Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Fünfzehntes Kapitel.

König und Prediger.

Der König war zur Huldigungsfeier in Breslau eingetroffen. Die Jüngsten der Zünfte waren ihm anderthalb Meilen weit entgegengegangen und hatten ihm eine auf weißem Atlas gedruckte, in blauem Sammet eingebundene Gratulation überreicht; der silbergestickte preußische Adler prangte darauf. In Rothkretscham stand die älteste Zunft, die Zunft der Kürschner, in schwarzen Mänteln, um den König zu begrüßen; der Kürschnerälteste mußte indeß seine wohl einstudirte Anrede bei sich behalten, da der König nicht Halt machen ließ, sondern mit freundlichem Gruß vorbeifuhr. Dergleichen ungesprochene Reden pflegen noch lange in den Köpfen zu rumoren, und man wollte wissen, daß der Kürschnerälteste mehrere Wochen lang merkwürdige Symptome eines gestörten Geistes zeigte und daß, wie die Motten unausgeklopfter Pelze, 353 einzelne Sätze jener verhaltenen Rede unheimlich seinen Lippen entflogen.

In einem Wagen, der mit gelben Sammet ausgeschlagen und mit acht Falben bespannt war, hielt der König seinen Einzug in Breslau unter dem Jubel der Volksmenge. Auch der alte Dessauer, der eben erst nach Schlesien gekommen war, der Erfinder der eisernen Ladestöcke, folgte in einem zweiten Wagen und strich sich behaglich den weißen Schnurrbart, indem er mit einigen Kernflüchen den hohen Offizieren, die neben ihm saßen, die erfreuliche Mittheilung machte, daß ihm das Nest besser gefalle, als er erwartet habe.

Bei den Jesuiten in der Burg herrschte schon seit einiger Zeit große Aufregung, welche durch die Ankunft des Königs noch vermehrt wurde. Der Tod des Anastasius, die Verhaftung des Deserteurs Pokorny, der zu seinem Regiment nach Breslau gebracht und zum Tode verurtheilt worden war, machten natürlich in der Burg um so tieferen Eindruck, als eine Militär-Commission, aus schnauzbärtigen und haarsträubenden Ketzern bestehend, ihren Einzug gehalten hatte, um eine Untersuchung über die Flucht des Pokorny anzustellen, die aber, außer der allgemeinen Mitschuld, kein einzelnes Verschulden ergab. Nur auf den Pater Maurus fiel ein schwerer Verdacht; doch dieser hatte 354 sich längst dem Bereiche der preußischen Gerichtsbarkeit entzogen.

Emanuel hatte die Kunde von der Ankunft des Königs mit Freuden erfahren; jetzt endlich sollte er der langersehnten Freiheit theilhaftig werden, die langvermißte Tochter in die Arme schließen. An die einförmige Nacht des Gefängnisses gewöhnt, hatte er seit Monden auf dem harten Lager den Schlaf gefunden; doch die freudige Aufregung des letzten Tages verscheuchte den Schlummer. Der Sonnenschein draußen erschien ihm wie ein großes fremdartiges Wunder, an das er den Blick erst wieder werde gewöhnen müssen . . oder sollte seine Hoffnung, noch einmal den Tag da draußen zu begrüßen, getäuscht werden?

Pater Nikolaus kam mit der Kunde, daß er so eben einem preußischen Offizier und mehreren Soldaten die Thüre geöffnet habe; der Offizier sei mit einer königlichen Ordre zu dem Superior hinaufgegangen. Wie klopfte Emanuels Herz! Doch nie über eigenes Leid und eigene Freude des fremden Schicksals vergessend, bemerkte er, daß der Pater selbst in einer tiefen schmerzlichen Erregung war, in dumpfem Brüten regungslos wie ein Säulenheiliger dastand.

»Was ist Euch?« frug der Prediger.

355 »Ich komme von ihm,« erwiderte der Pater, »man hat mir als Beichtiger den Zutritt nicht verweigert! Mein Flehen bei dem Obersten war umsonst; er soll noch heute erschossen werden!«

Eine Pause trat ein; der Pater schluchzte; Emanuel drückte ihm voll Mitgefühl die Hand.

»O unser Leben in andern,« sagte er, »ist doch der eigentliche Schmerz unseres Daseins! Was wir selbst dulden müssen, tragen wir eher mit Ergebung; aber was die Geliebten dulden und verschulden, welche ein Theil unseres eigenen Wesens sind, das ist alles fremd Unheimliches, dem wir machtlos gegenüberstehen. Wir denken und empfinden ihr ganzes Leben durch, gottähnlich durch die Macht der Liebe; denn auch für Gott ist jedes Menschenleben nur Ein Gedanke. Doch daß Liebe so machtlos ist, daß wir ihr Schicksal nicht wenden können: das giebt uns das zerschmetternde Gefühl unserer Ohnmacht.«

»Und die Schuld, die Verantwortung,« rief der Pater seufzend, »es ist ja eine lange Kette, die Glied an Glied sich reiht und von den Entzückungen einer verfehlten Liebe bis auf den Richtplatz reicht.«

»Doch wie erträgt er sein Geschick?« frug Emanuel.

»Er hat sich stumpf und dumpf darein ergeben, da er die böhmischen Berge nicht mehr sehen kann, 356 nicht mehr die Heiligenbilder unter den hohen Linden, so hat die Welt keinen Werth mehr für ihn, und es war leicht, sein Heimweh nach einer andern Heimat hinzulenken. Er ist getröstet.«

»Und Ihr verschwiegt ihm bis zuletzt . .« frug Emanuel weiter.

»Nein, nein! das konnt' ich nicht! Ich hab' es ihm unter Thränen gestanden, daß er mein Sohn sei! Er sah mich fremd und verwundert an; es lag wie ein Vorwurf in seinem Blick, der auf die schwarze Kutte fiel. Ich mußte diesen Vorwurf ertragen; doch über alles siegte zuletzt das innige Gefühl. Er hatte ein freudenloses, ein liebeleeres Leben geführt; sich nur wie eine todte Ziffer gefühlt, die eine Summe bilden hilft; jetzt kam es über ihn, daß es auch Liebe in der Welt giebt, daß ein Herz für ihn schlägt; ich fühlte es, wie des Vaters Segen wundersam in seine Seele hineinleuchtete. Es war nur ein Augenblick . . . aber er entschädigte ihn und mich für lange Jahre. Dann versank er wieder in dumpfe Gleichgiltigkeit.«

»Ihr wollt ihn zum Richtplatz begleiten?«

»Nein, nein; das vermag ich nicht, jeder Schuß träfe mein eigenes Herz! So stark bin ich nicht, daß meine Liebe ihm Trost gewähren könnte – ich würde nur seinen Muth erschüttern. O wenn ich ihn retten könnte,« setzte der Pater händeringend hinzu, »wenn 357 ich für ihn zu thun vermöchte, was eines Vaters heiligste Pflicht ist, was mich dieses Namens erst würdig machte!«

Während Emanuel vergeblich nach Trostgründen suchte, um den Schmerz des Freundes zu beschwichtigen, vernahm man draußen wuchtige Schritte und Sporengeklirr. Von einem anderen Pater geführt, trat dann ein Dragoner-Rittmeister mit zwei Soldaten, nachdem Nikolaus aufgeschlossen, in die Zelle des Predigers, dem er herzlich die Hand drückte.

»Endlich . . endlich! es hat lange gewährt, doch der milde König kennt kein Gesetz, er hat so viel mit sich selbst zu thun.«

»Ihr seid es, Herr von Seidlitz? O herzlich gegrüßt.«

»Ich komme Euch auf Ordre Seiner Majestät, welche die Oberen des Collegiums anerkannt haben, die Freiheit zu geben und freue mich, daß ich der Erste bin, der Euch dazu beglückwünschen kann.«

Und er schloß den Prediger in seine Arme. Die Erfüllung eines so lange gehegten Wunsches wirkte anfangs bewältigend auf Emanuels durch die lange Haft geschwächten Sinn, er war einer Ohnmacht nahe; allmählich faßte er die ganze Fülle des Glückes, die in der errungenen Freiheit lag, und stammelte 358 Worte des Dankes dem jungen Edelmann, in dem er mit Recht seinen Befreier begrüßte.

»Der Tag, der Euch so beglückt, macht mich zum unglücklichsten aller Menschen,« rief Pater Nikolaus aus, der, von widersprechenden Gefühlen hin- und hergeworfen, seiner aufrichtigen Freude über das Glück des Freundes nicht Ausdruck geben konnte, ohne dabei das Gewicht des eigenen Wehes doppelt zu empfinden.

»O wenn es anders wäre . . . was gäbe ich darum!« rief Emanuel aus.

»Noch eine Mittheilung habe ich Euch zu machen,« sagte Arthur; »der König wünscht Euch zu sprechen, jetzt, sogleich! Ich habe ihm von Euch und Eurer Sekte erzählt, er wünscht als neuer Landesherr Aufschluß darüber und über Euer Schicksal.«

»Der König . . wäre es möglich!« rief Emanuel, »doch in diesem Aufzuge . .«

»Es ist dafür gesorgt, daß Ihr in Eile Euch umkleiden könnt; doch schadet es auch nicht, wenn Ihr mit den unverwischten Spuren Eurer Haft vor ihn tretet. Und dann, am Abend, führe ich Euch ins Theater, Ihr sollt Euer Kind zuerst auf der Bühne sehen – sie spielt heute die Rolle der Phädra – an der Lieblichkeit, der Begabung des Mädchens Euch erfreuen, und dann erst nach der Vorstellung sie in Eure Arme schließen.«

359 Emanuel sah mit dankbarem Blick, wie reich das Leben war, das sich wieder vor ihm öffnete. Vor dem König zu stehen, scheute er nicht . . was konnte er bei ihm für die Seinigen erwirken! Und dann . . das Wiedersehen der Tochter! Ein Tag reicher, als lange Jahre im einförmigen Kerker! So erhoben durch lange nicht gekannte Gefühle der Freude, welche der Seele einen neuen Schwung verliehen, hatte er kaum bemerkt, in welcher Aufregung der Pater, mit gefalteten Händen, auf ihn zugetreten war.

»Ihr geht zum Könige?« flüsterte er ihm mit zitternder Stimme zu, »das ist ein Wink des Himmels! Ihr könnt ihn erretten! Vergeßt nicht, um Gnade für den Unglücklichen zu bitten! Ich beschwöre Euch!«

»Ich werde bitten für ihn, als wäre es mein eigener Sohn,« erwiderte Emanuel. »Dank, tausend Dank für die Milderung der Haft und Eure Freundschaft!«

Arthur sah nicht ohne Befremden den innigen Abschied, den zwei Männer von einander nahmen, von denen der Eine doch nur der Kerkermeister des Andern sein konnte; als sie das Thor der Burg hinter sich gelassen hatten, nicht ohne grollende Mienen und geballte Fäuste bei einzelnen der frommen Patres zu bemerken, die ihnen im Hofe begegneten, frug er 360 Emanuel nach der Lösung dieses Räthsels, und mit Wärme erzählte der Prediger seine Begegnung mit dem würdigen Jesuiten, das Werden und Wachsen ihrer Freundschaft, auch den innigen Antheil, den dieser an dem Schicksal des Deserteurs nahm.

»Ich kann Euch wenig Hoffnung machen,« erwiderte Arthur, »die Kriegsgesetze sind streng und nehmen ihren Verlauf.«

Nach etwa zwei Stunden näherte sich Emanuel, der ein schlichtes, aber sauberes Gewand angezogen hatte, von Arthur begleitet, dem Schlegelberg'schen Palais, wo der König wiederum Wohnung genommen hatte. Vor dem Schlosse hatte sich eine große Volksmenge versammelt, Trommeln und Pfeifen ertönten; es waren die »Fahnenfechter«, welche dem König ein Schauspiel gaben; sie schwangen die Fahnen, warfen Citronen in die Höhe und spießten sie mit ihren Degen auf. Auch ein Gefecht mit den Marcusbrüdern führten sie vor dem König in alter Weise auf. Schranken waren errichtet, in denen sich die Freifechter befanden, die Spielleute und die Jungen, welche die Waffen hin- und hertrugen, sowie zwei Schwertdiener. Das Volk stand draußen, der König sah vom Fenster aus zu. Es waren mehr Scheingefechte und es ging nicht so blutig zu, wie sonst oft bei diesen Kämpfen. Friedrich nickte gnädig, als die Fechtübungen zu Ende 361 waren; er bestätigte die Vorrechte der Zunft; doch die Freifechter und Marcusbrüder gehörten zum altstädtischen Zopf, über den der König im Stillen lächelte; was waren sie in einer Zeit, in der die Kanonen donnerten und das Schicksal der Reiche entschieden?

Mit Mühe brachen sich Emanuel und Arthur Bahn durch das Gedränge; sie traten in das Haus und wurden von dem Kammerdiener Fredersdorf gemeldet. Kaum waren sie in das Audienzzimmer eingetreten, als auch der König erschien. Er sah mit Befremden auf den langen Bart des Predigers, denn bei aller Freigeisterei war ihm doch Auffälliges und Ungewöhnliches in Tracht und Erscheinen zuwider und der festgedrehte Zopf erschien ihm als unerläßlich für einen gebildeten Mann. Er haßte alles, was an das Mittelalter erinnerte, alles Flatternde und Wallende als unwürdig festgeschlossener Männlichkeit, und solche Eremitenbärte waren ihm nur der Ausdruck einer Verwilderung, die an die Zeiten alberner Schwärmerei erinnerte.

»Ich habe Ihn rufen lassen, alter Freund,« sagte er ohne sonderliche Freundlichkeit zu Emanuel, »Er hat ja da einen Silberbart, als wenn wir noch in den Zeiten der Kreuzzüge lebten! Er könnte ja gleich 362 einen Esel besteigen und das Volk auffordern zur Wallfahrt nach dem heiligen Grabe!«

»Solche Tracht, Sire,« erwiderte Emanuel, »ist Brauch bei den Predigern unserer Gemeinden. Im Uebrigen mögen Majestät meiner langen Haft zugute halten, was allzu anstößig in meinem Aeußeren erscheinen mag.«

»Haft! Man hat Ihn verhaftet?«

»Die Jesuiten, Majestät.«

»Erzähl' Er,« sagte Friedrich kurz, und der Prediger theilte dem König mit, welchen Verfolgungen er durch den Haß des Ordens ausgesetzt gewesen. Der König hörte mit Antheil zu, indem er bisweilen ungeduldig an die Fensterscheiben klopfte.

»Das soll und muß anders werden! In meinen Staaten giebt es nur Ein Recht und Eine Gerechtigkeit, und mit eisernem Scepter werd' ich's durchführen, daß nicht in jedem Winkelchen ein kleiner Herr, ob geistlich oder weltlich, sich die Attribute der Majestät anmaßt. Ei, diese Jesuiten! Kluge Köpfe sonst, doch vom Hochmuthsteufel besessen! Den will ich ihnen austreiben! Sie sollen sich beugen vor der Staatsraison und nicht Ordre geben, sondern Ordre pariren.«

»Schlesien wird Euer Majestät segnen,« sagte Emanuel, »wenn Sie die Rechtlosigkeit unserer 363 Zustände, die geheime Zwingherrschaft der kirchlichen Macht vernichten, welcher die weltliche so oft dienstbar war. Man hat gegen uns gepredigt, unsere Ehen für ungiltig erklärt, uns ein ehrlich Begräbniß verweigert, uns selbst die Auswanderung erschwert, wenn wir so schmachvoller Bedrückung müde waren; den Abfall von der Kirche hat man verfolgt bis ins dritte und vierte Glied und nirgends gab es einen Schutz, den wir anrufen konnten.«

»Sanct Voltaire,« rief der König, »hier braucht man einen Heiligen wie Dich, um aufzuräumen! Ihr seid selbst allerdings sonderbare Heilige, habt Euch da eine himmlische Aurora zurechtgemacht, von der wir andern in unserer dicken Finsterniß nichts merken, phantasirt von einer ›inneren Wiedergeburt‹, als könnte die Seele sich häuten, wie eine Schlange oder sich mausern, wie die Vögel! Ich meine, Niemand kann aus seiner Haut heraus und Jeder mag dem Schicksal danken, wenn sie von Hause aus wetterfest ist und nicht allzu verschrumpft! Doch Ihr seid friedliche Leute, und Eure Aurora, die meinen geistigen Horizont etwas mit Rosenfingern betupft, ist mir lieber, als die Röthe, welche der Wiederschein der Scheiterhaufen hervorruft.«

»Wir glauben an ein Reich des Friedens,« erwiderte Emanuel.

364 »Das müßt Ihr auf einem anderen Planeten suchen!«

»Wir lehren die Nächsten- und Menschenliebe, wie sie Christus gelehrt hat an den Ufern des See's von Galiläa, wie im Tempel zu Jerusalem.«

»Es ist nicht viel Aufhebens zu machen von dergleichen,« sagte Friedrich, die Achseln zuckend, »wenn dies zum Christenthum gehört, so weiß der Staat so wenig davon wie die Kirche. Diese mordet und verbrennt die Ketzer, und wir andern spielen Fangball mit Kanonenkugeln. Das geht nun schon durch Jahrhunderte . . . Ja im Grunde die ganze Weltgeschichte hindurch; denn es war dasselbe, als man noch nicht Bresche in die Wälle schoß, sondern die Mauern mit Sturmböcken einrannte. Alles ist auf den Kampf gestellt, Thierreich und Menschenleben: und,« fügte der König hinzu, indem er eine Prise nahm und auf den Deckel der Dose klopfte – »wir werden's nicht ändern, wir Beide!«

»Und sollen wir nicht verkünden, was in uns lebt, den Glauben an eine bessere Welt, durch die ein Hauch des Friedens weht, wie durch die goldenen Aehren, durch welche Christus wandelte in heiliger Morgenfrühe? Es giebt Augenblicke, wo es uns wie eine innere Offenbarung erfaßt, als zerrissen die Schleier der Gegenwart, und der Blick schweifte 365 hinaus in ein Eden der Zukunft, wo glückliche Menschen in Liebe und Frieden leben; es giebt Augenblicke, gegenüber einem großen Schauspiel der Natur oder einem entzückenden Bild, das sie vor uns entrollt, gegenüber den Thaten hingebender Liebe, wo nicht nur eine Ahnung uns durchbebt, wo es uns zu seliger Gewißheit wird: all dies Leben und Treiben, was jetzt den Sinn der Menschen beschäftigt, ist stumpf und dumpf; es muß noch einmal ein goldenes Zeitalter auf Erden kommen!«

»Ein Zeitalter des Goldes vielleicht,« sagte Friedrich mit dem leichten spöttischen Zug um die Lippen.

»Und dürfen wir, die wir im Geiste leben, nicht solche Offenbarung verkündigen? Die Menschheit ist ihrem erhabenen Ziele abtrünnig geworden; der Einklang mit dem Frieden der Natur ist von ihr gewichen, der Geist der Liebe hat sie verlassen; dürfen wir nicht einen schöneren Glauben predigen, und das, wofür unser Herz in innerer Empfindung und in seligen Ahnungen schlägt, den Gleichgesinnten verkündigen? Gönnen Sie uns diese Freiheit, Sire, das Recht zu leben wie alle andern Bürger Ihres Staates, wenn wir auch glauben und fühlen wie die Propheten der Zukunft!«

»Seltsame Schwärmer! So haben sie schon vor mehr als tausend Jahren geträumt, und die Welt ist 366 bei'm Alten geblieben: Tauben mit dem Oelzweig, doch die Sündflut bleibt. Gleichviel! Die Schwenckfelder sollen ungekränkt in meinen Landen leben, lehren und glauben können; in meinem Staat soll Jeder nach seiner Façon selig werden!«

»Dank, Sire, für dies große Wort! Tausende werden es segnen! Es giebt uns die Menschenwürde wieder, Sie führen uns die Aurora herauf, die Sie verspotten! Vergessen will ich all' das Leid, all' die Schmach, die mein Glauben über mich gebracht hat, da ich den Tag erlebt habe, in welchem vom Thron herab das Wort der Befreiung tönt. Lassen Sie mich mein Knie beugen, ich habe es nie gebeugt vor irdischer Gewalt; doch wie ich hier stehe im Namen meiner Brüder, so neige ich mich auch in ihrem Namen mit heißem Dank und tiefer Ehrfurcht vor einer Erdenmacht, welche stark genug ist, uns zu schützen und frei und edel genug, es zu wollen!«

»Steh' Er auf! Ich thue nichts Apartes für Ihn und die Seinen! Will Er der Sonne danken, daß sie für Alle scheint? Licht und Luft in meinem Staat sei Allen gleichgemessen und gemeinsam! Nur wer den andern zu drücken wagt, dem wehr' ich mit meiner ganzen Macht! Das mögen sich die Jesuiten merken! Ich werde ihnen den Schwanz abhauen und dafür sorgen, daß sie nicht wie die Füchse Simsons 367 die Ernten der Philister anzünden! Im Uebrigen, sie dürfen hier glauben und lehren, wie Ihr Schwenckfelder, sie haben viel geleistet in den Wissenschaften! Ich fürchte keinen Ravaillac und Malagrida, keine Königsmörder, dazu ist deutsches Blut nicht wild genug! Und ich raube ihnen nicht, was ihrem Herzen werth und theuer ist! Jeder nach seiner Façon, nach seiner Façon! Ein Staatsmann, ein Fürst muß kein fertiges Credo in der Tasche haben, nicht päpstlich oder antipäpstlich, nicht lutherisch oder calvinisch sein; sonst taucht er unter in der Menge. Das muß alles unter ihm blühen, wie die mannigfachsten Blumen, er giebt ihnen fröhliches Gedeihen, Regen und Sonnenschein! Auch Duldung ist ein falsches Wort! Wie vermessen wäre der Fürst, der nur dulden wollte, was das unveräußerliche Recht seiner Unterthanen ist! Gehorsam dem Gesetz, Freiheit dem Glauben! Was kümmere ich mich um diese oder jene Farbe des Regenbogens? Ich weiß, es ist das Licht der Sonne, das sie alle schafft! L'état c'est moi, sagte Ludwig, l'état c'est le soleil, sage ich.«

»Heil Dir, Fürst!« rief der Prediger mit Begeisterung aus. »Wenn dies Jahrhundert sich selbst versteht, so wird es Deinen Namen tragen!«

»Er ist mir zu überschwänglich, mein Freund! Ich muß Seine Begeisterung dämpfen. So ganz im 368 Stillen sag' ich's Ihm, Seine bisherigen Feinde, die Jesuiten, sind mir lieber, als Seine Glaubensgenossen! Dem Unwesen des Ordens werde ich steuern; aber es sind praktische Leute, zu der Politik, die Europa seit lange bewegt, haben sie den Schlüssel in ihrer geheimen Chiffreschrift. Die Diplomatie ist nichts, als der weltliche Jesuitismus! Ich gehöre so gewissermaßen zum Handwerk, leider Gottes, ich treibe zum mindesten ein verwandtes Metier! Daher Euren ehrlichen Glauben in Ehren, doch für die frommen Patres habe ich mehr Verständniß, als für Eure Aurora!«

»Doch, Sire, Sie haben Verständniß für jedes menschliche Gefühl! Und so werden Sie meine Bitte nicht übel deuten, die ich von ganzem Herzen an Sie richte im Namen derselben Jesuiten, die mich verfolgt haben und deren Vorzüge Sie so warm anerkennen.«

»Das wäre?« fragte Friedrich gespannt; »eine Bitte für die Jesuiten aus dem Munde eines von ihnen verfolgten Ketzers? Das ist seltsam!«

»Es gilt die Begnadigung eines Deserteurs.«

»Eines Deserteurs,« sagte Friedrich, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte.

»Peter Pokorny vom Regiment der Kleistgrenadiere. Er ist zum Tode verurtheilt! Ein Katholik, der seine Herkunft aus einem Jesuitencollegium 369 herleitet, ist er vor Zeiten von den Potsdamer Werbern geraubt worden; er entfloh von einer Wache bei dem Hause der Verschworenen am Dome, die selbst alle straflos geblieben sind! Ich beschwöre Sie, Sire, begnadigen Sie den unglücklichen Jüngling; ich bitte für meine Feinde, aber ich bitte herzinnig! Es handelt sich um das Lebensglück eines würdigen Paters, den ich lieben und achten gelernt habe.«

»Ist Er fertig mit Seiner Schwenckfelder Litanei?« sagte der König zornig und streng; »misch' Er sich nicht in Angelegenheiten, die Ihm fremd sind und bleiben sollen!«

»Gnade, Menschlichkeit,« ermahnte Emanuel.

»Dergleichen soll mir die Zucht meines Heeres nicht ruiniren, in dieser eisernen Maschine darf mir kein Rädchen versagen. So Viele empfinden den Kriegsdienst als Last und würden gerne reißaus nehmen, wenn das strenge Gesetz des Krieges nicht wäre. Was wär' ich für ein kläglicher Kriegsfürst mit einem unsichern Heere? Was würde aus meinem Plane, aus den Geschicken der Welt? Der Tod gehört zum finstern Hofstaat der Könige; die Gerechtigkeit trägt sein schwarzes Banner; seine Sense mäht in den Schlachten. Die treu sind der Pflicht, opfern sich für den König, sollte seine Gnade die Pflichtvergessenen verschonen? Nimmer! Unerbittlich ruht 370 meine Hand auf dem Heere: ein schlechter Künstler, der sein Werkzeug zerbricht!«

In diesem Augenblicke tönten dumpfe Trommelwirbel; der König sah am Fenster das Exekutions-Commando, welches den Delinquenten zum Richtplatz führte. Bleich, aber mit gewohntem Soldatenschritt, ging Pokorny unter den Kameraden, die jetzt seine Henker waren. Für den König war's ein Schauspiel, das zum Dienst gehörte, er nahm ruhig eine Prise und stäubte sich den Schnupftabak von seinem Rocke ab, Emanuel aber fühlte alle Schmerzen seines Freundes nach; er fühlte, wie diese Trommelwirbel ihm das Herz zerreißen mußten und erneuerte noch einmal seine flehentlichen Bitten.

»Menschlichkeit!« rief jetzt der König erzürnt, »die Kugel dem Deserteur! Das ist Kriegsrecht, so lange es Armeen giebt!«

Die Trommelwirbel verhallten in der Ferne; Emanuel hörte im Geiste die verhängnißvolle Salve und zuckte zusammen.

»Menschlichkeit!« sagte der König und trommelte auf die Dose, »ein schönes Wort! Doch das Leben weiß nicht viel davon! Kennt der Krieg die Menschlichkeit? Jedes Schlachtfeld ist ein Hohn auf sie! Und wie grausam ist die Natur; sie braucht nicht die Kanonenkugel, um Krüppel und Verstümmelte zu 371 schaffen. Ein Erdbeben ist oft schlimmer, als eine Schlacht! Und wie viele verdammt sie schon in der Wiege zu lebenslänglichem Tod! Nein, alter Freund, Seine Menschlichkeit ist eine weiche Gallert aus der Thränenküche! Wir halten fest an der Pflicht, ihr gehorchen die Könige wie die Gemeinen . . . das ist unsere Menschenwürde!«

»Was die Natur versündigt,« rief Emanuel in tiefer Erregung, »das soll die Menschenliebe gut machen. O unglückliches Jahrhundert! Deine Herren und Könige, welche der Freiheit des Glaubens ihren Schutz verleihen, die wir segnen müssen als Friedensbringer für die Gemüther, glauben nicht an den Segen der Menschlichkeit! Mit eisernem Arm streuen sie den Tod aus über die Gefilde, senden die Kugel in die Herzen der Irrenden. Und wenn sie der Menschheit die klösterliche Zwangsjacke ausziehen, so stecken sie dieselbe in eine neue, in die soldatische. Bewundernswerth in geistiger Größe suchen sie ihren Ruhm in blutigen Thaten! So verhülle dein Haupt, Genius der Menschheit, immer neu wird das Kreuz von Golgatha errichtet und daneben die Triumphsäulen auf der Schädelstatt. Der große Friedrich verleugnet die Menschlichkeit und die Menschheit . . Wo ist noch eine Hoffnung für diejenigen, die an die Zukunft glauben wollen?«

372 Arthur trat näher, betroffen durch diese letzte Wendung des Gesprächs, doch Friedrich klopfte dem begeisterten Schwärmer auf die Schulter.

»Laß' Er doch Jeden auf seine Façon selig werden, Jeden, auch den König von Preußen!«

Mit diesen Worten kehrte er Emanuel den Rücken und verließ das Zimmer.

Dieser war auf's Tiefste erregt; er hatte auf Friedrichs Großmuth gerechnet, er fühlte die zerschmetterten Hoffnungen des Freundes nach, die ganze Welt schien ihm verdüstert, hoffnungslos . . und doch hatte dieser Tag noch ein Licht für ihn, das er seit langen Jahren ersehnt . . das Wiedersehen mit der Tochter . . Arthur mahnte ihn an das Theater . . Emanuels Schmerz verwandelte sich in mildere Wehmuth; der Gedanke an seine Tochter war wie ein Sonnenblick, der einen Regenbogen auf dunkle Gewölke zaubert.

Als sie vor die Thüre des Schlegelberg'schen Palais kamen, stand eine bleiche Erscheinung vor ihnen, die Züge kreideweiß, tiefe Furchen um die Augen, den Blick starr auf sie gerichtet. Es war der Pater Nikolaus; er sagte mit tonloser Stimme:

»Es ist geschehen! Ich habe die Salve von ferne gehört. Alles vorüber! Eine Frage, Herr Offizier, wo wohnt der Commandeur der Kleist-Grenadiere?«

373 Arthur gab ihm die Wohnung an, doch Emanuel frug bestürzt: »Was wollt Ihr thun?«

»Ich bin des Lebens satt; nicht mit diesem blutigen Bild vor den Augen will ich Tag für Tag das Sonnenlicht sehen. Ich gehe, mich anzuzeigen als Beförderer der Desertion. Es duldet mich nicht länger hier . . . ich folge ihm nach!« 374

 


 


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