Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Heinrich von Bülow an seine Braut Gabriele

S. Gabriele von Bülow, Ein Lebensbild, 1791-1887. 11. Aufl. Berlin 1905.

Schwerin, den 16. Januar 1817.

Endlich, liebe Gabriele, kann ich Dir sagen, wie sehr mich die Trennung von Dir geschmerzt hat, welchen Kampf ich in mir gekämpft habe, um beim Abschied ruhige Fassung zu behalten, wie unterwegs der Gedanke an Dich neben sich keinen anderen Gedanken hat aufkommen lassen, und wie sehr ich mich auf den Augenblick gefreut habe, meinem von Liebe glühenden Herzen durch Worte Luft zu machen. Ja, meine einzig teure Gabriele, ich liebe Dich so innig und warm, so redlich und treu, daß ich es Dir nicht beschreiben kann, sondern nur durch die Tat beweisen will und werde. Möchtest Du von meiner herzlichen Liebe zu Dir so überzeugt sein, wie ich es von Deiner zu mir, so ist mein höchster Wunsch erfüllt, und ich blicke voll Vertrauen auf die Zukunft hin. Wenn angstvolle Sorge mich noch eine Stunde vor dem Scheiden quälte und unfehlbar meine Begleiterin auf der Reise geworden wäre, so kann ich Dir, liebe Gabriele, nicht genug für das teure Geschenk danken, was mich wieder froh und glücklich machte, mich durch volles Vertrauen zu Deiner Liebe beseligte und in eine Stimmung versetzte, die ich um keine Welt missen möchte, denn sie geht aus der beglückenden Überzeugung hervor, von einem Wesen geliebt zu sein, das man anbetet und dessen leisester Wunsch und Wille fortan der unserige werden wird. Zu unzähligen Malen drückte ich das teure Zeichen Deiner Liebe an meine Lippen und betrachtete diesen zauberhaft geschlungenen gordischen Knoten und fand, wie hier weder Anfang noch Ende, so auch keines von beiden in unserer Liebe. Ich kenne den Moment nicht, wo ich Dich zu lieben begann, er war da, eher als ich es selbst wußte, und als ich es merkte und mich sträubte und wehrte und männlich den Kampf gegen meine Gefühle bestehen wollte, weil ich in meiner Lage, von der Vorsehung mit Glücksgütern nur spärlich bedacht, die Unmöglichkeit fand, liebliche Träume in beseligende Wirklichkeit umzuschaffen; so war ich nur tapfer, solang ich den Feind nicht sah und die Verteidigungswaffen auf meiner Stube schmiedete. Doch kaum gewahrte ich das blaue Auge des Feindes, so war es mit der Vernunft am Ende rein aus – ich liebte und träumte, zürnte auf mich und gelobte mir morgens, fortan mehr Kraft zu zeigen, um nachmittags meinen Gefühlen abermals den Sieg desto glänzender und vollkommener zu machen. Ich wußte nicht mehr, was ich tun, was ich lassen sollte, war keines Gedankens mehr mächtig und stand der Verzweiflung nahe, als es den Anschein gewann, daß die veränderten Bestimmungen Deines Vaters uns trennen würden. Da sah die gute Mutter, was in mir vorging, meine Liebe, meinen Schmerz, hatte Mitleid, und ein Strahl goldener Hoffnung erhellte plötzlich die dunkle Marterkammer meiner unerreichbar geglaubten Wünsche. Möchtest Du es der guten Mutter recht schildern, wie innig und warm ich fühle, was ich ihrer unendlichen Güte verdanke, und wie von Deinem Besitz die alleinige Hoffnung einer freudenvollen Zukunft abhängt. Ich bin nicht nur durchdrungen von dem Gefühle tiefster Erkenntlichkeit, sondern fühle mich zu ihr hingezogen durch Empfindungen, die ihr beweisen werden, wie unbeschreiblich glücklich ich mich preise, sie einst Mutter nennen zu können. Ich werde ihr ein guter Sohn sein, wie Dir, meiner einzig teuren Gabriele, alles, was in meinen Kräften und in den Grenzen der Möglichkeit steht. Daß Du während der Zeit unserer Trennung auch oft an mich mit Liebe gedacht haben wirst, davon bin ich überzeugt und finde darin, sowie in der Berücksichtigung meiner Pflichterfüllung als Sohn gegen meinen Vater eine süße Beruhigung für den herben Schmerz der Entfernung von Dir. Ich sage Dir nichts von dem, was ich beim Wiedersehen meines Vaters empfunden habe, wie herzzerreißend die Erinnerung an den Verlust des besten Sohnes und Bruders war, und wie manche Träne seinem teuren Andenken geflossen ist, obgleich ich weiß welchen Anteil Du an allem nimmst, was mich angeht und mir besonders bei dieser Gelegenheit den rührendsten Beweis davon gegeben hast. Ich behalte mir vor, dir darüber, sowie über meine Reise umständlich im nächsten Briefe zu schreiben, heute muß ich schließen, da ich von allen Seiten durch Besuch von Verwandten gedrängt werde. Grüße Karoline herzlich von mir und sage ihr, wie sehr gut, wahrhaft gut ich ihr bin und stets bleiben werde. Dich, meine Gabriele, umarme ich mit zärtlicher Liebe, küsse Dir die beiden Hände und bleibe ewig

Dein Heinrich.

Gabriele von Humboldt an Heinrich von Bülow.

Schleiz, den 23. April 1817.

Seit einer halben Stunde sind wir hier angekommen, und ich benutze den ersten freien Augenblick, um Dir, mein geliebter, teurer Heinrich, einige Zeilen zu schreiben, wozu ich mich unendlich gefreut habe! Ach! mein liebes Herzchen, mit welchen Worten soll ich Dir sagen, wie entsetzlich schmerzhaft mir der Abschied von Dir war, und wie öde und leer mir alles vorkommt, seitdem ich Dich nicht mehr sehe! Wie ich in den Wagen gekommen bin, weiß ich selbst nicht, nur das weiß ich, daß der Augenblick, wo ich Dich zum letzten Male an mein Herz drückte und zum letzten Male Dein liebes Gesicht sah, der schrecklichste in meinem ganzen Leben war, es vergingen mir alle Sinne, und ich mußte alle meine Kraft zusammennehmen, um die Fassung nicht zu verlieren. Unaussprechlich sehne ich mich nach einem Briefe von Dir, mein süßes Leben, und doch kann ich es kaum hoffen, in München einen zu finden, und Gott weiß, wie lange ich noch harren muß, ehe ich nur ein Lebenszeichen von Dir vernehme, und so lange nichts, gar nichts von Dir zu hören ist wirklich hart. Ach Gott! könnte ich doch mit Dir sein in der Wirklichkeit, so wie ich es in Gedanken bin. – Doch ich will nicht murren und das Schicksal walten lassen und mir Mut und Kraft erbitten und diese harte, trübe Zeit zu überstehen, der Allmächtige wird ja auch helfen, so wie Er bis jetzt geholfen hat. Manchmal übermannt mich der Schmerz der Trennung von Dir so stark, daß ich Mühe habe, mich zu fassen, um nicht in Tränen auszubrechen. Doch suche ich so viel als möglich heiter zu sein, um nicht die Anderen zu betrüben. Die arme Karoline war all die Tage wieder sehr krank, sie ist wirklich sehr zu bedauern; beständig zu leiden und keine Hoffnung zu haben, künftig ein freudenvolleres Leben zu führen, wodurch einem in trüben Tagen die Kraft und Standhaftigkeit kommt, sich zu fassen und in sein Schicksal zu ergeben. Ich fühle es ja jetzt so recht an mir selbst; ich könnte wahrhaftig nicht so geduldig diese schwere Zeit ertragen, hielte mich nicht die süße, beseligende Aussicht aufrecht, künftighin an Deiner Seite zu leben. Ach, nie, nie kann ich es ausdrücken, was ich bei dem Gedanken empfinde, einstens Dir mein Leben und mein Glück anzuvertrauen und Dir ganz anzugehören. Doch Dir brauchte ich es wohl nicht zu sagen, denn Du mußt es wissen, wie innig, wie herzlich ich Dich liebe, so wie ich es von Dir weiß! Ach, was wäre denn mein ganzes Leben, wenn ich diese feste Überzeugung nicht hätte! – Gute Nacht, mein liebes, gutes Herz, ich umarme Dich und bin ewig

Deine liebe Gabriele.

Heinrich von Bülow an Gabriele von Humboldt.

Burg-Oerner, den 21. April 1817.

Noch bin ich so bewegt, teuerste Gabriele, daß ich nicht weiß, was ich Dir sagen soll, mein Herz ist voll tiefer Traurigkeit über den Gedanken an so lange Trennung von Dir, daß ich darüber fast gar nicht zum Schreiben an Dich gekommen wäre, und doch wollte ich Dir so gern baldmöglichst Nachricht von mir geben und hoffe dadurch auch Trost für mich zu finden. Durch das ewige vor sich Hinstarren und Grübeln wird man zuletzt ganz betäubt und verliert dann noch den wenigen Mut, welchen Einsicht und Verstand spärlich zusammengeschossen. Du weißt, meine gute Seele, was ich über unsere Trennung denke, wie sehr sie mich schmerzt, und wie tief und heftig mein Innerstes davon durchdrungen ist, daß mein Herz blutet, wenn ich an die Möglichkeit der Gefahren denke, welche mir daraus erwachsen können; allein Dir ist auch nicht unbekannt, daß ich diese Reise in stiller Ergebung in den göttlichen Willen als eine Prüfungs- und Läuterungszeit unserer Liebe ansehe und insofern fest und vertrauensvoll der Zukunft entgegen gehe. Möchtest Du es der guten Karoline wiederholen, was ich ihr allein und in Deiner Gegenwart so oft gesagt habe: daß mir ein Opfer der Entbehrung, so schwer es mich sonst auch treffen mußte, jetzt viel leichter sei, wenn ich dadurch die Überzeugung erlangen könnte, ihr Hoffnung und Trost verschafft zu haben, ich fühle mein Glück durch die Gewißheit Deiner Liebe so sehr erhöht, daß ich nicht zu bestimmen vermöchte, wie weit ich mir Kraft zu Aufopferungen beimessen würde. Du weißt, gute Gabriele, daß ich von Deiner Liebe nicht ein Iota verlieren und Dich gerade so einfach, lieb und gut, wie Du gegangen, wiederkehren sehen möchte, daher es denn vielleicht sein könnte, daß Du bei dieser und jener Veranlassung durch den Gedanken an mich ernster gestimmt würdest, allein ich bat Dich auch, vollen Anteil an den Freuden der Übrigen zu nehmen, denn nicht nur weiß ich Dich gern vergnügt, ich wünsche auch zu vermeiden, daß meine Liebe zu Dir durch Dich störend in die Freude der Anderen dringe. Es hat mir viel Überwindung gekostet und viele schwere Kämpfe, ehe ich soweit gekommen, den Standpunkt zu finden, von wo herab allein ich Deiner Abreise habe geduldig zusehen können, – und habe ich den Moment zuletzt ruhiger erwartet, so danke ich es größtenteils Dir, die Du mir immer mehr und mehr die Überzeugung unwandelbarer, inniger und treuer Liebe gegeben hast. Ich habe die volle Überzeugung, daß wir uns so wiederfinden werden, wie wir uns verlassen haben, fühlte es aber tief, was ich durch Deine Entfernung entbehre und noch dadurch leiden werde.

Lange saß ich trostlos nach Deiner Abfahrt in meinem Zimmer, worin ich mich sogleich vor den Leuten verschlossen hatte, und starrte wehmutsvoll vor mich hin. Wie die Sonne aber endlich, nachdem sie unbemerkt immer tiefer ins Zimmer gedrungen war, mir plötzlich ins Gesicht schien, da erhob ich mich zuerst und betete – dann ging ich langsamen Schrittes durch den Garten, ich sah Dich überall und war so gern bei Dir, Du meines Lebens einzige Freude ...

An dieselbe.

O meine teure Gabriele, ich beschwöre Dich bei der Liebe, die ich heiß und rein zu Dir im Herzen bewahre, vergiß nie, daß Du eine Deutsche bist und, um glücklich mit mir das Leben zu durchwandeln, nichts meiner Empfindung und meinen Gefühlen Fremdartiges zu mir zurückbringen darfst. Bewahre Dein einfach himmlisches Gemüt vor falschem Klimperstoff. Italische Luft ist Flitterpracht, reizt und blendet zugleich. – Nordlands Söhnen behagt nimmer italischer Sinn, weder im Manne, noch im Weibe. – So wie offen und ehrlich er die Fehde führt, ist sein Gesicht Abdruck seines Lebens. – Nicht jedem zuliebe, niemand zuleide. – Nur eine Liebe bewahrt das deutsche Gemüt. – In seiner Frauen Liebe, Aller Liebe.


 << zurück weiter >>