Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

 << zurück weiter >> 

Zweites Kapitel.

Im Schloß des wilden Grafen.

Wochen waren vergangen seit dem Schlachttage von Mollwitz; Arthur hatte mit zahlreichen Verwundeten in der Dorfschenke zu Laugwitz gelegen; sein Freund Schweinichen hatte ihn bald wieder verlassen müssen, um neue Lorbern vor den Wällen von Brieg zu pflücken. Die Pflege war nicht sorgfältig, ob auch der Freund den letzten Thaler dem Dorfschulzen und Schenkenwirth in die Hand gedrückt hatte. Doch die ärztliche Fürsorge war mangelhaft und nur hin und wieder kam der Regimentschirurg, dem die Aufsicht über die zahlreichen, in den Dörfern umherliegenden Verwundeten anvertraut war, sich nach den Kranken erkundigen. Arthurs gesunde Natur hatte das Wundfieber bald überwunden; doch lange dauerte es, ehe er am Stock durch das Zimmer zu gehen vermochte, 39 denn die Folgen des langen und schweren Drucks blieben empfindlich und nicht leicht zu verwinden.

Da kam Ordre, daß die Offiziere, wenn ihre Genesung soweit vorgeschritten wäre, der besseren Pflege halber auf die benachbarten Schlösser vertheilt werden sollten. Arthur bedurfte einer längeren Fahrt, ehe er mit seinem Burschen das Schloß erreichen konnte, welches ihm zum Aufenthaltsort angewiesen war . . . und so lustig die grüne wogende Saat auf den Feldern und der Finkenschlag im zartbelaubten Walde war und so freundlich die Maiensonne durch das Laubdach blickte: die Wald- und Feldwege und Eichendämme bereiteten dem Halbgenesenen in dem unbefederten Wagen so viele Schmerzen, daß er kaum der erwachenden Schönheit der Natur offenen und freudigen Sinn entgegenbrachte.

Wenn er indeß gehofft hatte, den frischen Odem der Natur, gemischt mit dem Blüthenduft aus den Kelchen der Blumenbeete und Baumgruppen behaglicher in einem schönen Schloßpark genießen zu können, so zeigte ihm schon der erste Anblick des Schlosses, dem er entgegenfuhr, daß diese Hoffnung getäuscht werden würde; denn das Schloß lag in einer kahlen Gegend; nur auf den Dämmen, die durch eine Niederung zu ihm führten, erhoben sich mächtige Eichen und jene stolzen, im Sonnenschein wie eine silberne 40 Flut auf- und niederwallenden Weidenbäume, welche ihre Genossen, die hohläugigen Krüppel am Rande der Bäche, so tief beschämen. Keine Baumwipfel beschatteten die rohen, gewaltigen Steinmassen, die wie zu einem cyklopischen Bau zusammengefügt waren und auf beiden Seiten von zwei ungefugen Thürmen überragt wurden; ringsum nur Scheunen und Ställe mit Strohdächern, deren Wände tiefe Risse zeigten, so daß gelegentlich ein Pferdekopf oder die gutmüthigen Augen eines Wiederkäuers durch den Spalt blickten, lehnten sich an das Hauptgebäude an. Als Arthur durch das verfallene Portal in den Wirthschaftshof eingefahren war, bemerkte er auch hier sehr naturwüchsige Zustände; die Düngerhaufen lagen unordentlich nebeneinander aufgeschüttet wie die Krater eines Vulkans nach verschiedenen Ausbrüchen; selbst die Säule des Taubenschlags lehnte halbgebrochen an einer Scheunenwand, und ein Muttergottesbild befand sich in wenig besserer Lage, obgleich die bunt schillernden Täubchen es vorzuziehen schienen, bei der Heiligen ihren Besuch zu machen und sich in dem Glaskasten, welcher längst seinen durchsichtigen Schutz verloren hatte, häuslich einzurichten. Dabei herrschte ein paradiesisches Thierleben in dem menschenleeren Hofe; außer den Tauben suchten die Hühner ihr Futter, Truthähne kollerten, ein paar wilde Fohlen sprangen munter 41 umher, und auch das Thier, welches dem verlorenen Sohne Gesellschaft leistete und welches der Junker Hans Leopold in seinem Wappen führte, wühlte grunzend in den Düngerhaufen.

Stattlich sah das gewaltige Schloß, dem die Regengüsse von Jahrzehnten die Farbe abgespült hatten, auf diesen weitgedehnten Hof und die kläglichen Wirthschaftsgebäude. Der riesige Steinhaufen bildete ein großes Rechteck; die Seitenflügel und einige Hintergebäude schlossen wiederum einen großen Hof ein, in dessen Mitte sich ein räthselhaftes, von Pallisaden umgebenes Bauwerk erhob.

Niemand erschien, um die Gäste zu begrüßen; der knarrende riesige Thorflügel war verschlossen und wurde durch unsichtbare Hände nach wiederholtem Klopfen geöffnet. Arthur trat durch denselben in einen Hausflur von so gewaltiger Ausdehnung, daß ein Erntewagen mit vier Pferden bequem in demselben umdrehen konnte. Nirgends regte sich menschliches Leben; auch war nirgends die Gelegenheit geboten, die Bewohner des Schlosses durch ein Lärmzeichen herbeizurufen. Die Thüren der unteren Räumlichkeiten waren verschlossen. Arthur stieg daher die breite steinerne Treppe hinauf, die Ordre in der Hand, und öffnete die Flügelthüren des ersten Stockes. Hier glaubte er in eine Feenwohnung zu treten und einen 42 Augenblick erschienen ihm auch draußen die herumfliegenden und herumwühlenden Thiere wie verzauberte Wesen höherer Art; denn wie wäre es möglich gewesen, daß dicht nebeneinander solche Pracht und Verödung Platz fänden? Ein Salon mit prächtigem Parquet, schönen Deckengemälden, großen Trümeaus und blitzenden Kronleuchtern eröffnete den Blick in einen zweiten und dritten von gleichem Glanz; die Wände waren theils mit Gemälden geschmückt, theils mit Pariser Rokokoschränken, deren Getäfel mit farbigen Bildern geziert war und die, hier und dort geöffnet, die reichsten Kunstschätze, Tassen von Sèvresporzellan, sauber ciselirte Becher, Tabatièren mit feinen Aquarellbildern zur Schau stellten. Der Besitzer konnte nicht weit sein, denn er hatte sich offenbar eben erst mit der Betrachtung seiner Kunstschätze beschäftigt, wie die noch offenen Schränke bewiesen. Arthur schritt durch die beiden Salons und trat in ein Cabinet, dessen Fußboden mit einem prächtigen Teppich belegt, dessen Wände mit Gobelins geziert waren und das in seiner ganzen Einrichtung einen sehr behaglichen Eindruck machte. Hier saß der Hausherr an einem Tische, vor sich ein paar größere Uhren mit mythologischen Bildern, hier mit einer vor Pan fliehenden Nymphe, dort mit den drei tanzenden Grazien geschmückt, während auf der uralten säulengetragenen 43 Monstreuhr Leda mit dem Schwane thronte. Der Besitzer war damit beschäftigt, die Zeit der drei Uhren, die ihren eigensinnigen Weg gingen, in Einklang zu bringen; er ließ eben der von Pan verfolgten Nymphe ihre Stunde schlagen; Leda mit ihrem Schwan war, wie der Zeiger bewies, schon eine halbe Stunde weiter, während die drei tanzenden Grazien ebensoviel zurückblieben. Wurde diese Zeit nicht von der Hand des Herrn geordnet, so schlug es eine Stunde lang in dem alten Schlosse Mitternacht und die Geister wußten nicht, wann sie erscheinen sollten.

Arthur hatte den »wilden Grafen« alsbald erkannt; hatte er ihn doch bei dem Verlobungsfest im Locatellischen Saale gesehen, und seine Züge gehörten zu denen, die einen unauslöschlichen Eindruck machen. Es war dasselbe Feuerauge, dieselben tiefen bläulichen Schatten unter ihm; die schlanke, hohe Gestalt trat in dem enganliegenden Jagdrock vortheilhaft hervor. Der Graf erhob sich höflich bei Arthur's Eintreten.

»Ordre Seiner Majestät des Königs« sagte dieser, indem er das amtliche Schreiben überreichte.

»Welches Königs?« frug der Graf, indem ein fast unmerkbares spöttisches Lächeln um seine Lippen spielte.

»Des Königs von Preußen,« erwiderte Arthur.

»So hängt diese Ordre wohl mit jenem Schreiben zusammen, das ich vor Kurzem erhalten,« sagte der 44 Graf, indem er einen auf einer alterthümlichen Commode liegenden Brief in die Hand nahm. »Es ist noch unerbrochen; es trug das Siegel der preußischen Generaladjutantur; ich liebe nicht die Correspondenz mit fremden Mächten und unbekannten Größen, doch da es mir die Ankunft eines werthen Gastes meldet,« fügte er höflich hinzu, »bedauere ich, es nicht erbrochen zu haben.« Er öffnete den Brief, warf einen flüchtigen Blick hinein und einen ebenso flüchtigen auf die von Arthur präsentirte Ordre; dann zog er heftig eine Klingelschnur, welche in prächtigen Stickereien die Arbeit weiblicher Hände verrieth.

»Lieutenant von Seidlitz, ein schlesischer Landsmann,« sagte er mit feinem Lächeln, »ich hätte es nicht errathen.«

»Sie meinen, wegen der preußischen Uniform?«

»In der That.«

»Nach kurzer Zeit wird ganz Schlesien keine andere kennen.«

»Ich liebe die Freiheit,« sagte der Graf, »nicht die Dressur und das strenge Regiment. In den Reichen der Königin von Ungarn war man der Herr seiner Thaten. Ich fürchte, das wird anders werden! – Doch wo bleibt der Tölpel,« fügte er hinzu, indem er so heftig an der Klingelschnur riß, daß sie mit sämmtlichen Rosen, Tulpen und guirlandengeschmückten 45 Posaunenengeln herunterfuhr und auf dem Boden schleifte.

»Ich habe hier nur geistigen Druck gesehen,« sagte Arthur, »nirgends die Freiheit.«

»Ich habe keinen Druck verspürt,« erwiderte der Graf ruhig, indem er sich damit beschäftigte, die Klingelschnur so zusammenzulegen, daß er sie wie eine Peitsche handhaben konnte. »Im Uebrigen,« fügte er hinzu, »bedauere ich aufrichtig, nicht selbst die Honneurs meines Hauses machen zu können; doch es ist bei mir so unwirthlich, ich bin so wenig darauf eingerichtet, anständigen Gästen ein Nachtquartier zu geben, daß ich Ihnen mein eigenes Schlafgemach und Wohnzimmer abtreten muß; ich selbst finde schon anderswo ein Unterkommen.«

»Um keinen Preis,« erwiderte Arthur, »dann ziehe ich es vor« –

»Bitte,« sagte der Graf spöttisch, »Ordre Seiner Majestät des Königs. Da müssen wir alle gehorchen.«

Inzwischen trat in einer etwas abgeschabten Livree ein Diener ein, mit struppigem semmelblondem Haar, einem aufgedunsenen, pockennarbigen Gesicht und ein paar wasserblauen Augen, die er verwundert auf die fremde Uniform richtete. Kaum war er indessen über die Schwelle getreten, als ihm schon die Klingelschnur des Grafen um die Ohren sauste: »Wo steckst Du 46 denn, verwetterter Taugenichts? Du sollst die Schnur fühlen, wenn Du die Klingel nicht hören kannst. Eine Flasche Rusterausbruch. Der Herr Offizier schläft oben in meinen Zimmern. Alles zurechtmachen und rasch . . . die Sonne neigt sich zum Untergang . . . und mein Pferd, die Lodoiska!«

Das Gesicht vor Zorn und Schmerz geröthet, beeilte sich der Wasserpole, der gefährlichen Nähe seines Herrn zu entgehen, von Arthur's Burschen begleitet, dem es auch bei dem jähzornigen Gutsherrn unheimlich zu Muthe ward.

Arthur saß in einem ebenfalls mit glänzenden Stickereien geschmückten Lehnsessel, während der Graf unruhig im Zimmer hin und her ging.

»Ich habe bei Mollwitz einen Vetter verloren, den ich liebte; das ging mir nahe. Er war sanfter als ich, aber er liebte wie ich die Freiheit; er wohnte in meiner Nähe. Hussah! Auf brausenden Rossen von Schloß zu Schloß, wo es Wein gab und schöne Frauen! Manches Pferd haben wir im Wettritt zu Tode geritten! Nur einmal schossen wir uns um eine entzückende Nachbarin, eine ächte Sarmatin; Feuer und zuckendes Leben von Kopf zu Fuß. Er verwundete mich leicht am Arm, meine Kugel traf ihn nicht . . . und nun muß der arme Mensch da bei einem 47 gleichgültigen Scharmützel zwischen einem König und einer Königin sein Leben verlieren.«

Das pockennarbige Factotum brachte den Ungarwein.

»Die Lodoiska,« wetterte der Graf ihm entgegen, »wo bleibt die Lodoiska?«

Er schenkte darauf seinem Gast ein, stieß mit ihm an und hieß ihn willkommen, eilte aber immer hastig hin und her, indem er in aller Eile dies oder jenes Abenteuer seines wilden Lebens wie beiläufig erzählte. Als der Diener meldete, daß Lodoiska gesattelt vor dem Thore stehe, empfahl der Graf sich seinem Gast, nochmals um Entschuldigung bittend, und Arthur konnte am Fenster sehen, wie der wilde Graf in die Bügel seines schäumenden Rosses stieg und dabei mit der Reitpeitsche einem schwarzlockigen Jüngling, der dies Ereigniß seelenlos mit anstarrte, die Mütze vom Kopfe schlug, welche der Hofinsasse respectwidrig aufbehalten hatte. Fort flog Lodoiska dem Abendroth entgegen, daß die Funken des Pflasters im Hofe stoben.

»Eine seltsame Gastfreundschaft,« dachte Arthur, als ihn der zurückkehrende Diener die Treppe hinauf in ein prächtig eingerichtetes Schlafzimmer führte, an welches auf der anderen Seite ein nicht minder behagliches Wohnzimmer stieß. Der Diener setzte zwei 48 Lichter auf den Tisch und überließ Arthur seinen Gedanken.

Es war inzwischen düster geworden; die tiefe Stille ringsum machte einen fast unheimlichen Eindruck. Arthur hatte das Gefühl, als wenn er in diesem Schlosse, dessen Besitzer eine so entschieden preußenfeindliche Gesinnung zur Schau trug, nicht ganz sicher wäre; er legte die Pistolen auf den Tisch, prüfte die Ladung und untersuchte dann die Thürschlösser. Die letzte Zimmerwand, in welcher sich keine Thür befand, war mit einem lebensgroßen, bis zum Fußboden reichenden Bilde geschmückt, welches offenbar einen Ahnherrn des Grafen in polnischer Nationaltracht zu Pferde darstellte.

Arthur ließ die Räthsel und Widersprüche dieses merkwürdigen Schlosses auf sich beruhen und ergab sich, den Blick auf den Abendstern gerichtet, der in Ermangelung einer geschmackvolleren Coulisse hinter dem Dach einer alten Scheuer träumerisch in die Höhe stieg, jenen Dämmerungsgedanken, in denen die liebsten Bilder freundlich vor der Seele zu gaukeln pflegen. Er dachte an seine Agnes, die in Sorge um sein Schicksal sein mochte, denn er hatte ihr wohl einige Zeilen geschrieben von seinem Krankenlager in Laugwitz aus, doch durfte er mit Recht bezweifeln, daß sie in ihre Hände gelangt seien.

49 Schnell verfließt die Zeit bei diesem Halbschlummer der Seele. Arthur wußte selbst nicht, als er sich im Stuhl aufrichtete, ob er wachend geträumt oder wirklich geschlafen habe. Ihm gegenüber stand der volle Mond, der inzwischen Zeit gefunden hatte, über so viele Sternbilder hinweg am Himmel emporzusteigen. Doch neben sich, hinter dem Bilde, vernahm Arthur ein eigenthümliches Geräusch; er glaubte anfangs, noch vom Schlummer trunken und befangen, sich zu täuschen, doch je mehr er hinhorchte, desto mehr überzeugte er sich, daß dies Geräusch nicht mehr seiner Traumwelt angehöre. Ein Flüstern leiser Stimmen, ein Trippeln zarter Füßchen, ein Rauschen wie von seidenen Gewändern war unverkennbar; wenn dies Geister waren, so waren es Geister von der anmuthigsten Art. Doch wie kamen sie in dies öde Schloß?

Mitten unter den flüsternden Stimmen machte sich eine Baßstimme bemerkbar, welche ihre Kraft so viel wie irgend möglich zu dämpfen suchte, nicht ohne daß bisweilen ein schlecht beherrschter Ton mit aller Macht und Tiefe hervorbrach. Den Luftgeistern leistete also auch ein Erdgeist Gesellschaft.

Bald wurde es lustiger nebenan; lebhafter rauschten die Kleider und trippelten die Füßchen; offenbar war ein Elfen- und Nixentanz im vollsten Zuge. 50 Dem Junker war zu Muthe, als wäre er in einem märchenhaften Schloß, und er erwartete jeden Augenblick, daß der zarte Finger einer Scheherezade an seine Pforte klopfen werde. Dies geschah zwar nicht, doch sollte Arthur nicht lange auf die Erklärung des räthselhaften Spuks warten. Eine Uhr nebenan schlug eine späte Abendstunde; Arthur vergaß zu zählen, und wie von geheimen Mächten bewegt, begann der polnische Schlachtschitz an der Wand lebendig zu werden; zwar nickte nicht die Feder auf dem Barett, zwar schwang er nicht den Säbel in seiner Hand; aber die ganze hohe Gestalt mit dem bäumenden Falben schob sich bei Seite. Arthur sah, daß hier das Getäfel der Wand mit dem Bilde eine maskirte Thür bildete; darum hatte er auch so deutlich das Geräusch nebenan vernommen. Aus seinem noch immer dunkeln Zimmer sah er jetzt verwundert, wie durch einen breiten hohen leeren Rahmen, in einen lampenhellen Jagdsaal, der mit Jagdgeweihen und Bildern im Zeitgeschmack geschmückt war, so daß er gerade sich gegenüber eine Diana nicht als Jägerin, sondern im Bade erblickte und einen mit dem Hirschgeweih geschmückten Aktäon. An diesen Aktäon lehnte sich ein tiefdunkles Mädchen, welches seine Herkunft von den wandernden Stämmen Indiens nicht verleugnen konnte, und begann auf einer Violine mit großer Fertigkeit Melodien zu 51 spielen, welche anfangs einen tieftraurigen Zug des Heimwehs nach den Sonnenlanden, von wo der Phönix kommt, athmeten, allmählich aber in berauschende wilde Klänge übergingen, in jene dämonischen Walzer, für deren Ausdruck gerade die Violine wie kein anderes Instrument geeignet ist, indem sich jede ihrer Saiten gleichsam in ein Sprungseil für teuflische Geisterchen verwandelt, welche von der grell kreischenden Höhe zur ebenso grell dröhnenden Tiefe springen, während in wilden Läufen die ungehemmte Glut der Leidenschaft ausstürmt.

Neben der Violinspielerin stand der Besitzer jenes ehrbaren Basses, welcher vorhin durch Roß und Reiter hindurch zu Arthur's Ohren gedrungen waren, ein sonderbares Wesen, eine uralte gebeugte Hünengestalt, mit glotzenden Augen, die silberweißen Mähnen ungekämmt auf die Schultern herabquellend, im Gürtel zwei Pistolen und einen Schlüsselbund und in der Hand eine Reitpeitsche.

Kaum hatte die Violine der Zigeunerin mit den Wirbeln des brausenden Tanzes begonnen, als zwei schlanke schöne Frauengestalten mit Castagnetten reizvoll durch den Saal dahinschwebten und dann, die Castagnetten fortwerfend, zu den Tambourins der Bacchantinnen griffen und in anmuthiger Raserei 52 dahinstürmten. Wenn sie die Tambourins hoch über sich schlugen, erinnerten sie an jene altgriechischen Karyatiden und Korbträgerinnen mit dem ganzen Reiz einer edel zurückgebogenen Haltung, welche die Formen voll und schön hervortreten läßt. Doch auch die Tambourins warfen sie fort; es begann eine Pantomime, der Bienentanz der ägyptischen Almehen. Beide geberdeten sich, als wären sie von dem bösen Insect gestochen, das sie verfolgte; der Ausdruck des Schmerzes wurde anmuthig dargestellt, ebenso die Abwehr und Flucht; dann aber war ihnen der geflügelte Feind immer näher gerückt, er hatte einen unheimlichen Versteck in ihren Kleidern gewählt. Sie suchten und suchten, leicht die Gewänder lüftend und lösend. Da ein neuer Stich des heimtückischen Feindes, der Schmerz macht sie wüthend; sie beginnen, in einer Raserei, die doch nirgends herausfordernde Anmuth verleugnet und den wilden Tacten der Musik sich kunstvoll anschmiegt, alles abzuschütteln, was sie in der Verfolgung des kleinen Feindes hemmt.

Arthur glaubte jetzt ein Schauspiel unterbrechen zu müssen, das nicht für ihn bestimmt war; er kam sich wie ein eingeschlichener Dieb vor und machte sich Vorwürfe, bis jetzt schon ruhig diese Tänze mit angesehen zu haben; doch das Ueberraschende mochte ihn entschuldigen; er wußte kaum, ob er träume oder wache, 53 und ließ alles, wie die Bilder einer Phantasmagorie an sich vorübergehen.

Doch jetzt trat er hervor durch die Rahmenthür in den Jagdsaal, wo noch zwei Schönheiten außer denen, die er im künstlerischen Wetteifer erblickt, an die bildergeschmückten Pfeiler des Saales lehnten. Der Anblick des fremden Mannes und der fremden Uniform schien diese Schönen auf einmal in Salzsäulen zu verwandeln; mit einem schrillen Klang brach der Teufelswalzer der Zigeunerin ab; die beiden Almehen rafften hastig ihre Gewänder mit einem Schrei zusammen; eine stattliche, etwas reifere Schönheit aus der Fensternische trat hervor mit einer abwehrenden Bewegung; der glotzende Alte aber wollte seinen Augen nicht trauen, die er durchbohrend auf das Gespenst richtete, das ihm da in blauer Uniform aus dem Dunkel des gräflichen Wohngemachs entgegentrat; er schwang seine Reitpeitsche und zog mit der andern Hand eine Pistole aus dem Gürtel.

»Das ist ein Mißverständniß, mes dames,« sagte Arthur, sich galant verneigend, »ich bewohne als Gast die Gemächer des Grafen, und es ist nicht meine Schuld, daß von diesem Saal aus das Bild zurückgeschoben wurde und ich Zeuge von Vergnügungen wurde, welche zu theilen ich kein Recht habe.«

54 »Gast des Grafen, schön!« brummte der Alten »Excellenz hat nichts gesagt, Excellenz sehr vergeßlich. Wohl bisweilen Gäste, doch immer mit Excellenz« –

Die jungen Schönen beschäftigten sich indeß damit, den fremden Cavalier von Kopf zu Fuß zu mustern, und der Eindruck dieser Musterung war ein so günstiger, daß die beiden Almehen es vorzogen, die Verwirrung, welche der Bienentanz verursacht hatte, nicht ganz zu beseitigen, sondern noch einige Spuren derselben übrig zu lassen, um das Auge des Fremdlings auf sich zu ziehen; die Zigeunerin aber war, die Geige in der Hand, ganz in ihre Nähe getreten und staunte den preußischen Dragonerlieutenant an, wie Preciosa ihren Ritter.

»So wenig ich ein Recht dazu habe, mes dames,« sagte Arthur, »so muß ich Ihnen doch danken für das Anmuthige und Schöne, das hier mein Ohr und mein Auge erquickt hat, und der Macht dieses Zaubers mögen Sie es zuschreiben, wenn ich nicht gleich hervortrat, ihn zu unterbrechen. Doch Sie,« fügte er hinzu, indem er sich zu dem närrisch dreinsehenden Alten wandte, »Sie sind offenbar der Intendant dieser Schauspiele; erlauben Sie mir die Frage, ob dieselben jeden Abend stattfinden?«

»Jeden Abend, wenn Excellenz zu Hause ist und nicht Contreordre giebt. Wenn die Uhr im Jagdsaal 55 neun schlägt, schiebe ich den Rahmen des Bildes zurück; Excellenz sehen zu, im Dunkeln oder bei Kerzenlicht, wie's gerade gefällt. Noch nie ist's vorgekommen, daß der gnädige Herr nicht zugegen war. Heute das erste Mal, doch ich bin unschuldig.«

»Ich bedauere sehr zu stören,« sagte Arthur.

»Weiter keine Störung,« brummte der Alte, »nur hungern müssen die Damen heute, müssen wieder herunter in's Harem, dürfen nicht länger mit fremdem Herrn zusammen sein.«

Dabei warf er einen Blick in das runde Thurmzimmer, zu dem einige Stufen aus dem Jagdsaal in die Höhe führten; dort schimmerte ein weißes Tischtuch, blinkten Flaschen und Gläser, winkten allerlei Speisen vom sauberen Porzellan.

»Das wäre die unangenehmste Störung,« sagte Arthur; »ich würde es mir nie verzeihen, wenn meinetwegen ein fröhliches Mahl zu Schanden würde. Ich ziehe mich augenblicklich wieder hinter den Reiter und sein Roß zurück und bitte, die Wandthüre so fest zuzuschieben, daß keine Macht der Erde sie öffnen kann.«

»Servatius,« sagte vortretend die stattliche Dame, »Du bist von Sinnen, wie könntest Du es vor Deinem Herrn verantworten, seinen Gast und Freund von einer Abendmahlzeit abzusperren? Es ist ja nicht das erstemal, daß Gäste sich an unserem fröhlichen Kreise 56 betheiligen. Wie lieb dem Grafen dieser Gast ist, erkennst Du ja daran, daß er ihm seine eigenen Zimmer eingeräumt hat.«

»Doch ist selbst nicht da,« brummte Servatius.

»Der Herr Offizier wird mit uns speisen,« sagte die Dame mit freundlicher Verneigung, als wenn sie die Honneurs des Hauses zu machen hätte, »ich nehm's auf mich!«

»Das war früher besserer Schutz als jetzt . . . etwas ausrangirt,« meinte Servatius für sich, »versteht indeß noch, mit den Launen des gnädigen Herrn fertig zu werden. Meinetwegen,« sagte er dann laut, indem er leise hinzufügte, »doch ich verwende kein Auge von dem Monsieur, den ich nie hier gesehen; dafür habe ich meine Reitpeitsche und meine Pistolen.«

Die Gesellschaft setzte sich an den Tisch im Thurmzimmer, das durch mehrere bunte Ampeln magisch beleuchtet war, während draußen der volle Mond am Himmel stand, öde Dächer und Felder versilberte und vergeblich einige Baumgipfel suchte, über welche er seinen traumhaften Glanz ausgießen konnte.

Die anfängliche Befangenheit wich allmählich einer heiteren Stimmung, denn sehr rasch hatten die Schönen einige Gläser Wein geleert. Servatius, der nicht mit am Tische saß, wurde nicht vergessen, und da er sich auch selbst nicht vergaß, so hatten schon 57 nach wenigen Minuten seine Augen einen schwimmenden Schimmer angenommen.

»Servatius,« sagte Arthur, den dies sonderbare Abenteuer in eine muntere Laune versetzte, »es wäre doch Deine Pflicht und Schuldigkeit, mir diese Damen vorzustellen.«

»Ich stelle mich selbst vor,« sagte die stattliche Schönheit, deren Benehmen im Ganzen einen freien Ton verrieth, »ich bin die Baronin von Zimenski. Mein seliger Mann – selig, obgleich er noch lebt, ach er war es zu oft ohne mich – hat mich mißhandelt und vernachlässigt, so daß ich mich ganz von ihm lossagte, als der Graf mir ein Asyl in seinem Schlosse anbot und die Leitung seines Hauswesens übertrug.«

»Doch es scheint mir,« sagte Arthur mit einem Blick auf den unheimlichen Cerberus, »eine Oberherrschaft zu sein, die an einige einschränkende Bedingungen gebunden ist.«

»Der Graf hat seine Launen und Grillen,« versetzte die Schöne, »wir finden uns gern darein.«

»Ich bin aus Ratibor,« sagte Arthurs Nachbarin zur Linken, welche den Eindruck eines schmucken Bürgermädchens machte; »mein Vater, der einen stattlichen Gasthof hat, wollte mich gegen meinen Willen an den Sohn des reichen Nachbars verheirathen, einen 58 widerwärtigen Gesellen; er hatte in seiner Kindheit die Blattern, sein ganzes Gesicht war zersetzt; er war ein plumper Bursche und ich liebte das Feine. Da machte ich die Bekanntschaft des Grafen, der mir seinen Schutz gegen den unwillkommenen Bräutigam versprach, und hier biete ich, wie in einer festen Burg, dem Willen meines Vaters und der Liebe des vierschrötigen Stadtbauern Trotz.«

»Und da beschützt Euch wohl der gute Servatius?« frug Arthur.

Der glotzende Alte hielt es jetzt für angemessen, sich in das Gespräch zu mischen; der Wein hatte ihm etwas die Zunge gelöst.

»Bin hier zu Schutz und Trutz, doch wenn Excellenz befiehlt. muß gehorcht werden. Sind oft eigenwillig, besonders die Künstlerinnen. Hier die zwei Damen, die so schön tanzen, sind aus der Wallachei, ein Freund von Excellenz hat sie engagirt; wir brauchten sie auch wegen des Alphabets.«

»Wegen des Alphabets?« frug Arthur verwundert.

»Ja, Excellenz hat so seine Eigenheiten; er ist Kunstfreund, hat alles schön geordnet, hält etwas auf Vollständigkeit in seinen Sammlungen. Da er seit langer Zeit ein Beschützer der verfolgten Frauen und Mädchen ist, und auch die verschiedensten Künstlerinnen bei uns ein Unterkommen fanden, so hat Excellenz 59 eine Liste, oder, wie man's nennt, einen Katalog angelegt und da hat er nun Vornamen mit allen Anfangsbuchstaben aufgenommen und steht darauf, daß keine Seite leer steht. Da hatte es nun seine Schwierigkeiten mit dem X und Y, da die hier zu Lande nicht wachsen; er war überglücklich, als diese beiden Damen aus der Wallachei engagirt wurden; nun war für X und Y gesorgt, und nun ist der Katalog vollständig.«

»Das ganze Alphabet?«

»Ist jetzt in Ordnung!«

»Nun, da wird das Buchstabiren wohl von vorn angehen,« sagte Arthur, der seinen Spott über diese türkische Wirthschaft in christlichen Landen nicht unterdrücken konnte. Er hatte wohl von ähnlichen Zuständen in der Provinz gehört, aber diese Erzählungen für Märchen gehalten, und war sehr erstaunt, als er jetzt in ein solches Märchen hineingerathen war, das sich ihm indeß als lebensvolle Wirklichkeit erwies. Er konnte sich nicht verhehlen, daß die Gesichter der weiblichen Wesen, die an seiner Seite saßen, von ausgesuchter Schönheit waren und zwar von einer Schönheit der mannigfachsten Art. Die stattliche und üppige Baronin, die älteste in dem Kreise, hatte ein fein und stolz geschnittenes Profil, und bei vollen Formen doch nicht Anmuth und Beweglichkeit verloren; das 60 Ratiborer Bürgermädchen hatte eines jener deutsch-unschuldigen Gesichter, deren Ausdruck jedes Schicksal und jede Verschuldung überlebt, das unsterblich Mädchenhafte, wie man es so bei keinen Töchtern eines andern Volkes findet. Die beiden Wallachinnen waren von schlanker, stolzer Gestalt, anmuthigen Gesichtszügen, und ihre etwas mandelförmig geschlitzten Augen hatten einen weichen und hingebenden Ausdruck; die kleine Zigeunerin aber war eine Diavolina, ein Feuerkopf mit einem wildschönen, dunklen Gesicht und zündenden Blicken.

Da plötzlich schien über den Alten eine eigenthümliche Stimmung zu kommen; er fuhr erschrocken auf, stierte dann eine Zeitlang in's Leere, musterte noch einmal den Frauenkreis und rief dann plötzlich aus: »Sie fehlt ja wieder! Und das habe ich nicht bemerkt. Und doch darf sie nicht allein bleiben; weiß Gott, was die Unsinnige im Schilde führt!« Und er gab der Zigeunerin eine seiner Pistolen, welche diese mit einem herausfordernden Blick auf Arthur nahm, indem sie sich in drohender Stellung vor dem Tisch aufpflanzte. Das Bewußtsein, die Rolle einer Wächterin zu spielen, gab ihr einen stolztrotzigen Ausdruck; sie war immer die Adjutantin des hünenhaften Ober-Inspectors und er konnte sich auf sie verlassen; denn in ihrem wilden Wesen bebte sie vor keiner 61 Gewaltthat zurück und hätte nicht gezögert, die Pistole selbst auf eine ihrer Genossinnen bei einem beabsichtigten Fluchtversuch abzufeuern. Der Alte öffnete eine fast unkenntliche Tapetenthür des Thurmzimmers, hinter welcher die Wendeltreppe hinunterführte, und begab sich, nachdem er dieselbe hinabgestiegen war, in einen unterirdischen Gang, welcher durch mehrere jetzt offenstehende Eisenthüren hindurch den anderen Theil des Schlosses mit dem sogenannten »Harem,« dem von Palissaden umgebenen Bau des inneren Schloßhofes verband.

»Was wandelte denn den Alten an?« frug Arthur seine Nachbarinnen.

»Eine unserer Freundinnen,« erwiderte die Baronin, »hat die eigenthümliche Laune, sich so viel als möglich von uns abzuschließen; sie leidet überhaupt an einer Schwermuth, welche das Schlimmste befürchten läßt.«

»Der Graf,« fügte das Bürgermädchen hinzu, »hat sie schon vor langer Zeit hierher gerettet und geflüchtet vor drohender Verfolgung; er hat sie anfangs sehr bevorzugt, ihr die schönsten Gemächer des Schlosses eingeräumt, allerdings jeden Fluchtversuch gehindert, den sie in den Augenblicken, wo ihre Seele umnachtet war, unternahm; denn sie hätte sich damit nur ins Verderben gestürzt, da sie mächtige Feinde hat; doch sie sah in solchem Schutz Zwang und 62 Gewalt, ihr Sinn wurde starrer und trotziger, und der Graf, erbittert über ihren Widerstand, wies ihr eine mit uns gemeinsame Wohnung an und befahl, sie mit besonderer Strenge zu behandeln.«

»Ist denn das Mädchen schön?« frug Arthur.

»Es wäre nicht mein Geschmack,« sagte die Baronin, mit den Achseln zuckend; »sie hat nichts Frisches und Kräftiges, sie ist wie eine Trauerweide; doch gerade das hat einen eigenthümlichen Reiz für den Grafen, der sich bisweilen einbildet, er sei selbst ein zarter Träumer und seine Seele gleiche der mondhellen silbernen Flut, zu welcher die Trauerweide ihre Zweige sehnsüchtig hinabneigt. Sie thut's aber nicht, diese Trauerweide,« fügte die Schöne mit schadenfrohem Lächeln hinzu, indem sie ein volles Glas mit einem Zuge leert.

Inzwischen hörte man die schweren Tritte des bespornten Wächters auf der Wendeltreppe; die Thüre öffnete sich, eine zarte Mädchengestalt erschien an derselben, über welche sich mit ingrimmigen Mienen das Gesicht des hochwüchsigen Alten neigte. Arthur sprang bei diesem Anblick überrascht vom Stuhl auf; er glaubte anfangs seinen Augen nicht zu trauen,. doch diese Züge hatten sich zu tief seinem Gedächtniß eingeprägt, als daß er sie vergessen konnte. 63

 


 


 << zurück weiter >>