Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Viertes Kapitel.

Die Wasserfahrt.

Der See glänzte von Wimpeln und Segeln; der kronprinzliche Hof machte eine Lustfahrt nach dem Buchenhain. Zahlreiche Gäste waren geladen, auch Arthur, der inzwischen durch die Vermittelung der Tante als Gast des Hofes in dem an das Schloß angebauten Cavalierhause eine Wohnung erhalten.

Es war ein sonniger Maitag! Die Schwäne erschraken über den plötzlichen Lärm, der in ihr Reich hereinbrach, und flüchteten in ihre Nester am Ufer der Remusinsel. Die Barken und Gondeln mit den buntgeputzten Damen glichen schwimmenden Tulpenbeeten, umsomehr, als zahlreiche Fächer und Schirme gegen die Nachmittagssonne ausgespannt waren, welche mit vorzeitiger sommerlicher Glut auf dem Wasserspiegel brannte.

217 »Das ist die Remusinsel,« sagte Bielefeld zu Arthur, der mit ihm in einem Kahn saß. Frau von Morien hatte ihrem Verehrer gegenüber Platz gefunden, doch sie wandte ihm halb den Rücken zu, indem sie beschäftigt schien, die Geheimnisse der Tiefe zu ergründen und wie eine sich nach ihrer Heimat sehnende Nixe den Blick unverwandt in die friedlichen Abgründe des Sees versenkte.

Keyserling, der ohne die Dame seines Herzens in demselben Nachen saß, ergänzte Bielefelds Bemerkung mit gewohnter Gelehrsamkeit: »Rheinsberg heißt überhaupt Remusberg, mein schlesischer Freund – wir befinden uns hier auf einem klassischen Boden. Wer gute Augen hat, kann die Adler des welterobernden Rom erblicken, die hier über unseren Häuptern schweben. Niemand anders ist der Gründer dieser Colonie, als jener Remus, schulpflichtigen Angedenkens, welcher einer unverbürgten Sage nach von seinem Bruder Romulus erschlagen worden sein soll. Doch kein Todtenschauer hat seine Leiche gesehen; im Gegentheil, er ist hierher ausgewandert und hat sich in diesen hyperboräischen Landen eine Burg begründet. Ein alter, mit eingegrabenen Vogelgestalten bedeckter Stein ist hier in der Tiefe gefunden worden – und alle unsere Gelehrten, ich selbst nicht ausgenommen, sind darüber einig, daß dies die Adler sind, welche 218 Remus bei dem augurischen Wettkampf gegen seinen Bruder Romulus erblickt hat. Es beginnt also hier bei uns die neue Epoche der römischen Weltherrschaft! Die Adler des Romulus haben ihren Flug vollendet – oder vielmehr, sie haben die Kuckukseier ausgebrütet. welche das neue ›Rom‹ in ihr Nest gelegt hat. Die Adler des Remus hier sind noch jung, aber sie haben herrliche Schwungfedern, und die Welt wird von ihnen hören, wenn sie zur Sonne fliegen.«

»Bravo, Keyserling,« rief Jordan, »Sie haben selbst Talent zum römischen Auguren.«

Inzwischen glitten die Barken an der bewaldeten Insel vorüber. Frau von Morien wurde es müde, in die Flut hinab zu sehn, umsomehr als gerade jetzt einige blendende Sonnenlichter auf ihr hin- und herspielten. Sie sann auf eine andere Strafe für Bielefeld, der sein Versprechen noch immer nicht eingelöst hatte und deshalb ihrer ganzen Ungnade verfallen war. Sie suchte diese Strafe eben so grausam für den Schuldigen, wie angenehm für sich selbst zu machen. Sie begann, dem schlesischen Junker das ganze Aufgebot ihrer Liebenswürdigkeit zuzuwenden, ihn mit Blick und Wort zu umstricken und schien es ganz vergessen zu haben, daß es einen Herrn Bielefeld auf der Welt gebe, dessen Wiege zwischen der Alster und Elbe stand. Frau von Morien war so harmlos, 219 so kindlich; sie frug so lernbegierig nach schlesischen Zuständen und Verhältnissen; ihre Augen leuchteten mit so sanftem Schein, daß Bielefeld die Geliebte seines Herzens gar nicht wiedererkannte. Der »Tourbillon« hatte sich in einen Zephyr verwandelt. Eifersüchtig blickte der Kaufmannssohn auf diesen Herrn von Seidlitz, dem die seltene Verzauberung gelungen war, und ärgerlich nahm er keinen Theil an der Unterhaltung, sondern schlug mit einem Stock in's Wasser und beobachtete mit der Miene eines Naturforschers das Spiel der silbernen Tropfen. Die kokette Dame aber gefiel sich nicht blos darin, ihren Verehrer eifersüchtig zu machen; sie schien allen Ernstes auf eine Eroberung auszugehn – war doch der liebenswürdige Schlesier keine verächtliche Siegesbeute!

Die Barke landete am jenseitigen Ufer des Sees, wo bereits auf dem frischen Rasengrund ein buntes Treiben herrschte. Die kleine Vergnügungsflotte ankerte in einer tiefeinschneidenden Bucht. Lustig spielten die Wimpel und Fähnchen im Winde, während die hohen, noch nicht vollbelaubten Buchen ihren schüchternen Schatten über sie hinweg in die Flut warfen. Zahlreiche Diener und Zofen tummelten sich hin und her mit Tüchern, Mänteln, Proviant; es wurde ein lustiges Bivouakfeuer angezündet, dessen Wiederschein den sonnenhellen See fremdartig erleuchtete. Dicht 220 in der Nähe des Feuers stand der Kronprinz und die Kronprinzessin, welche Arthur zum ersten Male erblickte. Eine hohe, schlanke Gestalt mit einem Kindergesichtchen, mit aschenfarbenem, blondschimmerndem Haar, freundlich lächelnd, doch beim Lächeln unschöne Zähne zeigend, verlegen ohne Anmuth, schüchtern, wo sie vornehm sein wollte – machte sie auf den Junker, der ihr von Frau von Katsch vorgestellt wurde, einen wohl freundlichen, doch unharmonischen Eindruck. Die Natur schien selbst nicht recht über sie in's Klare gekommen zu sein. Als sie die Gestalt auf eine Heldin angelegt, setzte sie ihr ein harmloses Köpfchen auf, das mit Kinderaugen umherblickte. Wenn sie sprach, suchte sie nach Worten, nach Gedanken, – sie athmete schwer in einem Element, das ihr so fremd zu sein schien, wie dem Fische die Luft. Wie ganz anders der Kronprinz neben ihr – so sicher, selbstgewiß, ganz und groß, mit dem Flammenauge und dem beredten Wort! Sie stand neben ihm, wie ein Fragezeichen, welches das Schicksal hinter das Glück seines Lebens gesetzt hatte!

Der vordere Theil des Buchenhains war durch kiesbestreute Gänge, Rasenbänke, durch hier und dort in den Lichtungen zerstreute Mooshütten, durch kleine Cascaden eines vom Waldhügel herunterkommenden Baches in eine Art von Park verwandelt worden. Ein Theil 221 der Damen zog sich mit ihren Zofen in die Mooshütten zurück, um sich dort zu einem Maskenscherze umzukleiden, der dem prinzlichen Paare bei seinem Spaziergang durch den Wald eine kleine Ueberraschung bereiten sollte.

Das lebhafte, bunte Treiben versetzte Arthur, wie dies oft bei jugendlichen Gemüthern der Fall ist, in eine wehmüthige Stimmung. Ihn trieb es, sich aus dem Getümmel zurückzuziehen und einsamen Erinnerungen nachzuhängen. Er setzte sich unter eine Eiche, welche wie ein Vorposten des Buchenwaldes am Ufer des Sees Wache hielt und einen knorrigen Ast als weit hervorragendes Schirmdach über den Wasserspiegel hinausstreckte. Ein Flötenconcert tönte vom Rasenplan herüber – der Kronprinz und Meister Quanz erweckten das Echo des Waldes mit seelenvollen Klängen. Alles war still geworden – nur durch die Buchen ging ein begleitendes Rauschen, und der Mittagwind des Maitages blätterte leise in den Wogen des Sees hin und her.

Isabella trat vor Arthurs Seele, kalt und stolz mit der hohen, edeln Gestalt. Er gedachte des Tages, wo sie so freundlich und warm ihn angeschaut und so frohe Hoffnungen in ihm erweckt hatte, nur um sie den Tag darauf wieder schonungslos zu begraben. Doch warum machte keine der vielen Frauen und 222 Fräulein des Rheinsberger Hofes einen Eindruck auf sein Gemüth, der das fromme Domfräulein in Schatten gestellt? Dann aber fühlte er wieder, welche große Kluft ihn von seiner Schönheit trenne! Welch ein finsterer Geist in jenem Hause der Domfräulein umging und auch Isabella beherrschte, war ihm hier erst klar geworden, wo im freien Genuß von Natur und Kunst, in schöner kühner Entfaltung des Geistes das Leben erst höheren Werth erhielt. Hier fühlte er sich wohl und heimisch, hier schlossen sich Geist und Gemüth auf; das Wachsthum seines inneren Menschen glaubte er von Tag zu Tag zu bemerken. Der Gegenwart gehörten die freien Spiele des Witzes und der Laune; den Idealen der Zukunft war ein ernster Sinn zugewendet, welcher gleichzeitig zum Höchsten und Tiefsten in Natur und Geschichte den Schlüssel suchte.

Isabella erschien ihm wie die Hohepriesterin eines düsteren, der Welt entsagenden Cultus, im Weihrauchgewölk, unter den Heiligen und Thierbildern des kerkerähnlichen Hauses. Hier war das Reich der Schönheit und Freiheit – doch noch fehlte die Priesterin, welche in gleich bezaubernder Gestalt seine Offenbarungen ihm verkündet hätte.

Der innere Zwiespalt trieb ihn empor aus sinnender Ruhe; er wanderte auf einem Rasensteg in den Buchentempel. Ernst und gewaltig ragten die silberfarbenen 223 Stämme empor. Nirgend sah er im kräftigen Buchenhain einen müßigen Putz; kein Moos tapezirte die Stämme aus, keine Frühlingsblumen, keine Anemonen und Veilchen schmückten den thaufeuchten Grund. Durch die Säulen der Waldhalle blitzte dem Umschauenden das flutende Silber des Sees entgegen. Er folgte blindlings dem Pfad hügelauf, hügelab – doch zeigte ihm ein Durchblick auf die Flamme des Ufers, daß er nicht tiefer in den Wald hineingeführt worden, sondern sich nur in einer Kreisschwingung auf seiner Uferseite herumbewegt habe. Er betrat eine kleine Lichtung, auf welcher sich eine Mooshütte befand und war nicht wenig überrascht, als er, angelehnt an die Stämme zweier Buchen, die majestätisch emporragend, mit den sich begegnenden Aesten eine Art von Thorwölbung über dem Kiespfad bildeten, zwei anmuthige Frauengestalten erblickte, in reizendem phantastischem Costüm, den Eichen- und Buchenkranz um die Stirn geschlungen, die leichten Florkleider von grünem Gezweig umrankt. Als er näher trat, erkannte er Frau von Morien und Frau von Brandt, welche hier als Dryaden dem prinzlichen Paare einen poetischen Gruß zurufen sollten.

Mit schallendem Gelächter begrüßte Frau von Morien den einsamen Pilgrim, während Frau von Brandt es für gerathen hielt, schamhaft die Augen 224 niederzuschlagen, wie es sich für eine anständige Dryade ziemte, welche in Waldeseinsamkeit von einem umherschweifenden Gotte oder Menschen überrascht wird.

»Ei, ei, Sie machen wohl die Runde, Baron,« rief der Tourbillon, »um die Postenkette zu revidiren! Sie sind der wahre Don Juan – Schlesien kann stolz auf Sie sein! Statt im Gefolge des Prinzen sich von uns poetisch anreden zu lassen, ziehn Sie es vor, uns hier selbst in Waldesschatten eine dichterische Anrede zu halten. Nicht wahr, Sie räuspern sich schon, um als Apollo in die Saiten zu greifen und unsere waldgrüne Schönheit zu feiern? Was wollen Sie hier? Wollen Sie uns souffliren oder aus dem Context bringen? Ich strecke Ihnen diesen Baumzweig zur Abwehr entgegen! Wir sind harmlose Waldnymphen und gehorchen nur der Flöte unseres großen Gottes Pan – nicht wahr, Frau von Brandt? Niemand hat das Recht, in unser Reich einzudringen, um so weniger, als unsere Toilette nur auf einen theatralischen Eindruck, auf augenblickliche Ueberraschung berechnet ist und keine längere Prüfung verträgt!«

Frau von Brandt war bei der Anspielung auf den flötenspielenden Gott erröthet und raschelte mit dem Laubwerk, das sie dichter um ihr Florgewand hüllte. Doch warf sie dem schlesischen Junker unter dem Eichenkranz hervor einen jener langen, 225 vielsagenden Blicke zu, welche mit den Blicken eines zu Tode getroffenen Rehes eine schmerzliche Aehnlichkeit haben oder mit dem Blicke einer seufzenden Dryade, welche aus einem den Fall drohenden Stamm heraus um Hilfe ruft. Arthur gerieth in Verlegenheit; es war ihm unangenehm, daß die kecke Frau von Morien fast ein Recht hatte, ihn für einen Don Juan zu halten. Er entschuldigte sich ziemlich ungeschickt und entfernte sich mit einem förmlichen Gruße, während Frau von Morien lachend mit hocherhobenem Buchenzweige ihm noch ein Bruchstück des Gedichtes declamirend nachrief, das für den Gott Pan und sein Gefolge bestimmt war.

Trotz seiner beschleunigten Schritte gelang es dem Junker doch nicht, so rasch dem Zauberkreis dieser Waldfeen zu entgehn. In der That schien der ganze Wald mythologisch verzaubert. Als Arthur sich dem Bache näherte, der hier einen künstlich vergrößerten Wasserfall bildete, sah er auf einem Felsen neben demselben ein meergrünes Kleid schimmern, welches ohne Frage der Nymphe des Wasserfalls gehörte! In der That erblickte der Junker alsbald diese Nymphe selbst und blieb betroffen stehen, betroffen von der Schönheit der Gestalt und der Züge, und erstaunt, daß er diese liebreizende Erscheinung noch nie vorher im Schlosse zu Rheinsberg gesehen.

226 Das gelöste dunkle Haar wallte üppig auf die Schultern hernieder, nur mit einem hellgrünen Schilfkranze geschmückt. Unter den harmonisch geschwungenen Brauen blickten ein paar große tiefblaue Augen hervor, dunkel flammend, voll Seele und Leben – wunderbare Leuchten des Angesichts! Ein liebliches Lächeln spielte um den Rosenmund und die vollen, doch anmuthigen Lippen, und verfing sich gleichsam in den Grübchen im Kinn und in den Wangen. Wie edel und schlank erschien die Gestalt, als die Nymphe sich nun aufrichtete, um nach der unwillkommenen Störung zu spähen!

Arthur stand wie von einem Zauber gefesselt! Isabellens Bild tauchte wieder auf vor seiner Seele, doch nur, um vor der gleich hohen, aber mit so innigem Reiz anziehenden Gestalt der geheimnißvollen Fee zu verschwinden.

»Entschuldige, schöne Nymphe,« sprach der Junker, der nicht länger stumm ihr gegenüberstehen konnte, »daß ich deine Waldeinsamkeit störe, doch ich bin ein verirrter Wanderer –«

»Willkommen, Fremdling, in meinen Reichen!« entgegnete die Schöne mit unbefangenem Lächeln. »Ich bin die Nymphe des Wasserfalls – mir gehorcht diese schäumende Flut, die hier über die Felsen sickert! Ich weiß, es ist kein Rheinfall und kein Niagara, 227 über den ich gebiete – nein, nur ein bescheidener Sohn des märkischen Sandes, dessen bescheidene Tochter ich bin. Was ich sonst zu sagen habe, darf ich noch nicht ausplaudern; denn Herr Jordan hat es in französische Verse gebracht, und es gelang mir noch nicht, sie meinem Gedächtniß vollkommen einzuprägen!«

Bei diesen Worten zog sie ein Papierblatt hervor und vertiefte sich in die Lectüre, ohne Arthurs Gegenwart zu beachten. Desto aufmerksamer betrachtete der Junker die anmuthige Erscheinung, immer erstaunter, daß ein solches Kleinod in Rheinsberg so lange seinen Augen entgehen konnte.

»Herr Jordan dichtet recht niedliche Madrigale,« fuhr die Nymphe unbefangen und nur um die Sache bekümmert, sich zu unterhalten fort, »doch ich hätte für Preußens Thronerben eine passendere Anrede gewünscht. O, wär' es mir nur überlassen worden, ich hätte ihm in ehrlichem Deutsch gesagt, was eine Nymphe des Wasserfalls für den großen Genius unseres Vaterlandes empfindet; ich hätt' ihm prophezeit, daß seine Bahn sein wird, wie der Weg dieser schäumenden Flut, voll von Hindernissen und Untiefen, doch daß gleich dem Regenbogen über dem Donnersturz, seines Ruhmes Glanz darüberschweben, daß er dann nach einem Fall, der das Weltecho weckt, Segen über die Fluren verbreiten werde. Ich hätt' ihn begrüßt 228 als Sendboten der Adler, aus deren Heimat auch die Wasserfälle kommen und die auch seines Geistes Heimat ist! Ich meine nicht dies Wasserfällchen en miniature – fügte sie schalkhaft hinzu – »ich spreche im Namen der hohen Alpencascaden, denn alle Wasserfälle der Welt gehören in mein Reich!«

Kaum hatte die schöne Nymphe, hoch auf dem Felsen stehend, mit prophetischer Haltung diesen freien Erguß beendet, welchem Arthur wie mit stillem Entzücken lauschte, weil er nie von den Lippen einer Frau Worte voll so schwunghafter Begeisterung gehört – als sich plötzlich ein fernes Geräusch und näher kommende Schritte auf dem knisternden Kies des Ganges hören ließen. Es war kein Zweifel, das kronprinzliche Paar hatte den Rundgang angetreten und nahte mit seinem Gefolge dem Wasserfall. Jetzt erst überkam die meergrüne Waldfee und den Pilger das Gefühl des Auffälligen und Bedenklichen ihrer Lage. Arthur war gleichsam von den Fahnen des Hofhaltes desertirt – und wie konnte er sich rechtfertigen, wenn er hier im Zwiegespräch mit der reizenden Nixe getroffen wurde? In der That, er hätte ihren Ruf gefährdet, und so frei der Ton in Rheinsberg war, man suchte doch stets den Schein zu wahren.

Aehnliche Gedanken trübten auch plötzlich den Seelenfrieden der Schönen, die bisher, dem fröhlichen 229 Spiel des Maskenscherzes und ihrer Begeisterung hingegeben, gar nicht daran gedacht hatte, welche Schlangen in diesem Arkadien lauerten. Ein Blick auf den Fremdling zeigte ihr auf einmal, in welche Gefahr sie sich gestürzt; denn sie sah jetzt erst, daß er zu jung und schön war für ein harmloses Zwiegespräch in der Einsamkeit des Waldes; sie fühlte jetzt erst, daß die entfesselten Haare, die leichten meergrünen Gewande ihre Reize in allzu verlockender Freiheit zeigten. Die Röthe der Scham bedeckte fast purpurn ihre Wangen; doch siegte bald die Angst und des Augenblickes Gebot; es galt einen Mitschuldigen zu erretten.

Der Junker konnte nicht zurückfliehen; denn dann fiel er in die Hände der koketten Dryaden, die ihn mit Hohngelächter begrüßt hätten. Die lichten Buchenhallen boten nach beiden Seiten hin keinen Versteck – es blieb nichts übrig, als daß er sich hinter dem höchsten Felsen des Wasserfalles verbarg, auf welchem die Sprecherin stand. Sie forderte ihn selbst dazu auf, schüchtern, mit zitternder Stimme – und Arthur verkroch sich hinter dem Gestein, wie ein überraschter Liebhaber. Es war hier eine kleine Höhle in der künstlich zusammengehäuften Burg von Stein, in welcher der Junker eine sichere Zuflucht fand. In der That war es die höchste Zeit gewesen; denn der 230 Kronprinz und die Kronprinzessin wurden in demselben Augenblicke an der nächsten Wendung des Weges sichtbar. Die Nixe faßte sich ein Herz, strich sich verlegen die schönen dunkeln Haare aus dem Gesicht und deklamirte dann mit vieler Anmuth die Jordanschen Verse.

»Bravo,« rief Friedrich, »ich danke dir, schöne Waldfee, und wünschte dir nur einen besseren Wasserfall! Du selbst und deine Verse würden dem herrlichsten keine Schande machen.«

»Allerliebst, allerliebst,« flüsterte mit freundlichem Kopfnicken Elisabeth, und das Gefolge des Hofes sprach sein Entzücken in den verschiedensten französischen Phrasen aus, die es wie Blumen der Sprecherin zu Füßen streute. Auch manches kecke Wort, wie es die Maskenfreiheit zu verstatten schien, wurde herübergerufen.

»Charmant,« rief Keyserling, »ich möchte ein Stromgott sein, mir auch meinen Schilfkranz in's Haar flechten und mich mit meiner Urne neben diese reizende Wassergöttin setzen.«

»Exquisit, vortrefflich arrangirt,« bemerkte der dicke Intendant von Knobelsdorf im Vorübergehen, »sie hat viel Plastik; man könnte sie in Stein hauen und in dieser Stellung auf die Attika des Schlosses setzen.«

231 Nur Bielefeld ging kalt und mit einem gewissen Gefühle von Neid vorüber; denn er wußte, daß Frau von Morien einen Dryadengruß vorbereitet hatte, und war auf diese vorweggenommenen Lorbern eifersüchtig.

Die Schritte der Vorübergehenden waren auf dem knisternden Kies verhallt – der Junker kroch aus dem Felsenkerker hervor, indem er sich vorsichtig nach allen Seiten umschaute. Dann trat er zur schönen Hofdame, die ihm mit eigenthümlicher Erregung entgegenkam.

Sie reichte ihm die Hand, die er innig küßte.

»Jetzt eilen Sie zum See hin, und so rasch wie möglich, während ich mich in meine Moosbude zurückziehe. Und Sie schweigen, nicht wahr? Das kleine Abenteuer bleibt ein Geheimniß?«

»Ein Geheimniß, ich gelobe es Ihnen,« betheuerte Arthur mit vieler Wärme und sah voll Antheil der edeln Gestalt nach, als sie durch die lichten Hallen des Waldes dahinschritt.

Der Junker kehrte an das Ufer zurück und nahm seinen alten Sitz unter der überschattenden Eiche wieder ein. Der Windhauch kräuselte den sonnenhellen See wie früher, die Flamme warf ihren Wiederschein in die Flut; doch er selbst war nicht mehr 232 derselbe. Seine Gedanken träumten sich nicht mehr in die Vergangenheit zurück; er sah nur das Bild der Schönen vor sich, mit der er ein kleines Geheimniß theilte, ohne ihren Namen zu kennen. Doch sein Herz klopfte, seine Pulse schlugen unruhig. Das landschaftliche Bild konnte seine Seele nicht fesseln – ihn verzehrte eine innere Ungeduld. Wo war sie jetzt? Wer war sie? Wohnte sie, blieb sie in Rheinsberg? So begeistert, gedankenvoll und harmlos kindlich zugleich, so bezaubernd schön war ihm noch kein sterblich Weib erschienen. Kamen noch immer die Waldgänger nicht zurück, daß er fragen konnte? Wie langweilig diese silberne Fläche des Sees – wie anmuthig klang noch das Plaudern des kleinen Wasserfalls in seinen Ohren! Immer wandte er den Blick nach dem Wiesenplan, doch nur Kammerdiener und Zofen tummelten sich um das lustig flackernde Feuer.

Endlich – ein Tusch begrüßte das zurückkehrende Fürstenpaar mit seinem Gefolge; doch noch blieben die sich umkleidenden Damen in den Mooshütten. Die Abenddämmerung sank hernieder; die scheidende Sonne tauchte drüben das Rheinsberger Schloß in glühende Lichter und warf blutrothe Streifen in den dämmernden See. Ueber dem Buchenhain stieg der Vollmond empor; ein Stern nach dem andern entzündete sich in dem wachsenden Dunkel.

233 Es begann ein froher, ländlicher Tanz auf der Wiese! Der Junker suchte vergebens unter den fröhlichen Paaren die Nymphe des Wasserfalles. Fast schien sie ihm eine Traumerscheinung zu sein, deren Spur auf der Erde verschwunden war. Unter den ländlichen Strohhüten im bunten Treiben war es ihm unmöglich, die lieben Züge wiederzuerkennen.

Die Rückfahrt über den mondhellen See, durch den blüthenduftenden Maienabend, unter abwechselndem Klange der Flöten und der schmetternden Musik des Ruppiner Musikcorps glich einer Traumfahrt. Heiter erscholl das Gelächter der lustigen Hofdamen, der Frau von Morien und ihrer Freundinnen.

»Wer war die Nymphe des Wasserfalls?« frug Arthur den beweglichen Keyserling, der indeß an diesem Abend schweigend und mißvergnügt über den Rand des Nachens in die Flut starrte.

»Die Nymphe des Wasserfalls? Ei da fällt mir ein, daß Sie ja gar nicht zugegen waren, als sie die Schleusen ihrer Beredtsamkeit aufzog und ihre Versecscaden losplätschern ließ.«

»Sie haben mich nur nicht bemerkt, allzusehr gefesselt von dieser Schönheit,« erwiderte Arthur verlegen.

»Nun, häßlich ist sie gerade nicht, obgleich ich diese gemischten Schönheiten nicht liebe, die mit den Augen 234 in's blonde Genre und mit den Haaren in's brünette gehören. Ich liebe die consequenten Blondinen, an denen Alles blond ist von Kopf zu Fuß, Teint, Augen, Haare, Alles sonnenhell, durchlichtet, aus einem Geiste; auch die incarnirten Brünetten, denen die rabenschwarze Seele aus allen Poren guckt. Doch wo die Natur so kokett ist, daß sie's mit keiner Farbe verderben will – da bin ich renonce. Das meergrüne Fräulein ist übrigens nur zum Besuche hier; es ist Agnes von Walmoden, die Schwester der langen Hofdame unserer Kronprinzessin!«

Agnes von Walmoden – Arthur wagte nicht weiter zu fragen, da ihn seine erste Frage fast schon verrathen hätte. Doch prägte er sich den Namen so tief ein, wie die lieben Züge des anmuthigen Geschöpfes. Und als die Barken im Garten von Rheinsberg gelandet waren, da wollte es der günstige Zufall, daß er noch einmal im Gedränge der Aussteigenden dem schönen Mädchen begegnete. Hell schien ihr der Mond in's freundliche Gesicht – sie legte, unbemerkt von den Anderen, den Finger an den Mund und wünschte dann ihrem Schützling herzlich eine gute Nacht!

Lange noch ging Arthur in dem Garten umher, berauscht von Mondschein, Nachtigallensang und dem 235 Duft der Pfingstblüthen, welche das Grün der Obstbäume wie unter einem Schneefall und Blutregen verschütteten, und suchte vergeblich im Schlosse das Fenster, hinter welchem das tiefblaue Auge der holden Agnes dem sternenhellen Abendhimmel den letzten Gruß zusendete. 236

 


 


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