Adolf Koelsch
Es ist sehr weit zum Paradies
Adolf Koelsch

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IX.

Dennoch war Valär nicht wenig überrascht, als er, ein paar Wochen darauf, völlig unerwartet und plötzlich, sich vor eine Konstellation von Zeichen hingestellt sah, aus denen hervorzugehen 86 schien, daß Rosa wieder im Lande war und sich sogar in seiner Nähe aufhielt.

Er hatte die letzte der Schwatzkommissionen, die an seinem preisgekrönten Projekt hatte herumdoktern wollen, im Laufe des Januar zur Strecke gebracht, und damit war es endlich so weit gewesen, daß die Stadt den Auftrag für die Ausführung des Baues erteilte.

Seitdem ließ die Arbeit Valär beinahe nicht mehr zu Atem kommen. Er empfand das kaum, und jedenfalls empfand er es nicht als bedrückend. Denn er war glücklich in seinem Beruf und konnte sich in jede Arbeit, die ihm gegeben war, mit solchem Eifer vertiefen, daß er alles, was um ihn her vorging, darüber vergaß. Zwar würde noch auf eine gute Weile hinaus vom Sichtbarwerden eines Arbeitsergebnisses nicht die Rede sein können. Denn vorerst steckte man in jener vorgeburtlichen Entwicklungsphase des Unternehmens, in der das Bauen ganz und gar aus einer Unmenge rechnerischer Operationen bestand und die Kunst der Raumgestaltung, um die es letzten Endes doch ging, zu einer Wissenschaft wurde, die vom Herzen Enthaltsamkeit und vom Geist eine Präzisionsarbeit letztmöglicher Vollendung verlangte. Aber auch diese Tätigkeit erfüllte ihn mit Genugtuung, und es grämte ihn nicht, daß er an manchen Tagen erst gegen Mitternacht sein Schlafzimmer aufsuchen konnte.

Dafür legte er am Samstagmittag, wie ein Maurer, der im Taglohn schafft, Schlag zwölf Uhr sein Handwerkszeug weg und verließ die städtische Fieberwelt, in der jeder, einerlei ob groß oder klein, ja doch nur ein verkleidetes Raubtier war, um im Auto nach seinem Ferienhäuschen zu fahren und das Wochenende dort zu verbringen.

Es lag, achtzehn Fahrkilometer von der Stadt entfernt, auf einem weiträumigen wald- und hügelreichen Höhenrücken, den man durch ein Flußtal erreichte. Wer zu Fuß gehen mußte, stieg von dem Bezirkshauptort Escholzwil, wo sein Freund Elmenreich Arzt war, in einer halben Stunde zu ihm empor. Unter der Woche stand das Häuschen fast immer leer, mit Ausnahme der guten Jahreszeiten. Ein paar Stunden vor seiner Ankunft wurde das anders. Dann 87 erschien, oft noch vor Tagesgrauen, eine ältere Frau, um alles auf sein Kommen vorzubereiten. Diese Frau war seine Wirtschafterin. Sie hieß Seline, war eine ehemalige katholische Pfarrersköchin und wohnte seit dem Tod des geistlichen Herrn bei ihrem Bruder, einem Bauer, der in der Nähe einen stattlichen Hof besaß. Im Laufe des Montag, nachdem das Häuschen von ihr mustergültig in Ordnung gebracht worden war, zog sie wieder ab, in der Hand ihre mächtige Ledertasche und an der Leine Simba, den Hund.

Monat für Monat und während aller Jahreszeiten ließ Valär hier oben die Woche verklingen, und immer wieder war er bewegt von dem, was ihm hier nahetrat. Er brauchte nur durchs Fenster zu schauen, so fiel sein Blick auf ein Stück Erde, das er liebte, weil es ein Stück seiner Heimat war. Zu diesem Stück Heimat gehörte viel. Als Nummer Eins gehörten dazu das Grundstück, auf dem sein Häuschen stand, und die Bäume, die von ihm auf diesem Grundstück angetreten oder gepflanzt worden waren. Als Nummer Zwei gehörte dazu das fruchtbare Acker- und Wiesenland, das in buntem Wechsel mit mageren Böden und rauhen Mooren den Wanderweg in die Ferne antrat und unter einem weitgespannten Horizont zuletzt auf die Alpen stieß, die im Süden mit einer blauweißen Zackenwand den Ausschnitt begrenzten. Außerdem gehörten dazu die Rehe im Wald und der kleine See, an den er sein Häuschen hingebaut hatte, mit dem breiten Gürtel aus Schilf und dem unsteten Wassergeflügel. Der See war Privateigentum; er gehörte dem Bauer, von dem Valär sein Grundstück hatte, und da man nicht zulassen durfte, daß an diesem Stück unverfälschter Natur etwas verstümmelt wurde, hatte er ihn gepachtet. Vor kurzem hatte er den See sogar käuflich erworben. Hier ruderte und badete er. Hier setzte er Fischbrut aus und wartete ab, was aus ihr würde. Manchmal saß er aber auch nur auf einem Stein und dachte an jene Dinge, die ewig wahr, gut und schön sind, und war dankbar dafür, daß das Rauschen eines Baumes, das Gesumm der Insekten an einem glühenden Sommertag oder das stille sattgrüne Dunkel zwischen den Wedeln des Schilfes noch dieselbe unantastbare Größe und Wichtigkeit für ihn hatten wie in seiner Jugend, wo er zwischen ohnmächtigem Haß auf die 88 Quälgeister seiner Umgebung und beklommenem Hinhorchen auf seines Vaters laute heitere Hausgesänge nur Bäumen, Insekten und Rosa Saxer nahegekommen war mit seinem Gefühl und seiner Sehnsucht nach Freuden.

Dann wieder geschah es, daß ein Bauer zu ihm in die Stube trat und sich über die Füchse beklagte. Anfangs der Woche hätten sie ihm auf einen Sitz drei Hühner gestohlen, ausgerechnet die besten. Ob Herr Valär dem Gesindel nicht ein wenig den Marsch blasen wolle? Die Räuber trügen ja schon den Winterpelz; gute Bälge brächten einen ganz anständigen Preis; man spreche von 20 Franken.

Wenn dergleichen geschah, hing Valär am nächsten Morgen, vor Tagesgrauen, die Flinte über die Schulter und ging mit Simba, dem Dackel, hinaus in den eben kahl gewordenen Wald, um die Fuchslöcher abzusuchen. Denn die Gemeindejagd war ebenfalls schon vor Jahren von ihm gepachtet worden; auch die Gemarkung der Nachbargemeinde gehörte zu seinem Revier. Er hatte das Jagdrecht nicht an sich gebracht, weil er an seinen Wochenendtagen möglichst viele Tiere umbringen wollte, sondern weil er der Ansicht war, daß zu dem, was er seine Heimat nannte, auch der Fuchs und der Dachs, das Reh und der Hase gehörten. Auch das Wiesel mit seinen Jungen gehörte dazu, der Mäusebussard und die Ringeltauben, die Eichhörnchen, Elstern und Eichelhäher. Und weil man nicht dulden durfte, daß sie aus dem Bilde der Gegend verschwanden oder mutwillig abgeknallt wurden, hatte er sich zu ihrem Beschützer gemacht. Aber sie durften den Bauern doch auch nicht zum Aergernis werden, und darum spie seine Flinte zeitweilig Feuer.

Wenn er dann um die Zeit des Kirchgangs der Bauern von seinem Pirschgang nach Hause kam, nahm er ein Bad und wechselte seine Kleider. Er aß zwei Teller voll Hafergrütze, einen Salzhering und neue Kartoffeln oder sonst etwas Räßes, was der Jahreszeit und dem Appetit eines Jägers gemäß war. Er trank einen großen Kirsch oder Kümmel dazu und hintennach zwei Tassen Kaffee. Später schrieb er Briefe, schlug sich mit einer Generalstabsarbeit herum oder griff nach einem Buch. Wir alle werden ja von unserem eigenen 89 Leben nicht satt. Die Freuden und Leiden, die es uns bringt, sein Glanz, seine Kämpfe, seine Schläge und seine Erschütterungen, sein Glück und sein Unglück reichen nicht aus, um unser Blut in Wallung zu halten und unsere Seele in Schwung. Auch nach fremdem Leben strecken wir unsere Hände aus, ruhig und fest, gierig und zitternd, und wünschen es zu verschlingen . . . Vielleicht kam auch Besuch zu ihm herauf. Vielleicht kam Dinah oder sonst jemand von Elmenreichs, vielleicht kam Marcel Dormond, der Apotheker des Ortes, oder es kam jemand aus der Stadt, der ihm für eine oder zwei Stunden recht lieb war. Auch die sechs Bienenvölker in ihren altertümlichen igelförmigen Kanitzkörben, die ein Freund seines Vaters auf wundersame Weise aus dessen Nachlaß für ihn gerettet hatte, und die nun summend im Garten standen, gaben zuweilen zu tun.

So verging die Zeit, vergingen die Sommer, die Jahre.

 

Wieder fuhr Valär an einem Samstag gegen halb ein Uhr durch die hübsche kurze Pappelallee des Häuschens direkt in die Garage, deren Türe schon offenstand. Da sah er, daß Brütsch, sein Jagdaufseher, wartend auf dem Vorplatz saß, und daß neben ihm Seline stand und ihm auf irgend etwas mit dem Mund tüchtig herausgab. Die beiden konnten es miteinander. Wenn Brütsch etwas sagte, was Seline mißfiel, und er sagte absichtlich nie etwas anderes, pflegte sie ihm in irgendeiner Variante vorzuhalten, daß er es nicht nötig habe, so großartige Reden zu führen. Ob er nicht einen andern beinahe erschossen habe und dafür vier Jahre im Zuchthaus gesessen sei? – Wenn dann Brütsch, anstatt zerknirscht zu werden, wie sie es unentwegt hoffte, überlegen erwiderte: »Ja, aber die Herren scheinen sich nicht überlegt zu haben, wen sie vor sich hatten, denn sie haben mich nicht anders gemacht«, so ging es los, und das Gegaffel wollte gar nicht mehr enden, so viel Vergnügen fanden sie an ihrem Gefecht.

Auch jetzt rief Brütsch schon von weitem:

»Herr Valär, sie glaubt nicht, daß ich ein gottesfürchtiger Mensch bin.« 90

»Du bist mir der Rechte dazu!« warf sich Seline ins Zeug. »Hätte Herr Valär dich nicht aus dem Dreck gezogen und zu seinem Jagdaufseher gemacht, so würdest du nur noch viel schlimmer wildern als früher. Sicher säßest du heute schon wieder im Loch.«

»Bei einem Menschen, der mit einem Gewehr auf die Welt gekommen ist, würde mich das gar nicht wundern«, entgegnete Brütsch.

Seline hatte großes Beharrungsvermögen. Eigensinnig erwiderte sie:

»Ja, du und dein Gewehr! Prahl nur damit! Dabei konntest du nicht einmal sehen, daß es kein Rehbock war. Einen Mann, der im Busch seine Notdurft verrichtet, für einen Rehbock zu halten! So ein Jäger bist du.«

»Dafür bin ich auch in alle Zeitungen gekommen, mit Name und Stand. Du warst noch in keiner.«

»Ja, denkst du, es wäre eine Ehre, um so etwas drinzustehen? Schämst du dich denn nicht?«

»Schämen? Wofür? Ich habe keinen kaputt gemacht, der besser gewesen wäre als ich oder du. Schämen müßte ich mich, wenn ich ihn nicht getroffen hätte. Ich habe aber meine Sache trotz Nacht und Nebel ganz recht gemacht. Sogar das Gericht hat das anerkannt.«

»Das ist jetzt das Neueste!« gab Seline zurück und rang nach Atem. »Soviel ich weiß, hat das Gericht nur anerkannt, daß du einen ausgebrochenen Lebenslänglichen angeplätzt hast, und daß das dein Glück war. Du hättest sonst noch viel mehr bekommen.«

Brütsch, sich brüstend:

»Im Vertrauen gesagt: Die Herren waren geradezu froh, daß er nicht mehr länger eine Gefahr für das Land bilden konnte. Drei Wochen lang haben sie ihn in allen Wäldern gesucht und nicht finden können. Da kam ich mit meiner Büchse. ›Sie haben uns von einer großen Plage befreit‹, sagte der Präsident gleich beim ersten Verhör. Und er bot mir die feinste Zigarre an, die er in seinem Etui bei sich hatte.« 91

»Das hast du aber noch nie erzählt.«

»Du hast mich eben noch nie ausreden lassen.«

»Schluffi, du!« schnaubte Seline. »Auf den Mist gehörst du geworfen mit deinem Maul!« Sie bekreuzigte sich und ging ins Haus, athletisch von Gestalt, phantasiearm, fromm und pedantisch, aber in einer herkömmlichen Weise durchaus nicht auf den Mund gefallen und um Brütsch immer ein wenig besorgt.

 

Brütsch war gekommen, um Valär zu berichten, daß er – »gottverdammi« – in einem abgelegenen Waldstück Rehschlingen gefunden habe. Eine der Schlingen hatte er mitgebracht. Er fluchte gewaltig, äußerte auch einen bestimmten Verdacht und meinte, er könne fast schwören, daß man bei einer Haussuchung noch mehr von dem gleichen Draht bei dem Betreffenden finden werde.

Valär schüttelte dazu den Kopf. Er wollte den Schauplatz persönlich in Augenschein nehmen, bevor man bestimmte Entschlüsse faßte, und sie zogen daher nach einem Imbiß zusammen hinaus ins Revier.

Unterwegs entging es keinem von beiden, daß die Weidenbüsche schon dicke silberne Kätzchen getrieben hatten und die Schwarzerlen rote. Auch auf andere Stellen der Erde hatte Gott seine segnenden Hände schon hingelegt. Nur das Sanatorium, das über dem Flußtal am Berghang lag, an der Grenze zum flußabwärts anschließenden Nachbardorf, war noch so tot wie der Schattenboden in den kalten Tobelbachschluchten, die man überquerte. Das Sanatorium schien überhaupt niemals wieder zu neuem Leben erwachen zu wollen, nachdem es vor etwas mehr als zwei Jahren und nach überaus kurzer Herrlichkeit unter den Hammer gekommen war.

Noch immer wurde von diesem Unglücksfall in der Gegend gesprochen. Denn bei der Vergantung war der mächtige Kasten ins Eigentum einer Großbank übergegangen, die genau den Betrag der ersten Hypothek mit ihrem Angebot in Sicherheit brachte. Alle übrigen Guthaben waren verloren. Zu denen, die 92 eine ganz achtbare Summe eingebüßt hatten, gehörte auch der Apotheker Dormond, und weitherum in der Gegend und besonders in der Gemeinde tat das vielen so leid, wie wenn er bei dem Versuch, andern das Leben zu retten, selber ertrunken wäre. Denn großmütig war er für allerhand kleine Leute, damit sie nicht zu Schaden kämen, mit einer Hypothek eingesprungen, und nun lag er selbst auf der Strecke.

Auch jetzt, angesichts des so trostlos daliegenden großen Gebäudes, sprachen sie wieder davon. Da sagte der Jagdaufseher:

»Aber in nächster Zeit soll der Betrieb ja wieder aufgemacht werden.«

Es stand fest, daß der Mann, der das sagte, nicht sehr viel wert war. Valär hatte ihn »aus dem Dreck gezogen«, wie Seline sich ausgedrückt, aber Illusionen über Brütsch hatte er keine. Brütsch hatte eine kleine Sattlerwerkstatt im Ort, er hätte auch davon leben können – er sagte es selbst. Aber kaum, daß er ein paar Stunden lang alten Matratzenstaub in die Kehle bekommen hatte, wurde er schlapp, machte die Bude zu und verschwand – nichts konnte ihn halten. Eine Weile darauf sah man ihn mit Stock und Rucksack über die Gasse gehen, und oft kam er ein paar Tage lang nicht mehr zurück. Während dieser Wandertage klopfte er im ganzen Bezirk die Dörfer und Höfe ab, machte den Klauenschneider, kastrierte Schweine oder bot den Leuten seine Versicherungen gegen diese und jene Stall-, Haus- und Flurschäden mit viel Redekunst an. Manchmal stieß er auch auf seine frühere Frau, die als Hausiererin im Kanton herumzog, »die dicke Agnes« genannt, ein genau so unstetes und unbekümmertes Wesen wie er, und sie gingen zusammen in eine Wirtschaft. Er bezahlte die erste Runde, sie bezahlte die nächste, manchmal bekamen sie Krach und trennten sich bald; es konnte aber auch geschehen, daß sie sich vertrugen und sich aus Freude über das Wiedersehen gemeinsam betranken. In der Hauptsache aber streifte Brütsch weit und breit in den Wäldern umher, und es waren nicht die schlechtesten Kräfte in ihm, die dabei zu tun bekamen.

Denn während er als Mensch unter Menschen ein Taugenichts war, schlau, aber gewissenlos, geschwätzig und voll Phantasterei, 93 machte er in den Wäldern überall die besten Pilz- oder Heilkräuterplätze und die besten Rehböcke aus, und dabei kamen nicht nur seine unwahrscheinlich scharfen Sinne und Ortskenntnisse ganz von selber ins Spiel, sondern er fand auch bei dieser Tätigkeit eine solche Befriedigung, daß sein erregbares mageres Gesicht mit den kleinen flinken Rattenaugen plötzlich Fasson bekam. Er sah dann beinahe aus wie ein ernsthafter und anständiger Mensch, auf welchen Verlaß ist.

Indessen ging er nicht nur darauf aus, die Rehböcke auszumachen, sondern ebenso wichtig war es ihm, sie auch zu schießen und sie dem Jagdherrn gerade im letzten Augenblick wegzuschnappen, was ihm, da er ein unfehlbarer Schütze war, in den meisten Fällen auch wirklich gelang. Obgleich er seit Jahren als Wilddieb schwer im Verdachte stand, war es nie geglückt, ihn zu fassen, bis er aus Versehen einen andern beinahe erschoß und er sich selbst zur Anzeige brachte. Aber die vier Jahre Zuchthaus hatten ihn »nicht anders gemacht«, – es war so, wie er sagte. Und er wäre wohl unfehlbar in seinen früheren Lebenswandel zurückverfallen, hätte Valär sich nicht mit seinen Leidenschaften verbündet und ihnen zugleich ein nützliches Ziel gesetzt. Daß Brütsch ihm das dankte, das wußte er. Trotzdem ließ er ihn sich nicht zu nahe kommen.

Als Brütsch nun sagte: » Aber in nächster Zeit soll das Sanatorium wieder aufgemacht werden«, erwiderte Valär daher nichts. Brütsch hatte ja immer Neuigkeiten, das war er gewohnt. Aber nicht alle waren sie so viel wert, daß es sich lohnte, auf jede von ihnen einzugehen. Valär blickte ihn nur von oben und ein wenig von der Seite her an und ging weiter.

Brütsch kannte diesen wägenden und beinahe auch schon verwerfenden Blick:

»Beim Eid, Herr Valär! Ein Doktor und seine Frau haben sich das Haus angesehen. Zuerst ist sie allein gekommen und hat alles gemustert, auch die Umgebung. Das zweite Mal war auch der Mann dabei. Beim dritten Besuch haben sie es gekauft und dazu gleich auch das Schwedenhäuschen.«

»So! Eins – zwei – drei und gekauft!« sagte Valär zu Brütsch. 94

»Wahrscheinlich sind Sie dabei gewesen und haben das Protokoll geführt, weil Sie alles so genau wissen.«

»Das nicht gerade. Aber beim zweiten Besuch bin ich zufällig des Weges gekommen«, erläuterte Brütsch. »Da hat der fremde Herr gerufen: ›Ach, seht, da ist ja ein Mann mit einem Gewehr. Rosa, so zeig ihm doch, wo wir die gräßliche Schlange gesehen haben. Er könnte sie gleich erschießen!‹«

»Ein großartiger Herr!« versetzte Valär, gespannt, was außer dem Namen Rosa noch kommen würde.

»Das dachte ich auch«, sagte Brütsch.

»Haben Sie ihm nicht erklärt, dazu müßten Sie eine Kanone haben und diese hätten Sie grad dieser Tage dem abessinischen Negus geliehen?«

»Ganz so etwas hat mir auf der Zunge geschwebt«, trumpfte Brütsch auf. »Aber der Dame wegen habe ich es nicht zu sagen gewagt. Ich fürchtete, sie könnte weinen, wenn ich dem Herrn so nahe träte.«

»Hat die Dame auf Sie solchen Eindruck gemacht?«

»Sie ist mir durch Mark und Bein gegangen, wie man zu sagen pflegt, Herr Valär! Offenbar merkte sie's auch. Denn sie hat mich sofort auf die Seite genommen und hat mich gefragt, wie ich heiße. Ich sagte es ihr. Da antwortete sie: ›An solche Namen bin ich nicht sehr gewöhnt. Ich bin in der Ostschweiz geboren, und da heißen die Leute anders. Sie heißen Saxer und Bubikofer und Braecker oder so ähnlich. Aber Brütsch, das ist schöner.‹ – Dabei wurden ihre Augen so grün wie junger Kopfsalat.«

Valär wurde zerstreut und räusperte sich.

»Und dann gingen Sie mit ihr auf die Schlangenjagd?«

»Ich habe die Flinte an die Hauswand gestellt und habe gesagt, daß ich so etwas mit dem Absatz mache. Damit wollte ich gehen, um die Schlange zu suchen. Aber sie wollte, daß die Schlange am Leben bleibt. Da habe ich meinen Hut vor der Dame gezogen, weil sie so schlangenfest war, und bin gegangen. – Später hat mir der Streuli-Hans dann erzählt, daß er in dem Haus nicht mehr mausen müsse, wie all die Jahre. Sie hätten gekauft.«

Eine Rosa also! . . . Und warum hatte sie Saxer gesagt? Und 95 wie kam Brütsch zu grünen Augen? – Valär ging in Gedanken weiter und vergnügt begann Brütsch vor sich hin zu pfeifen. Diese Geschichte hatte ihre Klippen für ihn gehabt. Aber wie elegant hatte er sie umschifft! Er mußte sich selbst bewundern.

 

Es wurde später Nachmittag, bis die Angelegenheit mit den Schlingen einigermaßen sachverständig durchforscht war. Geklärt wurde sie nicht, und zum Schluß hatte Valär den Brütsch im Verdacht, daß dieser die Schlingen selbst angebracht hatte, allerdings nicht, um Rehe zu fangen. Von Brütschs Verachtung für dieses unweidmännische Handwerk ganz abgesehen, waren die Drähte dazu viel zu ungeschickt ausgelegt – sondern nur, um sich vor seinem Brotherrn wieder einmal als ein Musterbeispiel von Tüchtigkeit aufzuspielen, nachdem es seit längerer Zeit an einer Gelegenheit dazu gefehlt.

Valär schickte den Nichtsnutz daher bei erster Gelegenheit weg und ging allein weiter.

Nun erst wurde es wirklich schön. Er folgte einem Rehwechsel ins verschlungene Unterholz, bis dieser sich im Ungewissen verlor, und klemmte Haselnüsse in die Rinde der Bäume, damit auch die Meisen eine Frühlingsüberraschung erhielten, wenn sie schreiend des Weges kämen. Er fand ein Stückchen farbige Schnur und wickelte es um den Stamm einer Zitterpappel, weil sie so lieb war, während des Sommers ihre Blätter auch dann noch im silbernen Tanze zu drehen, wenn der ganze Wald schlief; und als er auf ein rinnendes Wässerlein stieß, tauchte er die Hände hinein und netzte sich mit dem Wasser die Lippen. Was aber die Schnepfen betraf, so wollte er ihnen schon zeigen, wer er in Wirklichkeit war, falls es einer von ihnen einfallen sollte, trotz allem schon dazusein und aus dem Unterholz hoch zu gehen. Nötigenfalls schoß er einfach sein Gewehr auf sie ab, beide Läufe zugleich, und dann konnten sie es ja darauf ankommen lassen, wer schneller flog, sie oder sein Blei.

Auf dem Heimweg machte Valär einen großen Bogen nach der Talseite hin, und als er, am Rand eines Steinbruchs sitzend und 96 noch eine Pfeife rauchend, hinter sich blickte, in die schon sinkende Dämmerung, fand seine Spannung sogar ein festliches Ziel, das ihn wunderlich, hold und fast zärtlich rührte:

In der Wiese, die auf halber Höhe der Steinbruchwand zum Hügel mit dem Schwedenhäuschen führte, kauerte ein Mädchen, unbäurisch in der Erscheinung, hell in den Farben, ein Stadtkind wahrscheinlich. Es schien mit Gänseblümchenpflücken beschäftigt und in dieses Geschäft so vertieft zu sein, daß es von seinem Dasein nichts merkte.

Das Mädchen saß in den Knien, der rechte Arm war weit ausgestreckt, und sein Blick folgte der Hand, die zwischen den Gräsern herumlief und suchte. Vom Gesicht sah Valär nichts, aber der Scheitel war rötlich blond und über die Schultern hingen zwei lange helle Zöpfe hinab in den Schoß, um in ihm zu verschwinden.

Die angeregte Stimmung, die Valär mitgebracht hatte, und das Ueberraschungsmoment waren groß genug, daß dieses Menschengebilde, während es, so weithin allein, im Grünen saß, auf ihn keineswegs wirkte als das, was es war. In dem weitaufgebauschten, weinrot gestreiften Rock, der wie eine Glocke rund um die Beine stand, sah es vielmehr aus wie eine einsame farbenfrohe Naturerscheinung, die soeben dem Boden entsprungen war und innerhalb ihres eigenen magischen Kreises verharrte.

Da bemerkte Valär, daß das Mädchen sich nicht, wie er geglaubt hatte, mit Blumenpflücken befaßte. Die Hand glitt zwar durchs Gras, aber sie sprang und täpelte dort nur herum, indem sie den kleinen, überall wuchernden Gänseblümchen kurze flatternde Schläge versetzte. So glitt sie von einem zum andern weiter. Manchmal sprang sie auch wieder zurück.

Offenbar war das Mädchen vertieft in ein besonderes Spiel, das außer ihm niemand verstand. Machte es mit den Blumen Musik? Sicher machte das Spiel dem Mädchen Vergnügen. Denn plötzlich ließ es mit einer wunderbar leichten Bewegung den Kopf gegen die Schulter fallen, so daß ein Stück seines Gesichtes zum Vorschein kam, und bei dieser Gelegenheit bemerkte Valär, daß in dem Gesicht ein Lächeln stand, ein eigentümlich eifriges und genießerisches, nach innen gewendetes Lächeln. Mit diesem 97 Lächeln schaute das Mädchen, fast wie über die eigene Schulter hinweg, sich selber zu oder vielmehr der Hand, die von Blume zu Blume hüpfte.

Alles das wirkte so zärtlich und verwunschen auf ihn, daß er tief in den Anblick des Bildes versank. – Herrgott, hatte alles nicht Aehnlichkeit mit gewissen Erinnerungen an Rosa?

Dann drehte das Mädchen den Kopf noch ein wenig weiter.

In diesem Augenblick gewahrte es ihn.

Die Hand hielt inne, das Lächeln verschwand. Im nächsten Augenblick war das Mädchen auf die Beine gesprungen, und in einem scharf ausweichenden Seitenbogen ging es eilig über die Wiesen davon.

Es war ein mageres, hochbeiniges, großes Geschöpf, viel größer, als er vermutet hatte. Es wirkte seltsam dürftig in seiner Länge und schien ihm dafür, daß es noch Zöpfe trug, viel zu erwachsen zu sein. Nach einer Weile begann es zu laufen, und Valär war nicht wenig erstaunt, als er es dabei die Richtung auf das seit Jahren nicht bewohnt gewesene Schwedenhäuschen einschlagen sah, von dem Brütsch gesagt hatte, die neuen Sanatoriumsbesitzer hätten es gleichfalls erworben. Wirklich setzte das Mädchen seinen Lauf fort, bis es die Gartenpforte des Häuschens erreichte und hinter dieser verschwand.

 

Als Valär eine Stunde später daheim beim Nachtessen saß, hörte er draußen Schritte über die Steinfliesen kommen, es läutete, die Haustür ging, und an der Stimme, die mit jener Selines durcheinanderklang, erkannte er den Apotheker.

Es war ganz ungewöhnlich, daß Dormond an einem Samstag zu ihm kam und gar noch bei Nacht. Seine Zeit war der Sonntagvormittag, zweite Hälfte.

An dem lauten lebhaften Wortwechsel, der sich draußen entspann, bemerkte Valär sofort, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. Denn der Apotheker sprach unaufhörlich auf Seline ein, sie beständig mit erregten Ausrufen unterbrechend. Um etwas Schlimmes konnte es sich aber nicht handeln. Denn plötzlich 98 lachte der Apotheker schallend. Im nächsten Augenblick stürmte er, sein Baskenmützchen schwenkend, mit kurzen schnellen Schritten zur Türe herein und lief Valär, der ihm kauend und mit der Serviette zwischen den Händen entgegenkam, geradeswegs in die Arme.

Dormond war ein kurzer stämmiger Mann mit langer fleischiger Caruso-Nase, deren Spitze gefühlvoll um ein gutes Stück über den Flügelansatz herunterhing, und mit fast keinem Hals. Er hatte ein kahnförmig vorstehendes Bäuchlein und sah aus wie ein gutmütig-verschmitzter Bacchant. Die Einladung zum Mitessen lehnte er ab, aber ein Glas Wein trank er gern. Er packte auch seinen Tabaksbeutel aus, um sich eine Zigarette zu drehen.

Und dann durfte Valär vernehmen, daß es auf dieser von vielen guten Göttern verlassenen Erde doch auch noch Wunder gab.

Heute mittag, als er in der Drogerie-Abteilung seiner Apotheke gerade Bodenwichse verkaufte, so erzählte der späte Gast, sei eine Dame zu ihm gekommen. Ihr Mann sei Arzt, habe sie ihm erklärt, und sie habe das Sanatorium oben am Berg käuflich erworben. Nun seien aber auf dem Haus noch allerhand Ansprüche von früher her, die aus dem Ganterlös nicht gedeckt werden konnten. Das sei ihr sehr peinlich. Sie wolle nicht in einem Hause wohnen, das in der Gegend als das Grab des Wohlstands anderer Menschen verschrien sei. Sie habe daher ihrer Bank Anweisung gegeben, allen Beteiligten die verlorenen Hypothekenguthaben aus ihrem Konto zurückzuerstatten. »Ob ich die Anzeige der Bank schon erhalten hätte? fragte sie mich. – Jetzt erst habe ich die Mittagspost durchgesehen, und wahrhaftig – da war der Avis.«

»Das nenne ich Glück! . . . Wie im Märchen! . . . Der Gute wird von einem Engel besucht und beschenkt. – Ich gratuliere, Dormond!« rief Valär, ein wenig zu laut, und schüttelte ihm sehr herzlich über den Tisch weg die Hand. »Für Sie fließen die heißen Quellen ja wieder.«

»Alles Prädestination!« erwiderte kopfschüttelnd der Apotheker, »gar kein Verdienst. Ebensogut hätte mir heute mittag mein Haus abbrennen können – es wäre dasselbe gewesen, und der Unergründliche, dessen Schatten überall auf unsere Wege fällt, stände vor mir nicht anders da als jetzt auch. Immerhin«, 99 fügte er lachend hinzu, »hätte das Glück ja gar nichts davon, wenn es mir aus dem Weg gehen würde, und in diesem Sinn ist es ja auch herzlich willkommen.«

»Prost!« rief Valär.

Jetzt saß Marcel Dormond schweigend am Tisch und sah hinter seinen wonnig zusammengekniffenen Aeuglein beinahe durchtrieben aus vor lauter Glück. Er streichelte zärtlich seinen langen gefühlvollen Nasenrücken, und Valär merkte ihm an, daß es ihm großartig erging.

»Hatte der Engel auch einen Namen?« fragte Valär, die Gläser frisch füllend.

»Er nannte sich Frau Doktor Streiff.«

»Streiff gibt's viele bei uns. Aerztliche kenne ich keine.«

»Sie waren bisher in Amerika, wie sie mir sagte«, erläuterte der Apotheker. »Sie bringen von dort ein neues Heilverfahren für Allgemeinkranke mit, das sie hier einführen wollen.«

»Zum mindesten hat sie diesem Heilverfahren einen glänzenden Antritt verschafft«, meinte Valär. »Denken Sie, wenn es sich herumsprechen wird, daß sie freiwillig alle schon verlorengewesenen Hypotheken zurückbezahlt hat! Eine zügigere Reklame gibt's nicht bei unseren geldängstlichen Fidlibürgern. Mit der Zeit wird ihre Reklame vielleicht sogar die billigste sein, obgleich sie im Augenblick recht kostspielig aussieht.«

»Ich möchte das nicht so aufgefaßt wissen«, erläuterte der Apotheker. »Sie wirkte zwar nicht, als ob sie nicht wüßte, was sie will. Aber ich hatte nicht einen Augenblick lang den Eindruck, als ob sie sich viel aus ihrer Großzügigkeit mache.«

»Also nicht unsympathisch?« fragte Valär.

»Makellos, alter Freund! Ich habe mich beinahe geschämt, mit ihr zu sprechen, so gering kam ich mir neben ihr vor. Und sonst bin ich doch, weiß Gott, ein leichtsinniger Bursche, wenn es um Frauen geht. Aber sie sah gar nicht aus, als ob sie zu denen gehöre, die wollen, daß man sie beim ersten Anblick begehrt. Ich habe mir deswegen auch nicht das Mindeste merken lassen.«

Valär lachte. Er kannte den Apotheker und wußte, daß dieser mit seiner Selbstschilderung kaum übertrieb. Aber auf sein 100 begeistertes Urteil über die fremde Frau gab er nicht viel. Dormond war schnell hypnotisiert, wenn ihn eine lieb ansah.

»Und nun will ich sofort noch etwas sagen«, ergriff der Apotheker nach einem tüchtigen Schluck von neuem das Wort. »Ich will es sagen, obgleich ich mir fast nicht getraue, es wirklich zu tun.

Valär schloß plötzlich die Augen. Es kam ihm mit einemmal vor, als ob ihn der Apotheker während der ganzen Zeit so seltsam forschend angeblickt hätte.

»Etwas, was mich betrifft?« fragte Valär.

»Ich möchte sagen, sogar sehr stark«, versicherte Dormond.

Schweigen.

»Sagen Sie's ruhig«, antwortete schließlich Valär. »Ich fresse Sie nicht.« – Man hörte in seiner Stimme die Spannung des Horchens.

»Die Dame sagte, das Sanatorium müsse in mancher Hinsicht ganz gründlich umgebaut werden, und sie fragte mich, ob ich ihr einen Architekten nennen könne, einen vertrauenswürdigen Mann, dem eine solche Aufgabe nicht zu bescheiden wäre – sie habe gehört, hier oben am Berg wohne ein Herr Valär. Ich bestätigte das, worauf sie mich bat, sie an Sie zu empfehlen. Da sie so nett zu mir gewesen war, antwortete ich, daß ich Ihnen ihr Anliegen persönlich vortragen wolle. Ich hätte ohnedies vor, Sie heute noch zu besuchen. ›Dann fragen Sie doch Herrn Valär, ob er bereit wäre, mich morgen schon zu empfangen‹, sagte die Dame, sonderbar aufgeregt. ›Es ist ja wohl unverschämt, ihm ein Loch in seinen Sonntag zu schlagen, aber ich muß am Montag verreisen. Es wäre mir daher lieb, wenn ich bis morgen abend schon wüßte, ob er auf einen solchen Antrag eintreten will, oder ob ich mich anderweitig umsehen muß.‹ – Wir haben dann ausgemacht, daß ich ihr noch heute nacht ins Hotel telephonieren werde, wie Sie sich zu dem Anliegen stellen.«

»Sie sind ein Teufelskerl, Dormond!« versetzte Valär und spürte, wie er beinahe den Kopf verlor. »Würde es Sie sehr kränken, wenn wir jetzt noch eine Flasche tränken und diese Sache damit begrüben?«

»Sie wollen nicht?« 101

»Nein!« sagte Valär. »Im Augenblick nicht.«

Der Apotheker schlug trotzdem die Flasche nicht aus. Als sie geleert war, braute Valär noch einen feinen starken Kaffee, und nachdem sie den Kaffee noch mit einigen Whiskys zugedeckt hatten, war von einem Begraben des Antrags nicht mehr zwischen ihnen die Rede. Valär suchte sogar persönlich die Telephonnummer für Dormond heraus, damit dieser das Treffen vereinbaren könne.

 


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