Giovanni Boccaccio
Dekamerone oder die 100 Erzählungen
Giovanni Boccaccio

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Vierunddreißigste Erzählung.

Guglielmo, welchen die Geschichte als den zweiten König von Sizilien anführt, hatte nur zwei Kinder, einen Sohn namens Ruggieri und eine Tochter, Constanza genannt. Ruggieri starb früher als sein Vater und hinterließ einen Sohn, welcher Gerbino hieß. Sein Großvater ließ ihn mit vieler Sorgfalt erziehen und er ward ein schöner, leutseliger und biederer Jüngling. Sein Ruhm verbreitete sich nicht nur in Sizilien, sondern erscholl auch in vielen anderen Ländern und ward besonders in der Barbarei bekannt, welche damals dem Könige von Sizilien zinsbar war. Unter denen, welchen der Ruhm von Gerbino's großen Vorzügen zu Ohren kam, befand sich die Tochter des Königs von Tunis, welche nach dem Zeugnis eines jeden, der sie gesehen hatte, nicht nur das schönste, sondern auch das edelmütigste und liebenswürdigste Geschöpf war, das jemals die Natur hervorbrachte. Da sie gern von tapferen und biederen Männern reden hörte, so merkte sie auf die rühmlichen Thaten, welche bald dieser bald jener von Gerbino erzählte, mit so vielem Wohlgefallen und dachte mit solcher Wollust daran, daß sie sich ein Bild von ihm entwarf und sich so sehr in dieses Geschöpf ihrer Einbildung verliebte, daß sie von niemand anders lieber sprach oder reden hörte, als von Gerbino.

Von der andern Seite hatte sich der Ruf ihrer eigenen Schönheit und herrlichen Tugenden nicht minder allgemein verbreitet und war auch in Sizilien nicht vergeblich dem Prinzen Gerbino zu Ohren gekommen, vielmehr hatte er so viel Wohlgefallen daran gefunden, daß er nicht weniger für die Prinzessin eingenommen war, als sie für ihn. Er ward demnach über alle Maßen begierig, sie zu sehen, und indem er nur auf eine schickliche Gelegenheit wartete, seinen Großvater um die Erlaubnis zu bitten, nach Tunis zu gehen, gab er einem jeden seiner Freunde, welcher dahin ging, den Auftrag, ihr mit guter Manier seine geheimen Wünsche und seine große Liebe zu erkennen zu geben und ihm wieder von ihr Nachricht zu bringen. Einem von ihnen gelang es, diesen Auftrag sehr geschickt auszurichten, indem er ihr, als ein Kaufmann verkleidet, allerlei Frauenzimmerschmuck anbot und dabei Gelegenheit nahm, ihr die Liebe des Prinzen zu entdecken und ihr zu versichern, daß er und alles, was er vermöchte, ihr ganz zu Gebote stände.

Sie empfing die Botschaft und den Abgesandten mit Freuden, gab ihm zur Antwort, daß sie nicht minder zärtlich gegen den Prinzen gesinnt wäre und schickte ihm zum Beweise eines von ihren liebsten Kleinoden zum Geschenk.

Gerbino war so entzückt über diese Antwort, wie über den Empfang des teuersten Geschenkes von der Welt; er schrieb noch oft an die Prinzessin durch denselben Boten, sandte ihr manches köstliche Geschenk und knüpfte mit ihr ein gewisses Verständnis an, daß sie einander sehen und sprechen wollten, wenn das Glück ihnen eine günstige Gelegenheit darböte.

Weil es sich aber damit, zum nicht geringsten Mißbehagen der Prinzessin und des eben so zärtlichen Gerbino, ein wenig zu sehr in die Länge verzog, so begab es sich unterdessen, daß der König von Tunis seine Tochter dem Könige von Granada zur Gemahlin versprach, worüber sie sich außerordentlich grämte, weil sie dadurch nicht nur weit von ihrem Liebhaber entfernt, sondern ihm auch auf immer entrissen ward, und wenn sie nur ein Mittel gewußt hätte, so wäre sie gerne, um dieses zu verhüten, von ihrem Vater geflohen, um sich dem Gerbino in die Arme zu werfen. Gerbino ward ebenfalls äußerst bestürzt über die Nachricht von dieser Vermählung, und sann oft ernstlich auf Mittel, die Prinzessin mit Gewalt zu entführen, im Falle sie zur See zu ihrem künftigen Gemahl reisen sollte.

Der König von Tunis erfuhr inzwischen etwas von diesem Liebesverständnis und von den Absichten des Gerbino, und da er seine Tapferkeit kannte und Gewalt befürchtete, so gab er, wie die Zeit der Abreise seiner Tochter kam, Nachricht davon an den König Guilielmo, und bat um Sicherheit, daß weder Gerbino, noch irgend ein anderer, ihre Reise stören sollte.

Der König Guilielmo, der ein alter Herr war und von der Liebe seines Enkels nichts wußte, ließ sich nichts von einer solchen Ursache träumen, weswegen man diese Sicherheit von ihm verlangte. Er bewilligte sie demnach ohne Schwierigkeit, und schickte dem Könige von Tunis seinen Handschuh darüber zum Pfande. Wie dieser das Pfand in den Händen hatte, ließ er ein großes prächtiges Schiff in dem Hafen von Karthago ausrüsten, und es mit allem versehen, was zur Bequemlichkeit derjenigen dienen konnte, welche damit abreisen sollte. Indes alle diese großen Anstalten gemacht wurden, und man nur noch auf guten Wind wartete, hatte die junge Prinzessin, die das alles sah und hörte, insgeheim einen ihrer Diener nach Palermo gesandt, und ihm befohlen, den schönen Gerbino von ihr zu grüßen und ihm zu sagen: sie ginge in einigen Tagen nach Granada ab und jetzt wäre es Zeit, zu zeigen, ob er so tapfer wäre, wie man von ihm rühmte, und ob er sie so aufrichtig liebte, wie er ihr oft hätte versichern lassen. Der Bote richtete seinen Auftrag pünktlich aus und kam zurück nach Tunis.

Wie Gerbino diese Botschaft erhielt und hörte, daß sein Großvater dem Könige von Tunis sein Wort gegeben hatte, wußte er sich nicht zu raten; doch da der Sporn der Liebe ihn trieb, und die Worte der Prinzessin ihn aufforderten und da er sich nicht der Feigheit verdächtig machen wollte, so ging er nach Messina, ließ daselbst in aller Eile zwei leichte Galeeren ausrüsten, bemannte sie mit tapferen Leuten und kreuzte damit jenseits Sardinien, um das Schiff der Prinzessin aufzufangen. Er hatte auch noch nicht lange gewartet, als das Schiff mit einem schwachen Lüftchen angesegelt kam. Sobald er es erblickte, rief er seinen Gefährten zu: »Meine Freunde, wenn Ihr die tapferen Männer seid, wofür ich Euch halte, so wird auch wohl keiner unter Euch sein, der nicht liebt, oder geliebt hat, denn ich glaube, daß kein Sterblicher ohne die Liebe zu etwas großem und gutem fähig ist, und wenn Ihr verliebt gewesen oder es noch seid, so könnt Ihr Euch leicht meine Wünsche erklären. Ich liebe und die Liebe bewog mich, Euch diese Mühe zu verursachen; der Gegenstand meiner Zärtlichkeit befindet sich auf dem Schiffe, welches uns dort entgegen kommt und außer diesem, der mir am meisten am Herzen liegt, ist es auch noch mit großen Schätzen beladen, die Ihr, wenn Ihr tapfer seid, mit leichter Mühe erobern könnt. Ich begehre für meinen Anteil an der Beute nichts weiter, als ein einziges Frauenzimmer, um dessentwillen ich allein die Waffen ergriffen habe, das übrige bleibt Euch meinetwegen von Stund an gänzlich überlassen. Frisch auf denn, laßt uns auf gutes Glück das Schiff angreifen, der Himmel selbst begünstigt unsere Unternehmung und versagt jenen den Wind, damit sie uns nicht entkommen.«

Der schöne Gerbino hätte bei weitem so viele Worte nicht nötig gehabt, denn seine Messinesen waren begierig genug auf den Raub, um von selbst zu dem Werke Lust zu zeigen, wozu er sie mit seiner Rede aufmunterte. Sie antworteten mit einem lautem Geschrei des Beifalls, stießen in die Trompeten, griffen zu den Waffen, und ruderten fröhlich nach dem Schiffe zu. Wie die Mannschaft desselben die Galeeren gewahr ward und fand, daß es unmöglich war zu entfliehen, rüstete sie sich zur Gegenwehr. Wie Gerbino sich ihnen näherte, ließ er ihnen zurufen, sie sollten ihren Befehlshaber zu ihm an Bord kommen lassen, wenn sie sich nicht mit ihm schlagen wollten. Die Sarazenen, welche sahen, mit wem sie es zu thun hatten, antworteten, man könne sie nicht angreifen, ohne das Wort des Königs Guilielmo zu brechen, und sie zeigten deswegen seinen Handschuh vor, indem sie zugleich erklärten, daß sie ohne zu fechten, weder sich selbst ergeben, noch irgend etwas, das sich an Bord ihres Schiffes befände, ausliefern würden.

Gerbino, der indessen von dem Verdeck seiner Galeere die reizende Prinzessin erblickt, und sie noch weit schöner gefunden hatte, als er sich dachte, ward dadurch noch mehr entflammt und sprach, indem man ihm den Handschuh zeigte: »Hier ist nicht die Rede von einer Falkenjagd, wobei man Handschuhe nötig hat. Gebt die Prinzessin heraus, oder macht Euch fertig zum Gefecht.«

Nun säumte man nicht länger, einander mit Pfeilen und Steinen zu beschießen und lange ward die mörderische Schlacht mit großem Verlust auf beiden Seiten fortgesetzt. Wie Gerbino endlich fand, daß das Ferngefecht ihm nichts fruchtete, ließ er ein Boot aussetzen, das er aus Sardinien mitgebracht hatte, und ließ es an das feindliche Schiff befestigen und in Brand stecken, indes er befahl, seine beiden Galeeren mit ihren Enterhaken sich an die Seiten desselben anzuklammern. Wie die Sarazenen dieses sahen, und daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich zu ergeben, oder zu sterben, brachten sie die Prinzessin, welche in Thränen schwamm, auf das Verdeck, führten sie nach dem Vorderkastell und obgleich sie mit heißen Thränen um Schonung bat, so mordeten sie sie dennoch vor Gerbinos Augen und riefen ihm zu, indem sie den Leichnam in's Meer warfen: »Da, nimm sie hin, so wie wir sie Dir geben dürfen, und wie Deine Treulosigkeit es verdient!«

Gerbino wünschte nur den Tod, wie er ein Zeuge dieser Grausamkeit war, weder Steine noch Pfeile konnten ihn jetzt aufhalten, trotz der Menge der Feinde, die ihm widerstand, in das feindliche Schiff zu dringen; und so wie der grimmige Löwe, wenn er unter die wehrlose Herde sprengt, mit Zahn und Kralle bald hier, bald dort würgt, und eher seine Wut als seinen Hunger zu sättigen sucht, so würgte Gerbino mit dem Schwert in der Hand die Türken nieder, und indem die Flamme in dem Schiffe schon anfing, um sich zu greifen, ließ er seine Leute rauben und plündern, was sie konnten, und bestieg nach diesem traurigen Siege über seine Feinde sein eigenes Schiff. Den Leichnam der Prinzessin ließ er auffischen, weinte über sie bittere Thränen, und wie er in Sizilien wieder landete, ließ er sie auf Ustica, einer kleinen Insel, Trapani fast gegenüber, feierlich zur Erde bestatten, worauf er höchst betrübt sich wieder nach Hause begab.

Wie der König von Tunis dieses erfuhr, schickte er Abgesandte in Trauerkleidern zum Könige Guilielmo, die sich beschweren mußten, daß man ihrem Herrn so übel Wort gehalten hatte, und dem König den ganzen Vorfall mit allen Umständen erzählten. Der alte König ward darüber sehr bekümmert, allein blieb kein Mittel übrig, die Genugthuung zu versagen, die man von ihm forderte. Er ließ demnach seinen Enkel in Verhaft bringen, und obwohl unter seinen Baronen kein einziger war, der nicht um Gnade für ihn bat, so sprach er ihm doch selbst das Todesurteil und ließ ihn vor seinen Augen enthaupten, weil er lieber seinen einzigen Enkel verlieren, als treulos und wortbrüchig werden wollte.

So starben die beiden Liebenden in wenigen Tagen nach einander eines schmerzlichen Todes, ohne die geringste Frucht ihrer Liebe genossen zu haben.

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