Alexander Dumas d. Ä.
Die Fünfundvierzig
Alexander Dumas d. Ä.

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Seine Hoheit Monseigneur der Herzog von Guise

Am Sonntag, den 10. Juni, ungefähr um elf Uhr, war der ganze Hof in dem Zimmer vor dem Kabinett versammelt, wo seit seinem Zusammentreffen mit Diana von Meridor der Herzog von Anjou langsam und unglücklich hinstarb. Weder die Wissenschaft der Ärzte noch die Verzweiflung seiner Mutter noch die vom König befohlenen Gebete hatten das unselige Ereignis zu beschwören vermocht. Am Morgen des 10. Juni erklärte Miron dem König, es gebe kein Mittel für die Krankheit, und Franz von Anjou würde den Tag nicht überleben.

Der König legte einen großen Schmerz zur Schau und sagte, indem er sich an die Anwesenden wandte:

»Das gibt unsern Feinden viel Hoffnung.«

Worauf die Königin-Mutter erwiderte: »Unser Schicksal liegt in den Händen Gottes, mein Sohn.«

Chicot, der ganz demütig und zerknirscht in der Nähe des Königs stand, sagte ganz leise zu diesem: »Helfen wir Gott, wenn wir können, Sire.«

Nichtsdestoweniger verlor der Kranke gegen halb zwölf Uhr die Farbe und das Gesicht; sein bis dahin offener Mund schloß sich; der Blutfluß, der seit einigen Tagen alle Anwesenden erschreckt hatte, wie einst der Blutschweiß Karls IX., hörte plötzlich auf, und alle Glieder wurden kalt.

Heinrich saß zu den Häupten seines Bruders. Katharina hielt, neben dem Bett sitzend, eine eisige Hand des Sterbenden. Der Bischof von Château-Thierry und der Kardinal von Joyeuse sprachen Sterbegebete, die die Anwesenden kniend und mit gefalteten Händen wiederholten.

Gegen Mittag öffnete der Kranke die Augen; die Sonne befreite sich von einer Wolke und übergoß das Bett mit einer goldenen Glorie. Franz, der bis dahin nicht einen Finger hatte rühren können, und dessen Geist wie die Sonne, die wieder erschien, verschleiert gewesen war, Franz hob einen Arm mit der Gebärde eines erschrockenen Menschen zum Himmel empor.

Er schaute umher, hörte die Gebete, fühlte sein Übel und seine Schwäche und erriet seine Lage, vielleicht, weil er schon halb jene finstere, unselige Welt erblickte, wohin gewisse Seelen gehen, nachdem sie die Erde verlassen haben. Dann stieß er einen Schrei aus und schlug sich mit solcher Gewalt vor die Stirn, daß die ganze Versammlung erbebte. Die Stirn faltend, als ob er in seinem Innern eines von den Geheimnissen seines Lebens gelesen hätte, murmelte er: »Bussy . . . Diana!«

Dieses letzte Wort hörte niemand als Katharina, mit so schwacher Stimme sprach es der Sterbende. Mit der letzten Silbe dieses Namens gab Franz seinen Geist auf.

Durch ein seltsames Zusammentreffen verschwand in demselben Augenblick die Sonne, die das Wappenschild von Frankreich und die goldenen Lilien bestrahlte; so daß diese Lilien, einen Augenblick zuvor noch glänzend, ebenso düster wurden wie der Azur, den sie vorher mit einem Gestirn schmückten, das nicht minder schimmerte als das, welches das träumerische Auge am Himmel sucht.

Katharina ließ die Hand ihres Sohnes fallen. Heinrich III. schauerte und stützte sich zitternd auf die Schulter Chicots, der ebenfalls schauerte, doch nur wegen der Ehrfurcht die jeder Christ den Toten schuldig ist. Miron hielt einen goldenen Kelchdeckel an Franz' Lippen und sagte, nachdem er ihn einige Sekunden aufmerksam betrachtet hatte: »Monseigneur ist tot.«

Worauf sich ein langer Seufzer in den Vorzimmern als Begleitung des Klagepsalms erhob, den der Kardinal murmelte.

»Tot!« wiederholte der König, der sich in seinem Lehnstuhl bekreuzte.

»Der einzige Erbe des Thrones von Frankreich,« murmelte Katharina, die, ihren Platz neben dem Toten verlassend, schon zu dem einzigen Sohn, der ihr blieb, zurückgekehrt war.

»Oh!« sagte Heinrich, »dieser Thron von Frankreich ist sehr weit für einen König ohne Nachkommenschaft; die Krone ist sehr weit für ein einziges Haupt . . . Keine Kinder, keine Erben, wer wird mir in der Regierung folgen?«

Als er diese Worte vollendete, erscholl ein gewaltiger Lärm auf der Treppe und in den Sälen.

Nambu stürzte in das Sterbezimmer und meldete: »Seine Hoheit Monseigneur der Herzog von Guise.«

Bestürzt über diese Antwort auf die Frage, die er an sich selbst gerichtet, erbleichte der König, stand auf und schaute seine Mutter an.

Katharina war noch bleicher als ihr Sohn. Bei der Ankündigung dieses furchtbaren Unglücks, das ein Zufall seinem Geschlechte weissagte, ergriff sie die Hand des Königs und drückte sie, als wollte sie ihm sagen: »Hier ist die Gefahr . . . doch fürchtet nichts, denn ich bin bei Euch!«

Der Sohn und die Mutter hatten sich in demselben Schrecken und in derselben Drohung begriffen.

Der Herzog trat mit seinen Kapitänen ein. Er erschien mit erhobener Stirn, wenn auch seine Augen den König und das Sterbebett seines Bruders mit einer gewissen Verlegenheit suchten.

Mit jener erhabenen Majestät, die er allein vielleicht in gewissen Augenblicken in seiner so seltsam gemischten Natur fand, hielt Heinrich III. den Herzog durch eine fürstliche Gebärde auf, durch die er ihm den königlichen Leichnam auf dem durch den Todeskampf zerkrümpelten Bett zeigte. Der Herzog beugte sich und fiel langsam auf die Knie. Alles um ihn her neigte das Haupt und bog das Knie.

Heinrich III. allein blieb aufrecht bei seiner Mutter stehen, und sein Blick glänzte zum letzten Male vor Stolz.

Chicot erschaute diesen Blick und murmelte ganz leise den andern Vers aus den Psalmen: »Er wird die Mächtigen vom Throne stürzen und die Demütigen erheben.«

 


 


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