Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Neuntes Kapitel.

Die Verhaftung.

Wie die Wahrsagerin bereits dem Pater mitgetheilt, hatte sich Mariens Befinden in letzter Zeit gebessert. Sie konnte das Krankenzimmer verlassen und im Zimmer auf- und abgehn; doch sie blieb schweigsam und in Träumereien versunken. Weder Frau Leuschner noch ihre geschwätzigen Wärterinnen vermochten ihr vertrauliche Mittheilungen abzulocken. Sie schien ängstlich jede Anknüpfung an ihre Vergangenheit zu vermeiden und, wenn sie einmal weiter leben mußte, das Leben gleichsam von vorne wieder anfangen zu wollen. Auch für Arthur, der sich durch seine thätige Fürsorge das Recht auf Geständnisse erworben hatte, blieb sie stumm und wich allen Fragen aus. Was er für sie that – sie ließ es gleichgiltig, wie ein Verhängniß, über sich ergehn, ohne Dankbarkeit zu zeigen oder auch nur zu empfinden. Dennoch 122 nahte der Zeitpunkt, wo sie selbst oder Arthur für sie einen Entschluß fassen mußte. Konnte man auch die Vergangenheit abschütteln, so blieb immer noch die Zukunft übrig, denn der Wille des Menschen kann den über ihn verhängten Bann der Zeit nicht brechen. Arthur bereitete sie auf seine bevorstehende Abreise vor, indem er nur noch das Verlobungsfest seines Freundes, des Oberamtsassessors v. Reideburg, mitzufeiern gedenke.

Marie öffnete ihre großen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke plötzlichen Antheils, während sie alle anderen Mittheilungen Arthurs mit gesenktem Blicke oder mit jenem fremdartigen Staunen hinnahm, welches die gänzliche Abwesenheit ihres Geistes von der nächsten Gegenwart anzeigte. Arthur glaubte sogar ein leises Zittern zu bemerken, von welchem sie wie von einem wiederkehrenden Fieberfroste plötzlich geschüttelt wurde. Auch ihr tiefes Auge schien in fieberhaftem Glanze zu leuchten. Ihre Augenlider zuckten in leichtem Krampfe; die langen seidenen Wimpern bewegten sich unruhig hin und her. Die seelenvolle Schönheit ihrer bleichen Züge trat in diesem Augenblicke wunderbar hervor.

Doch trotz ihrer Erregtheit faßte sie sich rasch und frug mit anscheinender Gleichgiltigkeit, wo und wann das Verlobungsfest stattfinden werde? Und als Arthur ihr 123 mittheilte, daß die Frau Stadtsyndikus beschlossen habe, es im Locatelli'schen Saale zu feiern, weil ihre eigene Wohnung ihr nicht Raum genug darbiete, und auch den Tag bezeichnete, so verhallte diese Antwort auf ihre Frage dem Anschein nach ganz spurlos, denn ihre Seele schien wieder mit anderen Dingen zu angelegentlich beschäftigt, um diesen Aeußerlichkeiten die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Nach seinem letzten Besuche bei den Domtanten, der ihm eine so schmerzliche Enttäuschung bereitet hatte, machte sich Arthur auf den Weg ins Schifferviertel, mit dem festen Entschluß, an diesem Abend Marie zu einer Erklärung über ihre Vergangenheit zu bewegen und für ihre nächste Zukunft die durchaus nöthigen Anordnungen zu treffen. Bei Frau Leuschner wollte er sie nicht länger verweilen lassen; denn der Aufenthalt in dem zweideutigen Häuschen der Wahrsagerin, in welchem ein so bunter Verkehr herrschte, schien auf die Länge ungeeignet.

Der Abend war rauh und stürmisch geworden; aus dem hin- und hertreibenden Gewölk rieselte es kalt und unheimlich nieder, und der Wind trieb die in seinem Hauch erstarrenden Regentropfen Arthur ins Gesicht. Die Glockenschläge vom Domthurm dröhnten mit längerem Nachhall durch die bewegte Luft; an den stillen Häusern der Domherren warf der Wind unbefestigte Läden hin und her; düster zog die Flut 124 der Oder an den Wällen und Thürmen des jenseitigen Ufers vorüber. Als Arthur von dem Kloster der Augustinerinnen rechts abbog, sah er in einem Seitengäßchen eine Schaar verhüllter Gestalten, aus welchen es heraus wie Waffenlärm zu ihm drang; doch er achtete nicht weiter darauf, im Drange seines Herzens, endlich über das Geschick des armen Mädchens klar zu sehen und ihm eine gesicherte Stätte zu bereiten. Ein kundiges Ohr hätte aus dem Geräusch leicht das Hin- und Herstampfen von ein paar wuchtigen Stiefeln vernommen und die unverkennbaren und unverbrennbaren des Anastasius erkannt.

In dem ärmlichen Gäßchen herrschte überhaupt eine ungewöhnliche Unruhe – man sah Lichter hier und dort durch das regnerische Dunkel leuchten und sich hin und her bewegen. Auch vor dem Häuschen selbst war es belebt, wie von Kommenden und Gehenden. Die Kienfackel der Frau Leuschner war auf der hölzernen Gallerie sichtbar und flackerte mit trübem Dunst durch den feuchtkalten Nebel. Es mußte irgend ein besonderer Vorfall diese Gegend der Sandinsel aus ihrer Ruhe aufgestört haben.

Arthur sollte nicht lange darüber in Zweifel bleiben. Die Wahrsagerin hatte ihn kaum erblickt, als sie ihm die Treppe hinunter entgegeneilte.

125 »Ich bin schuldlos daran! Sie werden sehr zürnen, Herr Junker.«

»Was ist geschehen?« frug Arthur gespannt.

»Eine Unvorsichtigkeit der Wärterinnen! Weil Marie sich wohler fühlte, glaubten sie minder achtsam sein zu dürfen, ließen sie bisweilen allein, plauderten unten mit ihren Angehörigen. O, ich hab' es vorausgesagt, ich habe sie schon vorher gescholten – es mußte so kommen.«

»Um Himmelswillen, doch kein Unglück?«

»Fort ist sie, verschwunden seit drei Stunden!«

»Marie!« rief Arthur bestürzt aus.

»Ja, Marie! Ich habe alle meine Freunde aus der Nachbarschaft aufgeboten, alle Gäßchen ringsum durchforschen lassen, vergebens. Wenn sie sich nur nicht wieder ein Leids angethan hat! In dem kleinen Köpfchen war's einmal nicht richtig, und der Krug geht einmal so lang zu Wasser, bis er bricht! Es giebt Menschen, die das Leben nicht ertragen können – als wenn's so schwer wäre, die Paar Athemzüge zu thun, zu denen man sich bei der Geburt stillschweigend verpflichtet hat. Ich hatte dem armen Kinde neulich die Karten gelegt – da standen sehr abenteuerliche Dinge darin. Die Sterne, unter denen das Mädchen geboren ist, stehen gewiß nicht fest, sondern wackeln befremdlich hin und her!«

126 Arthur verhörte die Wärterinnen; sie mußten einräumen, daß sie beide, wenn auch kurze Zeit, zugleich sich entfernt hatten. Marie habe in letzter Zeit öfters den Wunsch ausgesprochen, allein zu sein, um ungestört ihren Gedanken nachhängen zu können; ja, sie habe bisweilen den alten Prediger unten besucht, an welchem sie besonderes Wohlgefallen gefunden. Nach einem solchen Besuche sei sie heute unbemerkt durch das Gitterpförtchen entflohen.

Der Junker begab sich augenblicklich zu seinem ehrwürdigen Freunde, in der Hoffnung, dort Aufklärung über ihr plötzliches Verschwinden zu erhalten. Wohl fand er Emanuel in seinem Zimmerchen, tief in Gedanken den Kopf aufgestützt; ein vergessenes Licht brannte unheimlich mit langem trübem Dochte; doch auch der Greis, der wie aus einem träumerischen Brüten erwachte, war in Mariens Absichten nicht eingeweiht.

»Hier saß sie,« rief er voll Antheil aus, »hier auf diesem Schemelchen seit drei Abenden zu meinen Füßen; ich durfte ihr in die weit aufgeschlagenen Augen schauen, die sie zu mir emporrichtete, ich durfte ihr die dunkeln Haare streicheln, meine Hand segnend auf ihren Scheitel legen. Sie machte mich zum Vertrauten ihrer tiefsten Empfindungen und Gedanken, 127 doch ihr Schicksal mußte ich errathen, sie schwieg darüber; sie nannte keinen Namen.«

»So waret Ihr immerhin glücklicher, als wir,« entgegnete Arthur; »denn uns offenbarte sie auch nicht im Geringsten ihr inneres Leben.«

»Seltsames Menschengeschick,« fuhr der Greis fort, »wie mußte ich, als das liebliche Kind so zu meinen Füßen saß, über deine Geheimnisse nachdenken! Warum kann ein so reizendes Menschenbild nicht gleich der Blume blühen, sich selbst genug und Anderen ein stilles Entzücken? Ist ein so holdes Wesen nicht ein Meisterstück der Schöpfung, wie alles Vollendete, was in den Zonen der Erde, in den Kreisen des Himmels in ruhiger Glorie erblüht? Warum muß der rastlose Trieb des Willens und der Leidenschaft von innen heraus dies Meisterwerk zerstören? Ist's nicht genug, daß die Zeit dem Schönen keine Dauer gönnt? Das Göttliche liegt nicht im Wollen, und wenn wir auch das Gute wollen – der Augenblick allein, in welchem wir, frei von jeder Regung des Willens, das Höchste empfinden und das Vollendete anschauen, lehrt uns Gott erkennen! Doch nur wenigen Menschen ist das vergönnt, am wenigsten denen, die am meisten die ewige Offenbarung im Munde führen! Das Ewige ist nur ein Lichtblick in der Vergänglichkeit! Als ich das liebreizende Mädchen so vor mir sah, ward ich 128 tiefgerührt – nicht das Gefühl, als könnt' es meine Tochter sein, der mein väterlicher Segen auf diesen unsicheren Lebenspfaden galt, nein, die tiefe Wehmuth über die innere Zerrüttung, welche des Willens Regung und des Lebens Trieb über das schönste Werk des Lebens verhängt, füllte mein Auge mit Thränen!«

»Und welche Empfindungen sprach das arme Mädchen aus?«

»O, sie offenbarte ein reiches und tiefes Gemüth, aber wie alle tiefen Gemüther unerschütterlich festhaltend an der einen Empfindung, die sie beherrscht! »»Ihr wißt Alles, das Höchste und Tiefste,«« rief sie aus, »»nicht wahr, ewig muß die Liebe sein! Was sonst könnte ewig sein? Was wären wir, was wäre das Leben, wenn das anders wäre?«« Dabei glühte ein Feuer in ihren Augen, deren blauschwarzer Schimmer immer dunkler wurde; der Stern ihrer Augen schien sich zu vergrößern, als sie leidenschaftlich ausrief: »»Doch den Verrath an der Liebe muß man zeichnen und brandmarken und Zeugniß ablegen wider ihn vor aller Welt bis zum letzten Odemzuge.«« Ich suchte sie zu beruhigen; ich zeigte ihr, daß der Frieden der Seele das höchste Erdenglück sei, daß wir den Wunsch und die Neigung und den Schmerz bezwingen müssen, um mit geläuterter Seele über der traumhaften Wandelbarkeit unseres Geschickes zu stehen – 129 doch vergebens! Ihre Seele suchte den Frieden nicht; sie war noch berauscht vom Becher der Leidenschaft, wenn er auch längst zerschmettert zu ihren Füßen lag. Weil ihre Liebe verrathen worden, hatte sie den Tod gesucht; jetzt schien es, als wäre sie dem Leben wieder zugewendet, als wollte sie ihm noch eine Freude abtrotzen – und wär' es auch die Freude der Rache.«

»So glaubt Ihr nicht,« unterbrach Arthur den Prediger, »daß sie von hier verschwunden mit der Absicht, von Neuem den Tod zu suchen?«

»Ich glaub' es nicht! Nicht Schwermuth, nicht Verzweiflung, nicht Verzicht auf das Leben selbst prägte sich in ihren Zügen, in ihren Worten aus! Es war als wolle sie sich zu einer That zusammenraffen; ich las einen festen Entschluß in dem Feuerblick, der alles Träumerische plötzlich verloren, in den festgeschlossenen Lippen, in dem ganzen gehobenen Wesen, als sie mir die Hand zum Abschied reichte.«

»Und was können wir thun,« frug Arthur besorgt, »um sie aufzufinden, um die That zu verhindern?«

»Es ist zu spät! Sie muß ihr Geschick erfüllen, wie wir Alle hier in dieser dunkeln Welt!«

Arthur wollte sich mit dieser Anschauung vom Menschenleben nicht beruhigen, sondern noch einen, wenn auch wahrscheinlich aussichtslosen Versuch in Vorschlag bringen, als das Gespräch plötzlich durch 130 einen vor der Thüre des Häuschens erdröhnenden Waffenlärm unterbrochen wurde. Durch die vom Regen beschlagenen Fenster konnte der Junker, der Alles, was vorging, mit der Flucht des Mädchens in Zusammenhang brachte, nur eine herandringende Menschenmenge erkennen, und glaubte, Marie sei abermals aus den Wogen der Oder gerettet worden. In höchster Aufregung stürzte er durch die Thüre des Gemaches hinaus, und erblickte an dem geöffneten Gitterpförtchen ein Gesicht, das ihm hier sehr unerwartet erschien und durchaus nicht in den Gang seiner Gedanken passen wollte. Vom schwarzen Hute überschattet, blickte ihm das lauernde Auge des Paters Maurus entgegen, der, ohne den Junker sonderlich zu beachten, mit gebieterischem Tone seinem bewaffneten Gefolge zurief:

»Umstellt das Haus! Ihr hier folgt mir – er wird uns nicht entfliehn!«

Arthur, unklar darüber, ob ihm diese Drohung gelte, zog seinen Degen und rief dem Pater entgegen:

»Zurück von hier! Was wollt Ihr von mir?«

»Nicht das Geringste!« entgegnete Pater Maurus mit sanft flötendem Ton. »Habt nur die Güte, uns etwas aus dem Wege zu gehn; wir führen nur aus, was uns'res Amtes ist.«

131 »Wen sucht Ihr und was wollt Ihr in meinem Hause?« rief es nun auch oben von der Gallerie herunter, wo das rothe Gewand der Frau Leuschner durch den flackernden Schein der beiden Fackeln erhellt wurde, welche der bewaffnete Zug mit sich führte.

»Ruhig, alte Hexe!« rief der Pater mit einer Donnerstimme hinauf; »rührt Euch nicht! Sonst heb' ich das ganze Nest aus mit all' dem Zauberkram! Wo ist der Ketzer, den Ihr hier verborgen haltet?«

»Ihr werdet dem alten Manne nichts zu Leide thun,« rief Arthur, »so lang' ich's hindern kann! Ich stelle mich als Wache vor seine Thüre.«

»Schade, wenn das schöne Isabellchen um seinen Bräutigam kommen sollte,« sagte der Pater höhnisch. »Bester Junker, bei unserer Freundschaft, treten Sie zurück! Sie sind gewiß ein sehr tapferer Herr – doch wenn Sie auch so Viele von uns zum Frühstück verspeisen würden, wie der Cyklop von den Gefährten des Odysseus – für das Mittagessen würde Ihre Kraft doch nicht mehr ausreichen! Sie sehen hier nicht nur die handfesten Knechte der Burg bereit, alle Hindernisse mit derber Faust aus dem Wege zu räumen; Sie sehen auch hier die jungen Herren des Convicts, mit ihren Schlägern ausgerüstet und fähig, einen regelrechten Waffengang mit Ihnen zu versuchen. 132 Sie wollten es sich nicht nehmen lassen, einen Apostaten und Ketzer mit einzufangen.«

»Wenn dieser Mann etwas verbrochen hat, so ist er dem Arm der weltlichen Gerichtsbarkeit verfallen; aber die Väter Jesu haben kein Recht, mit gewaltthätigem Einbruche hier einzudringen,« sagte Arthur.

»Er ist ein Feind unseres Ordens,« entgegnete der Pater, »und wir üben nur eine berechtigte Selbsthilfe aus. Mit der weltlichen Gerichtsbarkeit uns abzufinden, das ist unsere Sache. So geht jetzt aus dem Wege, edler Junker! Die Meinen werden schon ungeduldig.«

Arthur machte durchaus nicht Miene, den Mahnungen des Paters zu folgen. In seiner trotzigen Erbitterung bestärkten ihn Zurufe aus der Volksmenge, die sich um den Jesuitenzug versammelt hatte. Die wackern Schiffer ermuthigten den Junker in seinem Widerstand; denn das Breslauer Volk in seiner Mehrheit haßte die Jesuiten, die sich gegen den Willen der Stadt hier eingedrängt hatten, und war weit davon entfernt, vor dem Ruhme ihrer Gelehrsamkeit den Hut zu ziehn. So machten auch die Schiffer aus ihrer feindlichen Stimmung kein Hehl und drängten sich mit drohenden Geberden an die Klosterknechte heran. Einer von ihnen erkannte in dem breitschultrigen Anastasius »den Ziegelstreicher,« der sich neulich bei ihm nach 133 dieser »Herberge« erkundigt hatte und suchte ihm durch eine geballte Faust die Mittheilung zu machen, daß er sich künftig nicht wieder »Ziegelmehl« in die Augen streuen lassen werde.

So ungleich trotz dessen der Kampf gegen die bewaffneten Schergen erschien, war Arthur doch bereit, ihn aufzunehmen. Er sah schön aus in diesem zornigen Erglühen über Unrecht und Gewaltthat, in dieser edeln Entrüstung, welche ihre Gegner nicht zählt. Sein Auge flammte; seine schlanke, kräftige Gestalt trat in der herausfordernden Stellung, gleichzeitig zur Abwehr und zum Ausfallen bereit, vortheilhaft hervor – und selbst der Pater Maurus hielt es für angemessen, vor seinem gezückten Degen einige Schritte zurückzuweichen, eh' er mit zornigem Winke den Angriff befahl. Da erschien die Gestalt des Einsiedlers an der Thüre seines Gemaches.

»Haltet ein!« rief er mit lauter Stimme; »Ihr, braver Junker, sollt meinetwegen kein Unheil erfahren! Ich bin ein Prediger des Friedens – wie sollte Blut fließen um meinetwillen? Ihr würdet Euch nutzlos opfern, Euch und eine, wie ich bestimmt glaube, schöne und reiche Zukunft – und der Uebermacht bliebe doch der Sieg.«

»Er spricht vernünftig, der Ketzer, hört auf ihn,« rief Pater Maurus, indem er gleichzeitig seinen 134 schwarzen Hut mit spöttischer Geberde lüftete. »Gott zum Gruß, Herr Apostat! Ich fühle mich schon lange aufgelegt zu einer disputatio, da es doch Niemandem unbekannt ist, daß Ihr abweichende Glaubensansichten hegt und über einige wichtige Punkte nicht nur anders denkt, als Päpste und Concil, sondern auch als Luther und Melanchthon. Es soll mich freuen, vir doctissime, wenn es Eurer Beredtsamkeit gelingt, meine schwächliche Einsicht ad absurdum zu führen. Ich habe Euch dazu ein einsam Gemach ausgesucht, wo Ihr das Rüstzeug Eurer Gelehrsamkeit ungestört putzen und in Stand setzen könnt, um mich gleich bei'm ersten Rennen aus dem Sattel zu heben.«

»Spart Euern Hohn, Pater Maurus!« entgegnete der Greis und fügte, indem er sich zu Arthur wandte, der nur unwillig seinem Wunsch gefolgt war und den Gedanken an tapfere Gegenwehr aufgegeben hatte, hinzu: »Ihr aber, lieber Junker, könnt mir mehr nützen, als mit Eurem Degen, wenn Ihr, ein Zeuge dieses Auftrittes, was Ihr gesehen, den Männern des Breslauer Rathes und des Oberamtes verkündet. Daß diese Gewaltthat nicht geheim verübt ward, ist mein Trost, und ich hoffe, daß sich die Pforten meines Kerkers bald wieder öffnen werden!« Arthur versprach es mit Wärme, indem er dem Greise die Hand reichte.

135 »Noch eine Bitte,« fuhr Emanuel fort, indem sein Auge auf Anastasius fiel, der waffenlos den Zug als Führer begleitete, »ich sehe, daß Ihr nicht nur mich, sondern auch andere ehrenwerthe Mitglieder unserer Gemeinde in Haft nehmt! Doch ich hoffe, daß Ihr Euch mit den Führern genügen laßt! Jener junge Mann ist schuldlos, ich bürge für ihn!«

Das Gesicht des Anastasius glühte von der Wonne des Triumphes; denn auf eine so glänzende Anerkennung seiner bescheidenen Verdienste war er nicht gefaßt gewesen. Sein Mund verzog sich fast krampfhaft zu seiner ganzen erschrecklichen Breite und zeigte die hauerartig hervorstehenden Robbenzähne. Er rieb sich die Hände und trat aus der Menge hervor, indem er seinen ganzen Triumph in einem spöttischen langgezogenen Vocativus zusammendrängte:

»O Emanuel, Du irrst Dich! Ich bin bei meinen guten Freunden!« Dann brach er in ein schallendes Gelächter aus und sprang mit den Unverbrennlichen aufstampfend vor Wonne hin und her.

Als Emanuel sah, daß er betrogen worden, achtete er nicht weiter auf den hohnlachenden Betrüger, sondern trat würdevoll und stolz in die Mitte der Häscher und Schergen, nachdem er der Frau Leuschner oben auf der Gallerie einen freundlichen Abschiedsgruß 136 zugewinkt hatte. Frau Leuschner war durch die Drohungen des Paters eingeschüchtert worden und brachte nach dem ereignißreichen Tage eine schlaflose Nacht zu, indem so Manches vor ihre Seele trat, was sie selbst vollbracht und was mit dem todeswürdigen Verbrechen der Zauberei eine bedenkliche Aehnlichkeit hatte.

Desto ruhiger schliefen die beiden Helden des letzten bewegten Auftrittes; Emanuel im Klosterkerker der Augustiner, indem die Thorsperre die Jesuiten genöthigt hatte, die Gastfreundschaft dieses Ordens in Anspruch zu nehmen, und Arthur bei seinem lustigen Freunde auf dem Elbing. Das ruhige Gewissen rechtfertigte den Schlaf des Predigers, während er bei Arthur durch Uebermüdung und Abspannung nach den aufregenden Ereignissen des Tages hervorgerufen war. Trug doch Hans Leopold von Schweinichen Alles dazu bei, sein Gemüth vor dem Einschlafen von den beunruhigenden Bildern der letzten Ereignisse abzulenken, indem er ihm aus der Fülle seiner Erlebnisse einige erheiternde Mittheilungen machte. Hierzu gehörte auch das Bekenntniß, daß er sich heute in ein reizendes Gesicht verliebt, das er auf der Treppe in seinem Gasthause auf dem Elbing erblickt habe; er habe noch nie ein Gesicht gesehen, das ihm wie dieses, so zart und lieblich erschienen. Ihm sei noch immer zu Muthe, als wenn er am ersten diesjährigen 137 Veilchen gerochen hätte. Er zweifle nicht, daß dies seine wahre erste Liebe sei – und was die vielen vorhergehenden betreffe, die sich einmal nicht in Abrede stellen ließen, so werde er sie alle um eine Nummer zurückstellen müssen, um dieser stillen Neigung seines Herzens den ihr einzig gebührenden Platz einzuräumen. 138

 


 


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