Alexander Dumas d. Ä.
Die Fünfundvierzig
Alexander Dumas d. Ä.

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Zweifel.

Henri ging hinab und fand, als er die Vorzimmer durchschritt, viele ihm bekannte Offiziere, die herbeiliefen und sich unter allerlei Freundschaftsbeweisen anboten, ihn in die Wohnung seines Bruders, zu führen, die an einer Ecke des Schlosses lag. Es war die Bibliothek, die der Herzog Joyeuse während seines Aufenthalts in Château-Thierry angewiesen hatte.

Zwei möblierte Salons aus der Zeit von Franz I. standen miteinander in Verbindung und mündeten nach der Bibliothek aus, die nach den Gärten schaute. In der Bibliothek hatte Joyeuse sein Bett aufschlagen lassen; streckte er den Arm aus, so berührte er die Wissenschaft, öffnete er die Fenster, so genoß er die Natur; höher organisierte Menschen bedürfen vollständigerer Genüsse, und die Morgenluft, der Gesang der Vögel oder der Wohlgeruch der Blumen fügten zu den Liedern und Schilderungen französischer Meister einen neuen Reiz.

Henri beschloß, alles so zu lassen, wie es war, weil es ihm gleichgültig war, ob er sich hier oder sonstwo befand.

Doch da der Graf dazu erzogen worden war, unter keinen Umständen seine Pflicht gegen den König oder gegen die Prinzen des Hauses Frankreich zu vernachlässigen, so erkundigte er sich genau nach dem Teil des Schlosses, den der Prinz seit seiner Rückkehr bewohnte.

Der Zufall schickte Henri in dieser Hinsicht einen vortrefflichen Helfer; es war der junge Fähnrich, dessen Indiskretion in dem kleinen Dorfe in Flandern, wo wir unsere Personen einen Augenblick haltmachen ließen, dem Prinzen das Geheimnis des Grafen verriet; dieser Fähnrich hatte den Prinzen seit seiner Rückkehr nicht verlassen und konnte Henri daher vortrefflich unterrichten.

Als der Prinz in Château-Thierry ankam, suchte er vor allem Zerstreuung; er bewohnte die großen Gemächer, hielt morgens und abends Empfänge ab, jagte bei Tag im Walde Hirsche oder ging im Park auf die Beize; doch seit der Kunde von dem Tode Aurillys, die dem Prinzen zugekommen war, man wußte nicht wie, hatte sich der Prinz in einen mitten im Parke liegenden Pavillon zurückgezogen. Dieser Pavillon, ein für jedermann, mit Ausnahme der Vertrauten des Prinzen, unzugänglicher Aufenthaltsort, war unter dem Blätterwerke wie verloren und wurde kaum über den riesigen Hagebuchen und durch die dichten Hecken sichtbar.

In diesen Pavillon hatte sich der Prinz seit zwei Tagen zurückgezogen; die ihn nicht kannten, sagten, der Kummer, den ihm Aurillys Tod verursache, habe ihn bewogen, sich in solche Einsamkeit zu versenken; die ihn kannten, behaupteten, in diesem Pavillon gehe ein schändliches, höllisches Werk vor, das eines Morgens an den Tag kommen werde.

Beide Annahmen waren um so wahrscheinlicher, als der Prinz in Verzweiflung zu sein schien, wenn ihn ein Geschäft oder ein Besuch nach dem Schlosse rief. Sobald dieser Besuch empfangen, oder dieses Geschäft abgemacht war, kehrte er in seine Einsamkeit zurück, wo er nur von zwei Kammerdienern bedient wurde, die seit seiner Geburt bei ihm waren.

»Wenn der Prinz in dieser Laune ist,« sagte Henri, »so werden die Feste nicht sehr heiter sein.«

»Sicher nicht,« erwiderte der Fähnrich, »jeder wird Mitleid mit dem Schmerz des Prinzen zu haben wissen, der in seinem Stolze und in seiner Zuneigung getroffen worden ist.«

Henri fuhr fort zu fragen, ohne es zu wollen, und nahm ein seltsames Interesse an diesen Fragen; der Tod Aurillys, den er bei Hofe gekannt und in Flandern wiedergesehen hatte; die Gleichgültigkeit, mit der ihm der Prinz den Verlust, den er erlitten, mitgeteilt; die Abgeschlossenheit, in der der Prinz, wie man sagte, seit diesem Tode lebte, dies alles stand für ihn, ohne daß er wußte wie, mit dem geheimnisvollen, düsteren Gewebe in Verbindung, mit dem seit einiger Zeit die Ereignisse seines Lebens verflochten waren.

»Und man weiß nicht,« fragte er den Fähnrich, »man weiß nicht, wie dem Prinzen die Nachricht von dem Tode Aurillys zugekommen ist?«

»Nein.«

»Aber erzählt man sich denn nichts hierüber?«

»Oh! gewiß, Ihr wißt, wahr oder falsch, man erzählt sich immer etwas.«

»Nun, so laßt hören.«

»Der Prinz soll unter den Weiden beim Flusse gejagt und sich von den andern Jägern entfernt haben – denn er tut alles sprungweise, er erhitzt sich, läßt sich fortreißen bei der Jagd wie beim Spiel, wie im Feuer, wie im Schmerz –, als man ihn plötzlich mit bestürztem Gesichte zurückkommen sah.

»Die Höflinge fragten ihn, in der Meinung, es handle sich nur um ein Jagdabenteuer.

»Er hielt zwei Rollen Gold in der Hand.

»›Begreift ihr das, meine Herren?‹ fragte er mit bebender Stimme, ›Aurilly ist tot, Aurilly ist von den Wölfen gefressen worden‹.

»Alles schrie laut auf.

»›Nein,‹ sagte der Prinz, ›es ist so, oder der Teufel soll mich holen; der arme Lautenspieler war immer mehr ein großer Musiker als ein guter Reiter; es scheint, sein Pferd ist mit ihm durchgegangen, und er ist so in eine Schlucht gestürzt, daß es ihm den Tod brachte; am andern Tage fanden zwei Reisende, die an dieser Schlucht vorüberkamen, seinen Leichnam halb von den Wölfen gefressen, und zum Beweise, daß die Sache sich wirklich so zugetragen hat, und daß nicht Räuber die Schuld tragen, dient, daß hier die zwei Rollen Gold sind, die er bei sich trug, und die man gewissenhaft zurückgebracht hat.‹

»Da man nun niemand diese Rollen hatte bringen sehen,« fuhr der Fähnrich fort, »so vermutete man, sie seien dem Prinzen von den beiden Reisenden zugestellt worden, die ihm, als sie ihm am Ufer des Flusses begegneten und ihn erkannten, die Kunde von dem Tode Aurillys mitgeteilt haben sollen.«

»Das ist seltsam,« murmelte Henri.

»Um so seltsamer,« sagte der Fähnrich, »als man sagt – ist es wahr? ist es eine Erfindung? –, man habe den Prinzen die kleine Pforte des Parkes auf der Seite der Kastanienbäume öffnen und durch diese Pforte etwas wie zwei Schatten hereinkommen sehen. Der Prinz hat also zwei Personen, zwei Reisende wahrscheinlich, in den Park eingelassen; seit dieser Zeit ist der Prinz in seinen Pavillon ausgewandert, und wir haben ihn nur flüchtig erblickt.«

»Und niemand hat die beiden Reisenden gesehen?« fragte Henri.

»Ich,« erwiderte der Fähnrich. »Als ich nämlich beim Prinzen die Abendparole für die Schloßwache holte, begegnete ich einem Mann, der mir nicht dem Hause Seiner Hoheit anzugehören schien; doch ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da sich dieser Mann, als er mich erblickte, abwandte und die Regenkappe seines Leibrocks auf seine Augen niedergeschlagen hatte.«

»Die Regenkappe seines Leibrocks, sagt Ihr?«

»Ja, er schien ein flämischer Bauer zu sein, und er erinnerte mich, ich weiß nicht warum, an den, der Euch begleitete, als wir uns dort begegneten.«

Henri bebte; diese Bemerkung knüpfte sich für ihn an das unbestimmte, aber hartnäckige Interesse an, das ihm diese Geschichte einflößte; auch ihm, der wußte, daß Diana und ihr Gefährte Aurilly anvertraut waren, war der Gedanke gekommen, die Reisenden, die dem Prinzen den Tod des unglücklichen Flötenspielers verkündigt hatten, seien die beiden ihm Bekannten.

Henri schaute den Fähnrich aufmerksam an und fragte dann: »Und welcher Gedanke kam Euch, als Ihr diesen Mann erkannt zu haben glaubtet?«

»Hört, was ich denke, doch will ich damit nichts bestimmt behaupten. Der Prinz hat ohne Zweifel seinen Absichten auf Flandern nicht entsagt; er unterhält demzufolge Spione; der Mann mit dem wollenen Leibrock ist ein Spion, der auf seiner Reise den Unfall des Musikers erfahren und zwei Nachrichten zu gleicher Zeit überbracht haben wird.«

»Das ist wahrscheinlich,« sagte Henri nachsinnend; »was machte aber dieser Mensch, als Ihr ihn saht?«

»Er ging an der Hecke hin, die das Blumenbeet begrenzt, und schritt auf die Treibhäuser zu.«

»Doch Ihr spracht von zwei Reisenden?«

»Man sagt, man habe zwei Personen hereinkommen sehen; doch mir ist nur eine vor Augen gekommen, der Mann mit dem wollenen Rocke.«

»Demnach würde der Mann mit dem wollenen Rock in den Treibhäusern wohnen?«

»Das ist wahrscheinlich.«

»Und diese Treibhäuser haben einen Ausgang?«

»Gegen die Stadt, ja, Graf.«

Henri blieb einige Zeit schweigsam; sein Herz schlug gewaltig; die für ihn, der bei dieser ganzen geheimnisvollen Geschichte ein doppeltes Gesicht zu haben schien, scheinbar gleichgültigen Umstände hatten ein ungeheures Interesse.

Es war mittlerweile Nacht geworden, und die jungen Leute sprachen miteinander ohne Licht in Joyeuses Wohnung.

Von der Reise ermüdet, durch die seltsamen Ereignisse, die man ihm erzählt hatte, bedrückt, ohne Widerstandskraft gegen die Gemütsbewegungen, die in ihm entstanden waren, hatte sich der Graf auf das Bett seines Bruders zurückgelegt und tauchte seine Blicke mechanisch in den Azur des Himmels, der mit Diamanten bestirnt zu sein schien.

Der junge Fähnrich saß auf dem Rande des Fensters und überließ sich dem Schwunge des Geistes, der Poesie der Jugend, dem alles durchdringenden Wohlbehagen, das die balsamische Frische des Abends verleiht.

Ein großes Stillschweigen lagerte sich über dem Park und der Stadt; nach und nach wurden die Lichter angezündet, die Hunde kläfften in der Ferne in ihren Häusern gegen die Knechte, die am Abend die Ställe zu schließen hatten.

Plötzlich stand der Fähnrich auf, machte mit der Hand ein Zeichen, um die Aufmerksamkeit des Grafen zu erregen, neigte sich zum Fenster hinaus und rief mit leiser Stimme Henri, der auf dem Bette lag, zu: »Kommt, kommt!«

»Was denn?« fragte Henri, plötzlich aus seinem Traume erwachend.

»Der Mann, der Mann!«

»Welcher Mann?«

»Der Mann mit dem wollenen Rock, der Spion!«

»Oh! oh!« machte Henri, indem er vom Bette zum Fenster sprang und sich auf die Schulter des Fähnrichs stützte.

»Seht,« fuhr der Fähnrich fort, »seht Ihr ihn dort? Er geht an der Hecke hin; wartet, er wird wieder erscheinen; schaut in den vom Monde beleuchteten Raum; dort ist er, dort ist er.«

»Ja.«

»Sieht er nicht finster aus?«

»Finster, das ist das rechte Wort,« erwiderte du Bouchage, selbst finster werdend.

»Glaubt Ihr, es sei ein Spion?«

»Ich glaube nichts und glaube alles.«

»Seht, er geht vom Pavillon des Prinzen nach den Treibhäusern.«

»Der Pavillon des Prinzen ist also dort?« fragte du Bouchage, indem er mit dem Finger den Punkt bezeichnete, woher der Fremde zu kommen schien.

»Seht jenes Licht, das unter dem Blätterwerk zittert.«

»Nun?«

»Das ist der Speisesaal.«

»Ah!« rief Henri, »hier erscheint er wieder.«

»Ja, er kehrt offenbar zu seinem Gefährten in die Treibhäuser zurück; hört Ihr?«

»Was!«

»Das Geräusch eines Schlüssels, der im Schlosse gedreht wird.«

»Das ist seltsam,« sagte du Bouchage, »dies alles kann nur etwas sehr Gewöhnliches sein, und dennoch . . .«

»Und dennoch schauert Ihr, nicht wahr?«

»Ja,« sagte der Graf; »doch was ist das wieder?«

Man hörte den Klang einer Glocke.

»Es ist das Signal zum Abendessen für das Haus des Prinzen; werdet Ihr mit uns zu Nacht speisen, Graf?«

»Nein, ich danke, ich fühle kein Bedürfnis, und wenn der Hunger kommt, so werde ich rufen.«

»Wartet nicht hierauf, Herr Graf, kommt und ergötzt Euch in unserer Gesellschaft.«

»Nein, das ist mir unmöglich.«

»Warum?«

»Seine Hoheit hat mir eingeschärft, daß ich mich in meinem Zimmer bedienen lasse; doch ich halte Euch nicht länger auf.«

»Ich danke, Graf, guten Abend; bewacht unser Gespenst gut.«

»Oh! ja, dafür stehe ich Euch, wenn sich nicht,« fügte Henri aus Furcht, zuviel gesagt zu haben, hinzu, »wenn sich nicht der Schlaf meiner bemächtigt, was mir wahrscheinlicher und gesünder vorkommt als das Bewachen von Spionen und Gespenstern.«

»Gewiß,« sagte der Fähnrich lachend. Und er verabschiedete sich von du Bouchage.

Kaum war er aus der Bibliothek weggegangen, als Henri in den Garten eilte.

»Oh!« murmelte er, »es ist Rémy, es ist Rémy! Ich würde ihn in der Finsternis der Hölle erkennen.«

Und der junge Mann, der seine Knie unter sich zittern fühlte, drückte seine feuchten Hände auf seine glühende Stirn.

»Mein Gott!« sagte er, »ist es nicht vielmehr eine Ausgeburt meines armen kranken Gehirns, und steht es nicht geschrieben, daß ich schlafend oder wachend, bei Tag oder bei Nacht, unablässig die beiden Gestalten wiedersehen werde, die eine so tiefe Furche in mein Leben eingegraben haben?«

»In der Tat,« fuhr er fort, wie ein Mensch, der ein Bedürfnis fühlt, sich selbst zu überreden, »warum sollte Rémy hier in diesem Schlosse beim Herzog von Anjou sein? Was sollte er hier machen? Welche Verbindung könnte der Herzog von Anjou mit Rémy haben? Wie sollte er Diana verlassen haben, er, ihr ewiger Gefährte? Nein, er ist es nicht.«

Nach einem Augenblick gewann aber eine innige, tiefe, instinktartige Überzeugung wieder die Oberhand, und er murmelte voll Verzweiflung, während er sich an die Wand anlehnte, um nicht zu fallen: »Er ist es, er ist es!«

Als er diesen alle anderen beherrschenden Gedanken vollendete, vernahm, er abermals das scharfe Geräusch des Schließens, und obgleich dieses Geräusch beinahe unmerklich war, faßten es doch seine überreizten Sinne auf.

Ein unbeschreiblicher Schauer durchlief den ganzen Leib des jungen Mannes. Er horchte abermals.

Rings um ihn herrschte ein solches Stillschweigen, daß er sein eigenes Herz schlagen hörte.

Es vergingen einige Minuten, ohne daß er etwas von dem, was er erwartete, erscheinen sah. In Ermangelung der Augen, sagten ihm indessen seine Ohren, daß sich jemand nahte. Er hörte den Sand unter Tritten krachen. Plötzlich kam es ihm vor, als sähe er an dem düsteren Grunde der Hagebuchen eine noch düsterere Gruppe sich hinbewegen.

»Hier kommt er zurück,« flüsterte Henri; »ist er allein, ist jemand bei ihm?«

Die Gruppe rückte nach der Gegend vor, wo der Mond einen schattenlosen Raum versilberte. In dem Augenblick, wo der Mann mit dem wollenen Rocke in entgegengesetzter Richtung diesen Raum durchschritt, hatte Henri Rémy zu erkennen geglaubt. Diesmal sah Henri zwei Schatten, die sich so deutlich unterschieden, daß man sich nicht täuschen konnte. Eine tödliche Kälte stieg bis in sein Herz hinab und schien ihn in Marmor verwandelt zu haben.

Die Schatten gingen rasch, obgleich festen Schrittes; der erste war in einen wollenen Leibrock gekleidet, und der Graf glaubte wieder, wie das erstemal, Rémy zu erkennen.

Ganz in einen großen Männermantel gehüllt, entzog sich der zweite jeder näheren Bestimmung. Und dennoch glaubte Henri unter diesem Mantel zu erraten, was niemand hätte sehen können.

Der junge Mann stieß eine Art schmerzlichen Stöhnens aus, und sobald die beiden geheimnisvollen Personen hinter den Hagebuchen verschwunden wären, eilte er, von Gebüsch zu Gebüsch schlüpfend, denen nach, die er erkennen wollte.

»Oh!« murmelte er, während er ihnen folgte, »mein Gott, täusche ich mich nicht, ist es möglich?«



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