Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Drittes Kapitel.

Im Schweidnitzer Keller.

Die Treppen zum Keller hinunter wurde Arthur fast geschoben von einer nachdrängenden Menge. Die weiten, pfeilergetragenen Räume des unterirdischen Gastlokales konnten die Menschen kaum fassen, die nicht nur auf den Bänken, sondern auch auf den Tischen saßen. Ein Summen, wie von einem ungeheuren Bienenkorb, erfüllte die Luft, bisweilen unterbrochen von lauterem Getöse und lebhaftem Stimmwechsel; dazwischen klapperten die Deckel der Bierkrüge, in denen der edle »Schöps« verabreicht wurde.

Mit Mühe gelang es Arthur, dicht an einen Pfeiler geklemmt, für sich und seinen Gast eine Stätte zu finden, von der ihn der hochgehende Wogenschlag der Menge so leicht nicht fortspülen konnte.

Arthur hatte schon durch einzelne Aeußerungen im Gedränge erfahren, daß die Stunde großer Ereignisse 42 geschlagen. Die Preußen waren in Schlesien eingerückt und bedrohten Glogau; der junge König hatte dem Hause Habsburg den Fehdehandschuh hingeworfen; es war einer jener Augenblicke, welche auf eine lange Reihe schwerer Folgen hinweisen, indem sie das Angesicht der Welt verändern.

Gleichwohl schien Breslau nicht blos bestürzt über die unerwartete That des Königs von Preußen; es war eine Gährung innerhalb der städtischen Verhältnisse, welche die Gemüther entflammte, ein langvorhandener Zündstoff, der plötzlich aufloderte.

Um einen Mitteltisch im Hauptgewölbe des Kellers bildete sich eine Gruppe, der man die Absicht anmerkte, durch rednerische Leistungen der allgemeinen Erregtheit ein bestimmtes Ziel vorzustecken.

»Ehrlich soll sprechen, Ehrlich zuerst,« tönte es von den nächsten Tischen. Mühsam wurde ein alter Mann mit silberweißen Haaren auf den Mitteltisch gehoben und mit allgemeinem Jubelruf begrüßt. Es war einer der Zunftältesten, der Züchnerälteste Ehrlich, und mit einer kräftigeren Stimme, als seine Gestalt erwarten ließ, begann er:

»Euer Beifall, Mitbürger, macht mich stolz! Er zeigt mir, daß ich es Euch recht gemacht habe, und ich habe nur gethan, was mein Gewissen mir gebot. Ihr wißt, daß das Oberamt unsern Syndikus zu sich 43 geladen und von ihm im Namen des Wiener Hofes verlangt hat, daß die Stadt Breslau kaiserliche Besatzung aufnehme.«

»Das widerspricht unseren Privilegien,« rief eine kräftige heisere Bierstimme hinter dem Pfeiler hervor.

»Wir haben das jus praesidii,« riefen andere dazwischen.

»Keine Besatzung,« donnerte ein Chor, indem er mit den Krügen auf den Tisch stampfte.

»Kaiserliche Truppen sollen zunächst mit den städtischen zusammen das Sandthor besetzen,« fuhr Ehrlich fort. »Unser Syndikus theilte das Verlangen des Oberamtes dem Magistrat mit, und nach einem kurzen Protest und abermaliger Berathung fügten sich die Herren; doch sie beriefen auch die Bürgerschaft, die zwölf Bürger-Capitäne und die Aeltesten der Zünfte. Alle machten lange Einwendungen, doch wollten sie sich zuletzt in das Unvermeidliche ergeben. Nur ich protestirte im Namen meiner Zunft gegen diese Kränkung der Rechte der Bürgerschaft; ich protestirte und protestire, so wahr ich hier stehe. Die Stimmen der Zünfte erhoben sich gegen die Nachgiebigkeit ihrer Aeltesten, ich war im Einklang mit der meinigen. Keine kaiserliche Besatzung!«

Kaum hatte der würdige Züchnerälteste seinen Protest unter dem Jubel der Versammlung erklärt, 44 als sich ein kleiner, blasser Mann mit einem von Pocken zerrissenen Gesicht hervordrängte und sich, unterstützt von einigen kräftigen Fäusten, den Weg zu dem Tische bahnte, mitten durch die Nahestehenden, welche das Vorrecht der Rede für sich allein in Anspruch nahmen. Mit schriller Stimme schmetterte er eine Rede hervor, welche den Unwillen der Versammlung erregte: »Sehr gut hat der Rath daran gethan, das Verlangen Ihrer Majestät der Königin von Ungarn pünktlich und gewissenhaft zu erfüllen. Eine Weigerung würde die Allerhöchste Ungnade und eine Verlegung der Landesregierung und aller Behörden fort von Breslau zur Folge haben. Die Treue gegen den Landesfürsten gebietet uns, der Weisung des Oberamtes zu folgen. Wie mild und glimpflich überhaupt ist österreichische Herrschaft, verglichen mit der preußischen! Wir sind zu schwach, uns gegen die anrückenden Preußen selbst zu vertheidigen! Sollen wir in die Gewalt dieses böswilligen Königs fallen?«

»Das ist ein Klosterschenk,« riefen viele Stimmen, »herunter mit ihm! Wir wollen ihm sein Klosterbier gesegnen!« Einige handfeste Kretschmer erhoben sich mit drohenden Geberden; denn nichts war den Breslauern verhaßter, als der freie Ausschank der Klöster und die zahlreichen, nicht zünftigen Handwerker derselben, welche in den Vorstädten wohnten. Der 45 Kleine, der noch Manches auf dem Herzen hatte, sprang so rasch wie möglich von dem Tisch herunter und verschwand in der Menge, die sich jetzt in einem lärmenden Durcheinander bewegte. Der Name des Königs von Preußen ertönte in der verschiedenartigsten Betonung; er war wie eine Brandrakete in das Getümmel gefallen und erhöhte die allgemeine Verwirrung.

»Die Preußen belagern schon Glogau, es gilt Eintracht!« so klang es hier und dort. Es schien unmöglich für irgend einen Redner, mit der Gewalt des Wortes diese durcheinandertobenden Männer der Zünfte zu beherrschen. Gleichwohl gelang dies einem schwächlich aussehenden Männchen, das sich auf den Rednertisch emporgeschwungen, in unverhoffter Weise. Kaum tauchte sein unfertiges Gesicht mit den verschwommenen Zügen, die, gewöhnlich bleich, jetzt wie mit einer Glühhitze überhaucht waren, sichtbar hervor, als einige laute Stimmen Schweigen verlangten. Die Blicke richteten sich nach dem Tische, plötzlich trat eine tiefe Stille ein.

Dieser unscheinbare Redner, seines Zeichens Beischuster und Schuhflicker, zwar nicht, wie Jacob Boehm, den Blick auf die himmlische Aurora gerichtet, aber mit allen Welthändeln vertraut, genoß das größte Ansehen in Breslau; denn wenn er sprach, so schien 46 der ganze Mann ein geflügeltes Wort zu sein; es ging von ihm aus wie Funken und Blitze und er theilte das elektrische Feuer, mit dem er selbst geladen war, der größten Versammlung mit. Seine Stimme hatte nichts Markiges, nichts Siegreiches; doch wenn er sie erhob, so lag in ihrem Klang etwas so innerlich Ergreifendes, nervös Erzitterndes, abwechselnd mit dem fein Durchbohrenden, wo er sich gegen den Gegner wandte, daß er stets eines großen Erfolges gewiß war. Johann Christian Döblin war ein Volksmann, der seine Rolle mit seltenem Geschick zu spielen wußte; er hatte kein Ansehen in der Zunft, denn er hatte Ahle und Knieriemen längst in den Winkel geworfen und sich auch früher nur damit beschäftigt, die Sohlen zu erneuern und abgetretene Absätze auf ihre normale Höhe zu bringen; niemals war ein glänzendes Meisterstück der Kunst aus seiner Werkstatt hervorgegangen, oder prunkte in einem Schauladen, über dem sich des Eigners Name in prangender Inschrift erhoben hätte. Er war in seinem Gewerk eines der kleinsten Lichter, überdies ein Wirthshausbesucher und Nachtschwärmer, und die zünftigen Meister hätten ihn nur mit Achselzucken begrüßt, wenn er nicht weit über seine Zunft hinaus als ein Mann von Kopf und ein unermüdlicher Wühler bekannt und der erklärte Liebling der Volksmassen gewesen wäre.

47 »Ueber dem Schlesierland,« begann Döblin, »steht eine schwere Wolke; unsere gute Stadt Breslau schwebt in Gefahr. Da sucht man hervor, was uns zum Schutz und Schirm gereichen kann; denn wenn's vom Himmel in Strömen gießt, thut auch ein alter geflickter Mantel seine guten Dienste. Wir haben einen solchen alten geflickten Mantel – und wenn ihn der hohe Rath jetzt in den Winkel hängt, so haben wir andern deshalb nicht Lust, bis auf die Haut durchnäßt zu werden. Dieser Mantel ist das jus praesidii, das sehr gelehrt klingt; aber es gehört nicht zu dem Latein, mit dem man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt; jeder echte Breslauer versteht's; ich selbst, obgleich ich nie auf einer Bank der Magdalenenschule gesessen habe, spreche es wie ein Paternoster jetzt morgens früh und abends spät, und so hab' ich's auf diesen Zettel geschrieben, den ich jetzt wie einen Talismann an meine Mütze hefte.«

Lärmender Beifall begrüßte Wort und That des Volksmannes, welcher mit gehobenem Tone fortfuhr:

»Das jus praesidii ist der Grundpfeiler unserer Freiheit und Unabhängigkeit. So viele Rechte unserer guten Stadt Breslau sind allmälig heruntergebröckelt, weil in Wien die geistlichen Herren ein schimpflich Spiel mit ihnen trieben und weil der Rath nicht nur oft die Bürger gedrückt, sondern auch der gemeinen 48 Stadt Freiheiten viel vergeben hat. Sollen wir ruhig zusehen, wie jetzt in schlimmer Zeit uns dasjenige Recht genommen wird, welches die Schutzwehr aller anderen ist? Stark durch dies Recht, hat unsere gute Stadt im dreißigjährigen Kriege den Kaiserlichen wie den Schweden die Thore verschlossen und ist unversehrt geblieben, während die Brandfackel in den andern Städten Schlesiens wüthete. Mögen die Königin von Ungarn und der König von Preußen ihre Sache ausfechten wo und wie sie wollen: wir haben ein Recht, neutral zu bleiben; die Kriegsgräuel sollen nicht in die Stadt Breslau ihren Einzug halten. Oder sollen wir die Thore öffnen dem Habsburgischen Kriegsheere, daß es über der gemeinen Stadt Bürger ein tyrannisches Gesetz verhänge, und die zügellosen Kroaten und Panduren hier ihren Einzug halten, plündern und morden, wie es die Wallensteiner gethan? Wo solch ein Truppenschwarm hindurchzieht, da ist eine Verwüstung wie von ägyptischen Heuschrecken. Und wer kommt im Gefolge der wilden Banden? Die schwarzen Kutten, die sich schon lange bei uns eingenistet, ein Vorrecht nach dem andern erschlichen haben bei des Rathes gnädigster Nachsicht! Auf die Bayonnette und Kanonen trotzend, werden sie die evangelischen Kirchen schließen und alles bedrücken, was nicht zu Rom schwört. Und so arge Bedrängniß 49 sollten wir erleiden wider unser gutes Recht, das der Rath und die Zunftältesten um die Gunst des Hofes preisgaben, wie Esau seine Erstgeburt um ein Gericht Linsen verhandelt hat? Nimmermehr! Erhebt Euch, Ihr Männer der Stadt! Der Beschluß des Rathes ist ungiltig! Wir protestiren! Morgen auf's Rathhaus!«

»Morgen auf's Rathhaus!« wiederholten hundert Stimmen; hundert Hände erhoben sich wie zum Gelübde; da war Keiner, der einen Widerspruch gewagt hätte, denn es zuckte wie ein Flugfeuer der Begeisterung bis in die hintersten Reihen der Seitenkeller, wo die Rede nur halb verstanden worden war. Jene geistige Ansteckung, welche wie eine Naturgewalt die Gemüther erfaßt und oft in die Nerven fährt, ehe sie noch den Kopf erobert hat, machte aus den Besuchern des Schweidnitzer Kellers eine einträchtige Gemeinde. Auch Arthur hatte sich darüber ertappt, wie er die Hand zum Gelübde erhoben; obschon kein Breslauer, gelobte er sich, die Sache der Stadt zu der seinigen zu machen und mit den wackeren Bürgern gegen kaiserliche Bedrückung zu kämpfen. Das schönste Morgenroth, das je über den Wäldern von Rheinsberg aufgegangen, stand hell vor seiner Seele. Der treuherzige Förster aber sah mit seinen großen blauen Augen erstaunt in das fremdartige Treiben der Menschen; zu Waldfrevel und Holzdiebstahl sah er sich 50 schon die Leute vom Dorf zusammenrotten und anfangs erschien's ihm nicht besser, was hier unten sich vorbereitete; die Geister des »schwarzen Schöpses« von Schweidnitz, die schäumend über die Deckel der Bierkanne hervorbrodelten, hatten etwas Rebellisches, das den schlichten Waldmann befremdete. Als aber die »schwarzen Kutten« erwähnt wurden, die mit den Kaiserlichen in Breslau einziehen würden: da erwärmte er sich auch für das gute Recht der Stadt und gab durch einen vollen behaglichen Zug aus der Bierkanne seinen Beifall zu erkennen.

Kaum hatte sich der Tumult nach der Rede des gewandten Beischusters beruhigt, als derselbe noch einmal das Wort ergriff, um es einem guten Freund aus dem Preußischen abzutreten. Wie erstaunte Arthur, als auf der Rednerbühne des Biertisches plötzlich der Doctor aus der Waldschenke erschien; doch da er hinter ein paar riesigen Kretschmern wie Knieholz hinter hohen Waldstämmen verschwand, so wurde rasch noch eine kleine Tonne herbeigerollt und auf den Kopf gestellt, und der Kleine kletterte behend auf die erhöhte Tribüne.

»Nur ein paar Worte, geehrte Freunde!« begann er mit kreischender, aber allgemein verständlicher Stimme, »man hat hier oft den König von Preußen 51 angeschwärzt und ich glaube, daß viele brave Männer hier in ihm nur einen Friedensstörer sehen, so einen geschwänzten Beelzebub, der seinen Schwanz aus reiner Bosheit auf dies herrliche Schlesien legt. Ich aber kenne den König; er ist gekränkt durch Haus Oesterreich in seinem guten Recht und wenn er sich die Fürstenthümer Wohlau, Jägerndorf und die anderen erobern will, auf die er von früher her begründete Ansprüche hat, so wird ihn Niemand tadeln können. Im Uebrigen, was kümmert's die Breslauer? Das aber will ich Euch nur sagen: er ist ein König, wie wenige, ein feiner Kopf, ein liebenswürdiger Herr, bedrängt Niemand um seines Glaubens willen, haßt alles Unwesen der Dunkelmänner und wenn die Wohlauer und Brieger zur Krone Preußen kommen, so wird ihnen zu Muthe sein, als ob sie aus einem Halseisen freigekommen wären! Doch was kümmert das die Breslauer? Nur weil es gerechte Leute sind in dieser frommen und gemeinen Stadt, habe ich das Bild des Königs gezeichnet, wie es ist! Wer ihn einmal gesehen hat, der liebt ihn und verehrt ihn; wer ihm einmal in's große Auge blickte, der trägt, wo er geht und steht, so hellen Wiederschein mit sich herum; mit wem er freundlich sprach, der geht für ihn durch's Feuer. Das thu' ich, so wahr ich hier stehe! Doch was kümmert das die Breslauer? Ich bin nichts, ich 52 bin nur ein Klecks für's Löschblatt – und so verschwind' ich wieder!«

Unter schallendem Gelächter sprang das verschrumpfte Männlein von der Tonne auf den Tisch herunter und vom Tisch auf die Erde; doch nicht spurlos war seine Rede verhallt; denn das Gespräch auf allen Bänken drehte sich jetzt um den König von Preußen und seine großen Begabungen und Eigenschaften. Arthur wollte seinen Ohren nicht trauen, als er diesen Rheinsberger Spion mit so schlauer Beredtsamkeit zu Gunsten Friedrichs sprechen hörte. Was ging hier vor? Sollten die Breslauer zu thörichtem Handeln gereizt werden? War das alles Lug und Trug? Wie, oder war der kleine Mann ernstlich in Friedrichs Lager desertirt? Er wollte sich darüber Gewißheit verschaffen, wandte dem Förster noch eine schäumende Kanne zu und suchte die Spuren des Doctors im Getümmel. Doch vergebens! Nirgends war die koboldartige Gestalt zu finden, auch nicht in den dunkelsten Seitenräumen, welche Arthur auf das gewissenhafteste durchsuchte. Schon hatten sich die Volksmassen im Keller etwas gelichtet. Arthur sehnte sich nach freier Luft, um ungestörter seinen Gedanken nachhängen zu können, und trat in die mondhelle Nacht hinaus.

Der Förster, dem das irdische Leben in Folge des letzten »Schweidnitzer Schöpses« bereits in 53 eigenthümlicher Verklärung zu glänzen begann, ließ inzwischen seinen Blick mit Wohlgefallen auf den Volksgruppen ringsumher ruhen; er sah sie alle in so rosiger Beleuchtung, daß er Jedem hätte die Hand schütteln, Jeden als einen braven Mann an's Herz drücken mögen. Aus seinen Träumereien wurde er plötzlich durch einen mächtig dröhnenden Klang aufgeschüttelt; er glaubte anfangs, der vulkanische Boden Breslaus, im geheimen Zusammenhang mit dem einst feuerspeienden Zobten, spalte sich und ein kleines Erdbeben erschüttere die unterirdischen Hallen; doch es war nur die »Lümmelglocke«, welche daran mahnte, den Keller zu verlassen und nach Hause zu gehen. Doch Niemand dachte heute daran, diesem Rufe Folge zu leisten, und wenn der Bürgermeister oder der Syndikus in höchst eigener Person die »Lümmelglocke« gezogen hätte; es herrschte jetzt ein trotzig aufsässiger Geist unter den Breslauern, und in der Luft brütete Unheil.

Als der Förster sich von dem Eindruck dieser plötzlichen Lufterschütterung erholt hatte, fand er neben sich auf der Bank einen Zechgenossen, der mit erhobener Kanne ihn freundlich angrinste. Das Gesicht erinnerte ihn dunkel an Kundmanns Mineralienkabinet und in der That war es ihm dort begegnet, obschon er sich von dieser Begegnung keine Rechenschaft mehr geben konnte und nur im Allgemeinen 54 an die grinsenden Waldmenschen und die mit Stoßzähnen bewaffneten Ungeheuer dachte, die er dort gesehen.

»Schon lange in Breslau, guter Freund?« rief ihm das lebende Naturwunder zu.

»Erst seit zwei Tagen!«

»O ich weiß, ich weiß! Förster Obernik aus Schreibershau, wohnt in dem blauen Hirsch!«

»Woher aber wißt Ihr –«

»Wissen hier Alles, was wir wissen wollen! Denkt Ihr noch an die schöne Lene?«

Der Förster, dessen Züge noch heller als sonst geröthet waren, erblaßte plötzlich. »Was ist's mit ihr?«

»Sie ist hier in Breslau,« rief der Andere, indem er sich andächtig in das Bierglas vertiefte.

»Und Ihr kennt sie, Ihr wißt, wo sie ist?«

»Gewiß, ich kann Euch zu ihr führen.«

»Und wer seid Ihr?«

»Mein Name ist Anastasius,« entgegnete der Jesuitenschüler, »ich bin ein entfernter Vetter von ihr, und sie hat mir Manches von Euch erzählt.«

»O, da wißt Ihr auch,« rief Obernik zutraulicher, »wie ich sie einmal geliebt habe! Wie schön war der 55 Wald, wenn ich Sonntags auf dem Waldweg zu ihr in's Nachbardörfchen schritt! Wie herrlich sangen die Nachtigallen! Und der Sonnenschein da draußen – ich hätte ihn mit den Händen auffangen und in ihr Zimmerchen tragen mögen. Und sie war freundlich gegen mich, so lieb und gut. Die Seele geht mir auf, wenn ich daran denke! Und ich baute ihr Käfige und brachte ihr die schönsten Waldvöglein, und wenn ich zu ihr kam, das war ein Gezwitscher und Gesinge und Gezirpe, wie draußen im Forst, und ich glaubte, sie selber einzufangen und mit all' den schönen Waldvöglein in mein Försterhaus einzusperren. Doch das kam anders, als ich gehofft! Eines schönen Tages fand ich alle Käfige leer und sie selbst sagte mir so kühl und fremd, sie habe den armen Dingern die Freiheit wiedergegeben! Dann fand ich sie meistens nicht zu Hause, wenn ich kam, ob ich mich auch vorher angemeldet hatte, und dann war sie einmal plötzlich verschwunden. Die Leute munkelten etwas vom Gutsherrn; es waren böse Gerüchte, die im Dorfe gingen, doch ich glaubte sie nicht; nur hatt' ich lange Zeit ein so wehes Gefühl hier im Herzen, daß ich meinte, ich könnt' es nicht tragen.

»Was da vorgegangen,« sagte Anastasius, »weiß ich nicht! Das wird sie Euch selbst am besten erzählen können; sie hängt noch immer an Euch!«

56 »Wär' es möglich?« rief der Förster in lebhafter Erregung.

»Ich kann Euch zu ihr führen,« sprach der Jesuitenschüler mit listigem Schmunzeln, »jetzt, jeden Augenblick!«

»Doch zu so später Stunde?« frug Obernik zweifelnd.

»Sie ist bei ihrer Tante, welche offene Wirthschaft hält, und da geht's oft lustig zu bis in die Nacht hinein. Der ›Bierkegel‹ über der Kellertreppe kann jetzt zwar Niemanden mehr hinablocken, nachdem die Lümmelglocke getönt hat und alle Schenken geschlossen sind; doch für rechte Hausfreunde giebt's immer einen Eingang seitwärts im Hofe. Kommt, kommt, ich führe Euch!«

Der Förster saß einen Augenblick sinnend; er malte sich das Angesicht seiner Geliebten vor: die braunen funkelnden Augen unter den gewölbten Brauen, die plötzlich in einen stumpfen Winkel ausliefen, was er mit kundigem, in der Meßkunst geübtem Auge rasch erkannt hatte und für eine Art von trotziger Schönheit hielt, die vollen, glühenden Lippen; der Gedanke, daß er mit dem Recht des Wiedersehens vielleicht einen Kuß auf dieselben drücken und die schlanke Gestalt umfassen könne, setzten sein Herz und sein Blut in Wallung.

57 Anastasius beobachtete den träumerischen Waldsohn mit großer Seelenruhe. »Wenn es Euch nicht beliebt, bester Herr –«

Der Förster sprang plötzlich auf. »Um's Himmelswillen, ich folge ja schon! Laßt mich nicht im Stich! Meine ganze Seele ist wieder bei dem Mädchen!«

Und so klapperten die unverbrennbaren Stiefel des Jesuitenzöglings wieder über das mondhelle Breslauer Straßenpflaster, daß die Funken stoben, während der Förster nachdenklich seinem Führer folgte. Die Kienfackeln waren alle schon heruntergebrannt, und wenn der Mond sein Licht in einer Wolke barg, herrschte auf den Straßen und Plätzen das tiefste Dunkel. Es waren enge Gassen, durch welche sie wandelten; zweimal gings über die trübe, schlammige Ohle; die Vorbauten und Schauerdächer der hinteren Häuserfronten zeichneten sich scharf im Mondenschein ab. Dem Förster mit seinem erprobten Ortssinn schien es, als ob sie mehrmals hin und wieder gingen, herüber und hinüber die Brücken des unheimlichen Flusses passirten; doch glaubte er, daß sein Begleiter des Weges selbst nicht recht kundig sei, und dachte nicht entfernt daran, daß er ihn absichtlich in die Irre zu führen suche. Anastasius bemühte sich indeß, die Kosten der Unterhaltung nach Kräften zu tragen; er entwarf das Bild der schönen Lene mit brennenden 58 Farben; er wisse nicht, ob sie noch an's Heirathen denke, aber schmuck sei sie und lustig dabei, und so einfach und natürlich; sie kümmere sich gar nicht darum, ob sie viel oder wenig auf dem Leibe trage, wie die großen hoffärtigen Damen, die an nichts Anderes dächten; sie sei mit jedem Zipfelchen zufrieden; denn die Schönheit liege doch nicht in den Kleidern.

Nach einem langen Gang durch dunkle Gassen hielten sie vor einer geschwärzten Mauer, in der sich ein schmales Pförtlein befand. »Wir müssen uns hier einschleichen,« sagte Anastasius, indem er einen Schlüssel hervorzog, »denn die vordere Hauptthür ist längst verriegelt.«

Das rostige Schloß knarrte, noch mehr die alte, morsche Thüre, als sie sich in ihren Angeln bewegte. Sie traten in einen kleinen Hofraum, auf den lauter blinde oder vergitterte Fenster herabsahen. »Folgt mir Schritt auf Tritt,« sagte der Jesuitenzögling, »es sind hier überall kleine verrätherische Stufen und ich möchte um Gotteswillen nicht, daß Ihr hier ausgleitet und zu Schaden kommt.« Trotz dieser wohlwollenden Mahnung hatte der Förster zwei- bis dreimal die heimtückischen Stufen verfehlt, da er sich durchaus nicht mehr jener geistigen Klarheit erfreute, mit welcher er bei einer Waldwanderung durch jüngst 59 abgeholzte Reviere sonst die Stumpen und Wurzelstöcke gewandt zu überspringen wußte.

Sie traten in einen düstern Corridor, an dessen Wänden sie sich weiter tappten bis zu einer Thüre, welche Anastasius mit einem längst bereit gehaltenen Schlüssel aufschloß. Das Mondlicht beleuchtete ziemlich hell ein sehr unwohnliches Gemach, welches mit einem invaliden Stuhl und einem rohen Holztisch ausgeschmückt war und außerdem eine hölzerne Pritsche für den Genuß der nächtlichen Ruhe enthielt. Der Förster hielt dies Zimmer in seiner siegesgewissen Laune für einen Durchgang, der ihn endlich zu der verlockenden Schönheit mit den stumpfwinkligen Augenbrauen führen würde; doch suchte er vergebens nach einer zweiten Thüre.

»Wartet nur hier,« rief Anastasius, »ich muß doch das Mädchen auf Euren Besuch vorbereiten und zusehen, ob Alles unten geheuer ist.« Und mit dem freundlichen Grinsen, welches seine Robbenzähne in ihrer urwüchsigen Schönheit zeigte, warf er die Thür in's Schloß und überließ den Förster seinen Gedanken und den Einwirkungen des durch das Gitterfenster hereinscheinenden Mondscheins. Nicht lange harrte jener auf die Rückkehr des Genossen. Zwar trug sich dies sehnsüchtig erwartete Ereigniß nicht zu; doch auch die Erwartung fand ein rasches Ende, denn die 60 Gedanken wurden rasch zu Träumen, und die in ihrer Jugendfülle prangende Lene, in duftigen Gewändern in krystallhellem Saal den silbernen Becher kredenzend, schöner als je die Fee eines Märchens gewesen, tröstete ihren Verehrer, der auf dem morschen Stuhle eingeschlummert war. 61

 


 


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