Giovanni Boccaccio
Dekamerone oder die 100 Erzählungen
Giovanni Boccaccio

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Achtzehnte Erzählung.

Wie das römische Reich von den Franzosen auf die Deutschen kam, entstand daraus zwischen den beiden Völkern ein heftiger Kampf und ein schwerer und anhaltender Krieg, während dessen der König von Frankreich und der Kronprinz, teils um ihr eigenes Land zu verteidigen, teils um das feindliche anzugreifen, die ganze Macht ihres Reiches und hiernächst auch die Hülfsvölker ihrer Freunde, Verwandten und Bundesgenossen aufboten, und ein zahlreiches Heer gegen ihre Feinde in's Feld stellten. Ehe sie aber aufbrachen, bestellten sie den Grafen Gautier von Angers, einen edlen und weisen Mann und ihren geprüften Freund und Diener, der zwar auch ein erfahrener Kriegsmann war, den sie aber doch noch für fähiger hielten, im Kabinett, als im Felde Dienste zu leisten, zum Verweser des ganzen Reiches und begaben sich alsdann auf den Marsch.

Gautier nahm sich nunmehr mit Einsicht und Pünktlichkeit seines Amtes an, und besprach sich jederzeit mit der Königin und mit ihrer Schwiegertochter über alle Angelegenheiten; indem er sie wie seine Gebieterin und Vorgesetzten ehrte, obgleich sie beide seinem Schutz und seiner Aufsicht anvertraut waren. Er war ein Mann von sehr schöner Gestalt, in einem Alter von etwa vierzig Jahren, fein und angenehm in seinen Manieren, so sehr als irgend ein Edelmann es sein konnte, überdies der geschmackvollste und zierlichste Kavalier seiner Zeit, und ein großer Liebhaber des äußerlichen Schmuckes. Gautiers Gemahlin war gestorben und hatte ihm nur einen Sohn und eine Tochter nachgelassen. Weil er nun während der Zeit, daß der König und der Prinz im Felde lagen, beständig am Hofe war, und sich häufig mit der Königin und der Kronprinzessin über die Staatsangelegenheiten besprach, so begab es sich, daß die Prinzessin ihre Augen auf ihn warf, und indem sie mit großem Wohlgefallen seine Person und seine Manieren betrachtete, von geheimer Liebe zu ihm entzündet ward. Da sie nun selbst jung und reizend war und der Graf keine Gemahlin hatte, so schmeichelte sie sich um desto eher mit der Erfüllung ihrer Wünsche, und da sie glaubte, daß diesen nichts anderes im Wege stehen könnte, als ihre Schüchternheit, sie laut werden zu lassen, so nahm sie sich vor, diese gänzlich zu verbannen. Wie sie sich nun eines Tages allein befand, nahm sie die Gelegenheit wahr und ließ den Grafen rufen, als wenn sie mit anderen Dingen mit ihm sprechen wollte. Der Graf, dessen Gedanken sehr weit von den ihrigen entfernt waren, begab sich unverzüglich zu ihr und setzte sich auf ihren Befehl neben ihr auf ein Ruhebett in ihrer Kammer nieder, in welcher sie beide ganz allein waren. Schon zweimal hatte er sie gefragt, warum sie ihn herberufen hätte, und sie hatte immer geschwiegen. Endlich begann sie, von ihrer Liebe getrieben, mit schamroter Wange, und indem eine Thräne in ihrem Auge schwamm, sprach sie mit zitternder Stimme: »Liebster und bester Herr und Freund! Ihr könnt als weiser Mann leicht ermessen, wie weit die Schwachheit oft bei Männern und Weibern geht, und zwar aus verschiedenen Ursachen bei einigen weiter, als bei anderen; und darum verdient ein und dasselbe Vergehen in den Augen eines gerechten Richters bei verschiedenen Personen nicht einerlei Strafe. Wer wird wohl behaupten, daß ein geringer Mann, oder ein armes Weib, welche ihren Unterhalt im Schweiße ihres Angesichts suchen müssen, nicht mehr Tadel verdienten, wenn sie den Reizungen der Liebe folgten, und sich ihren Trieben ergäben, als eine reiche und müßige Dame, welcher es an keinem Dinge fehlt, um ihre Wünsche zu befriedigen? Ich glaube gewiß, niemand. Darum deucht mich, daß diese Dinge sehr viel zur Entschuldigung derjenigen Person beitragen müssen, welche sie besitzt, wenn sie sich zur Liebe verleiten läßt; und wegen des Uebrigen muß die Wahl eines weisen und würdigen Liebhabers, wofern sie eine solche getroffen hat, sie rechtfertigen. Da sich nun, meiner Meinung nach, diese beiden Umstände bei mir vereinigt finden, und da noch überdies mehrere Ursachen hinzu kommen, welche mich zur Liebe reizen müssen, (zum Beispiel meine Jugend und die Abwesenheit meines Gemahls) so müssen diese mir zu statten kommen, um meine feurige Liebe in Euren Augen zu rechtfertigen; und wenn sie dasjenige bei Euch gelten, was sie bei verständigen Leuten gelten müssen, so bitte ich Euch, mir zu raten und zu helfen, in dem Falle, den ich Euch vortragen will: Ich gestehe, daß ich während der Abwesenheit meines Gemahls den Reizen der Liebe habe nicht widerstehen können, die so mächtig sind, daß sie nicht nur zarte, schwache Weiber, sondern auch die standhaftesten Männer nicht selten überwunden haben, und noch täglich überwinden; und da ich, wie Ihr seht, im Ueberflusse und im Müßiggange lebe, so habe ich mich verleiten lassen, den zärtlichen Freuden mit meinen Gedanken nachzuhängen und mich zu verlieben. Obgleich ich nun überzeugt bin, daß dergleichen Dinge, wenn sie bekannt würden, sich nicht ziemten, so halte ich sie doch keineswegs für unziemend, wenn sie verborgen sind und bleiben; auch ist mir die Liebe so günstig gewesen, daß sie mir nicht nur die nötige Ueberlegung bei der Wahl eines Liebhabers nicht geraubt, sondern sie mir vielmehr selbst in reichem Maße geliehen hat, indem sie mir in Eurer Person denjenigen zeigte, welcher würdig ist, von einem Weibe, wie ich bin, geliebt zu werden, weil ich in Euch, wenn mich mein Urteil nicht trügt, den schönsten, liebenswürdigsten, angenehmsten und verständigsten Kavalier gefunden habe, welchen ganz Frankreich aufweisen kann. Und so wie ich mich jetzt ohne Gemahl befinde, so seid Ihr auch ohne Gemahlin; deswegen beschwöre ich Euch bei der großen Liebe, die ich für Euch empfinde, daß Ihr mir die Eurige nicht versagt, sondern mit meiner Jugend Mitleiden habet, die sich wirklich für Euch wie das Eis am Feuer verzehrt.«

Auf diese Worte folgte ein solcher Strom von Thränen, daß sie nicht im Stande war, weiter zu reden, obwohl ihr noch mehr Bitten auf der Zunge schwebten; sondern sie schlug die Augen nieder, und sank, wie von Thränen überwältigt, dem Grafen an die Brust. Der Graf, als ein äußerst biederer Rittersmann, tadelte ihre thörichte Leidenschaft in den strengsten Ausdrücken; er stieß sie zurück, indem sie ihm bereits in die Arme sinken wollte, und beteuerte mit den heiligsten Schwüren, daß er sich lieber vierteilen lassen, als eine solche Beleidigung der Ehre seines Herrn weder sich selbst, noch einem andern verstatten würde.

Wie dies die Dame hörte, verwandelte sich auf einmal ihre Liebe in die Wut einer Furie: »Meint Ihr denn (rief sie), unwürdiger Ritter, daß Ihr auf diese Weise meiner Wünsche spotten dürft? Das wolle der Himmel nicht, daß Ihr mich umbringen wollt; vielmehr will ich Euch um's Leben bringen, oder von der Welt verbannen!« Mit diesen Worten fuhr sie plötzlich mit beiden Händen in ihr Haar, zerraufte und verwirrte es, riß ihre Kleider von der Brust und rief mit lauter Stimme: »Hülfe! Hülfe! der Graf von Angers will mir Gewalt anthun.«

Der Graf, welcher dieses sah und wohl denken konnte, daß der Neid der Hofleute mächtiger wirken würde, als sein gutes Gewissen, und zugleich befürchten mußte, daß die boshafte Verleumdung der Prinzessin mehr Glauben finden würde, als seine Unschuld, eilte so schnell er konnte aus der Kammer und aus dem Palast und entfloh nach seinem Hause, wo er, ohne sich bei andern Rats zu erholen, seine beiden Kinder zu Pferde setzte, sich selbst auf sein Roß schwang, und seinen Weg nach Calais nahm.

Auf das Geschrei der Prinzessin liefen alle Hofleute zusammen, und wie sie die Ursache ihres Geschreies vernahmen, glaubten sie nicht nur ihren Worten, sondern setzten noch hinzu, der Graf habe sich gewiß aus keiner andern Ursache seit langer Zeit so sehr geputzt und geschmückt, als in dieser Absicht. Man eilte demnach voll Wut nach dem Hause des Grafen, um sich seiner Person zu bemächtigen; wie man ihn aber nicht fand, ward alles erstlich rein ausgeplündert, und dann sein Haus bis auf den Grund niedergerissen. Die Nachricht davon kam in der häßlichen Gestalt, in welcher sie verbreitet ward, dem Könige und dem Prinzen im Felde zu Ohren, und brachte sie dergestalt gegen den Grafen auf, daß sie ihn und die Seinigen zu ewiger Verbannung verdammten, und demjenigen eine große Belohnung versprachen, der den Grafen tot oder lebendig einliefern würde.

Der bekümmerte Graf, der durch seine unverschuldete Flucht sich gleichsam schuldig gegeben hatte, kam mit seinen Kindern unerkannt nach Calais, und ließ sich eiligst nach England übersetzen, wo er in armseliger Kleidung nach London wanderte, und wie er in dieser Hauptstadt ankam, seinen Kindern eine Menge guter Lehren und Warnungen gab, und ihnen hauptsächlich zwei Dinge empfahl; nämlich zum ersten, daß sie mit Geduld den armseligen Zustand ertragen möchten, in welchen das Schicksal sie und ihn ohne sein Verschulden gestürzt hätte, und zweitens sollten sie, wenn ihnen ihr Leben lieb wäre, sich sorgfältig hüten, daß niemand erführe, woher sie gekommen und wessen Kinder sie wären. Der Sohn, namens Louis, war ungefähr neun Jahre, und die Tochter, welche Violante hieß, etwa sieben Jahre alt, und nach Maßgabe ihres zarten Alters machten sie sich die Lehren ihres Vaters vortrefflich zu Nutze, und bewiesen dieses in der Folge auch durch ihre Handlungen. Damit es ihnen um desto leichter würde, unerkannt zu bleiben, so gab er ihnen andere Namen, und nannte den Knaben Pierrot, und das Mädchen Jeannette; und weil sie in dem armseligsten Aufzuge französischer Bettler nach London gekommen waren, so pflegten sie umher zu gehen, und Almosen zu sammeln. Wie sie sich nun eines Morgen in dieser Absicht nach der Kirche begeben hatten, trug es sich zu, daß eine vornehme Dame, die Gemahlin eines königlichen Feldmarschalls, indem sie aus der Kirche kam, den Grafen und seine Kinder gewahr ward, wie sie um Almosen baten, und ihn fragte, woher er wäre, und ob die Kinder ihm gehörten. Er antwortete, er wäre aus der Pikardie, und hätte wegen Übelthat seines ungeratenen ältesten Sohnes mit seinen beiden Kindern landflüchtig werden müssen. Die mitleidige Dame heftete ihre Augen auf das Mädchen, welches ihr ungemein gefiel, weil es sehr schön, artig und einnehmend war. »Guter Mann (sprach sie), wenn Ihr mir Eure Tochter überlassen wollt, so will ich sie zu mir nehmen, weil sie mir behagt, und wenn sie ein gutes Mädchen wird, so will ich sie zu rechter Zeit anständig verheiraten.« Dem Grafen war das Anerbieten willkommen; er gab also auf der Stelle seine Einwilligung, und übergab ihr mit Thränen seine Tochter, indem er sie ihrer Sorgfalt empfahl.

Wie er diese untergebracht hatte, und wußte, daß sie in guten Händen war, wollte er sich dort nicht länger aufhalten, sondern half sich mit Almosen quer durch die Insel, und kam mit seinem Sohne nach Wales, nicht ohne große Beschwerlichkeit, weil er der Fußreisen nicht gewohnt war. Hier befand sich ein anderer Marschall des Königs, welcher einen großen Hofstaat führte, und viele Diener hielt, an dessen Hof der Graf mit seinem Sohne bisweilen ein Mittagessen bekam. Einst versuchte sich der Sohn des Marschalls mit den Kindern einiger anderer Edelleute im Laufen, Springen, und anderen jugendlichen Uebungen. Pierrot mischte sich unter die Knaben, und machte Alles so geschickt mit, wie die übrigen, und zum Teil noch besser. Wie der Marschall dies einigemal bemerkt hatte, und Wohlgefallen an dem Anstand und Betragen der Knaben fand, so fragte er, wer er wäre. Man sagte ihm, er wäre der Sohn eines armen Mannes, der bisweilen Almosen suchte; worauf der Marschall ihn um den Knaben bitten ließ. Der Graf, der nur dieses von Gott gebeten hatte, gab ihm gerne den Knaben, so ungern er sich auch sonst von ihm getrennt hätte. Wie er nun seinen Sohn und seine Tochter versorgt sah, wollte er nicht länger in England bleiben, sondern ging, sobald er konnte, nach Irland, und wie er nach Stamford kam, begab er sich bei einem Edelmann auf dem Lande in Dienst. Hier verrichtete er alles, was gewöhnlich von einem Knecht oder Knappen gefordert wird, und führte lange Zeit ein unbemerktes und beschwerliches Leben.

Violante, unter dem Namen Jeanette, nahm indessen zu an Jahren, an Wachstum und an Schönheit, und war bei ihrer Dame in London und bei deren Gemahl in solcher Gunst, und bei Jedermann im Hause, und bei allen, die sie kannten, so wohl beliebt, daß es zu verwundern war; und wer ihre Sitten und ihre Aufführung betrachtete, der mußte gestehen, daß sie wert war, zu Glück und Ehren erhoben zu werden. Die Edelfrau, die sie von ihrem Vater empfangen hatte, allein nichts weiter von seinen Umständen wußte, als was er selbst ihr gesagt hatte, war demnach Willens, sie so anständig zu verheiraten, wie es denjenigen Umständen angemessen wäre, in welchen sie glaubte, daß sie geboren sein könnte. Aber Gott, der am gerechtesten über die Verdienste der Menschen waltet, wußte wohl, daß sie ein adliges Mädchen war, welches ohne Schuld für fremde Sünde büßte, und bestimmte ihr ein besseres Los; und man mußte glauben, daß dasjenige, was sich begab, durch seine gütige Schickung geschah, damit sie nicht einem niedrigen Menschen in die Arme geworfen würde.

Die Dame, bei welcher Jeannette wohnte, hatte nämlich einen einzigen Sohn mit ihrem Gemahl, welchen beide Eltern sehr zärtlich liebten, nicht nur, weil er ihr Sohn war, sondern auch, weil er wegen seiner Tugenden und Gaben verdiente, es zu sein; denn er war vorzüglich edel und bieder von Sitten, und schön und einnehmend von Gestalt. Er war ungefähr sechs Jahre älter als Jeannette, und ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit fesselten ihn so sehr, daß außer ihr nichts Schönes in der Welt für ihn war. Weil er aber glaubte, daß sie von niedrigem Stande wäre, so getraute er sich nicht, seine Eltern zu bitten, sie ihm zur Gemahlin zu geben, sondern aus Besorgnis, daß sie ihm seine unanständige Neigung verweisen möchten, suchte er sie so viel wie möglich zu verbergen, wiewohl er eben deswegen ihren Stachel noch immer empfindlicher fühlte, als wenn er sie frei heraus bekannt hätte. Und so kam es endlich dahin, daß er vor tiefem Kummer zuletzt schwer krank ward, worüber sich seine Eltern sehr grämten, und ihn oft mit liebreichen Worten baten, ihnen die Ursache seines Kummers zu entdecken, allein er antwortete nur durch Seufzer, oder er sagte, er fühlte, daß seine Lebenskräfte gänzlich hinschwänden. Einmal traf es sich, indem ein junger Arzt (der aber alt an Einsicht und Gelehrsamkeit war) neben seinem Bette saß, und ihm den Puls fühlte, daß Jeannette, welche ihn aus Liebe zu seiner Mutter mit aller Sorgfalt bediente, wegen irgend einer Sache in das Zimmer kam, wo der Kranke lag. Wie der Jüngling sie erblickte, ließ er sich zwar durch Worte und Mienen nichts merken, allein sein Herz, welches in dem Augenblicke die Glut der Liebe heftiger empfand, schlug stärker und sein Puls ging schneller als gewöhnlich, welches der Arzt mit Verwunderung bemerkte, und auf die Dauer des vermehrten Pulsschlages um desto genauer Achtung gab. Wie Jeannette das Zimmer verließ, ward auch der Puls wieder schwächer, daher der Arzt glaubte, der Ursache der Krankheit auf die Spur gekommen zu sein, und deswegen Jeannette nach Verlauf einiger Zeit wieder hereinrufen ließ, als ob er etwas nötig hätte, und inzwischen die Hand des Kranken immer in den seinigen hielt. Jeannette kam herein, und kaum betrat sie die Schwelle, so stieg der Pulsschlag des Kranken, und ward wieder schwächer, sobald sie sich wieder entfernte. Wie der Arzt nunmehr völlige Gewißheit erlangt zu haben glaubte, stand er auf, und sagte im Vertrauen zu den Eltern des Kranken: »Die Gesundheit Eures Sohnes steht nicht in der Hand des Arztes, sondern in Jeannette's Hand: denn wie ich aus deutlichen Merkmalen schließe, so liebt sie der Jüngling inbrünstig, obwohl sie nach meinem Urteil nichts davon zu merken scheint. Ihr wißt nun, was Ihr zu thun habt, wofern Euch sein Leben lieb ist.«

Der Edelmann und seine Gemahlin wurden froh, wie sie hörten, daß es wenigstens ein Mittel gebe, ihren Sohn zu retten, obgleich es ihnen sehr empfindlich war, daß es (wie sie fürchteten) darauf ankam, ihm Jeannette zur Gemahlin zu geben. Wie demnach sich der Arzt entfernt hatte, gingen sie zu dem Kranken hinein, und die Mutter sagte zu ihm: »Lieber Sohn, ich hätte nimmer geglaubt, daß Du mir einen Wunsch verhehlen könntest, zumal da Du merktest, daß die Nichterfüllung desselben Dir Deine Lebenskräfte raubte; denn Du solltest versichert sein, und mußt es sein, daß nichts in der Welt ist, was ich Dir nicht, wenn es Dich glücklich machen kann, aus eigenem Triebe gewährte. Weil Du es aber dennoch gethan hast, so ist unser Herr Gott barmherziger gegen Dich gewesen, als Du selbst, und damit Du an dieser Krankheit nicht stirbest, so hat er mir die Quelle Deines Leides entdeckt, welche nichts anderes ist, als die innige Liebe, welche Du für irgend ein Mädchen empfindest, es sei, welches es wolle. Du brauchst Dich auch wahrlich nicht zu schämen, dieses zu gestehen, denn es ist Deinen Jahren gemäß, und wenn Du nicht liebst, so würde ich Dich für sehr unempfindlich halten. Verhehle mir demnach nichts, mein Sohn, sondern entdecke mir mit Zuversicht Deine Wünsche, und entschlage Dich der Traurigkeit und des Tiefsinns, welche Dir diese Krankheit zugezogen haben; sei getrost, und versichere Dich, daß Du nichts von mir zur Beförderung Deiner Glückseligkeit begehren kannst, was ich nicht aus allen Kräften mich bestreben würde, Dir zu verschaffen, indem ich Dich mehr liebe, als mein Leben. Entferne alle Furcht und Blödigkeit, und sage mir, ob ich zur Beförderung Deiner Liebe etwas beitragen kann, und wenn Du nicht findest, daß ich mir alle mögliche Mühe gebe, Dir zur Erreichung Deines Endzwecks zu verhelfen, so halte mich für die grausamste Mutter, die jemals einen Sohn geboren hat.«

Der Jüngling errötete zuerst bei dieser Anrede seiner Mutter. Wie er aber überlegte, daß niemand besser als sie ihm zu seinem Glücke förderlich sein könnte, verbannte er seine Schamröte, und gab ihr zur Antwort: »Liebe Mutter, es hat mich nichts anderes bewogen, meine Liebe zu verhehlen, als die öftere Erfahrung, daß die Leute, wenn sie alt werden, sich nicht erinnern wollen, daß sie jung gewesen sind. Weil Ihr aber in diesem Stücke nachsichtig seid, so will ich Euch nicht nur gestehen, daß alles richtig ist, was Ihr bemerkt habt, sondern ich will Euch auch die Person nennen, unter der Bedingung, daß Ihr Euer Versprechen nach Eurem besten Vermögen erfüllet; denn nur in diesem Falle könnt ihr hoffen, mich wieder gesund zu sehen.«

Die Mutter, welche sich zu gewisse Hoffnung machte, die Sache nach ihrer eigenen Weise einrichten zu können (welches ihr aber nicht gelang), versprach ihm ohne Bedenken, daß sie unverzüglich die Hand an's Werk legen wollte, seine Wünsche zu befriedigen, und bat ihn, ihr sein ganzes Herz zu eröffnen.

»Liebe Mutter«, sprach darauf der Jüngling, »die große Schönheit und das liebenswürdige Betragen unserer Jeannette, und die Unmöglichkeit, die ich fand, ihr meine Liebe zu erklären und noch weniger, sie zur Gegenliebe zu bewegen, nebst dem Mangel an Mut, mich jemand zu entdecken, haben mich dahin gebracht, wo Ihr mich jetzt seht. Und wenn dasjenige, was Ihr mir versprochen habt, nicht auf die eine oder andere Art in Erfüllung geht, so seid versichert, daß ich nicht lange mehr leben werde.«

Die Dame, welche glaubte, daß es jetzt eher Zeit wäre, zu trösten, als Vorwürfe zu machen, antwortete mit Lächeln: »Ach mein Sohn! und dessentwillen bist Du krank geworden? Sei guten Mutes, und laß mich nur machen, Du sollst schon wieder gesund werden.«

Der Jüngling, der sich jetzt mit der besten Hoffnung schmeichelte, ließ in Kurzem Merkmale augenscheinlicher Besserung spüren, welches für seine Mutter sehr erfreulich war, die sich demnach vornahm, zu versuchen, auf welche Art sie ihr Versprechen am besten erfüllen könnte. Sie ließ also Jeannette eines Tages zu sich rufen und fragte sie in sehr freundlichen Ausdrücken, ob sie schon einen Liebhaber hätte.

Jeannette gab mit Erröten zur Antwort: »Gnädige Frau, einem armen Mädchen, das von Haus und Hof verjagt ist, wie ich bin, und welches im Dienste anderer Leute leben muß, wird man wohl nicht leicht von Liebe vorsagen, und es steht ihr auch nicht zu, dergleichen Anträgen Gehör zu geben.«

»Sehr gut,« sprach die Dame, »wenn Du keinen Liebhaber hast, so wollen wir Dir einen verschaffen, dessen Du froh sein und Dich Deiner Schönheit doppelt erfreuen wirst, denn es wäre schade, wenn ein so schönes Mädchen, wie Du bist, keinen Liebhaber finden sollte.«

»Gnädige Frau,« antwortete Jeannette, »seitdem Ihr mich von meinem Vater empfingt, habt Ihr mich wie Eure Tochter erzogen, und ich bin deswegen schuldig, Euch in allem zu gehorchen; allein, in diesem Stücke werde ich Euch nie gehorsam sein, und ich glaube wohl daran zu thun. Wenn es Euch gefallen wird, mir einen Ehemann zu geben, so soll ihm meine Liebe gewidmet sein, aber keinem anderen; denn von dem Erbteil meiner Väter ist mir nichts übrig geblieben, als das Ehrgefühl, und dieses will ich bewahren, so lange ich lebe.«

Diese Worte schienen demjenigen nicht zu entsprechen, was die Dame beabsichtigte, um ihrem Sohne Wort zu halten, obwohl sie als eine verständige Frau das Mädchen in ihrem Herzen deswegen loben mußte. »Wie so, Jeannette?« sprach sie, »wenn nun der König, der ein junger Herr ist, von Deiner Liebe einige Gefälligkeit erwartete, würdest Du ihm sie wohl abschlagen?«

Jeannette antwortete hastig: »Gewalt könnte mir der König wohl thun, allein mit meinem Willen würde er nie etwas von mir erlangen, welches der Ehrbarkeit zuwider wäre.«

Wie die Dame ihre Gesinnung merkte, gab sie den Versuch auf, sie mit Worten zu überreden, und nahm sich vor, sie auf eine andere Art auf die Probe zu stellen. Sie sagte nämlich zu ihrem Sohne, sie wollte Jeannette, sobald er gesund wäre, zu ihm in's Zimmer schicken, und es ihm selbst überlassen, sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen, indem sie glaubte, daß es sich nicht für sie schickte, als Unterhändlerin ihres Sohnes zu erscheinen, und ihre Jungfer um Liebe für ihn zu bitten. Dieses war dem Jüngling gänzlich zuwider, und es ward plötzlich wieder mit ihm viel schlimmer, als vorher, sodaß die Dame, wie sie dieses sah, sich Jeannette völlig entdeckte. Wie sie diese aber standhafter als jemals fand, und ihrem Gemahl erzählte, was sie mit ihr gesprochen hatte, bequemten sie sich beide, so schwer es ihnen auch ankam, Jeannette ihrem Sohn zur Gemahlin zu geben, indem sie ihn lieber lebendig in den Armen einer Gemahlin sehen wollten, die unter seinem Stande wäre, als auf der Bahre, aus Mangel derselben. Dieses geschah, nach manchen Unterhandlungen, zur Freude Jeannette's, welche mit andächtigem Herzen Gott dankte, daß er sie nicht vergessen hatte; und sich dessen ungeachtet noch immer für nichts ausgab, als für die Tochter eines armen Pikarden. Der Jüngling ward hierauf gesund, feierte seine Hochzeit vergnügter als irgend ein anderer, und ließ es sich mit seiner Gemahlin wohl sein.

Pierrot, welcher unterdessen in Wales bei dem Marschall des Königs von England geblieben war, wuchs ebenfalls heran, gewann die Gunst seines Herrn, und ward ein rascher, schöner Jüngling, wie irgend einer in England; so daß ihn im Ringen, Turnieren und anderen ritterlichen Übungen kein Mensch im ganzen Lande übertraf, und daß er unter dem Namen des Pierrot von Pikardie überall bekannt und berühmt war. Und so wie Gott seine Schwester nicht vergessen hatte, so bewies er auch ihm, daß er sich seiner erinnerte. Denn es brach in der Gegend eine tödliche Pestseuche aus, welche fast die Hälfte der Einwohner wegraffte, indes ein großer Teil der Uebriggebliebenen vor Furcht in andere Länder entwich, so daß das Land ganz öde und leer schien. An dieser Seuche starb auch Pierrots Herr, nebst seiner Gemahlin, seinem Sohne und vielen Brüdern, Neffen und Verwandten, so daß von seinem ganzen Geschlechte und Hausgesinde auch niemand übrig blieb, als eine einzige erwachsene Tochter, und Pierrot nebst einigen andern Dienern. Wie nun die Pest endlich nachließ, nahm das Fräulein den Pierrot, als einen gewandten und tapferen Knappen mit Genehmigung und auf Anraten ihrer wenigen am Leben gebliebenen Untersassen, zum Gemahl, und machte ihn zum Herrn über alles, was ihr als Erbteil zugefallen war. Es währte auch nicht lange, so bestellte der König von England, wie er den Tod seines Marschalls vernahm, den Pierrot von Pikardie, dessen Tapferkeit ihm bekannt war, zu seinem Nachfolger, und ernannte ihn zum Marschall. Dies ist die kurze Geschichte der beiden Kinder des Grafen von Angers, die er wie verloren in die Welt hatte schicken müssen.

Schon waren achtzehn Jahre verstrichen, seitdem der Graf aus Paris flüchten mußte, wie bei ihm in seinem Alter, nach manchen überstandenen Mühseligkeiten, in Irland der Wunsch erwachte, wo möglich zu erfahren, was aus seinen Kindern geworden wäre. Die Länge der Zeit hatte seine Gestalt völlig verändert, und durch den anhaltenden Gebrauch seiner Kräfte war er weit stärker geworden, als er in seiner Jugend gewesen war, und so schied er in armseliger Kleidung und in dürftigen Umständen aus dem Hause derjenigen, welchen er lange gedient hatte, kam zurück nach England, und begab sich zuerst dahin, wo er seinen Sohn gelassen hatte, den er als einen großen Herrn und königlichen Marschall wiederfand, und ihn frisch und gesund als einen schönen, jungen Mann erblickte, worüber er sich herzlich freute, allein sich dennoch nicht eher zu erkennen geben wollte, bis er auch wüßte, was aus Jeannetten geworden wäre. Er machte sich deswegen wieder auf den Weg und ruhte nicht eher, bis er nach London kam, wo er sich in der Stille nach der Dame erkundigte, bei welcher er seine Tochter gelassen hatte, und fand, daß Jeannette die Gemahlin ihres Sohnes geworden war, weswegen er sich so glücklich fühlte, daß er alle seine vergangenen Widerwärtigkeiten für Kleinigkeiten achtete, da er seine Kinder lebendig und in solchem Wohlstande angetroffen hatte. Weil er jedoch seine Tochter auch selbst zu sehen wünschte, so ging er als ein armer Mann gekleidet in der Nähe ihres Hauses auf und nieder, wo ihn Sir Jacob Langley, Jeannette's Gemahl, erblickte, welcher mit ihm, als mit einem armen, alten Mann Mitleid hatte, und einem seiner Diener befahl, ihn nach seinem Hause zu führen, und ihm aus Barmherzigkeit zu essen zu geben, welches der Diener that. Jeannette hatte mit ihrem Gemahl bereits verschiedene Kinder, von welchen das älteste nicht über acht Jahr alt war, lauter schöne und muntere Kinder, welche, wie sie den Grafen essen sahen, sich um ihn her machten und anfingen, ihn zu lieblosen, als errieten sie durch eine geheime Ahnung, daß er ihr Großvater wäre; und da er selbst wirklich wußte, daß sie seine Enkel waren, so lockte er sie an sich, und schmeichelte ihnen, so daß die Kinder gar nicht wieder von ihm ablassen wollten, so ernstlich ihr Erzieher sie auch von ihm abrief. Jeannette kam darüber endlich selbst heraus, und drohte den Kindern Strafe, wenn sie ihrem Vorgesetzten nicht gehorchten. Die Kinder weinten darüber und sagten, sie wünschten bei dem guten Manne zu bleiben, der sie noch lieber hätte, als ihr Hofmeister, worüber sowohl Jeannette, als der Graf, sich des Lachens nicht enthalten konnten. Der Graf war aufgestanden, nicht wie ein Vater vor seiner Tochter, sondern wie ein armer Mann vor einer vornehmen Dame, um ihr seine Ehrerbietung zu beweisen; doch empfand er eine heimliche Freude, wie er sie so erblickte. Sie selbst aber erkannte ihn gar nicht, weil seine vorige Gestalt sich ganz verändert hatte; denn er war alt und grau, langbärtig und hager geworden, und so sehr von der Sonne verbrannt, daß er niemand weniger ähnlich war, als sich selbst in seiner vorigen Gestalt. Wie Jeannette sah, daß die Kinder nicht von ihm ablassen wollten, sondern weinten, wenn man sie von ihm trennen wollte, so sagte sie zu dem Hofmeister, er möchte sie ein wenig bei ihm verweilen lassen. Indem nun die Kinder sich noch mit dem guten Manne zu schaffen machten, kam Jeannette's Schwiegervater zu Hause, welcher ihr nicht sehr hold war. Wie ihm nun der Hofmeister den Vorfall mit dem Alten erzählte, gab er zur Antwort: »Laßt sie bei ihm in's Unglücks Namen, sie sind das Ebenbild ihrer Mutter. Sie ist eines Bettlers Tochter; kein Wunder also, daß die Kinder sich auch gern mit Bettlern abgeben.«

Es verdroß den Grafen zwar sehr, daß er diese Worte hören mußte, allein er zuckte die Achseln und ertrug diese Demütigung, wie er manche andere ertragen hatte.

Der junge Edelmann, welcher hörte, wie die Kinder sich über den alten Mann freuten, war zwar auch nicht sehr damit zufrieden; weil er sie aber liebte und ihnen keine Thränen verursachen wollte, so gab er den Befehl, den Alten im Hause zu behalten, wenn er zu irgend einem Dienste Lust hätte. Er antwortete, er wolle zwar gern bleiben, allein er hätte in seinem Leben nichts anderes gelernt, als mit Pferden umzugehen. Man gab ihm also ein Pferd zu warten, und er nahm sich vor, es zum Vergnügen der Kinder abzurichten.

Indes nun das Schicksal den Grafen von Angers und seine Kinder so führte, wie ich erzählt habe, starb der König von Frankreich, nachdem er verschiedene Waffenstillstände mit den Deutschen geschlossen hatte, und sein Sohn, dessen Gemahlin die Verbannung des Grafen verursacht hatte, ward an seiner Stelle zum Könige gekrönt. Nachdem der letzte Waffenstillstand abgelaufen war, fing dieser den Krieg mit vieler Erbitterung wieder an, und der König von England, als sein neuer Verwandter, sandte ihm viel Kriegsvolk zu Hülfe, unter den Befehlen seines Feldmarschalls Pierrot von Pikardie und Jacob Langreys, des Sohnes seines zweiten Marschalls, welchem der Graf, unerkannt von Jedermann, eine lange Zeit im Felde als Stallknecht aufwartete, und als ein tapfrer Mann, über die Erwartung, die man von ihm haben konnte, mit Rat und That manchen wichtigen Dienst leistete. Während dieses Feldzuges ward die Königin von Frankreich von einer schweren Krankheit befallen, und wie sie fühlte, daß sie dem Tode nahe war, bekannte sie alle ihre Sünden mit vieler Bußfertigkeit dem Erzbischof von Rheims, welcher für einen frommen und heiligen Mann gehalten ward, und gestand ihm unter andern, daß dem Grafen von Angers um ihretwillen großes Unrecht geschehen wäre; ja, sie begnügte sich nicht damit, ihm dieses zu beichten, sondern sie bekannte auch in Gegenwart vieler angesehenen Männer, wie alles zugegangen wäre, und bat sie, den König zu vermögen, daß er den Grafen, wenn er noch lebte, oder eines von seinen Kindern, wieder in seine Güter einsetzte. Nicht lange darnach verschied sie und ward mit allen Ehrenbezeigungen zur Erde bestattet.

Wie man dem Könige ihr Bekenntnis hinterbrachte, und wie er die Bedrängnisse, welche der würdige Graf ohne seine Schuld erlitten, mit einigen Seufzern bedauert hatte, ließ er in dem ganzen Heere und an vielen anderen Orten ausrufen, daß derjenige, welcher ihm den Aufenthalt des Grafen von Angers, oder irgend eines von seinen Kindern anzeigen könnte, für jeden derselben eine beträchtliche Belohnung erhalten sollte; weil er laut des Geständnisses der Königin, ihn für unschuldig an Allem erkenne, weswegen er wäre verbannt worden; daher er jetzt Willens wäre, ihn zu allen seinen vorigen und noch zu höheren Ehren zu erheben. Dies alles erfuhr der Graf, der noch immer als Stallknecht erschien, und wie er fand, daß es wirklich wahr wäre, ging er geschwind zu Sir Jacob Langrey, und bat ihn, sich mit ihm zu Pierrot zu begeben, weil er ihnen beiden diejenigen zeigen wollte, die der König suchte.

Wie sie alle drei beisammen waren, sprach der Graf zu Pierrot, der schon im Begriff war, sich dem Könige zu erkennen zu geben: »Pierrot, dieser Sir Jacob hat Deine Schwester zur Gemahlin, und hat nie eine Aussteuer mit ihr bekommen. Damit ihr nun diese nicht fehlen möge, so ist es mein Wille, daß er und niemand anderer die großen Belohnungen empfange, die der König für Deine Person, als für den Sohn des Grafen von Angers ausgeboten hat, und für Violante, Deine Schwester und Jakobs Gemahlin, und für mich, den Grafen von Angers, Deinen Vater, und daß er uns alle dem Könige vorstelle.«

Wie Pierrot dies hörte und ihn aufmerksam betrachtete, erkannte er ihn den Augenblick, und grüßte ihn als Vater, indem er mit thränenden Augen ihm die Füße umfaßte. Sir Jakob, welcher erstlich die Worte des Grafen hörte, und dann sah, wie Pierrot sich gegen ihn benahm, ward vor Verwunderung und Freude so bestürzt, daß er kaum wußte, was er anfangen sollte; doch weil er den Worten des Grafen glaubte und mit Erröten bedachte, daß er ihn oft beleidigt hatte, indem er ihm wie einem Stallknechte begegnete, so fiel er ihm zu Füßen, und bat ihn demütig für jede Beleidigung um Verzeihung, die ihm auch der Graf, welcher ihn wieder von der Erde erhob, sehr willig erteilte. Nachdem sie nun alle drei vieles zusammen über ihre Begebenheiten gesprochen, viel mit einander geweint und sich viel zusammen gefreut hatten, wollten Pierrot und Jakob den Grafen umkleiden lassen, allein er wollte es nicht eher zugeben, bis Sir Jakob der versprochenen Belohnung gewiß wäre; um ihn desto mehr zu beschämen, verlangte er, daß er ihn in der Kleidung eines gemeinen Knappen dem Könige vorstellen sollte.

Sir Jakob verfügte sich demnach zu dem Könige, indem der Graf und Pierrot ihm nachfolgten, und erbot sich, ihm den Grafen und seine Kinder vorzustellen, wenn er ihm die durch öffentlichen Ausruf versprochene Belohnung reichen ließe.

Der König ließ alsobald die beträchtlichen Belohnungen für alle drei herbringen, und erlaubte ihm, sie davon zu tragen, wenn er ihm wirklich den Grafen und seine Kinder, seinem Versprechen gemäß, zeigte.

Sir Jakob wandte sich hierauf um, ließ den Grafen, seinen Knappen, vortreten und sagte: »Sire, hier ist der Vater, und hier der Sohn. Die Tochter, welche meine Frau ist, befindet sich jetzt nicht hier, Ihr sollt sie aber mit Gottes Hülfe bald sehen.« Wie der König dies hörte, betrachtete er den Grafen genau, und wiewohl sich seine Gestalt gegen das, was sie vormals war, ungemein verändert hatte, so erkannte er ihn dennoch, und fast mit Thränen in den Augen erhob er ihn, indem er vor ihm niederkniete; küßte und umarmte ihn, und empfing den Pierrot auf's Gnädigste; befahl auch augenblicklich den Graf mit Kleidern, Bedienung, Pferden und Gerät zu versehen, wie seinem Stande angemessen wäre, welches auch sogleich geschah. Ueberdies erwies auch der König dem Sir Jakob große Ehre, und ließ sich von seinen vergangenen Begebenheiten genaue Nachricht geben.

Wie nun Sir Jakob die ansehnlichen Belohnungen für die Wiederbringung des Grafen und seiner Kinder davontrug, sprach der Graf zu ihm: »Empfange dies von der freigebigen Hand meines Königs, und vergiß nicht, Deinem Vater zu sagen, daß Deine Kinder, seine und meine Enkel, von der mütterlichen Seite nicht von Landstreichern abstammen.«

Sir Jakob empfing die Geschenke und ließ seine Gemahlin und seine Mutter nach Paris kommen, wohin sich auch Pierrot's Gemahlin begab, und sie lebten alle in großer Freude bei dem Grafen, welche der König in alle seine Güter wieder eingesetzt, und ihn noch größer gemacht hatte, als er jemals vorher gewesen war. Hernach beurlaubten sie sich bei ihm, und gingen wieder nach Hause; er aber blieb in Paris und ward bis an sein Ende mehr, als jemals geehrt.

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