Adolf Koelsch
Es ist sehr weit zum Paradies
Adolf Koelsch

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

XXXVI.

Der Sommer kam, der Sommer ging, und so weit Rosas Arm zu gebieten hatte, herrschte Leben, Umschwung und Tätigkeit. Auf dem inzwischen terrassierten Land, das sich zwischen ihrem neuen Haus und dem Sanatoriumswäldchen in Stufen von wechselnder Breite über den Talhang hinuntersenkte, wurden von sachkundigen Händen Freilandbeete und Glasbeete angelegt, und von Nele und ihren Gehilfen wurden die Beete besät und bepflanzt. Gewächshäuser, alle mit der Front nach Süden gerichtet, schossen aus dem Boden hervor, und auf der Höhe, dort, wo der Talhang in das von sanften Moränenzügen unregelmäßig gewellte Flachland des breiten Bergrückens überging, baute Zünd an einem großen Wirtschaftsgebäude mit Ställen, Heu- und Getreideböden unter seinem tief heruntergezogenen riesigen Dach. Ein von Rosa bereits als Verwalter in Aussicht genommener 371 Diplomlandwirt hatte das Vorbild dazu auf einer mit Zünd und Rosa gemeinsam unternommenen Besichtigungsfahrt verschiedener Berner und Freiburger Mustergüter gefunden.

Während dieser Bau schon im Gange war, konnte Rosa ihre Pläne sogar noch erweitern. Die Besitzer eines mittleren Bauernhofes, der ebenfalls auf der Höhe lag, Mann und Frau, waren unmittelbar hintereinander hergestorben. Kinder waren keine vorhanden, und da auch unter den erbberechtigten Anverwandten niemand die nötigen Mittel hatte, um den Hof zu übernehmen, sollte das Besitztum zu Geld gemacht werden, der Hypotheken- und Steuerlasten wegen so schnell, wie es ging.

Der Beauftragte der Erben ging daher zu Rosa und trug ihr die Liegenschaft an.

Rosa hätte sich darauf versteifen können, daß das Land nicht direkt an ihr Besitztum grenze, und in einem augenblicklichen Einfall, der sich hinterher als sehr glücklich erwies, tat sie das auch; ein Streuried, das der Gemeinde gehöre, liege dazwischen und sei ein wesentliches Hindernis; denn sie sei nur an Grundstücken interessiert, mit denen ihr bisheriges Eigentum sich zu einem geschlossenen Ganzen abrunden lasse. Nein, sie bedaure; so, wie die Dinge lägen, gehe es nicht.

Schon wenige Tage danach sprach ein Mann vom Gemeinderat, der das Landwirtschaftswesen unter sich hatte, in aller Demut bei Rosa vor und fragte, ob sie den Ankauf der Nachlaßliegenschaft »Im Loo« – so hieß der ausgestorbene Hof – auch dann noch ablehnen würde, wenn die Gemeinde ihr den trennenden Riedlandstreifen zum ortsüblichen Preis überließe.

»Dann ist der Nachlaßverwalter also bei Ihnen gewesen und hat Ihnen gesagt, weshalb ich mich nicht auf Verhandlungen einlassen könne?« fragte Rosa inquisitorisch. Und sie nahm den Mann über alles mögliche streng ins Verhör, bis sie wußte, daß der Gemeinderat zu einer Sitzung zusammengetreten war und beschlossen hatte, entgegenkommend zu sein und seinerseits alles zu tun, um das Verkaufshindernis aus dem Wege zu räumen.

Rosa stand auf und begann vor dem Mann im Zimmer auf und 372 nieder zu gehen. Sie gab ihrem roten Haar mit jeder Hand einen glättenden Puff und überlegte.

»Wie groß ist das Stück Land, das mir die Gemeinde abtreten würde? Wissen Sie das?«

Der Mann war vorbereitet und konnte jegliche Auskunft geben.

Rosa gefiel das. Sie nickte und fragte:

»Die Gemeinde versteigert es alljährlich zum Gewinnen der Streu?«

Der Mann bestätigte das. »Es wird in Lose geteilt, kleine und große, und die Lose werden versteigert.«

»Wie hoch ist dabei der Durchschnittserlös?«

Der Mann nannte die Summe vom vorigen Jahr.

»Das ist der einzige Ertrag aus dem Land?«

»Ja!« sagte der Mann.

Rosa begann zu rechnen, alles im Kopf. Sie machte wieder ihr Fünfzigfrankennoten-Gesicht und rechnete fix wie der Teufel.

»Kapitalisiert zu zwei Prozent, wie es in der Landwirtschaft üblich ist, gäbe das für das Ganze einen Kaufpreis von – –.« Und sie nannte die Summe.

»So genau könnte ich das nicht sagen«, gab der Mann ausweichend zurück und rieb an seinem Ohrläppchen herum, als beiße ihn dieses.

»Aber ich«, sagte Rosa. »Sie können sich darauf verlassen.«

Damit setzte sie sich wieder an ihren Platz. Sie bot dem Mann eine Zigarre an, sie selbst nahm eine Zigarette.

Als sie beide dampften, sagte der Mann, abermals sein Ohrläppchen reibend, diesmal mit deutlicher Zärtlichkeit und sich zum erstenmal mit einem forschen Blick im Zimmer umsehend:

»Sie müssen wissen, daß wir nicht jedermann ein solches Angebot machen würden. Praktisch ist es für die Gemeinde bestimmt kein Geschäft, wenn es bei Ihrem Preis bleiben würde. Aber es liegt uns sehr viel daran, daß der Loohof in Hände kommt, die aus ihm etwas machen werden. Nehmen Sie bloß an, die Liegenschaft müßte versteigert werden, weil sich unter der Hand kein zahlungsfähiger Liebhaber auftreiben läßt! Wir hätten nicht die geringste Sicherheit, ob der Käufer nicht irgendein Schlunggi 373 wäre, den wir – mitsamt seiner Familie – nach einigen Jahren verhalten müssen. Auch Ihnen könnte nichts an einem solchen Nachbar gelegen sein – an so einem Kerl, der mit seinen Räuschen und seinem ungewaschenen Maul die ganze Gegend entwertet. – Also, das ist's! Auch Ihre Interessen stehen in Frage!«

»Jaja – und hintennach wird mir meine Gutmütigkeit und meine Rücksicht auf das Gemeinwohl wieder in der häßlichsten Weise ausgelegt werden. Glauben Sie, ich hätte das Kesseltreiben wegen der Schenkung an das Spital hier vergessen?«

Rosa wurde ganz steif, beinahe unzugänglich, und der Mann spürte es. Bisher hatte man den Handel gemütlich geführt, und das Resultat war ungefähr gleich zu gleich gestanden. Jetzt aber war Rosa ersichtlich oben. Mit der einen Fußspitze zuckte sie kurz und jäh hin und her wie eine gereizte Katze mit ihrem Schwanz, und es war ihr sehr lieb, daß der Mann es bemerkte.

Oh, meinte der Mann begütigend und zugleich ohne daß es wie Widerspruch klang: der damalige Friedensstörer sei ja entfernt. Die Gemeinde habe alles getan, um diese Schmach aus der Welt zu schaffen.

»Es ist nicht nur das«, erwiderte Rosa und benützte die Gelegenheit, um dem Mann, der als Amtsperson bei ihr saß und mit Genuß seine geschenkte Zigarre rauchte, einen zweiten Backenstreich auszuteilen: »Schon nach dem Kauf von Dreitannen haben sich die Lästermäuler zusammengetan. ›Länderfresserin‹ hat man hinter mir hergeschimpft. Als ob – – Nein, ich habe mir damals überlegt, ob ich das Sanatorium nicht einfach schließen und mit all meinen Leuten wieder fortziehen soll.«

Länderfresserin? – nein, Gott behüte! Davon wollte der Mann nichts gehört haben. Er kam doch in allen möglichen Kreisen herum, aber in solchen Unflat war er nirgends hineingetreten.

»Länderfresserin!« wiederholte Rosa. »Ich habe mich jedoch von meinem Unmut nicht hinreißen lassen, sondern bin geblieben und habe vielen Leuten auch weiterhin Brot und Arbeit verschafft.«

»Wir wissen, was für ein Segen Sie sind«, beteuerte der Mann und versuchte die Augen niederzuschlagen. Aber auch er war 374 nicht auf den Kopf gefallen. Denn er fügte hinzu: »Aber die damaligen Länderkäufe hat Ihnen der Brütsch vermittelt, und wo der hinschnauft, da wird die Milch sauer, Madame.«

»Er soll ja sitzen?« sagte Rosa und nickte.

Von sich aus hätte der Mann wegen den engen geschäftlichen Beziehungen Rosas mit Brütsch nicht davon zu sprechen gewagt. Aber jetzt lachte er, sehr wegwerfend und frei, als ob das bei Brütsch gar nichts Besonderes wäre, und als Rosa wissen wollte, warum, sagte er: Brütsch habe allerhand Hehlergut zusammengekauft und es im Hausierhandel wieder vertrieben, ja, durch seine eigene frühere Frau! Solche Zigeuner! . . . Aber bei dem jetzigen Landverkauf sei für Madame ja kein so ehrenrühriger Umgang im Spiel. »Diesmal macht Ihnen ja die Gemeinde das Angebot«, sagte der Mann. »Da soll einer nur kommen und soll reklamieren, Gottfried Stutz! Wir werden ihm schon dafür tun.

Rosa stand auf:

»Ich werde das Ganze durch meinen Experten abschätzen lassen: den Loohof mit seinen Bodenstücken und seinen Gebäulichkeiten und das Gemeindeland. Dann können wir weitersehen.«

Bald danach kaufte Rosa. Sie kaufte sogar mit Begeisterung. Denn sie hatte inzwischen über die mögliche Entwässerung des trennenden Riedlands ein Gutachten einholen lassen, und dieses Gutachten war so günstig ausgefallen, daß sie statt des Riedes bereits ein breites wogendes Getreidefeld vor sich sah. Außerdem war die noch immer nicht klar entschiedene Frage nach der Unterbringung des Verwalters und seiner Knechte mit einem Schlage gelöst: sie würden alle im Loohof hausen.

 

Anderes aber blieb Rosas lenkendem Einfluß entzogen, und einiges davon wurmte sie tief. Sie konnte es nicht verhindern, daß Lily, verwitwete Saxer, die doch ihre so manches Jahr jüngere Stiefmutter war, ihre bevorstehende Vermählung mit Philipp Abgottspon bekanntmachen ließ, und ebenso mußte sie es geschehen lassen, daß es im Sanatorium, dem Haus der Lebensfreude, 375 einen Toten gab, den ersten seit seinem Bestehen: der Mann, der nicht hatte begreifen können, daß er Jude sein sollte, brachte sich um. Amerika hätte ihn aufgenommen, die Einreiseerlaubnis war da, an einem College des Staates Tennessee winkte ihm eine Lektorstelle, und er hätte auch nicht zu befürchten gehabt, daß er drüben keine alten Bekannten träfe. Aber er hatte die Friedlosigkeit und das Herumirren satt und legte sich schlafen.

Auch Heidi, die vielbewunderte Aufnahmeschwester des Sanatoriums, das erfindungsreiche, immer muntere Mädchen, das so angenehm leicht zu verstehen war, streckte Valär eines Tages die Abschiedshand hin. Und als er sie arglos fragte, ob sie ihr Studium wieder aufnehmen werde, antwortete sie listig: »Ja, aber mit Wechsel der Fakultät.« Sie werde jetzt Stewardeß bei der Swiss-Air, Fliegendes Mädchen.

Darüber mußte gesprochen werden. Heidi gab ihm willig Bescheid. Aber er dürfe sie nicht verraten. Sie möchte einmal ein Buch über den Menschen schreiben, gestand sie ihm, über den noch unentdeckten oder verschwiegenen Menschen – ein einziges nur, in aller Ruhe, Eile habe sie keine. Dazu gehörten zwei Dinge: Unabhängigkeit als erstes, Kenntnis des Stoffes als zweites.

Zum Thema Unabhängigkeit wolle sie jetzt nichts weiter sagen. Was aber den Stoff angehe, so habe sie als Kindermädchen mit Familienanschluß und spärlichem Taschengeld, als Reisebegleiterin einer sehr neugierigen und lebenslustigen älteren Dame, als Hilfsdetektivin in einem großen Londoner Warenhaus und als Angehörige einer Lehranstalt für Arztgehilfinnen, dann zuletzt als Aufnahmeschwester in diesem Haus so viele Erfahrungen über junge, mittlere, ältere und alte Menschen zu Land und zu Wasser gesammelt, daß sie schon einen halben Zentner wertvollster Notizen daliegen habe. Aber der fliegende Mensch sei ihr noch fremd. Jetzt komme der an die Reihe.

Ein verteufeltes Mädchen, wagemutig, verwandlungsfähig und doch immer die gleiche fröhliche und verschmitzte, kleine Person. Valär wünschte ihr Glück auf die Weiterreise.

»Und grüßen Sie auch Bruno von mir, wenn Sie ihn sehen , sagte Heidi. »Wie ich hörte, ist er kürzlich ja hier gewesen?« 376

»Hat er Sie nicht besucht?«

»Eben nicht, der treulose Bursche! Uebrigens hat man mir nicht einmal sagen können, ob er es wirklich gewesen war.«

»Doch, er war hier.«

»Ja, und jetzt? Er hatte doch vorgehabt, vom Herbst an hierzubleiben und die Matura zu machen.«

»Das hat er gar nicht mehr nötig. Er hat die Matura schon mitgebracht.«

»Hat – sie – schon – – ? Jetzt sage ich aber gar nichts mehr!«

Alle habe er hinters Licht geführt, erzählte Valär. »Wir denken, er ist der Sprache wegen in Genf, und weil er möchte, daß ihm einmal eine andere öffentliche Luft um die Nase weht. In Wirklichkeit hat er sich dort aus dem öffentlichen Leben ganz in sein privates Leben zurückgezogen. Er lernt nicht nur die Sprache, sondern bereitet sich außerdem in aller Heimlichkeit auf die Eidgenössische vor. Und er besteht sie. Er besteht sie sogar gut.«

»Ganz Bruno! Ich habe schon immer gewußt, er werde eines Tages alle hinter sich lassen«, rief Heidi und glühte. »Es kann oft lang bei ihm gehen, bis er die Notwendigkeit einer Sache begreift. Wenn aber das Begreifen dann kommt, kommt es auch gleich im Sturm, und dieser Sturm reißt ihn mit, mit solcher Gewalt, daß er vor den Augen der andern wie in einem Wirbel verschwindet . . . Nein, so ein Schlingel, besucht mich nicht einmal! – Ja, was macht er denn jetzt? Wird er aufs Poly gehen?«

Er mache jetzt zunächst seine Rekrutenschule. Das Vaterland werde in den nächsten Jahren Soldaten brauchen, viele Soldaten. Er würde deswegen sein Studium doch schon bald unterbrechen müssen. Es sei daher besser, er fange damit erst gar nicht an. Sollte es in der Welt, trotz aller Gegenzeichen, hintennach ruhig bleiben, so hätte er ja nichts versäumt.

»Sie glauben nicht, daß es ruhig bleibt?«

»Nein«, sagte Valär. »Die Tschechei summt schon jetzt wie ein Wespenschwarm, und über Polen ist die Luft gleichfalls nicht rein. Ueberall ballen sich Fäuste im Sack, um im rechten Augenblick loszufahren und dreinzuschlagen.« 377

»Was soll da aus unserer Landesausstellung werden, im nächsten Jahr?«

Valär zuckte die Achseln.

»Vor fünfundzwanzig Jahren ist unsere Landesausstellung ins erste Jahr des Weltkriegs gefallen. Die, an der man jetzt schafft, leitet vielleicht den zweiten ein. Jedenfalls: wir brauchen Soldaten.«

»Bruno wird ein prächtiger Soldat«, beteuerte Heidi. »Er wird hinreißend sein! – Bei was für einem Truppenteil wird er denn dienen?«

»Wenn alles gut geht, wird er Flieger werden.«

»Herrlich, Herr Valär! Da werden wir uns am Ende ja da oben begegnen!«

 


 << zurück weiter >>