Autorenseite

 << zurück weiter >> 

LXXXVI

Peregrine kehrt nach London zurück, wo ihn Crabtree besucht und ihm ein seltsames Gespräch mittheilt.

Nachdem unser junger Herr seinem verstorbenen Wohlthäter diesen letzten Zoll der Dankbarkeit gebracht und Joltern die endlich erledigte, langerwartete Pfründe übertragen hatte, begab er sich wieder nach London, wo er seinen vorigen Lebenswandel von Neuem begann, womit jedoch nicht gesagt seyn soll, daß er sich Emiliens Andenken gänzlich zu entschlagen oder auch nur ohne Bewegung sich ihrer zu erinnern vermocht hätte; denn mit einer wiederkehrenden Gesundheit war auch seine Heftigkeit zurückgekehrt, und er nahm es sich nun daher vor, sich jetzt blindlings in die erste beste ihm zusagende Intrigue zu stürzen.

Einem Manne von seinen Vorzügen konnte es nicht leicht fehlen, eine Menge Gelegenheiten zu finden, um seine Galanterie zu üben, aber eben dieser Ueberfluß erschwerte ihm die Wahl, da Laune und Grille hierbei leicht vielen Einfluß zu haben vermochten.

Es ist weiter vorn schon im Vorbeigehen bemerkt worden, daß er einen kühnen Plan auf die Verbindung mit einer Dame vom ersten Range entworfen hatte; jetzt, da ihn Emilie zurückwies, erneuerte er sehr ämsig seine Bewerbungen um jene Schöne, und obschon er es nicht wagen durfte, hier mit einer Erklärung hervorzutreten, so war er doch so glücklich, sich mit soviel Artigkeit in deren Hause aufgenommen zu sehen, daß er sich schmeichelte, einige Fortschritte auf dem Wege zu ihrem Herzen gemacht zu haben.

In dieser stolzen Einbildung ward er noch mehr durch die Versicherungen der Kammerfrau der Dame bestärkt, die er durch die freigebigsten Geschenke in sein Interesse gezogen und die die Mittel gefunden hatte, ihn zu überreden, sie sey die Vertraute ihrer Gebieterin. Trotz dieser Aufmunterungen und den Einflüsterungen seiner Eitelkeit schreckte ihn jedoch immer der Gedanke zurück, sich dem Spotte und vielleicht auch der Rache der Dame auszusetzen, und er beschloß daher, nicht eher einen weiteren Schritt zu wagen, bis er seines guten Erfolgs so ziemlich gewiß seyn könne.

Indem er aber noch in diesen Zweifeln und Ungewißheiten lebte, ward er eines Morgens sehr angenehm durch den Anblick seines Freundes Crabtree überrascht, der ganz unvermuthet bei ihm erschien und von Pipes, welcher ihn gut kannte, in Peregrinens Schlafzimmer geführt worden war, wo er nun den noch Schlummernden durch heftiges Rütteln munter machte. Nachdem die ersten Bewillkommungscomplimente vorüber waren, sagte ihm der Menschenfeind: er sey den Abend vorher mit der Landkutsche von Bath angelangt, und zugleich theilte er ihm einige so lustige Erzählungen von den Reisegefährten, die er gehabt, mit, daß Peregrine zum ersten Male seit ihrer Trennung wieder einmal herzlich lachte.

Crabtree beschloß seinen Bericht mit einem seltsamen Dialog zwischen einem Tuchhändler und dessen Frau, die den größten Theil der Reise über seine Begleiter gewesen waren. Durch den übermäßigen Gebrauch der Mineralwasser hatte sich die Frau einen Harnfluß zugezogen, und um nun den Wagen nicht alle Augenblicke anhalten lassen zu dürfen, hatte sie sich mit einem ledernen Aushelfer versehen, den der Mann in der Tasche seines Reiserockes bei sich trug und ihn ihr, so oft es nöthig war, geheim zusteckte, nachher aber, wenn Crabtree den Kopf wegwendete, ihn schnell zum Wagen hinaus ausleerte.

Dies Paar hatte sich, in der völligen Ueberzeugung von der Taubheit des Cynikers, mit ihm in den Wagen gesetzt und that sich somit seinetwegen nicht den geringsten Zwang an. Zuletzt erhob sich aber ein tüchtiger Zank unter ihnen, weil der Mann einmal nicht schnell genug gewesen war, ihr das Gefäß zu reichen und sie sich dadurch in eine unbehagliche Lage versetzt sah.

»Daß Dich... über den Dummkopf! « rief sie voll Verdruß, »was zögert denn die alte Nachtmütze so lange! Wollte ich doch, daß Du die ganze Geschichte über den Kopf bekommen hättest!«

»Dann schönstens,« erwiederte der geduldige Mann, »ich bin kein Freund von solcher nassen Waare, und überhaupt kommt mir das ganze Geschäft gar nicht zu.«

»Seht doch einmal an!« belferte die Frau zurück: »Zu was taugst Du denn sonst? An Dir kann sich ja jeder Narr reiben! Wie erbärmlich benahmst Du Dich nicht am Spieltische, wo Du Dir von dem Officier die zwanzig Guineen abdrohen ließest, ohne daß Du nöthig hattest, sie zu bezahlen.«

»Hoho, da bist Du sehr links!« sprach der Tuchhändler: »Die ganze Gesellschaft erklärte, es habe so seine Richtigkeit, und überdem drohte mir der Officier, er wolle mir den Hals brechen, und diese Mühe wollte ich ihm nicht machen.«

»Den Hals brechen? Ich dachte gar!« schrie die Frau: »Das hättest Du ihn nur sollen thun lassen, da hättest Du die beste Gelegenheit gehabt, ihn vor Gericht zu belangen. Aber Du bist ein feiger, jämmerlicher Tropf, der zu nichts zu brauchen ist, als mein Geld durchzubringen. Wenn Du Courage gehabt hättest und meinem Rathe gefolgt wärest, so könntest Du jetzt Viertelsmann seyn; aber Du denkst auf weiter nichts, als mit Deinen lieben Brüdern im Grünen zu sitzen und Schamperlieder zu singen und Dich toll und voll zu saufen. Bei allem Andern läßt Du Fünfe gerade seyn und bekümmerst Dich weder um Frau noch Kind.«

Diese Vorwürfe brachten doch zuletzt die fromme Lammsnatur des Mannes auf und er erklärte nun unverholen: sein Geschäft wäre nur seitdem zurückgegangen als er auf ihren Betrieb eine Buchschuld gegen den Testamentsvollstrecker eines gewissen Herrn beschworen habe, die der Verstorbene ihm früher schon bezahlt hätte. Jetzt blitzten die Augen des Weibes vor Wuth und sie nannte ihn einen nichtswürdigen, elenden Kerl, daß er einer schwachen Frau das zum Vorwurf machen könne, was sie aus Liebe für ihn gethan habe. »Ich glaube,« rief sie, »der Schuft wäre niederträchtig genug, mich selbst anzugeben, wenn er dabei nur etwas hoffen könnte zu verdienen? Und doch ist dies das Einzige, was er für seine arme Familie gethan hat! Wer soll denn für meine Kinder sorgen, wenn's der Vater nicht thut? he?«

»Ich wünschte von Herzen,« entgegnete der Mann, »daß der Vater für sie sorgen möchte.«

»Was? Seyd Ihr nicht der Vater? Habe ich Euch nicht fünf so schmucke Kinder zur Weit gebracht, als es nur welche im Kirchspiele giebt?«

»Ja, es ist wahr, Du hast mir verschiedene hübsche Kinder geboren, das ist nicht zu leugnen; aber ob sie gerade von mir sind, die Frage wollen wir nicht weiter untersuchen.«

»Ei Du Hauptschelm!« schrie die Frau, »Du zweifelst an meiner Tugend?«

»Nicht im Geringsten, obgleich es schon lange her ist, daß mir unser Doctor versicherte, er wolle alle Kinder, die ich zeugen würde, an seinem Daumen aufsäugen; und ich habe noch mehrere Gründe, seine Meinung für wahr zu halten.«

Der arme Kreuzträger hatte diese letzten Worte kaum heraus, als seine Ehehälfte, nicht bedenkend, daß sie sich unter den Augen eines Zeugen befand, ihn mit der eben wieder gefüllten ledernen Maschine so nachdrücklich auf den Kopf schlug, daß der zusammengequetschte Schlauch seinen ganzen Inhalt von sich gab und damit das Gesicht des erstaunten Menschenhassers überströmte.

Hiermit jedoch noch nicht zufrieden, fiel sie mit ihren Nägeln über den Gemahl her und rief dabei: »Wie? Ihr elender Hahnrei, untersteht Euch noch, dies öffentlich zu sagen und dennoch eine Frau, wie ich bin, zu heirathen? Nun ist's doch klar, daß Ihr bloß einen niederträchtigen Angriff auf mein Vermögen im Sinne hattet. Allein ich will mich an Euch rächen, wenn noch ein Mann in der Welt zu finden ist.«

Auf alles dieses wagte der Ehephilister weder etwas zu erwiedern noch sich zu vertheidigen, sondern brüllte blos aus Leibeskräften um Hülfe; da aber Crabtree nicht Lust hatte, sich in diesen Handel zu mischen, so hätte er vielleicht das Schicksal des Orpheus gehabt, wenn sich nicht zuletzt der Kutscher ins Mittel gelegt und theils durch Zureden, theils durch Drohungen dem Streite ein Ende gemacht hätte.


 << zurück weiter >>