Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Achtes Kapitel.

Baudenidylle.

Ich hatte mir eine keine Baarschaft gesammelt und beschloß, mich zunächst zu einem Manne zu begeben, dessen Name von den Unsrigen viel genannt wurde; es war dies der fromme Zinzendorf, der die Mährischen Brüder zu sich in die Oberlausitz eingeladen und auf seinem Gute angesiedelt hatte. Er war bestrebt, auf neuen Grundlagen eine freie Gemeinde zu gründen, ein liebenswürdiger Herr, der mich freundlich empfing, doch diese Lammfrömmigkeit, wie am blauen Bande geführt von einem gottseligen Hirten, lag nicht in meiner Art. Wohl aber traf ich bei Zinzendorf einen jungen Theologen von düsterer Energie, tiefsinnig und dabei von Haß entbrannt gegen den kirchlichen Zwang, der die Seelen knechtet, sei es hüben, sei es drüben, in beiden Kirchen; er machte einen tiefen Eindruck auf mich und hat seit 143 jener Zeit Schriften in die Welt gesandt, in denen seine »Begierde nach der lautern Milch der Wahrheit« glühenden Ausdruck fand. Sein Name war Edelmann.

Doch zum Erwerb genöthigt, von Sehnsucht nach den heimatlichen Bergen ergriffen, kehrte ich wieder nach Schlesien zurück und siedelte mich als Kräutersammler an hoch oben in der Hampelbaude, an den Felsrändern des kleinen Teiches, wo die seltsamen Pflanzen der Knieholzregion an den kahlen Hängen, und weiter thalabwärts in den Wäldern die mannigfachsten Moose, Stauden und Blumen wuchsen.

Es war die schönste Zeit meines Lebens und mit Wehmuth verweilt meine Seele bei den Erinnerungen an das Glück jener Tage. Im Duft der Frühe zog ich aus, wenn alles still war und nur die Glöckchen der weidenden Heerden und der klirrende Milcheimer durch den Dämmer des Morgens erklangen, und oft kehrte ich spät Abends zurück, wenn die Berge so klein wurden gegenüber dem hohen Himmel und seinen Gestirnen.

Da saß ich oft auf einem Felsen vor den merkwürdigen Denksteinen, welche die Umwälzungen der Urzeit auf dem Kamm der Berge zurückgelassen hatten, und der Blick schweifte weit hinab in das schöne Schlesierland, dessen Fluren sich ausbreiteten wie ein 144 buntes Schachbrett mit den wechselnden Feldern und Wäldern und sich schmückten mit den Dörfern und Städten und dessen Dörfer und Städte sich schmückten mit den blanken Kirchthürmen. Wie ragten sie so andächtig und sehnsüchtig empor, wenn man unten vor den Portalen der Kirchen stand, und wie weit erschien noch der Weg von ihnen zum Himmel, wenn man von hier oben auf sie herabsah! Und im Sonnenstrahl funkelten ihre Thurmdächer gegeneinander wie gezückte Schwerter und ihre Wetterhähne schienen sich kampflustig zu sträuben, hier die protestantischen, dort die katholischen, und im Schatten der hohen Kirchendächer sah ich sie aufeinanderplatzen, die feindlichen Geister: Verwirrung, Haß, Kampf um des Glaubens willen! Jeder hatte einen anderen Himmel, und jeder verpfuschte sich seinen Himmel durch grimmen Zwiespalt. Hier oben aber – welch ein Hauch des Friedens! Welche Stille und Heiligkeit der Natur! Ihres lieblichen Zaubers war sie hier entkleidet, allein in der erhabenen Einsamkeit dieser Felsöde sah man wie in großen Umrissen ihre Schöpfungsgedanken hingezeichnet, die drunten die rauschenden Wälder und stäubenden Wasserfälle verschatteten.

In den Einöden wohnten die Einsiedler, die sich in Gott versenkten; aus den Felswüsten sind die Erlöser hervorgegangen! Hier schöpfen sie aus der 145 eigenen Brust die umgestaltende Kraft, hier wo alles Menschenwerk ihnen fremd war. Da regte sich auch in mir etwas von jenem Geist, der die Menschheit veredeln will; es war ein Anhauch des Göttlichen, aber meine Kraft war zu schwach, diesem Gefühl eine geistige Gestalt zu geben. Doch das sagte ich mir oft: wir müssen lernen, von vorne zu denken; nichts darf gelten, und wenn es Jahrtausende galt, als was sich bewährt vor unserem eigenen Fühlen und Denken! Sie bauen Stein auf Stein, und doch ist's nur ein Babelsthurmbau, dies Menschenwerk der Jahrhunderte; unfertig sucht es den Himmel und keiner der Werkleute versteht den anderen! Greife Jeder in die eigene Brust! Und über mich kam es wie eine Ahnung: diese Welt wird einmal in ihren Grundfesten erschüttert werden; ein geistiges Erdbeben wird alles zusammenschütteln und ein neues Leben der Menschheit aus den Trümmern erstehen.

Lange blieb ich nicht allein in dieser Einsamkeit der Felsöde, ich fand die Gefährtin. Oft wenn ich müde von einer Bergwanderung in die Baude zurückkam, erquickten mich Harfenspiel und Gesang eines böhmischen Mädchens, welches den wandernden Sommergästen Zerstreuung bot. Sie war herübergekommen von Gitschin und blieb den Sommer über 146 in der Baude. Es war ein Kind aus deutschböhmischem Mischblut, diese schwarze Minka, und sie hatte auf den ersten Blick etwas Zigeunerhaftes. Wer sie flüchtig ansah, war nicht von ihrer Schönheit bestochen. Düster war ihr Wesen, wie der Blick vom Kamme ins Böhmerland, wo drüben die steilen Berge mit den unheimlichen Teufelsschluchten ragen. Dort mußte die Heimat des schwarzen Kindes sein. Tiefdunkle Brauen wölbten sich in großen Bogen über zwei merkwürdigen Augen; sie waren in der Regel wie träumerisch halbgeschlossen oder funkelten unter den verdeckenden Lidern hervor, daß man gemahnt wurde wie an Kohlenfeuer im Walde, welche die Zigeuner bei ihrem Herdlager angezündet. Dann auf einmal waren sie groß aufgeschlagen, ich möchte sagen sonnenhaft, daß man sich verwundert fragte, woher plötzlich dies volle tiefe Leuchten komme? So schien dies Kind ein räthselhaftes Doppelwesen zu sein. Wenn sie heitere Lieder sang, blieben ihre Züge düster und verschlossen; die Töne, die von ihren Lippen quollen, kamen nicht aus ihrer Seele. Gegen die Gäste war sie kalt und fremd, man nannte sie nur den kleinen Baudenteufel. Zudringlicher Werbung trat sie schroff entgegen oder entschlüpfte ihr mit der Geschwindigkeit einer Lacerte; denn sie war von schlanker biegsamer Gestalt.

147 Auf wie vielen Tausenden und Millionen ruht das Leben wie eine dumpfe Last, den Blick und das Herz verdüsternd! Ertödtend wirkt der ewig gleichmäßige Gang, ohne irgend einen Blick in die schöne Ferne! Die freudlose Arbeit, die Tochter der Noth, hat nichts Befreiendes für die Seele. Und da ist's gleich, ob man Steine klopft, oder in die Saiten greift! Schön-Minka lebte, ich sah es bald, so dumpf und düster dahin; sie hatte einen stillen Trotz in sich, und es that ihr weh, daß sie sich zwingen sollte, muntere Lieder zu singen, um Andere zu erheitern, während es in ihrer eigenen Seele düster und öde war. Warum es so war? Sie wußte es wohl selbst nicht! Wie viele junge Herzen entbehren jener Freudigkeit, die man der Jugend nachrühmt. Denn unter den Jubelnden und Springenden giebt's viele, die es nur thun, weil es einmal so Brauch ist und damit die Dichter und Weisen Recht behalten, wenn sie die goldene Zeit der Jugend preisen! Diese krankt oft am Leben, mehr als das Alter, denn der Blick auf eine so weite Strecke der Zeit hinaus wirkt ertödtend, wie der Blick auf eine unermeßliche Oede, wenn er nirgends einen erfreulichen Ruhepunkt findet. Ich erkannte bald, daß in Schön-Minka ein dumpfes, unerschlossenes Gemüth mit seiner trotzigen Eigenart waltete. Oft sprach ich mit ihr; sie war eine Waise, 148 von der Güte der Klosterfrauen erzogen, angewiesen auf den täglichen Erwerb, und so hatte sie das Harfenspiel erlernt und zog damit durch die Lande. Doch etwas spröd Jungfräuliches in ihr wehrte sich dagegen, daß sie ihr Gefühl im Gesang preisgeben sollte an die gleichgiltige Menge. Gegen mich wurde sie indeß von Tag zu Tag zutraulicher; wir saßen mit dem Baudenwirth zusammen bei'm schlichten Mahle und da dies täglich geschah, so gewöhnten wir uns aneinander. Ich sagte ihr manches gute Wort, das auch einen guten Boden bei ihr fand, und sie sorgte für mich wie ein Hausmütterchen, indem sie mir frische Milch aus dem Keller holte oder ein Glas Ungar zur Erquickung einschenkte. Bisweilen, wenn wir ganz allein waren, trug sie mir ihre schwermüthigen Volkslieder vor, und dann sang sie mit Andacht und Hingebung, und die Augenlider, die wie mit dumpfer Schwere auf den schönen Sternen lasteten, hoben sich plötzlich und ich sah in ein dunkles, groß aufgeschlagenes Auge. Bisweilen, wenn keine Gäste in der Baude waren, begleitete sie mich auch an die Ränder des kleinen Teiches, wo wir Blumen pflückten und die Forellen durch die klaren Fluten dahingleiten sahen; wir waren ein Paar Gefährten und gingen arglos zusammen, aus Gewohnheit und ohne uns viel nacheinander umzusehen.

149 Noch weiß ich den Tag, wo es plötzlich anders kam; es war ein frischer Junitag, der Tag des Viehaustreibens, und die Heiterkeit der Knechte und Mägde steckte uns an. Läuteten doch die Kühe so hell mit ihren Glöckchen, schüttelten sie doch so fröhlich die Last der Winterbaude ab, als hätten sie ein Gefühl der Freiheit, die ihnen auf den hohen Bergesweiden winkt. Nach alter Volkssitte sind die tollen Wassergeister an diesem Tage losgelassen, Knechte und Mägde begießen sich mit den Spring- und Wasserfluten. Zum Erstaunen Aller waren die Lebensgeister der stillen Minka heute wunderbar geweckt, sie war eine der tollsten neckischen Wassernixen und gefiel sich in einem Taumel, der den Reiz des Ungewohnten für sie hatte. Natürlich hatte sie es besonders auf mich abgesehen und ich war in Kurzem ein triefender Wassergott und wäre gelöscht gewesen, hätte ich auch in so lichten Flammen gestanden, wie die lebendigen Pechfackeln am Circus des Nero. Doch ich rächte mich, indem ich sie mit einem Wasserschwall überschüttete, als hätte ich den Zacken oder Kochel, oder einen anderen vorlauten Wasserfall des Gebirges gebeten, sie zu umarmen. Sie schrie laut auf, strich sich das triefende Nixenhaar von der Stirn, wusch sich die Augen und entfloh, plötzlich, wie ein gejagtes Reh; denn ein Blick auf ihre Kleider hatte ihr gezeigt, daß sich dieselben wie 150 mit ängstlicher Scheu an sie schmiegten und ihre schlanke Gestalt allzudeutlich vor meinen Blicken abzeichneten.

Als wir uns umgezogen hatten, stiegen wir den Kamm des Berges hinauf und gingen weit dahin, zwischen den Knieholzbüschen und Veilchensteinen, zu unseren Füßen das duftige Schlesierland. Doch wir gingen nicht wie sonst, sie legte ihren Arm in den meinigen, sie schmiegte sich an mich und oft sahen wir uns in die Augen; ich empfand ein seliges Behagen wie noch nie, denn fremd war mir stets der Frauen Gunst und Neigung gewesen, und es schien mir ein köstliches Gefühl, so durch's Leben zu wandern; mir war's, als stärkte mich die berauschende Nähe des holden Mädchens, das Geschick herauszufordern, als könne uns nichts Verderbliches begegnen, wenn wir so zusammen wandelten. Ich sah sie mir wieder an – wie lügenhaft war die Mähr vom Baudenteufel! Schwarz war sie, diese böhmische Minka, aber wie seelenlos waren dagegen die blonden Gesichter, die sich alle so zum Verwechseln ähnlich sahen, so taghell langweilig! War sie ein Nachtgeist, so hatte sie doch etwas Leuchtendes, wie die funkelnden Gestirne! Ihre dunkeln Haare fielen in langen Zöpfen, in denen böhmische Steine glänzten, auf ihre Schultern herab; zurückgestrichen an der Stirn, gaben sie 151 dieser mit ihren sanften Wellungen einen träumerischen Ausdruck; ihr Mund hatte oft etwas trotzig Geschlossenes oder ein unstetes Zucken bewegte ihre Lippen. Doch fehlte der unheimliche Zug, wenn sie so lieblich plauderte, wie bei unserem Berggang; sie erzählte mir von ihrer einsamen Jugend und wie sie mühselig und im Kampf mit allerlei Anfechtung und Bedrohung als fahrendes Mädchen sich durch das Leben geschlagen habe. Sie schmiegte sich während der Erzählung fester an mich an, als suche sie Schutz bei mir, und ihr Gazellenauge sah wie hilfeflehend zu mir empor.

Wir hatten, in das Gespräch vertieft, nicht bemerkt, wie der Schein der Morgensonne sich verhüllt hatte. Nebel brauten über den Teufelsgründen und schwarzes Gewölk ballte sich über dem Ziegenrücken zusammen. Noch lag das reizende Hirschberger Thal weich und warm gebettet im Sonnenschein; aber schon zogen die fliehenden Wolkenschatten auch darüber hin und die blitzenden Kirchthürme erloschen, und die weite Landschaft schwand in einförmigem Grau. Da erhob sich ein Sturm aus den böhmischen Schluchten und jagte mit unverhoffter Geschwindigkeit das zögernde Wetter über die hohe Grenzscheide der Länder. Gerade stiegen wir den steilen Hang der Sturmhaube hinab, als der Sturm losbrach, und mühselig wurde der Weg über den Schutt- und Trümmerhaufen der 152 Vorzeit. Da galt es sicheren Tritt, um nicht auszugleiten auf den schlüpfrigen Steinstufen, deren Moos- und Flechtendecke bereits von den flüchtigen Regenschauern erweicht war.

So führte ich Minka halb stützend, halb tragend diese schon von den Stürmen der Vorwelt durcheinandergeworfene Felsentreppe hinab, doppelt behutsam wegen der theuern Last. Oft schlug ihr Herz ängstlich an dem meinigen, und nicht blos die Gewalt des Sturmes, auch die Macht des süßen Rausches, der mitten in der Unbill des Wetters mich ergriff, mußte ich siegreich abwehren, um mit festem Blick die Weite des Sprunges zu messen, der mich oft neben schwindelnder Tiefe von einem Felsblock auf den andern trug.

Endlich erreichten wir die Bergwiese der Senkung und fanden Schutz hinter einem der seltsamen Felsgebilde, welche die Natur hier wie zu einem Maskenscherz ausgestreut hat. Diese Felsgespenster, die im Mondschein so seltsame Gesichter schneiden, schienen heute ängstlich hingekauert auf der Wiese, während der Sturm sie rastlos peitschte. Das Wetter war ganz heraufgekommen; wir lehnten uns dicht an die Seite des Felsens, welche gegen den Sturm einigen Schutz und in einer kleinen willkommenen Höhlung eine Art von Schilderhaus bot. Wir standen mitten in den Wolken; die Blitze zuckten um uns, als könnten 153 wir sie mit Händen greifen. Minka war todtenblaß und fuhr zusammen, wenn der glühe grelle Schein die Nacht zerriß oder ein endloser Donner über die Höhen sprang, um mit einem schmetternden Schlag zu enden. Mit gefalteten Händen stand sie neben mir; ihre Lippen zuckten; doch sie fand Trost in meinen ermuthigenden Worten! Allmälig senkte sich das Gewölk; über uns ward es hell; das Wetter zog in die Tiefe über die Wälder, welche das Gebirge umgürteten, und die Brandfackel einer hochleuchtenden Tanne tief unter uns kündete den Weg der Blitze. Da trat die Sonne hell hervor und warf einen doppelten Regenbogen durch die letzten Sprühschauer um uns an den Himmel.

Freudig richtete sich das zusammengesunkene Mädchen auf, dunkle Röthe bedeckte ihre Wangen; unsere Herzen begegneten sich in einem Gefühl; ich drückte den ersten glühenden Kuß auf ihre Lippen und gelobte ihr, sie zu meinem Weibe zu machen. In Angst, Noth und Gefahr hatte uns der Sturm der Elemente zusammengeführt; jetzt stand der Bogen des Friedens am Himmel, als sollten wir durch sein leuchtendes Thor in eine heitere Zukunft einziehen.

Der Baudenwirth empfing uns grollend bei der Rückkehr; es waren Gäste gekommen; Minka war abwesend; doch als ich sie ihm als meine Braut 154 vorstellte, beruhigte sich sein Zorn. Noch sollte sie nach wie vor die Harfe spielen, bis er einen Ersatz für sie gefunden hatte, und alsbald griff sie heiterer als je in die Saiten, daß sie wirbelten und durcheinander stürmten, und die Gäste freundlich nickend ihr den feurigen Tokaier zutranken. Ich selbst ging jetzt öfter den Berg nach Krummhübel hinab, um meine Kräuter zu verkaufen und alles zur Hochzeit zu rüsten.

Und wieder kam einer der schönsten Tage meines Lebens; die Berge funkelten im Sonnengold, und die Landkarte Schlesiens, die ausgebreitet zu ihren Füßen liegt, war mit allen ihren Tüpfelchen von Hügeln und Städten, Wäldern und Feldern, von dem Sonnenstrahl mit liebevoller Sorgfalt hingezeichnet. Es war ein Hochzeitstag, wie wir ihn schöner uns nicht träumen konnten! Selbst der alte Baudenwirth hatte ein heiteres Lächeln angenommen und die schmuckste Mütze sich aufgesetzt, um uns zu begleiten; nur ein treuer, aber thörichter Knecht blieb auf der Baude zurück; sonst folgten uns alle Mägde und Knechte im Sonntagskleid. Und so ging's thalwärts durch den rauschenden Bergwald, der im vollsten Laubschmuck prangte. Minka trug ein einfaches weißes Kleid; »eine ächte Braut,« hatte ich ihr gesagt, »pflückt sich selbst ihren Kranz und holt ihn nicht aus dem Treibhaus oder 155 dem Modeladen.« Und so pflückte sie alle Blumen, die am Wege standen oder auf den nahen Waldwegen wuchsen, Anemonen und Veilchen, Maßlieb und die kleine schüchtere Euphrasia, Kuhblumen und Sternkräuter jeder Art und wand sie weiter wandelnd sinnig und geschmackvoll zum Kranze, und als er geschlossen war, da setzte ich ihn ihr aufs Haupt, und rief ihr zu: »Wie Du den Kranz Dir selbst geschaffen, so schaffe Dir auch Deines Lebens Glück; es ruht in Deiner Hand.«

Wie eine Waldfee kam sie mir vor, als wir durch die schwankenden Schatten der Bäume schritten und die steile Lehne des Berges hinter uns hatten, welche zu raschem Gange nöthigt und zu keiner ruhigen Betrachtung Muße gönnt. In ihrer Seele war alles Melodie und sie fühlte sich den Sängern des Waldes verwandt. Bald hierhin lauschte sie, bald dorthin mit kundigem Ohr, folgte dem Flug der Vögel in die Tiefe und Höhe und plauderte um die Wette mit ihnen in herzlicher Freude, um beweisen zu können, daß sie in die Geheimnisse des Waldes eingeweiht ist. »Sieh, dort oben gurrt die Ringeltaube hoch auf dem dürren Wipfel; hier hüpft der Buchfink über den Boden, jetzt fliegt er zierlich empor, breitet die Schwingen und setzt sich nieder! Jetzt beginnt er zu schlagen, den prachtvollen Doppelschlag, o das ist ein 156 herrlicher Sänger! Wie klar und schön er singt, nun setzt er ab und es folgt der zweite Theil bis zum schmetternden Schluß! Wie beneide ich ihn um seine vollen, schönen Töne! Hier pickt der Specht an der Baumrinde – und dort oben im Eichenwipfel wohl noch einmal? Hörst Du nicht, da klingt's, als hätten sich alle Sänger des Waldes versammelt, als krächzte die Elster, als ließen sich Staar und Drossel hören. Und doch ist's nur ein Vogel, der diese Lieder durcheinander singt, wie ich wohl ein Mischlied zur Harfe singe, wo Melodie auf Melodie, heiter und ernst, sich ablöst; es ist der Häher, dieser geschickte Spottvogel, der alle Vögel des Waldes nachzuahmen weiß! Nun, er singt uns in seiner Art ein Hochzeitslied! Doch horch, noch eine verspätete Nachtigall! Die andern sind davon gezogen, als die Johannisfeuer auf den Bergen leuchteten; es ist zurückgeblieben, das liebe Vögelchen, um mir einen Gruß mitzugeben zum Festtag! O, die Sängerinnen verstehen und lieben sich in der ganzen Welt, ob sie Federn oder Zöpfe tragen! Wie das schmettert und wirbelt, flötet und klingt, wie das hoch emporjubelt und so trauernd dahinstirbt – o, das ist irgend eine verzauberte Minka, die einst in der Baude sang und jetzt schöner im Walde singt – denn solch ein Vogel hat ja ein Menschenherz.«

157 So anmuthig plauderte das Mädchen in bräutlichem Glück, während wir thalwärts durch den Wald schritten. Bald zeigten sich uns die Dächer des Dorfes hinter Baumwipfeln, doch kein Glockengeläute tönte uns entgegen; wir bogen seitwärts ein auf die Waldwiese, wo schon ein Kreis der braven Schwenckfelder versammelt war, würdige Greise in altmodischer Tracht, schlichte Mädchen und Frauen, fröhliche Jünglinge, alle heiteren Sinnes und herzlicher Art, sich am Glück der andern freuend, wo es ihnen entgegentrat – und in ihrer Mitte stand der schlichte Prediger der Gemeinde, einer meiner besten Freunde, ein Wald- und Feldprediger, wie ihn die kirchenlosen Genossen brauchten, überall bereit, wo es ein gutes Wort galt und die geistige Weihe, mitten im großen Tempel der Natur, wo es über den wogenden Aehren schwebte wie Opferrauch und die brausenden Wälder im Sturm wie eine majestätische Orgel ertönten. Der Prediger segnete unsern Bund mit herzlichen Worten ein; nicht der Formen bedürfe es bei der Ehe so wenig wie bei der Taufe; denn das fiat und die Wiedergeburt finde im innern Menschen statt, und echte Liebe trage den Segen in sich. Dann trug er unsere Namen ein in die Listen der Gemeinde. In munterem Reigen drehten sich dann auf der blumenreichen Waldwiese Jungfrauen und Jünglinge; aus dem nahen Dorf 158 wurde Trank und Speise herbeigeholt, und fröhliche Gesänge ertönten zwischen den Tänzen und noch spät der sinkenden Sonne entgegen. Dann brachen wir auf. Hell stand der Mond über der Schneekoppe, es war eine entzückende Sommernacht, thauschwer neigten sich die Blumen und aus den Thautropfen schienen Elfengeister hervorzuperlen und im Ringeltanz auf der Waldwiese zu kreisen, wenn die vom Nachtwind bewegten Zweige ihre Schatten auf die funkelnden Halme warfen. Minka schien selbst ein neckischer Elfengeist; sie flog über die Wiesen, verbarg sich in den Büschen und ließ sich von mir haschen. Dann warf sie sich an meine Brust und lohnte mir mit endlosen Küssen; sie erschien mir schöner im weißen Lichte des Mondscheins, als wäre sie für die Nacht geboren! Da leuchteten wundersam ihre Augen, auf welche der Sonnenstrahl eine unheimlich drückende Wirkung übte. Sie war etwas müde geworden und lehnte sich auf mich, als wir die steile Berglehne hinaufkletterten! Wie oft rasteten wir am Hang auf vorspringendem Rasen und als nun der Weg gemach und sacht emporstieg, da gingen wir selig Arm in Arm und wo ein lauschiges Plätzchen sich zeigte, rings umschlossen vom Gebüsch, wo der weiße Stamm der Birke den Mondschein auffing und festhielt und ein Schauer durch die säuselnden Blätter ging, da 159 lauschten wir wieder aneinander geschmiegt, ineinander versunken der verspäteten Nachtigall, welche mit schmetternden Liedern das Hohe Lied der Brautnacht sang!

Wochen vergingen uns seitdem wie Tage in einem für meine Lebenszeit späten Glück, welches mich mit unsagbarem Zauber gebannt hielt und mit dem Feuergeist der Jugend taufte. Minka begleitete mich auf allen meinen Wanderungen über die Berge und in die Thäler. Schon hatte der Baudenwirth ein anderes, weit älteres Mädchen in die Baude genommen, nicht gerade zur Zufriedenheit der Gäste, denn obschon sie eine größere Künstlerin war auf der Harfe, fehlte ihr doch der Reiz der Jugend und die Bewunderung der Kunst ist ja oft nur die Maske für die Bewunderung der Künstlerin. Dies Mädchen, welches später sich einem über die Berge ziehenden Hausirer verlobte, habt Ihr als Wittwe gesehen: jene Frau Leuschner im Fischerviertel des Sandes, die mir in ihrer Wohnung ein Obdach bot.

Inzwischen war es Spätsommer geworden; Sommerfäden zogen durch die Thäler, helle Tage über die Berge. Minka begann mich seltener zu begleiten; sie hatte mir ein Geheimniß anvertraut, das mich beglückte; ich sah mit Verehrung auf sie, als auf die Hüterin einer schönen Zukunft, und wenn sie so blaß und leidend da saß, war sie meinem Herzen doppelt 160 theuer. Sie half wieder viel in der Baude, wo jetzt ein reger Verkehr herrschte; herüber und hinüber von Schlesien nach Böhmen über das sonnenhelle Gebirg ging der Zug der Gäste. Allmälig fand ich in ihrem Wesen etwas Fremdes, ihre Augen ruhten oft so prüfend auf mir und wieder lasteten auf ihnen die halbgeschlossenen Lider; sie erwiederte meine Liebe oft mit scheuer Zurückhaltung, und in ihren Träumen sprach sie, was sie wachend nie gethan, von Sünde und Buße! Wohl wußte ich, daß allerlei Schatten über die Seele ziehn, wenn in den Tiefen des Leibes sich das göttliche Werk der Menschwerdung bereitet, daß oft Neigung sich wandelt in Abneigung und früher ungekannte Empfindungen das Gemüth verdunkeln; doch es waren neue Gedankenkreise, in welche sich Minka eingesponnen hatte und die sie unabsichtlich mir verrieth. Was war hier vorgegangen? Ich wagte keine mißtrauische Frage, um sie nicht zu kränken.

Von Tag zu Tag wuchs Minkas Tiefsinn; ich rieth ihr, mich wieder bisweilen zu begleiten, damit der Hauch der frischen Luft sie kräftige. In der That folgte sie mir eines Tages, wenn auch mit müdem und langsamem Schritt, zu Rübezahls Lustgarten, jenem Blumengarten am Hang des majestätischen Brunnberges, wo in der That der reichste Herbstflor seltener Pflanzen wächst und wo der Berggeist, wie 161 es hieß, sich oft erging, wie auf einem Balcon, wenn es ihm im Innern seines Hauses zu dumpf und langweilig wurde. Auf dem Weg über den Kamm war Minka still und in sich gekehrt; sie pflückte den garstigen Teufelsbart, der hier mit dem verkrüppelten Knieholz in widerwärtiger Gesellschaft lebt, und wand sich häßliche Kränze, mit denen sie wie eine Irrsinnige sich putzte und dabei sang sie vor sich hin:

Ja, es ist des Teufels Art,
Seelen zu verlocken;
Drum für mich der Teufelsbart,
Keine Himmelsglocken.

Ich hatte vergessen, daß der Weg zu diesem blumenprächtigen Plätzchen sehr steil und mühselig ist und fast nur mit eigener Gefahr gelang es mir, meinem Weib über einige jähe Wendungen des Pfades an den Felsen hinwegzuhelfen. »O die prächtigen Abgründe,« rief sie aus, so oft sich dicht am Steg ein Blick in die schwindelnde Tiefe bot, »o wer dort unten läge!« Ich preßte sie fester an's Herz, und mußte mich selbst, indem ich sie in meinen Armen mehr trug als führte, vor Schwindel hüten; denn mir war's, als zöge eine unsichtbare Gewalt sie in die Tiefe, als könnte ich sie an die Geister des Abgrundes verlieren.

162 Wie freute ich mich, als ich sie unter den Blumen des schwebenden Lustgärtchens gebettet hatte; ich pflückte mit Eifer und der Freude des Sammlers; denn hier und dort erblickte ich eine neue Art, welche ihr Blattkrägelchen anders trug als landesbräuchlich war und deren Blüthenkrone in etwas anderen Farben spielte. Welche Wonne für den Forscher, diese kleinen neuen Schattirungen der Natur zu entdecken! Der Blick in den unendlichen Reichthum des Lebens, wie entzückt er das Herz! In solcher Freude sah ich auch mit größerer Beruhigung auf die düstere Minka, welche mit dem unheimlichen Teufelsbart liebäugelte und die schönen Blumen neben sich zerpflückte. Plötzlich sprang sie auf und stürzte an den steilen Rand, der hier jäh hinabspringt in's Aupathal; mit einem lauten Schrei stürzte ich ihr nach. Sie stand an dem thurmhohen Felshang wie in einem Augenblick der Besinnung; ich umfaßte sie und zog sie gewaltsam zurück. »Es wäre besser so,« seufzte sie; ich war eine Zeit lang sprachlos vor Schreck, nicht blos bei dem Blick in die Tiefe, wo die Menschlein kaum erkennbar dem Blick, wie die wandelnden Däumlinge aussahen, und die Häuserchen wie die Spielzeughütten aus Moos und Veilchensteinen, nein, bei dem plötzlichen Blick in den ungeahnten Abgrund ihrer Seele. Sie antwortete 163 auf keine meiner Fragen und an meinem Glück verzweifelnd kehrte ich heim mit ihr.

Jetzt glaubte ich nicht länger zögern zu dürfen, so verhaßt mir jede Art geheimer Auskundschaftung war; ich mußte klar sehen über Minkas Wandlung. Ich frug Wanda, ihre harfenspielende Gefährtin, und erfuhr von ihr, daß fast täglich, während ich in den Bergen umherwanderte, ein fremder Herr in die Baude komme und sich mit Minka unterhalte, oft stundenlang und am liebsten insgeheim: sie gingen dann spazieren auf der Bergwiese, dicht an der Baude, und sie habe oft gesehen, mit welch lebhaftem Geberdenspiel diese Unterredungen begleitet würden. Wer dieser Herr sei, wußte sie nicht; doch müsse er in der Nachbarschaft wohnen und irgend etwas Geheimnißvolles im Werke führen.

Mein Entschluß war gefaßt; ich beschloß, an einem der nächsten Tage unverhofft in die Baude zurückzukehren, während man dort glaubte, ich sei den Weg nach Krummhübel hinabgestiegen, und Minka und den Fremdling zu überraschen. Ich wußte nicht, war es Eifersucht, was meine Pulse so fieberisch schlagen machte, oder nur ein dunkles Gefühl, daß mir Minkas Herz kunstvoll entfremdet werde. In höchster Aufregung brachte ich die nächste Nacht zu; ich ging hinaus ins Freie! Derselbe Mond wie in meiner 164 Hochzeitnacht, voll, glänzend – dieselben Sterne – was war es nur? Es war kalt geworden und ich fror im Herbstwind. Und als ich am nächsten Morgen in den Wald hinabstieg, da sah ich nur die nassen gelben Blätter, welche die rauschenden Wipfel auf mich herabschüttelten und hatte keinen Blick für die Blumen, welche darunter blühten. Ich zählte die Minuten, die Stunden; alles in mir war zur Uhr geworden, mein Herz, meine Pulse; kaum konnte ich ihr Zittern, ihr Klopfen ertragen. Ich kehrte zurück; in der Baude saß der fremde Mann, schön, geistreich, mit feurigem Blick, jünger als ich; Minka reichte ihm ein Glas Ungarwein. Sie schien erstaunt, aber nicht sonderlich erschreckt über meine plötzliche Rückkehr; ich brauchte einen Vorwand und erschien mir fast wie der Schuldige. In der höchsten Aufregung stand ich anscheinend dem Alltäglichen und Gleichgiltigen gegenüber; denn jeder Gast hatte das Recht, die Baude zu besuchen, und konnte ich ihm es wehren, sich mit Minka zu unterhalten? Doch mußte er nicht einen Eindruck auf ihr Herz machen? Er war von edlerem Aeußern, von feineren Sitten als ich, ein vornehmer Cavalier – und was ist bestechender für ein Frauenherz? Ich begann ihn auszufragen; ich scheute mich nicht zudringlich zu erscheinen; er antwortete, daß er von Breslau komme und seiner Gesundheit wegen 165 einige Zeit im Gebirge zubringen müsse; übrigens kenne er eine der Klosterfrauen, von denen Minka erzogen worden sei; sie habe ihm den Auftrag gegeben, sich nach ihr zu erkundigen, und er freue sich, daß es ihr wohlgehe. Bei diesen letzten Worten spielte ein feines Lächeln um seine Lippen; er warf Minka einen blitzenden Blick zu und diese verschüttete betroffen einige Tropfen des Weines aus dem Glase, das sie in der Hand trug. Ich erklärte ihm, daß ich hoffte, er würde seinen Auftrag jetzt erfüllt und die nöthigen Erkundigungen eingezogen haben, und daß ich nicht wünschte, ihn so oft mit meiner Frau zusammen zu sehen; er bringe sie dadurch in's Gerede bei ehrbaren Leuten. Er würdigte mich keiner Antwort; er nahm seinen Stab und verabschiedete sich mit leichtem Kopfnicken.

Wieder kehrte ich eines Tages früher heim und fand Minka allein; doch an einem andern Tage hieß es, sie sei fortgegangen und werde erst Mittags wiederkommen. Und sie kam wieder wie von einem Spaziergang. Wir saßen dann allein auf der Bank vor der Baude; ich beschwor sie, mir die Wahrheit zu gestehen, wer der Fremde sei, was er von ihr begehre, ob sie ihn liebe; so könne es nicht fortgehen. Sie schien ergriffen, schlug die Augen groß auf, sah mich mit einem rührenden Blicke an und sagte: »Du verstehst 166 es ja nicht, es ist nun doch einmal ein großes Unglück.« Alle meine Fragen waren vergeblich; so tiefe Verschlossenheit brachte mich zur Verzweiflung; ihre Lippen waren wie versiegelt; sie zuckten nur, aber sie sprachen nicht.

Wieder war ich in Rübezahls Lustgarten. Die Sonne warf schon schräge Strahlen; ich saß in Gedanken versunken; mir war's, als blickten mich alle Blumenkelche wehmüthig an mit ihren frommen Augen, und als grüßte mich die scheidende Sonne wie mitleidig mit ihren zitternden Strahlen. Ich trat an die Brüstung des Felsens; unten in der breiten, gewaltigen Schlucht, welche den Brunnberg von der steil ansteigenden, überragenden Koppe trennt, zog sich wie ein Silberfaden die junge Aupa, welche weiter abwärts im Thalgrund sich in ein silbernes Band verwandelt. Ich starrte gedankenlos in die Tiefe und sah drüben auf dem steilen Pfade, der entlang dem jähen Absturz der Koppe vielfach gewunden zur Tiefe führt, einen hellschimmernden Punkt sich bewegen, der mir anfangs vor dem Auge tanzte, wie einer jener bunten Funken, welche die untergehende Sonne ausstreut, allmälig aber sich nicht blos als eines der schimmernden Irrlichter der Sehkraft erwies; denn die Sonne warf bald nur noch auf die Höhen ihr Licht, während drunten das Thal von ihrem 167 blendenden Glanze befreit war. Der Punkt hob sich jetzt schärfer ab; etwas Schwarzes bewegte sich neben ihm; es waren zwei Menschen, die in das Aupathal hinabstiegen. Da plötzlich malte mir die erhitzte Phantasie ein Bild vor, das mich im Innersten erbeben machte! War das nicht das röthlich schimmernde Kleid meiner Minka? Schon blickte es aus den Gebüschen des Thales hervor, und was sich dunkel an ihrer Seite bewegte, war es nicht der unheimliche Fremde? Auf's äußerste strengte ich meine Augen an, damit sie das erhitzte Traumbild meiner Phantasie zu Schanden machen möchten. Doch der schärfere Blick verstärkte nur das unselige Wahngebilde meiner Seele! Immer wieder rief ich mir zu: es sei eine lächerliche Einbildung, es seien vielleicht zwei der zahllosen Sommergäste, wie sie jetzt über die Berge ziehn; aber immer wieder rief es entgegen: »Es ist Minka mit ihrem Entführer!« Am liebsten wäre ich den thurmhohen Hang des Brunnberges hinabgeklettert, wäre über das Felsenbett der Aupa, über die granitnen Gerölle und Geschiebe hinweggesetzt und meinem Phantasiebilde nachgeeilt, das sich bereits hinter den ersten Hütten des Aupathales verlor; doch es war ein halsbrechender, unmöglicher Weg, und was ich gewagt hätte angesichts einer unbestreitbaren Gewißheit, wie sollte ich es tollkühn wagen für eine Einbildung, die 168 wohl nur der Traum eines krankhaft erregten Gemüthes war? Doch nach Hause trieb es mich ohne Halt und Rast, athemlos die Felswege hinauf, über den Gebirgskamm hinweg, wo die Knieholzbüsche in der Dämmerung wie grüne Schlangen am Boden zu kriechen, wie kauernde Zwerge mich auszuhöhnen schienen. Athemlos flog ich den Berghang zur Baude hinab; da erklang mir fröhliches Saitenspiel entgegen, Minkas Lieblingstanz . . ich lachte über meine erhitzte Einbildung; die Baude war voll munterer Gäste . . was konnte da Unerhörtes geschehen sein?

Ruhig trat ich ein; es war nicht Minka, es war Wanda, welche die Saiten rührte; sie warf mir einen vielsagenden Blick zu, doch sie mußte den fröhlichen Tanz zu Ende spielen. Während des lärmenden Beifallklatschens der Gäste trat sie auf mich zu mit den vernichtenden Worten: »Minka ist seit Stunden fort mit dem Fremden; sie hat ihr Bündel geschnürt und ihr Bestes mitgenommen; sie kehrt nicht wieder!« 169

 


 


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