach der flandrische Bediente mit der ersten Post an Hornbeck und meldete ihm das Abentheuer in Versailles so umständlich und beschrieb ihm dabei die Person des angeblichen Bruders so genau, daß Hornbeck sogleich in demselben den frühern Kränker seiner Ehre erkannte, gegen den er nun so erbittert wurde, daß er zur Stelle beschloß, ihn zu überfallen und außer Stand setzen zu lassen, fernerhin seine oder anderer Männer Ruhe stören zu können.

Das Pärchen unterhielt indeß einen Umgang ohne allen Zwang und der Plan, die schöne Flamländerin aufzusuchen, kam darüber bei Peregrine vor der Hand ins Stocken; die geheimnisvollen Gänge, welche Peregrine aber jetzt immer hatte, begannen seine Reisegefährten zu beunruhigen und besonders Jolter mit Angst zu erfüllen. Der Letztere hatte bereits so mannigfache Proben von seines Pfleglings stürmischem Charakter erlebt, daß er bei jedem seiner Schritte zitterte und in einer beständigen Unruhe wie ein Mensch war, über dessen Haupte ein Schwert aufgehangen ist: auch verringerte sich seine Besorgniß nicht, als Peregrine, da man ihm sagte: der übrige Theil der Gesellschaft wünsche nach Antwerpen zu gehen, die Antwort gab, er wolle Niemand geniren, was ihn jedoch anlange, so würde er noch einige Tage in Brüssel bleiben. Diese Erklärung bestärkte den Hofmeister in seinem Verdachte, daß wieder eine Liebschaft auf dem Tapete sey, und seinem Kummer hierüber nahm er sich die Freiheit, dem jungen Mann einige geeignete Vorstellungen zu machen und ihn zu warnen, sich nicht in neue Verlegenheiten zu stürzen.

Peregrine nahm dies gut auf und versprach, mit möglichster Vorsicht zu Werke zu gehen, dessen ungeachtet zeigte er aber noch denselben Abend, daß seine Klugheit, wenn es darauf ankam, sich nicht sonderlich bewährte. Wie die ganze Zeit zuvor , wollte er auch diese Nacht bei seiner Schönen zubringen und eilte eben nach deren Wohnung hin, als ihm sein alter fortgeschickter Freund, Tom Pipes in den Weg trat und ohne weitern Eingang zu ihm sprach: daß, wenn ihm sein Herr auch von Wind und Wellen hätte treiben lassen, er dennoch es nicht mit ansehen könne, daß er mit vollem Segel in den feindlichen Hafen liefe.

»Ich will Ihnen was sagen thun,« fuhr er fort; »Sie bilden sich vielleicht ein, ich wollte mich nur bei Ihnen wieder einschustern, damit ich wieder hinter Sie hersegeln könnte? aber mein Seel'! das ist nicht wahr. Ich bin alt genug, um ans Land aufgebracht zu werden und habe genug zu thun, meine Planken wasserdicht zu halten. Sehen Sie, Herr, die Sache ist die: ich habe Sie gekannt, wie Sie nicht größer waren als 'ne Taunadel und möcht' nicht gern, daß Sie noch heute um Ihre Fracht kommen thäten. Sehen Sie, heute nach dem Essen stieß ich so zufälligerweise auf Hornbecks Kerl und der erzählte mir: sein Herr sey dahintergekommen, daß Sie bei seiner Frau geentert hätten und da wäre er denn mit einem ganzen Teufel von Spitzbuben in diesen Hafen gesteuert, um Sie zu fangen, wenn Sie so recht unter den Luken lägen und Ihnen Ihr Takelwerk glatt wegzuschneiden, sehen Sie. Sind Sie nun gesonnen, ihm den Spaß zu versalzen, so bin ich parat, Ihnen beizustehen, so lange meine Steven und Querbalken noch zusammenhalten thun, und rechne dabei auf keine Belohnung oder Trinkgeld, so wahr ich ein ehrlicher Kerl bin.«

Peregrine stutzte nicht wenig über diese Nachricht: er erkundigte sich umständlicher nach dem Gespräch mit dem Bedienten, und da er erfuhr, daß Hornbeck durch den Flamländer von Allem unterrichtet worden war, so zweifelte er nicht mehr an der Wahrheit von Toms Bericht, dem er nun die Versicherung gab, es würde hinführo blos an ihm liegen, wenn sie sich jemals wieder trennten. Hierauf ging er aber mit sich selbst zu Rathe, ob er Hornbeck mit demselben Maße messen solle, womit dieser ihn zu messen willens war? Da er jedoch erwog, daß Hornbeck nicht der angreifende Theil war, und da er sich in die Lage des armen Ehemannes setzte, so konnte er nicht umhin, seinen Willen, sich zu rächen, zu billigen: doch hegte er die Meinung, dies hätte auf eine ehrenvollere Art geschehen sollen und beschloß dieserhalb, ihn zu züchtigen. Man wird gestehen müssen, daß in der That nichts unbilliger und übermüthiger ist, als der Entschluß, irgend Jemand deshalb zu strafen, weil er nicht Muth oder Kraft genug besitzt, eine ihm zugefügte Schmach mit den Waffen in der Hand zu rächen, und dennoch ist diese barbarische Handlung und dieser Wahn bei dem Menschen zur Gewohnheit und gleichsam geheiligt geworden.

Pickle kehrte jetzt nach seinem Gasthofe zurück, steckte ein Paar Pistolen zu sich und befahl Pipes und seinem Kammerdiener, ihm in einiger Entfernung zu folgen, damit er sie nöthigenfalls rufen könne. Er selbst postirte sich dann unweit der Thüre der Dame, wo er, nachdem er kaum eine halbe Stunde gewartet hatte auf der andern Seite vier Männer ihren Posten nehmen sah, die hier lauern wollten, bis er hineinginge, um ihn dann zu überfallen.

Nachdem sie aber eine Weile vergebens gewartet hatten, glaubte der Anführer derselben, der Galan möchte bereits auf einem geheimen Wege in das Haus gelassen worden seyn. Er nahte sich dieserhalb der Thüre mit seinen Leuten, und da sie diese geöffnet fanden, so stürzten sie nun hinein, während Hornbeck auf der Straße blieb, wo er sich am sichersten wähnte. Aber jetzt ging Peregrine sogleich auf ihn los, setzte ihm das Pistol auf die Brust und befahl ihm, wenn er nicht ein Kind des Todes seyn wolle, ihm ohne alles Geräusch zu folgen.

Voll Schrecken über diese plötzliche Erscheinung, gehorchte Hornbeck schweigend und in wenigen Minuten langten Beide nun an dem Quai an, wo Peregrine Halt machte, ihm zu verstehen gab: sein Plan sey ihm bekannt und dann hinzusetzte: wenn er ihn durch irgend etwas beleidigt hätte, so wolle er ihm jetzt Gelegenheit geben, sich die Genugthuung eines Mannes von Ehre zu verschaffen. »Sie haben einen Degen«, fuhr er fort, »hier sind Pistolen; wählen Sie nach Belieben.«

Ein solcher Vorschlag mußte einen Mann, wie Hornbeck, völlig außer Fassung bringen. Er leugnete, einen schwarzen Plan gegen Pickle im Schilde geführt zu haben und behauptete, sein Wille sey lediglich gewesen, Zeugenbeweise von der Untreue seiner Gattin zu erhalten, um dann auf Scheidung antragen zu können. Blos in dieser Absicht wären jene Leute von ihm mitgenommen worden; was aber die Wahl zwischen Degen und Pistolen anlangte, so lehnte er Beides sehr eifrig mit der Bemerkung ab, daß er nicht einsehe, welche Genugthuung er dadurch erhielte, wenn er sich von irgend Jemand eine Kugel durch den Kopf jagen ließe, der ihn auf die unverzeihlichste Art von der Welt beleidigt hätte; zuletzt machte er in seiner Furcht den Vorschlag die Sache dem Ausspruche von ein paar nicht betheiligten Schiedsrichtern zu übergeben.

Peregrine antwortete hierauf jedoch im Tone eines hitzköpfigen jungen Menschen, der nur zu gut weiß, wie wenig sein Betragen sich rechtfertigen läßt: daß jeder Gentleman selbst Richter seiner Ehre seyn müsse, und daß er sich daher dem Urtheile eines Schiedsmannes, wer es auch wäre, nicht unterwerfen würde; dann setzte er hinzu: seine Feigheit wolle er ihm nicht übel nehmen, denn dies könne ein Naturgebrechen seyn, aber seine niederträchtige Absicht, von der er vollkommen unterrichtet sey, vermöge er nicht zu vergeben. Zwar wolle er ihn nicht mit gleicher Münze bezahlen, aber ihn doch so behandeln lassen wie es einem solchen Schufte zukäme, falls er sich nicht entschlösse, den Charakter zu behaupten, den er in der Gesellschaft trage. Mit diesen Worten bot er Ihm von neuem ein Paar Pistolen an und da Hornbeck sie abermals ausschlug, so rief er nun Pipes und den Kammerdiener herbei und befahl ihnen, den elenden Wicht in den Canal zu tauchen.

Dieser Befehl ward zum unaussprechlichen Schreck des armen Kreuzträgers eben so schnell vollzogen, als gegeben; nach vollbrachter Eintauchung lief er umher, wie eine gebadete Katze und schrie so laut um Hülfe, daß die Schaarwache zu seinem Schutze herbeieilte. Auf seine Klage ward jetzt Peregrine und dessen Leute verfolgt und in Kurzem eingeholt und umringt, wo denn unser junger Herr, so rasch und unbesonnen er sonst auch zu seyn pflegte, es doch nicht wagte, sich gegen eine Menge wohlbewaffneter Soldaten zur Wehre zu setzen und sich demnach, obschon Pipes bereits vom Leder gezogen hatte, ohne allen Widerstand ergab und nach der Hauptwache führen ließ.


 << zurück weiter >>