Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Zehntes Kapitel.

Das Verlobungsfest.

Der Lokatelli'sche Saal auf der Bischofstraße war Tags darauf mit Kränzen, Bändern, städtischen Wappen, Emblemen und Fahnen stattlich herausgeputzt. Namentlich prangte die Tribüne der Musiker, die sich an dem einen Ende desselben erhob, in einem Laubschmuck, zu dem die Zimmergärten der Breslauer Patricier ihre schönsten Zierden beigesteuert hatten. Der Rathssyndikus wollte die Verlobung seiner Nichte und Pflegetochter mit dem Oberamtsassessor so feierlich wie möglich begehen, und seine Gattin war zu der Einsicht gekommen, daß ihre häuslichen Räume und Einrichtungen eine so glanzvolle Feier unmöglich machten. War doch für ihren alten Koch kein Ersatz gefunden; eine »unzuverlässige« Gänseleberpastete an so maßgebender Stelle hätte das ganze Ansehen des Rathes zu Schanden gemacht. Auch Susanne hatte 139 weder ihre Manieren, noch ihre Schönheit verbessert. So blieb nichts übrig, als sich ganz der Lokatelli'schen Wirthschaft in die Arme zu werfen, die auf den großen Zuschnitt eingerichtet war! Da aber die feineren Mitglieder des Gesindes doch auch ihren Antheil an dem Familienfeste haben wollten, indem es zu grausam gewesen wäre, ihr Gemüth, das nicht mehr bezweifelt werden konnte, nachdem es in mehrfachen Rührungen über das Glück von Fräulein Hedwig zu Tage getreten, an dem heutigen Abend leer ausgehen zu lassen: so war ihnen verstattet worden, sich in Küche und Saal in jeder Hinsicht hilfreich zu erweisen, und außerdem war ihnen neben der Musik, welche nicht die ganze Tribüne ausfüllte, ein kleines Seitenplätzchen eingeräumt worden, von wo aus sie den feierlichen Vorgang selbst mit ansehen konnten.

Der Saal hatte sich schon gefüllt, als Arthur eintrat, fast geblendet von dem Glanze dieser Versammlung, welche alle hohen Würdenträger Breslaus in sich vereinte. Sein Auge suchte zunächst die Frau Rathssyndikus, um ihr als der Festgeberin die schuldige Ehre zu erweisen. Es war nicht leicht, unter so vielen hohen und stattlichen »Reifträgerinnen« ihre wenig hervorragende Gestalt herauszufinden. Endlich gelang es dem Junker, im Schatten zweier hochaufgeschossenen Damen vom Oberamt die runde Frau zu 140 entdecken, welche heute den Kopf seltsamlich in den Nacken warf, um ihre Kugelform so viel als möglich zu verleugnen und zu jener Würde emporzustreben, welche der Frau des wichtigsten Stadtherrn besonders am heutigen Abend ziemte. Sie empfing Arthur sehr freundlich, erschien aber sichtlich zerstreut, obgleich weniger mit dem Glücke Hedwigs beschäftigt, als mit den Tassen, Flaschen und Gläsern, den Torten und Pasteten der Lokatelli'schen Küche, unter deren Fahnen sie heute den Sieg erringen sollte. Das Bräutchen selbst sah heute aus wie ein Gänseblümchen, dem man die Randblüthen abgepflückt hatte, um es mit Diamanten einzufassen. Alle bewunderten pflichtgemäß das reizende Aussehen des bräutlichen »Maßliebchens.« Doch Arthur fand, als er sich mit ihr unterhielt, daß sie weder von der Freude noch der Zaghaftigkeit einer »Braut« die geringste Spur zeigte, wenn sie es auch hochschätzte, ihren Sigismund heute als gesicherten Lebensgenossen durch zwei Ringe einzufangen. Es ließ sie ganz kalt, daß sie die Heldin dieses Abends war. Ihre Seele schien noch im Puppenzustande – und auch heute noch wollte der Falter nicht aus dem bräutlichen Schleier herausschlüpfen.

Es war für Arthur nicht ganz leicht, seinen Freund Sigismund zu sprechen, so oft er auch an ihm vorüberstreifte. Denn der Vielbeschäftigte hatte kaum Zeit 141 zu einem flüchtigen Händedruck, indem die Nothwendigkeit, hohe Vorgesetzte mit tiefem Bückling und die Männer von der Stadt mit kurzer vornehmer Verneigung zu grüßen, ihn alsbald wieder von seiner Seite riß. Sigismund gehörte zu den Naturen, welche gegenüber den einflußreichen Persönlichkeiten, von denen ihr Fortkommen abhing, nicht kriechende Ergebenheit genug an den Tag legen konnten, während sie selbst wieder alle tiefer Stehenden ihre Stellung und ihren Rang mit stolzem Selbstbewußtsein empfinden ließen. Es hat zu allen Zeiten solche ehrenwerthe Männer gegeben, denen die »Kreatur« nur nach der Staffel gilt, welche sie auf der Leiter der Wesen einnimmt. Seitdem die Theologie selbst alle Geschöpfe klassificirt und den Engeln als himmlische wirkliche Geheimwesen ersten Ranges die Erzengel übergeordnet hat, war es begreiflich, daß die Kirche und dann der Staat ihre Würdenträger in aufsteigender Linie gruppirten. Die übrige Menschheit, welche auf gar keiner »Staffel« festen Fuß gefaßt, gehörte zur großen Masse. Wer nun ganz in seinem Amte aufging, bei Tag und Nacht nur daran dachte, etwas höher zu steigen, der übertrug diese Unterschiede des Amtes auch auf das Leben. Für Sigismund erschien es als ein gleichgiltiges Spiel des Zufalls, daß außerhalb des Oberamtes noch Menschen existirten, dagegen war ein Oberamtsrath 142 oder gar der Oberamtspräsident für ihn ein Wesen höherer Art, und er wußte in tiefer Demuth die Huld zu würdigen, die ihm von so hochgestellten Gönnern zu Theil wurde.

So schwamm er am heutigen Abend in einem Strom von Glückseligkeit; denn die Beweise dieser Huld waren ihm noch nie so zahlreich zugekommen. Er vergaß darüber nicht nur das Glück, eine »pupillarisch sichere« Braut an sich zu fesseln, sondern auch die trüben Sorgen, die ihn in den letzten Tagen beschäftigt hatten, indem es ihm noch immer nicht gelungen war, eine Spur der verschwundenen Geliebten aufzufinden. Namentlich war es der Präsident, Graf Schaffgotsch, der Sigismund die Ehre erwies, sich lange auf das Freundlichste mit ihm zu unterhalten und sich seiner Braut vorstellen zu lassen. Der Graf, ein alter, sehr gutmüthiger Herr, von etwas ängstlichem und unentschlossenem Wesen, war dem Assessor wohlgewogen, da die Biegsamkeit desselben ihm nie unbequem geworden. Er liebte aber vor Allem bequeme Leute, die ihm nicht widersprachen; denn jeder Widerspruch gab ihm einen Stich ins Herz und entwaffnete augenblicklich seine gute Laune. Seiner Gesinnung nach hing er treu am Hause Oesterreich – und nichts war ihm schmerzlicher, als der Gedanke an jenen früher so wohlberufenen Ahnherrn, Hans 143 Ulrich, der, weil er in die Verschwörung Wallensteins gegen den Kaiser mit verwickelt war, in Regensburg sein Haupt auf den Block legen mußte. Doch konnte er ruhig die Geschichtswerke und Chroniken damaliger Zeit durchblättern, ohne von diesem schmerzlichen Gefühl ergriffen zu werden. Gott sei Dank, die Druckerschwärze hatte damals noch das Erröthen nicht verlernt und es herrschte so viel Tact und Zartgefühl bei den Historikern, daß sie mißliebige Ereignisse zu unterdrücken verstanden. Wo ihnen aber dieser Tact fehlte, da half eine vorsorgliche Censur, welche nichts Anstößiges duldete. Weder der Rector des vereinigten Gymnasii von Liegnitz, Herr Johannes Sinapius, hatte in seinen »schlesischen Curiositäten,« in denen er der qualificirtesten Cavaliere Ursprung, Wappen und Genealogien mittheilte, jenes traurigen Ereignisses Erwähnung gethan, indem er nur den Grafen Ulrich in Regensburg durch ein einfaches Kreuz, mit genauer Angabe des Wochentages, eines ruhigen Todes verbleichen ließ, noch hatte Friedericus Lucas in seiner vollkommenen Chronika von Ober- und Niederschlesien gewagt, an jene »anstößige« Begebenheit zu erinnern. Ja selbst Theodor Krausen, der aus unterschiedlichen sowohl gedruckten als ungedruckten Nachrichten einen genealogischen Bericht von dem uralten Geschlechte der Herren von Schaff-Gotschen zusammengetragen, war 144 über das bedenkliche Ereigniß mit Stillschweigen hinweggegangen. Und doch war Graf Hans Ulrich der glänzendste Held dieser Familie, ein entschlossener, geistvoller Mann, von welchem der etwas schlaffe Präsident hätte Muth und Thatkraft lernen können.

Arthur konnte Sigismund in einem ihn so beglückenden Gespräch nicht stören, obgleich er sich vorgenommen, ihm noch vor seiner morgenden Abreise die widerrechtliche Verhaftung des Schwenckfeldischen Predigers mitzutheilen und ihn um Recht und Gerechtigkeit für denselben zu bitten. Er bewegte sich daher einsam unter all den fremden Gesichtern, nicht ohne den Wunsch, einen Bekannten zu treffen, der ihm die gewichtigen Männer und stolzen Frauen Breslaus bezeichnet und zu allen diesen Charakterköpfen die Unterschrift gegeben hätte. Leider war sein Schlafgefährte Hans Leopold wohl zu diesem Feste eingeladen worden, doch, wie er ihm am Morgen noch erklärt hatte, außer Stande, demselben beizuwohnen, indem es ihm an einem festlichen Gewande fehle. Wie groß war Arthurs Ueberraschung, als er plötzlich seinen Freund im prächtigsten grünen Sammetrock, mit Gold, Seide und Perlen gestickt, über die Schwelle treten sah. »Man muß nie verzagen, Herzensjunge!« rief ihm Hans Leopold alsbald mit einer kräftigen Stimme entgegen, welche gegen das 145 Summen der gesellschaftlichen Abendunterhaltung majestätisch abstach, indem er dann etwas leiser hinzusetzte: »Ich glaubte schon auf die Ungarweine des Rathssyndikus verzichten zu müssen, denn hier in Breslau hab' ich keinen Bekannten, der mir aus der Klemme helfen konnte. Bei der schlechten Luft hier gedeiht nur lauter Knieholz – wo wäre hier ein Rock zu finden, der sich den Formen eines anständig ausgewachsenen Mannes anzuschmiegen vermöchte? Da muß mir der Teufel heute auf der Albrechtsstraße meinen Freund Zobeltitz in's Garn laufen lassen, einen der Wenigen, der aus dem stämmigen Kernholz Altschlesiens geschnitzt ist und der's mit meinen Schultern in Höhe und Breite aufnehmen kann. Augenblicklich erkenn' ich den Wink des Schicksals. Dieser Zobeltitz ging an meinem Horizonte auf, um mir guten Ungar für heute Abend zu verheißen. Wir umarmten uns – und der Pöbel blieb verwundert stehen, als ob sich die beiden Magdalenenthürme in die Arme fielen! Ich ging ohne Umschweife auf's Ziel los; er hatte seinen Staatsrock mit, er brauchte ihn nicht, denn er wollte heute Abend auf Abenteuer ausgehen, wie aller Landadel in Breslau, um die große Stadt zu genießen, und da ziemt Bescheidenheit! Zobeltitz errieth meinen Wunsch, alle meine Freunde haben Uebung darin! Und so siehst 146 Du mich hier, prächtig und stattlich – und durstig außerdem!«

Arthur trug dem Schlafgefährten, dessen gewaltige Gestalt in dem glänzenden Costüm allgemeines Aufsehen erregte, die Bitte vor, ihn durch seine Kenntniß von Breslaus namhaften Größen in diesen Kreisen heimisch zu machen.

»Mit Vergnügen, Herzensjunge,« entgegnete Schweinichen, »lehnen wir uns hier an diesen Pfeiler, der wohl halten wird, und lassen wir die »feine Welt« an uns vorüberziehen. Hier die zwei Damen, welche die Nasen etwas hoch tragen, sind vom »Oberamt«; sie sind ohne weiteres Interesse, ihr Ruf ist fleckenlos; Niemand hat sich die Mühe gegeben, ihnen etwas vorzureden, und so ist ihnen auch die üble Nachrede erspart worden! Hier siehst Du mein leibhaftig Ebenbild, in's Weibliche übersetzt! Wir sind für einander bestimmt und werden uns hoffentlich auf einem andern Stern zusammenfinden, da es hier auf Erden zu spät ist. Denn diese kolossale Dame ist bereits vermählt; es ist die Frau des Rathsherrn von Sebisch, eine sehr geistreiche Frau; denn, Herzensjunge, es ist ein altes Vorurtheil, daß nur die winzigen Menschlein mit den großen Nasen Geist besitzen. Ich sage Dir, bei unsereins ist alles kolossal, auch der Geist! Ei, da kommt ja auch das Fräulein von 147 Eiselsberg – da möchte ich mich gern verkriechen, doch das ist leider unmöglich! Das schnippische Ding hat mir einen Korb gegeben, ein Ungeheuer von einem Korb, das ich kaum erschleppen konnte. Doch hier diesen Herren muß ich Dich vorstellen – das graue Männlein mit dem klappernden Schleppsäbel ist der Obrist von Rampusch, der die Breslauer Stadtsoldaten commandirt, und der andere, so jugendlich keck, mit dem ungarischen Schnurrbart, das ist der Stadtmajor von Wuttgenau. Respect vor den Kriegsleuten!«

Die beiden Freunde waren bald in ein Gespräch mit den Uniformen verwickelt, das sich in's Kriegsdepartement verlor. Da die Stadt Breslau trotz ihrer Mauern und Thürme in der Geschichte eine sehr friedliche Rolle gespielt hatte, so hielten es die beiden Kriegsmänner für erforderlich, dem fremden Junker einen Begriff von ihrer eigenen Nothwendigkeit und Wichtigkeit beizubringen.

»Da ist das jus praesidii,« rief Rampusch, indem er bei jedem dritten Wort mit dem Säbel aufstampfte, »das will sagen, unsere Stadt darf nie königliche oder fremde Garnison aufnehmen. Wer so naseweises Verlangen stellt, dem zeigen wir mit unsern Kugeln aus den Wallgeschützen den Weg.«

»Und wenn königliche oder fremde Truppen unsere Stadt passiren,« ergänzte Wuttgenau, indem er 148 herausfordernd seinen Bart kräuselte, »so werden sie von unseren Soldaten und Milizen escortirt. So hat die Stadt Breslau auch im dreißigjährigen Kriege eine ruhmreiche Neutralität beobachtet.« Als Arthur dem Gespräch, um seine Zweifel in Betreff des jus praesidii nicht auszusprechen. eine andere Wendung gab und von seiner Absicht sprach, den Kronprinzen in Rheinsberg zu besuchen, da rasselte der alte Rampusch ungehalten mit seinem Säbel: »Das ist ein französischer Geck, ein Flötenbläser und Romanleser. Kein Funken von dem militärischen Geiste seines braven Vaters lebt in ihm – und wenn er den Thron besteigt, da wird die herrliche Potsdamer Garde aufgelöst werden; denn ein Zwerg kann keine Riesen brauchen!« Der Milizobrist lachte über seinen letzten glücklichen Einfall, daß er sich schüttelte und zwinkerte mit den röthlich schimmernden Augen. Er war es gewohnt seine Aeußerungen mit lebhaftem Beifall zu begleiten. Wuttgenau aber richtete sich zu straffster soldatischer Haltung empor, als er die Bemerkungen seines Chefs mit den Worten erläuterte: »Er mag ein Mann von Geist sein – immerhin! Ich widerspreche nicht der Ansicht des Oberstlieutenant – es ist nur eine Annahme! Er habe Geist – doch ein guter Soldat wird er nie werden! Der militärische Dienst und Schöngeisterei vertragen sich nicht 149 zusammen. Sacredieu – schöngeistige Makulatur ist nur gut zur Patrone für den Soldaten. Der jetzige König ist ein strammer Herr – allen Respect, wir salutiren vor ihm! Doch der künftige wird die neun Musen commandiren und exerciren, aber die Armee wird der Teufel holen!«

Mit dieser kräftigen Wendung empfahlen sich die beiden Führer der Breslauer Heerschaaren, und Schweinichen gewann Muße, seinen jungen Freund auf andere wichtige Persönlichkeiten aufmerksam zu machen.

»Der kleine Herr dort mit der feinen Spürnase ist der Herr von Sommersberg, ein sehr gelehrter Mann, der ein dickes Werk herausgegeben hat, alte Scharteken aus der Geschichte dieses Landes, aber viel langweiliger, als meines Ahnherrn Denkwürdigkeiten. Siehst Du dort den feinen beweglichen Mann mit den durchbohrenden Blicken? Wie er um die Damen herumflattert – doch er sagt ihnen keine Schmeicheleien. Er verschlingt sie nur mit Aug' und Seele, wenn sie schön sind! Das ist der »wilde Graf,« der auf seinem Gut einen Harem hat, wie der Großtürke, noch dazu mit festen Wällen und Pallisaden umschlossen; denn in der Christenheit muß man solchen Schatz mit doppelten Verlegeschlössern bewahren. Wie die Täubchen vor diesem Habicht flüchten – 150 doch das ist Alles Komödie! Es ist ein schöner Mann von der feinen slawischen Race, Feuer im Auge, dunkle Züge mit interessanten Streifschatten, ein verführerisches Lächeln – und Manche von diesen Dämchen, die sich mit dem Fächer Kühlung zuwedeln und ihn vor's Gesicht halten, aus Anstandsgefühl, aber nur um besser drüber wegschielen zu können, würde dem Ritter nicht ungern auf sein verrufenes Schloß folgen. Sieh, da schleift auch der alte Herr von Roth vorüber – der Rathspräses, das eigentliche Haupt der Stadt, während unser Syndikus nur ihre Seele ist. Der Mann ist grausam alt und schwach, wenn's auch noch bisweilen in ihm aufflammt wie bläulicher Spiritus. Er lahmt dem Grab entgegen – doch das ist gerade die Hauptsache bei dieser Stellung. Man nimmt sie an, um zu sterben und begraben zu werden. Der Rathspräses erfreut sich des prächtigsten Leichenbegängnisses in ganz Breslau! Das wäre nicht mein Fall. Was nach meinem Tode auf Erden mit mir geschieht, ist mir ganz gleichgiltig, indem ich mich in die Stimmung meines Cadavers nicht hineindenken kann; dagegen bin ich sehr gespannt auf meine Aufnahme in den jenseitigen Empfangsalons! Doch der Ehrgeiz der Menschen ist verschieden! Da war hier ein Rathsherr von Reichel, an dem die Reihe war, Präses zu werden. Niemand glaubte, daß er die 151 Wahl annehmen werde, da er nicht mehr gehen konnte und mit einem Fuße bereits im Grabe stand. Doch – Irren ist menschlich! Der Graukopf läßt sich auf seinem Krankensessel in die Rathsversammlung tragen, nimmt die Wahl an, dankt aber gleich darauf wieder ab und wird dann als Präses außer Diensten mit einem Pomp begraben, daß er vor Freude ganz außer sich gewesen sein muß, als seine Seele sich ungesehen unter das Publikum mischte.«

Arthur konnte ein Lachen über diesen absonderlichen Ehrgeiz nicht unterdrücken, während sein Freund plötzlich sehr kleinlaut wurde und den Rückzug in ein etwas dichteres Gedränge antrat. »Ich glaubte gar nicht, Herzensjunge, daß hier auch ›kleine Leute‹ sein würden, dicht an der Grenze, wo die Menschheit aufhört und der Pöbel anfängt. Da hab' ich bereits einen Kürschnermeister bemerkt, der gewiß ein sehr ehrbares Mitglied des Rathes ist, dessen Erscheinung mich aber plötzlich daran erinnert, daß ich ihm, unter uns gesagt, noch immer einen Fuchspelz zu bezahlen vergessen habe, der mir im vorigen Winter ein vortrefflicher Reisebegleiter in den schlesischen Wäldern war. Der arme Mann! Es mußten schon für mich mehr Reineke's ihren Balg hergeben, als sonst für einen frierenden Sterblichen. Ich empfinde Gewissensbisse – und da möcht' ich zusammenschrumpfen oder 152 unsichtbar werden. Und da, um mein Unglück voll zu machen, kommt gar der Steinberger auf mich zu – straf' mich Gott, ein Gläubiger, der einen ganz hervorragenden Rang unter seines Gleichen einnimmt! Doch hier heißt es aushalten und liebenswürdig sein. Guter Junge, sei auch Du recht liebenswürdig gegen mich! Denn die Seidlitze haben einen unbegrenzten Credit; diese Freundschaft hebt mich in seinen Augen.«

Ein Mann in mittleren Jahren, von angenehmem Gesichtsausdrucke und scharf beobachtenden Augen kam auf Schweinichen zu, drückte ihm freundlich die Hand und zeigte durch sein ganzes Benehmen, daß er sich nicht als Gläubiger fühle. Er ließ sich auch mit Arthur, der ihm vorgestellt worden, in ein längeres Gespräch ein und glaubte, den Herren von altem Adel gegenüber, ohne Scheu seine Ansichten über die Breslauer Patrizier aussprechen zu dürfen, obgleich er dabei seine Stimme dämpfte und sich vorsichtig nach allen Seiten umsah: »Hier sehen Sie den neubackenen Bürgeradel beisammen, in seinem ganzen Putz, Flitter und Hochmuth! Jedem Stande sein Recht, dem Adel wie dem Bürger! Doch daß unsere Stadtherren nicht Ruhe finden, bis sie den Adelsbrief in der Tasche haben und ein Rittergut besitzen: das hat das Ansehen der städtischen Aemter und die Würde unserer Kaufmannschaft untergraben. Haben sich die 153 Herren vom Rathe doch erdreistet, der Kaufmannschaft bei exemplarischer Strafe zu verbieten, in kostbaren Carossen zu fahren und ihre Diener Livreen mit goldenen und silbernen Tressen tragen zu lassen. Warum? Aller Glanz soll bei dem städtischen Briefadel sein, der sich in die Regierungskreise drängt, unersättlich nach Titeln und Auszeichnungen trachtet, während die Kaufmannschaft, der die Wiener Schnörkel fehlen, beiseite geschoben, mißachtet und selbst in ihrem Erwerb durch verkehrte Handels- und Zollgesetze gekränkt wird!«

Schweinichen hielt es für angemessen, den Anklagen Steinbergers seinen Beifall zuzunicken. Die Breslauer Kaufleute, in deren Contobüchern er eine große Rolle spielte, waren ihm im Uebrigen sehr gleichgiltig, aber einen so freundlichen Gläubiger durch ein herablassendes Lächeln zu belohnen, war doch Christenpflicht. Das Gespräch wurde indeß durch einen Tusch der Musik unterbrochen, welcher den Anfang des Balles verkündigte. Bald bewegte sich die junge und schöne Welt in einer Ecossaise, an welcher sich auch Schweinichen betheiligte, nachdem es ihm gelungen, in Frau von Sebisch eine seiner Gestalt und seinen Wünschen entsprechende Tänzerin zu finden. Sigismund eröffnete mit seinem »Maßliebchen« den Reigen – ein unscheinbares Paar, das bald im Getümmel verschwand.

154 Arthur hatte keine Dame aufgefordert, weil er mit gewohnter Gewissenhaftigkeit nicht den günstigen Augenblick versäumen wollte, mit Sigismund über die Verhaftung des Predigers zu sprechen, und dazu immer auf der Lauer stehen mußte. Er sah träumerisch auf diesen bunten Reigen, der einem in Bewegung gerathenen Tulpenflor nicht unähnlich sah. Ein Takt beherrschte die Füße und Füßchen, doch welche Musik auf Erden hätte die Köpfe und Köpfchen in Harmonie bringen können? Arthur hatte genugsam erfahren, von welchem inneren Zwiespalt, von wie vielen sich durchkreuzenden Interessen diese Gesellschaft bewegt war! Darum kam ihm das äußerliche Gleichmaß, das hier in diesem Ballsaale herrschte, wie ein bitterer Spott auf ihre innere Zerfahrenheit vor. Die über die Brust gekreuzten Arme machten den Eindruck einer steifen und heuchlerischen Demuth, während die lebhaften Schüttelbewegungen unsern Zuschauer auf den Gedanken brachten, das böse Gewissen habe der Gesellschaft diesen Tanz eingegeben; er sei der gemeinsame Versuch, Alles abzuschütteln, was schwer auf ihr lastete. Da war Nichts von heiterer Lebenslust, von fröhlichem Behagen – es waren Marionetten, die sich an den Dräthen der Convenienz hin und her bewegten! Selbst sein lustiger Freund erschien ihm wie ein Bär im Tretrad, und so schulgerecht er seine 155 Tänzerin handhabte, so machten Beide doch den Eindruck eines vorsündflutlichen Riesenpaares, das sich in diese Kreise verirrt hatte. Konnten diese »Puppen« und »Püppchen« ein menschliches Schicksal haben? Würden sie nicht am besten daran thun, sich im Mechanismus dieser Lustbarkeit bis zum Grabe zu drehen? Arthurs Gedanken schweiften weit ab von diesen Kreisen; er gedachte des bleichen Mädchens, des ehrwürdigen Predigers, der duldenden und strebenden Menschheit, die draußen vor den Thüren dieser glänzenden Gesellschaft in Noth und Elend, aber mit großen Empfindungen und Gedanken stand – und mitten im rauschenden Treiben, unter all diesen süßlächelnden oder von Lust gerötheten Gesichtern überkam ihn eine stille Rührung.

In der Pause zwischen der Ecossaise und dem Menuet gelang es ihm, sich Sigismund zu bemächtigen und ihn in eine Fensternische zu führen. »Ich bin heute Zeuge einer Gewaltthat gewesen, lieber Sigismund, welche nicht ungeahndet bleiben darf.«

Sigismund entgegnete, indem er sich den Schweiß abtrocknete und ein Glas Wein von dem herumreichenden Diener nahm: »Das ist hier nicht selten – die Gewaltthat nämlich, nicht ihre Ahndung. Das Faustrecht steht bei uns noch in Blüthe. Unsere Stadtsoldaten und die Gutsbesitzer der Nachbarschaft 156 mit ihren Reisigen liefern sich oft kleine Treffen. Vielleicht hast Du ein solches Scharmützel vor den Thoren mit angesehen?«

»Nein, ich war zugegen, wie ein Prediger der Schwenckfeld'schen Gemeinde von den Jesuiten wegen Apostasie verhaftet und in die Burg geschleppt wurde!«

»Von den Jesuiten?« frug Sigismund, indem er mit dem Weinrest die Nagelprobe machte, »nun, die wissen, was sie thun! Wie hieß der Mann?«

»Er war allgemein unter dem Namen Emanuel bekannt!«

»Emanuel! Das ist ein gefährlicher Schwärmer!« rief der Assessor aus, der sich durch eine genaue Kenntniß aller verdächtigen und verrufenen Persönlichkeiten in Schlesien auszeichnete und daher auch von seinen Vorgesetzten stets zum Nachschlagen benutzt wurde. »Emanuel – langer Bart – große blaue Augen – hochfahrendes Wesen!«

»Doch, wie dürfen es die Jesuiten wagen –«

»Er hat sie angegriffen, sie rächen sich an ihm. Im Grunde ist's doch ein geistlicher Sünder, und da haben diese Herren mehr Praxis!«

»Doch auch die geistlichen Verbrechen gehören vor das weltliche Gericht!«

»Sehr wahr – nur nehmen wir das nicht so genau. Das weltliche und geistliche Schwert sind 157 gleichzeitig zum Schutze der Menschheit gezückt. Wir greifen uns gegenseitig in die Arme. Die Väter Jesu haben sich ein gut Stück Gerichtsbarkeit angeeignet; sie sitzen in Wien an der Quelle: sie sind einflußreiche Rathgeber des Kaisers! Was sollen wir thun?«

»Für das Recht einstehn,« entgegnete Arthur!

»Ich sag' Dir, es ist den guten Burschen, die doch einmal gehangen werden, ganz gleichgiltig, ob der Strick aus geistlichem oder weltlichem Flachs gedreht ist.«

»Doch diesem Prediger bin ich Dank schuldig, lieber Sigismund! Ich bitte Dich, sich diesmal seiner anzunehmen. Du erzeigst mir damit einen Gefallen!«

»Das ist etwas anderes! Wenn sich ein honetter Mensch für solche Subjecte interessirt, da kann man auch einmal etwas Besonderes thun. In der Regel kümmert sich Niemand darum, wie und wo sie zu Grunde gehn. Doch bilde Dir nicht ein, daß das so rasch geht! Ich selbst muß die Sache, die mein Amt nichts angeht, erst an die rechte Instanz bringen. Dann wandert sie noch durch viele Fascikel von Acten hindurch; die Väter Jesu werden die Antwort auf unsere Anfrage nicht beschleunigen, und wenn Dein Schützling sich nicht einer guten Gesundheit erfreut, 158 so wird er vielleicht eher im Jenseits, als vor dem weltlichen Gericht seine Beschwerden zu Protokoll geben.«

Die Musik begann ein Menuet aufzuspielen und Sigismund eilte hastig zu seiner Tänzerin, während Arthur Muße hatte, über die eigenthümlichen Rechtsverhältnisse in diesen Landen nachzudenken. Der Tanz bewegte sich inzwischen an ihm vorüber. Die reizende Anmuth, welche das Menuet verlangte, war hier in eine steifförmliche Würde verwandelt; das Streben, vornehm zu scheinen, war diesen städtischen Kreisen zur andern Natur geworden. Jede Dame wollte es der andern an spanischer Grandezza zuvorthun, – am possirlichsten nahmen sich dabei die Backfischlein aus, die zum ersten Male in den Fluten eines Balles herumplätscherten. Die Fräulein vom Oberamt waren von ihren Müttern vor dem Spiegel darauf dressirt, auf die Fräulein vom Rath vornehm herabzusehn – und die Fräulein vom Rath fanden wieder Mädchen von würdelosen Eltern, Mädchen aus der Kaufmannschaft, denen sie ihre hohe Stellung in der Gesellschaft fühlbar machen konnten.

Als das Menuet vorüber war, wurden die Vorbereitungen zur Feier des Ereignisses, welches als der Glanzpunkt des Abends das offene Geheimniß der Gesellschaft war, getroffen. Alle Gläser wurden voll 159 geschenkt; die Tribüne der Musik füllte sich mit den dienstbaren Geistern, welche Zeugen des wichtigen Augenblickes sein sollten; die Musiker selbst stärkten sich durch einen kräftigen Zug aus der Flasche zu dem bevorstehenden »Tusch.« Der Syndikus betrat eine kleine Estrade, die in der Mitte des Saales, unter der Tribüne angebracht war; Sigismund und Hedwig standen vor ihm. Im Kreise rundum versammelte sich die Gesellschaft, die Gläser in der Hand.

Der Syndikus schüttelte zunächst mit Wärme die Hand seiner Gattin, welche es für angemessen hielt, durch einige Thränen der Rührung die Aufmerksamkeit auf das bevorstehende frohe Familienereigniß hinzulenken. Dann verkündete Gutzmar mit seiner wohltönenden und wohlbekannten Stimme die Verlobung seiner Nichte Hedwig mit dem Oberamtsassessor von Reideburg; der Assessor zog einen prachtvollen Brautring hervor, um ihn der Verlobten an den Finger zu stecken, die Musiker setzten an und bliesen bereits die Backen auf, um den Hörnern und Trompeten eine kräftige Begeisterung einzuhauchen, als ein unerwartetes Ereigniß plötzlich das wohlentworfene Programm des Festes unterbrach.

Es war nur der Klang einer Stimme, welche wie von oben herab, wie eine Stimme des Gerichtes 160 in die glänzende Versammlung drang, nicht gewaltig, nicht grell und kreischend, doch Allen verständlich, voll anmuthigen Zornes, wie der Ruf eines erzürnten Cherub. Aller Augen richteten sich nach der Tribüne, wo ein schönes bleiches Weib stand, sich weit über die Balustrade biegend. Das Gesinde war vor ihr zurückgewichen, in jener Scheu, welche der Wahnsinn und jede höchste Aufregung einflößen.

»Sigismund!« ertönte der Ruf dieser Stimme. Der Assessor erblaßte; er zog die rechte Hand, die er schon mit dem Ring erhoben hatte, zurück, trat erschreckt einige Schritte seitwärts, indem er es kaum wagte, mit unfreiem krampfhaftem Blick emporzuschielen, dem Unglaublichen, das sich gegen ihn wendete, ins Auge zu sehen. Er streckte die linke Hand, wie Hilfe flehend, nach Arthur aus, der ihm am nächsten stand. Doch der Junker bemerkte es nicht, denn auch sein Blick hing wie gebannt an der eigenthümlichen Erscheinung, die er im zweifelhaften Spiel der Lichter doch zu erkennen glaubte. »Sigismund,« rief die Stimme von Neuem, »ich habe Dein Wort und Deinen Schwur! Da darfst Dich nicht verloben ohne meinen Willen.«

»Wer ist das Mädchen?« rief der Syndikus in höchster Erregung, indem er aus dem Glase, das er mit zitternder Hand hielt, den Wein verschüttete. 161 »Wie kommt sie hier herein? Sie fordert den Hausherrn heraus, sein gutes Recht zu üben.«

Doch ein etwas unheimliches Gemurmel, das von einzelnen Gruppen der Festversammlung ausging, zeigte dem Syndikus, daß die Stimmung dem herausfordernden Ton, den er anschlug, nicht günstig war. Mit gespannter Neugierde, zum Theil auch mit warmem Antheil wandten sich die Blicke der Sprecherin auf der Ballustrade zu.

»Fürchte nichts, Sigismund; der Segen verrathener Liebe kann nicht auf dem neuen Bunde ruhen; doch ich überlasse Dich Deinem Gewissen – ich gebe Dich frei!«

Bei diesen Worten nahm die Fremde einen Ring von ihrem Finger und warf ihn auf die Estrade herab, daß er klirrend dem Bräutigam zu Füßen fiel. Scheu wich die Braut vor dem Liebespfand zurück, das ihr wie mit Geisterhand zugeschleudert wurde; dieser Ring hatte in der That einen geheimen Zauber und zog einen Kreis um sie, der sie von ihrem Glücke absperrte; sie sank halb ohnmächtig in die Arme der Tante. Die Frauen und Töchter vom Rath drängten sich näher heran, wie um Hilfe zu leisten und während den Vorgängen auf der Estrade die unruhige Theilnahme zugewendet war, achtete man nicht darauf, 162 daß ebenso geheimnißvoll, wie es erschienen, das bleiche Mädchen oben verschwunden war.

Der Syndikus, der seine Entrüstung nicht länger bemeistern konnte, wollte die Störerin des Festes durch die Rathsdiener, die an den Pforten des Saales Wache hielten, verhaften lassen. Zu spät – sie erfuhren nur, daß die Fremde auf einer in den Hof hinabführenden Seitentreppe verschwunden sei, und alle Bemühungen, ihre Spur in dem Straßenlabyrinth der alten Stadt zu verfolgen, blieben vergeblich.

Ein aufmerksamer Beobachter, der die Häupter der Gäste gezählt, würde bemerkt haben, daß fast gleichzeitig mit dem Mädchen einer der Angesehensten die Versammlung verlassen hatte, jener slawische Graf mit den dämonisch berückenden Augen, über den so seltsame Sagen von Mund zu Mund sich forterbten.

Arthur hatte in der Sprecherin der Ballustrade das Mädchen erkannt, das er selbst den Fluten der Oder entrissen und das sich später so unerwartet aus dem Hause der Frau Leuschner entfernt hatte. Sigismund suchte die wieder zum Leben erwachte Braut mit sehr eifrigen Geberden zu beschwichtigen; aber der Mehlthau war einmal auf die Blüthen des Festes gefallen; die Verlobungsfeier war unterbrochen; die Versammlung brach auf mit überstürzter Hast – 163 und noch lange bildete der Vorgang im Lokatelli'schen Saal den Gesprächsstoff für das unterhaltungsbedürftige Breslau. Der kleinen Braut, die ihr Herz an den Unwürdigen verschenkt hatte, wurde jenes wohlthuende Mitleid zu Theil, welches für die Spenderinnen stets mit einem etwas schadenfrohen Behagen verbunden ist.

Einsam aber und heimatlos war das bleiche Mädchen in die Nacht hinausgestürzt; ein neuer Kelch unerwarteter Leiden sollte ihr von der Hand eines Mannes kredenzt werden, der schon mit wilder Leidenschaft zerstörend in manches Leben eingegriffen hatte.

 


 


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