Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Elftes Kapitel.

Die Preußen in Breslau.

Das neue Jahr 1741 hatte unter Schneegestöber seinen Einzug in Breslau gehalten, und mit dem Schnee waren auch andere Gäste gekommen, welche wenig Lust zu haben schienen, so rasch wieder wie der Schnee an irgend einem milden Wintertage zu verschwinden. Vor den Mauern der Stadt sah man auf einmal von allen Seiten preußische Uniformen, und dieser seltene Anblick hatte die tapferen Stadtsoldaten, welche die Neutralität Breslaus vertheidigten, auf den Wällen versammelt, wo sie sich, die Pfeife im Munde, ihre Bemerkungen über die stramme Haltung der königlichen Grenadiere und Musketiere mittheilten. Anderes Feuer, als welches der Dampf aus den Pfeifenköpfen verursachte, beunruhigte nicht die Nerven der städtischen Guardia und wenn sie auch bei den gefahrdrohenden Mörsern aufgepflanzt 213 war; denn wohl war an einem kühnen Morgen der Befehl ertheilt worden, auf die heranrückenden Feinde zu feuern und der Oberst Rampusch hatte sich bereits den Schnurrbart unternehmungslustig in die Höhe gedreht. Die Breslauer, besonders die Stadtjugend hatte vor Oberst Rampusch großen Respekt und hielt ihn für einen erstaunlichen Militär; denn »Papa Rampusch« geruhte sich ebenso leutselig, wie kriegerisch barsch mit den Straßenjungen, die ihn begrüßten, zu unterhalten, wie er denn auch als ein galanter Herr, eingedenk der angenehmen Beziehungen, in denen Mars und Venus seit alten Zeiten, besonders seit dem olympischen Netz des Hephästos, zu einander gestanden, keiner anmuthigen über die Straße wandelnden Dame seinen Gruß versagte. So kam es, daß auch die Frauen und Jungfrauen von Breslau große Stücke auf den »Papa Rampusch« hielten, während seine früheren Heldenthaten von einer vergeßlichen Fama in einem böswilligen Dunkel gehalten wurden. Da indeß guter Rath über Nacht kommt, so wurde der Befehl, auf die Preußen zu feuern, schon Tags darauf widerrufen. So kam es, daß der kriegerische Schnauzbart des Obersten seine himmelanstrebenden Spitzen plötzlich wieder einbüßte und sein sonst so herausfordernder Säbel wehmüthig auf dem Straßenpflaster nachrasselte. Zwar wurde noch immer 214 Munition auf die Wälle geschleppt, sogar hier und dort eine Verschanzung aufgeworfen, doch da man nicht auf die Feinde schießen sollte, so konnten einige der kühnsten Soldaten der blauen Leib-Compagnie bei aller schuldigen Subordination ihre Bedenken über die Zweckmäßigkeit jener Maßregeln nicht unterdrücken.

Und da sah man sie wirklich mit unbewaffnetem Auge, diese Barbaren des Nordens; hier blitzten die Säbel der Husaren, dort die Bajonnette auf den Oderkähnen, auf denen die Grenadiere nach der Dominsel übersetzten. Nirgends in den Vorstädten zeigte sich der geringste Widerstand, und als der preußische »Nebukadnezar« erschien, gegen den man auf den Kanzeln des Doms und der Kreuzkirche gedonnert hatte, da begab es sich an der Nepomuksäule, daß der Domdechant ihm zitternd den Thorschlüssel auf einem silbernen Teller überreichte und ihn fußfällig um seine Gnade bat, wobei der gefürchtete Tyrann sich sehr menschenfreundlich benahm.

Doch mochte in den Vorstädten der böse Feind sein Spiel treiben, noch standen die Mauern der Stadt selbst unbezwungen, ihre Thore waren geschlossen, und selbst die Briefpost konnte nur in einem Postkästlein über die Wälle gezogen werden. Da geschah es in der düsteren Neujahrsnacht, daß ein Brieflein mit einer merkwürdigen Neujahrsbescherung 215 in dem Postkasten über die Mauer kam, worüber man nicht weniger erschrak, als die Fischer, die plötzlich einen Hai in ihrem Netze gefangen hatten; denn ein Brief mit dem königlichen Siegel spazierte auf diesem mühseligen Wege über Graben und Wall, und in dem Briefe war verkündet, daß am Neujahrstage zwei preußische Obersten zur Unterhandlung mit dem Rath ihren Einzug in Breslau halten würden.

Am dritten Tage des verhängnißvollen Jahres trafen sich, mitten im Schneegestöber, vor der Thür des Rathhauses zwei Männer, von denen der eine mit einem wandelnden Schneemann, welchen spielende Knaben in fragwürdiger Gestalt geknetet, eine unverkennbare Aehnlichkeit hatte.

»Freund Döblin,« rief er dem anderen zu, welcher mit raschem Schritt vorübereilte.

»Ach, Ihr seid es, bester Doctor,« erwiderte dieser, »nun, unsere Saat blüht!«

»Eine närrische Welt, in der That,« rief der kleine Doctor Morgenstern, »sie übertrifft alle meine berechtigten Erwartungen, was nämlich die Narrheit betrifft. Ihr wißt ja, daß ich einmal zu Ehren derselben eine große gelehrte Disputation gehalten. Doch ich kannte leider! damals die freie Stadt Breslau noch nicht! Wie verschwinden Carthago und Sagunt gegen solchen Heldenmuth! Alles Gold und Silber, 216 alle Kleinodien wandeln in die Münze. Die Jungfrauen schneiden sich ihre Haare ab und man macht Bogensehnen daraus und die Rathsherren legen Hand an sich selbst, wie der selige Cato, als Cäsar ihm zu nahe kam. Haha, ich muß lachen, daß ich mir eine ganze Lawine vom Mantel schüttle!«

»Und was wird heute geschehen,« frug Döblin.

»Merkwürdige Dinge,« erwiderte der Doctor, »sehr sonderbare Dinge! Ich bin überzeugt, Breslau sieht einen König in seinen Mauern, und das ist ihm doch lange nicht passirt.«

»Heute schon?« sagte Döblin gespannt.

»Das Heute setzt das Punktum hinter das Gestern! Gestern Verhandlungen zwischen den beiden Obersten und dem Rath, große Rathssitzung, feierlicher Neutralitätsvertrag, entworfen von dem Syndikus Gutzmar, der sehr gut stilisirt, aber die Fragezeichen dorthin zu setzen vergißt, wohin sie gehören. Heute Ausfahrt der Rathsherren zum Könige, Unterschrift des Königs, und dann Besuch Seiner Majestät in Breslau! Ist das nicht ein großer Tag? Was sie heute im Himmel ausklopfen, daß es fortwährend so herunterfedert, weiß ich nicht, aber was auf Erden ausgeklopft wird – die Stockfische kenne ich.« Und bei diesen Worten machte der Doctor eine böswillige Verbeugung gegen das Rathhaus.

217 »Ihr seid sehr gut unterrichtet,« erwiderte der Flickschuster, dessen Gesicht die Spuren durchwachter Nächte und großer Aufregung trug, »ich habe inzwischen der Stimmung an den Puls gefühlt.«

»Stimmung?« sagte Morgenstern die Achseln zuckend, »es giebt gar keine Stimmung mehr; alles ist Neugier; wie läuft alles Volk den beiden preußischen Uniformen nach, wenn sie auf der Straße sich sehen lassen. Sie haben ihren Rampusch und Wuttgenau – und sind nicht zufrieden. Und welche Wohlthätigkeit und Menschlichkeit! Sie schicken den Feinden Lebensmittel hinaus, ganz schriftmäßig nach dem würdigen Spruch: ›So deinen Feind hungert, so speise ihn, durstet ihn, so tränke ihn!‹ Liebet eure Feinde! Es ist ein recht christlicher Krieg, und die Engel im Himmel werden ihre Freude daran haben.«

»Ihr seid wohl recht im Mittelpunkt der Ereignisse?« sagte Döblin, nicht ohne einen Anflug von Neid, da er die muntere Laune des Doctors bemerkte, welche von seiner eigenen, wenig rosenfarbenen empfindlich abstach.

»Das will ich meinen,« entgegnete der kleine Doctor, indem er trotz seiner Schneelast sichtlich wuchs, »habe gestern bei den preußischen Obersten Audienz gehabt. Seine Majestät hat sich nach mir erkundigt, und es ist alle Aussicht vorhanden, daß ich heute 218 mit vor's Thor kutschire und dem König Friedrich Bericht erstatte.«

»Lieber Freund,« sagte der Schuster, indem er dem Doctor Salomon die Hand drückte, »vergeßt mich nicht; erwähnt meine Verdienste um die gute Sache! Ich habe mich geopfert, Knieriemen und Pechdraht ganz beiseite gelassen, nichts besohlt, als des wohlweisen Raths abgerissene Weisheit und dem Fortschritt unserer guten Stadt Breslau ein paar Siebenmeilenstiefel fabricirt. Doch das sind Verdienste, für die es keinen Tarif giebt und ich muß bekennen, daß zwischen meinen Einnahmen und Ausgaben sich ein bedenkliches Mißverhältniß zeigt. Sprecht ein gutes Wort für mich bei'm Könige; ich habe hier in Breslau die alten Töpfe zusammengeworfen, nun hat er freie Bahn für seine Schwadronen.«

»Ich werde Euch nicht vergessen,« entgegnete Morgenstern, indem er eine Protectormiene annahm und seine spitze Nase in die Höhe streckte, »indem ich Eure Verdienste rühme, rühme ich zugleich die meinigen. Was wir thun, ist Maulwurfsarbeit, doch wir lockern den Boden. Was bin ich für ein Knirps, neben einem solchen Läufer und Heiduken, wie sie Seine Majestät aus der seligen Potsdamer Garde sich zurechtgeschnitzt hat – und doch bin ich ein ganz anderer Vorläufer des königlichen Siegeszuges, als diese Riesen 219 mit den langen Beinen und den unverwüstlichen Lungen. Man muß sich nur selbst in's rechte Licht setzen, sonst nimmt sich Niemand die Mühe.

Sumlimi feriam sidera vertice

Doch Ihr versteht kein Latein – und Ihr thut wohl daran, man lockt keinen Hund damit vom Ofen. Die todten Sprachen sind und bleiben todt und unter den lebenden ist die beste die Sprache der Kanonen.«

Die Unterredung wurde durch einen vor der Rathhausthüre vorfahrenden Galawagen unterbrochen. Döblin drückte dem einflußreichen Genossen die Hand und verschwand hinter den nächsten Krambuden. Der Doctor, welcher in Breslau den Namen Doctor Freyer angenommen hatte, stieg die Stufen zur Rathsthür empor, schüttelte sich den Schnee ab und harrte auf das Erscheinen der Rathsherren. Als Syndikus Gutzmar würdevoll in Amtstracht heraustrat mit den zwei anderen Gesandten des Breslauer Raths, reichte ihm der kleine Mann ein großes Schreiben, welches Gutzmar anfänglich mit verächtlicher Miene ablehnen wollte, da er dasselbe für einen Bettelbrief hielt. Doch ein Blick auf das Siegel zeigte ihm das Wappen des preußischen Obersten von Borck, das er aus dem brieflichen Verkehr der beiden letzten Tage kannte; er erbrach den Brief und betrachtete, nachdem er ihn gelesen, die unscheinbare kleine Gestalt 220 des in seinen Mantel zusammenkriechenden Doctors mit neugieriger Theilnahme.

»Das ist etwas anderes – Se. Majestät wünscht Euch zu sprechen. Ich freue mich übrigens, bester Doctor Freyer,« fügte er mit etwas sauersüßer Miene hinzu, »Eure Bekanntschaft zu machen. Unser Wagen steht zu Euren Diensten.«

»Unerwartete Ueberfracht, Herr Syndikus,« erwiderte der Doctor, sich höflich verneigend; »ich weiß, daß ich nicht in den Galawagen gehöre, wo der hohen Stadt Breslau souveräne Abgeordnete sitzen; ich will auch die Herren nicht in ihren wichtigen Verhandlungen stören, denn es kommt heute auf jedes Artikelchen und Partikelchen an, und sie werden gewiß unterwegs noch erwägen, durch welche geschickte Wendungen sie die Neutralität der Stadt Breslau am besten sichern. Ich begnüge mich mit einem bescheidenen Plätzchen auf dem Bock.«

Mit einem schalkhaften Lächeln öffnete der kleine Doctor den Rathsherren die Wagenthüre, ließ einen nach dem andern einsteigen, indem er Jeden mit einem halbkomischen Bückling begrüßte, und indem er die Thüre zumachte, murmelte er zwischen den Zähnen: »Gefangen!« und kletterte dann auf den Bock hinauf, wo er neben dem riesigen Rathskutscher im Staatspelz alsbald verschwand.

221 Im Galopp ging es durch die Schweidnitzerstraße, die Rathsreiter voraus, dem Thore zu. Doch die Herrlichkeit des Breslauer Rathes fand schon am äußersten Gitter desselben ihr Ende: zwölf Grenadiere mit aufgepflanztem Bajonnet hinderten die Weiterfahrt, bis die Erlaubniß vom königlichen Hauptquartier gekommen sei. Die Rathsherren fanden längere Zeit, während ihre Rosse ungeduldig schnaubten und scharrten, Muße, darüber nachzudenken, wie eingeschränkt ihre Macht in diesem Augenblicke sei, und wünschten von Herzen, das Hinderniß bald aus dem Wege zu räumen, welches sich in Gestalt dieser preußischen Soldaten vor den Thoren gelagert hatte.

»Gewiß eine kleine Rache des Obersten von Borck,« sagte Gutzmar zu seinen Collegen, »er hat neulich mit seinem Begleiter auch lange vor dem Thore warten müssen, bis unsere Rathsreiter kamen, um ihn in die Stadt zu geleiten, und zwar befanden sich die wackeren Offiziere bei dem Glöckner unserer Begräbnißkirche von Sanct Salvator. Begräbnißkirche – wie ominös! Wer weiß, wer hier alles noch von den Preußen begraben wird!«

Der Rathsherr von Sommersberg, der für preußisch gesinnt galt, eine ausgebreitete Verwandtschaft in Preußen hatte, und auch, wie der übrige Rath nicht ohne Mißvergnügen bemerkte, seit einiger 222 Zeit eine Verwandte bei sich hatte, welche nicht nur aus dem Feindesland stammte, sondern auch aus ihrer Bewunderung für Friedrich kein Hehl machte, nahm die Sache weniger ernst.

»Wozu diese Besorgnisse?« sagte er, »wir thun unsere Pflicht und Schuldigkeit, und wenn ein Diplomat wie unser Syndikus unsere Sache führt, so werden wir es wohl noch mit der Berliner Diplomatie aufnehmen können, die von sehr neuem Datum ist.«

Draußen auf dem Bock trillerte inzwischen der kleine Doctor, um sich die Zeit zu vertreiben, ein lustiges Lied und beschäftigte sich damit, Schneeflocken zu fangen und gefühllos zuzusehen, wie die kleinen Sterne in seiner Hand zerschmolzen.

Endlich kam die Erlaubniß aus dem Hauptquartier; aus Versehen fuhren die Rathsherren gleich vor der Wohnung des Königs am Skultetischen Garten vor; doch mußten sie zuerst zu den beiden Obersten fahren, um mit ihnen den Vertrag aufzusetzen. Nur der kleine Morgenstern kugelte schon dort vom Bock herunter und ließ sich bei Seiner Majestät melden; er sah inzwischen mit Behagen, wie unten im Stall Reit- und Wagenpferde geschmückt wurden wie zu festlichem Einzug.

Droben ging der junge König ungeduldig auf und ab; mit seinem großen Auge sah er in die 223 Schneewirbel, die ihm die Zukunft zu verschleiern schienen; immer wieder ertönte es in seiner Seele: »der Würfel ist gefallen!« In der That, er war über den Rubikon gegangen mit Cäsars Muth, doch ohne Cäsars Lorbern, die er der nächsten Zukunft abzuringen hoffte. Die Politiker des Auslandes hatten ihn für »unsinnig« und »toll« erklärt, und in kleinmüthigen Augenblicken mochte er sich selbst so erscheinen. Er hatte zum erstenmale in diesem Jahrhundert das Brennusschwert der Preußen in die Wagschale der europäischen Geschicke geworfen, und noch wußte Niemand, wie schwer es wiegen würde. Der unbestimmten Zukunft gegenüber beschlich ihn oft ein banges Gefühl, wenn er auch selbst es sich nicht zu gestehen wagte; eine Art von Herzklopfen, wie es auch die Schauspieler bei ihrem ersten Auftreten vor den Prosceniumslampen empfinden. Das Coulissenfieber ist keinem der großen Männer der Geschichte unbekannt geblieben; erst die abhärtende Gewohnheit gestattet ihnen, den Erfolg mit Ruhe abzuwarten. Der junge König glich jenen Rossen von feuriger Race, die noch nicht im Schlachtenlärm »militärfromm« geworden sind. Der heutige Tag brachte eine ernste und wichtige Entscheidung, und er erwartete sie mit Ungeduld. Die Hände auf dem Rücken, ging er mit beschleunigten Schritten hin und her, dann trommelte er an den Scheiben und 224 griff nach seiner Flöte, die auf dem Tische lag; er spielte einige schwärmerische Melodien; sie beruhigten ihn, und mancher gute glückliche Gedanke zog, wie von den sanften Tönen getragen, in seine Seele ein. Doch auch die Flöte legte er wieder beiseite und beschäftigte sich mit einem kleinen Affen, der in sonderbarer Tracht im Zimmer hin und her sprang. Die Affen bevorzugte er in jüngeren Jahren; später wurden sie von den Windspielen abgelöst. Die Gesichter, welche der kleine Gogo schnitt, belustigten ihn.

Der Kammerlakai meldete den Doctor Morgenstern. »Nur herein mit ihm« sagte der König, »Du bekommst Besuch, lieber Gogo!« rief er dann dem Affen zu; »ein entfernter Vetter; denn daß ihr Beide von derselben Familie stammt, das sieht man, ohne Euern Stammbaum näher zu untersuchen!«

Bald grinste ihn mit besonderer Freundlichkeit das Gesicht des kleinen Doctors an, der mit ehrfurchtsvoller Verbeugung in das Zimmer trat. Friedrichs Blicke, prüfend wie diejenigen eines Naturforschers, glitten zwischen den beiden lebenden Wesen in seinem Salon hin und her. Dann wandte er sich mit dem Ausdruck jener Befriedigung, die man empfindet, wenn man für eine kühne Behauptung den thatsächlichen Beweis gefunden hat, zu dem Eingetretenen.

225 »Ich habe Ihn rufen lassen, Er soll mir rapportiren. Wie sieht's in Breslau aus?«

»Das werden Euer Majestät, so Gott will, noch heute selbst erfahren; denn es giebt wohl kein Hinderniß mehr für den Einzug in die Stadt«

»Ist keine Gefahr, kein Hinterhalt zu fürchten? Giebt's keine Meuchelmörder, welche mit Dolchen und Pistolen über mich herfallen könnten?«

»Sire, Euer Leben steht in Gottes Hand. Die Bürger Breslaus werden Euch entgegenjubeln, warum, wissen sie freilich selbst nicht; aber gerade darin besteht das Geheimniß der Begeisterung, welche große Volksmengen erfaßt. Ein Name, ein ungewöhnliches Ereigniß genügt, um sie aufzuregen, wenn sie auch über die Sache selbst ganz im Dunkel tappen. Sie schlagen die große Trommel und tanzen umher, wie die Neger bei einer Sonnenfinsterniß. Was aber die Jesuiten betrifft, so haben sie bei uns keine Ravaillacs unter sich. Ich glaube, Sire, Sie können in die engste Breslauer Straße hineinfahren, ohne das Loos zu befürchten, welches Heinrich IV. in der Rue de la Ferronnerie getroffen hat.«

»Wie denkt man in Breslau von uns?« frug der König weiter.

»Die Zünfte und Gewerke sind den Preußen hold,. ebenso ein großer Theil der Kaufmannschaft; der Rath 226 ist getheilt, das Oberamt und die Geistlichkeit sind kaiserlich.«

»Das Oberamt, das Oberamt!« rief der König, indem er ärgerlich im Zimmer umherging;»ich habe ihm bereits durch die Obersten sagen lassen, seine Sitzungen einzustellen.«

»Darüber wird kein Aufruhr ausbrechen,« sagte der kleine Morgenstern lächelnd, »das Oberamt ist in Breslau verhaßt wegen seiner hochnäsigen Räthe und seiner schleppenden Geschäftsführung. Es ist dies ein großes Glück; denn sonst ist wenig Zusammenhang zwischen unserer guten Stadt und der Wiener Hofburg. Der Rath nimmt zwar devotest Gnaden in Empfang, die von dort kommen, aber er wird sie auch in Empfang nehmen, wenn sie von anderswoher kommen. Die Bürgerschaft hat gar keine Anhänglichkeit an Haus Habsburg und auch keine Veranlassung dazu. Ihre Theilnahme für Euer Majestät zu erregen, war ich unausgesetzt bemüht, ebenso wie Schuster Döblin, den ich angelegentlich empfehle, weil er sein Gewerke ganz versäumt hat über seine politische Thätigkeit.«

»Ich werde den Mann belohnen! Man muß für die Subsidien sorgen, wenn man Alliirte hat. Und ich habe ja sehr einflußreiche Allianzen.«

227 »Eure Majestät haben ein Recht, über uns zu spotten. Was sind wir? Ein Doctor der Weltweisheit ohne Katheder, ein Schuster ohne Werkstatt; wir sind nicht einmal das Wenige, was wir sein sollten. Doch was machen wir? Die öffentliche Meinung! Das ist nichts und alles; die öffentliche Meinung erspart die Privatmeinungen, und diese Ersparniß ist aller Welt willkommen; wer keine Privatmeinung hat, der borgt sich eine bei der öffentlichen. Sie entsteht, wie die Epidemien, durch allerlei Atome, die in der Luft herumfliegen; sie pflanzt sich durch Ansteckung fort; man muß nur einen Ansteckungsherd für sie zu schaffen wissen. Oft ist sie nur die Summe der allgemeinen Dummheit, das ungeheure Deficit des gesunden Menschenverstandes; oft wenn die Weltgeschichte in die Brüche geräth, ist sie der Nenner für den unglücklichen Zähler, doch man kann mit ihr größere Erfolge erringen, als mit einer gewonnenen Schlacht . . . das wollte ich Euer Majestät submissest bemerken.«

»Er will damit Seine Verdienste schicklich in's Licht setzen,« sagte Friedrich lächelnd.

»Als Philipp von Macedonien,« fuhr der Kleine fort, ohne sich irre machen zu lassen, indem er die spitze Nase kühner emporhob, . . »entschuldigen Sie, Sire, doch die Preußen haben etwas von den Macedoniern . . . 228 als Philipp Griechenland erobern wollte, da hatte er nur einen Gegner, Demosthenes, nur einen Freund Aeschines; die anderen zählten alle nicht, seine Phalanx zerschmetterte sie auf den Feldern von Chäronea. Ohne Demosthenes war kein Chäronea nöthig! Sire, Schlesien hat keinen Demosthenes; der Syndikus Gutzmar, den Sie demnächst kennen lernen werden, hat zwar Lust ihn zu spielen, doch seine Beredtsamkeit schmeckt nach der Rathsstube; aber . . . .«

»Aber einen Aeschines,« fiel Friedrich lachend ein, »oder gar zwei mit dem Schuhmacher, und Philipp muß sich glücklich preisen, sie zu besitzen. Immerhin . . . ich bin mit Ihm zufrieden; seit ich Ihn unter dem Tisch des Bayardordens in Rheinsberg gefunden, hat Er mir oft zum Schemel gedient. Wieviel hat sich seitdem verändert! Doch warum in aller Welt vergleicht Er mich immer mit dem Philipp – sieht Er denn nicht, daß etwas vom Alexander in mir steckt? Seh Er zum Fenster hinaus . . . sieht Er nicht an dem feurigen Schimmel, der eben in's Freie geführt wird und seine kühnen Sätze macht, das Ebenbild des Buccephalus? Ja, Er versteht mich besser, als was sonst um mich ist und die Weisheit der Höfe bietet. Ihm will ich's sagen, ich fühle das Feuer in mir, das einst den Alexander trieb, die Welt zu erobern . . . und ich bin viel älter als dieser 229 und habe das Recht, an gesteigerter Ungeduld zu leiden. Ein verzehrender Durst nach Ruhm und Thatendrang ließ mich den Degen ziehen, um verjährte Unbill zu rächen, meines Vaters Testament zu vollstrecken; ich will nicht länger ein Vasall sein des Hauses Habsburg. Mein Vater hat den Kampf vorbereitet, ein Heer gerüstet, Gold gesammelt . . . ich rücke in's Feuer, und ich fühl's oft im Geist, wie der alte Herr von Wusterhausen, der mir oft so freundlich war, mir auf die Schultern klopft und mir zuruft: »Bravo, Fritz!« Doch die Welt glaubt an Pergamente; die Diplomaten suchen sie hervor, man macht mit dem alten Zeug da Eure öffentliche Meinung. Darum habe ich einige Mäuse ausgeschickt, sie zu benagen, lasse mein Recht auf die schlesischen Fürstenthümer staatsrechtlich beweisen: scharfsinnige Gelehrte Eures Schlages, mein braver Morgenstern, machen Deductionen, daß es eine Freude ist. Makulatur gegen Makulatur; das ist für die Gläubigen in der Politik! Das neue Staatsrecht, an das ich glaube, kennt nur das Gebot des Augenblickes und dictirt der Zukunft das Gesetz. Vom inneren Geist getrieben, wandeln wir die Welt um, geben Vergängliches der Vernichtung preis, schaffen Neues, Großes, zerhauen den gordischen Knoten der Politik mit dem Schwert . . . das ist die That der Alexander!«

230 Und die großen Augen des jungen Königs leuchteten mit jenem wunderbaren Glanze, der ihren Zauber stets so unwiderstehlich machte; seine Züge nahmen dabei jenen milden und weichen Ausdruck an, der ihnen bisweilen in guter Stunde eigen war, und in welchem sich jetzt eine Art träumerischer Begeisterung spiegelte.

Der Kammerlakai trat ein und meldete die Obersten und die Breslauer Rathsherrn. Morgenstern harrte auf den Wink des Königs, um sich zu verabschieden, doch dieser sagte lächelnd: »Setz' Er sich nur neben meinen Gogo dort auf den Stuhl und schneid' Er mit ihm Gesichter um die Wette bei dieser hochwichtigen Action, welcher Er beizuwohnen die Ehre hat.«

Gleich darauf erschien Gutzmar mit den Rathsherrn und die beiden Obersten; sie verneigten sich ehrfurchtsvoll vor dem Monarchen. »Willkommen, Ihr Herren von Breslau,« sagte dieser, »ich hoffe, die Verhandlungen haben den gewünschten Abschluß gefunden?«

»Wir haben soeben den Neutralitäts-Vertrag unterzeichnet,« erklärte Gutzmar mit Würde, »und überreichen ihn in Ehrfurcht Eurer Majestät.«

Der König durchflog den Vertrag, indem er den einzelnen Bestimmungen desselben durch leichtes Kopfnicken Beifall zu zollen schien.

231 Als er ihn zu Ende gelesen, sagte der Syndikus: »Wir danken Ihnen, Sire, daß Sie an der Spitze eines mächtigen Heeres unsere Privilegien und Rechte geschont, das jus praesidii unangetastet gelassen und die Neutralität zugestanden, so daß nur in den Vorstädten ein Bataillon und die Gendarmen bleiben, daß Sie uns von jeder Art von Contributionen und Lieferungen freigemacht haben. Der Stolz und die Würde unserer alten Stadt ist ungefährdet und ich preise mich glücklich, für diesen Neutralitätsvertrag, den ich mit besonderer Liebe stets gehegt und gepflegt, Eurer Majestät Zustimmung erhalten zu haben.«

»Er spricht ganz so, wie vor drei Wochen der Schuster Döblin,« brummte Morgenstern in den Bart, indem er Gogo streichelte.

»Ganz einverstanden, Messieurs,« sagte Friedrich, indem er wie gleichgiltig hinzufügte, »natürlich, wie auch hier geschrieben steht, unter den jetzigen Conjuncturen und so lange sie dauern werden.«

Gutzmar, der sich in diesem Augenblick ganz als Senator fühlte und immer würdevoller in seine Toga hüllte, schien auf die unscheinbare Klausel nicht sonderlich zu achten, sondern schwelgte in dem stolzen Bewußtsein, mit einem gekrönten Haupte zu unterhandeln, und im Namen der Stadt Breslau, ihrer Vorstädte und der zu ihr gehörigen Dörfer zu sprechen. 232 Er dachte an die Augsburger Fugger und Welser und die Stadtherren und Patricier, welche mit Kaisern und Fürsten verkehrten auf einem fast vertraulichen Fuße, und es fehlte nicht viel, so sah er auf den kleinen preußischen König herab, wie etwa ein römischer Consul auf einen kleinasiatischen Fürsten, den er gelegentlich hinter seinem Triumphwagen einherschreiten ließ. Seine Rede nahm jenen salbungsvollen Ton an, mit welchem er bei feierlichen Gelegenheiten gebieterisch das tiefste Schweigen zu erzielen und das volle Gewicht seiner Bedeutung in die Wagschale zu werfen verstand, als er den König in die Mauern Breslaus einlud.

»Unsere gute Stadt,« sagte er, »rechnet es sich zu hoher Ehre, Sire, Sie selbst und Ihren Hofstaat zu bewirthen; doch das jus praesidii, das Sie ja anerkannt haben, gebietet uns, die ehrfurchtsvolle Bitte zu stellen, daß Eure Majestät sich nur von dreißig Gendarmen begleiten lassen. Sollten andere Truppen durch die Stadt ziehen, so müßten sie von unseren Stadtsoldaten, wie das unser altes Vorrecht heischt, bis zu den Thoren escortirt werden.«

»Allen Respekt vor Ihrem jus praesidii,« sagte der König mit einem feinen Lächeln und fügte, zu den beiden Obersten gewendet, hinzu: »Messieurs, Sie haften mir dafür mit Ihrem Kopfe, daß die Zahl 233 von dreißig Gendarmen nicht um einen einzigen überschritten wird – nicht um einen einzigen, denn jedes Pferd mehr könnte, wie seinerzeit das trojanische, auf hinterhaltige Eroberungsgelüste deuten. Ich nehme Ihre Einladung an und hoffe die Herren später auch als meine Gäste zu sehen. Adieu, Messieurs!«

Der König machte eine leichte Handbewegung, die Rathsherren empfahlen sich, von den Obersten geleitet. Der Doctor Morgenstern stand noch immer neben dem Aeffchen des Königs, das er vertraulich streichelte; als Friedrich sich zu ihm wandte, hielt er es für angemessen, ihm einen Bückling zu machen, der, begleitet von einem verständnißvollen Lächeln, dem Könige den Ausdruck seiner Zufriedenheit zu erkennen geben sollte.

»Was lacht Er, Monsieur?« rief ihm Friedrich zu, »Er glaubt wohl wunder, wie pfiffig Er ist und Unsereinem in die Karten schaut!«

»Vor ganz kurzer Zeit, Sire,« entgegnete der Doctor, »hat der Syndikus von Gutzmar Jeden, der ihm von der Breslauer Neutralität gesprochen, für seinen ärgsten Feind gehalten, und jetzt hat er diese Schlange an seinem Busen erwärmt und umringelt sich damit so erfreut, wie ein indischer Gaukler. Es ist erstaunlich, wie wenig eigene Gedanken doch die 234 Menschen haben und wie sie am meisten sich auf das einbilden, was sie sich widerwillig aneigneten.«

»Jetzt philosophir' Er nicht, Monsieur,« sagte Friedrich kurz, »marsch in die Stadt hinein, hör' Er und seh' Er Alles und rapportir' Er mir morgen wieder,« und als der kleine Doctor sich empfahl, sagte der Fürst halb zu sich selbst:

»Man lernt von seinen Feinden! Gelobt seist Du, Sanct Macchiavelli! Breslau ist unser und jetzt zu Pferde!«

Eine endlose Menschenmenge füllte die Straßen der Stadt; blitzesschnell hatte sich das Gerücht verbreitet, daß der König seinen Einzug halten werde. Er kam als ein Gast der Stadt, und es war durchaus in der Ordnung, daß die Stadt ihm einen festlichen Empfang bereitete. Die zurückkehrenden Rathsherren waren athemlos umhergeeilt, um die bereits getroffenen Anordnungen zu bestätigen und für die nächsten Stunden alles bereit zu halten. Musikcorps wurden an verschiedenen Orten aufgestellt; Kopf an Kopf wogte die Bevölkerung, alle Fenster waren mit Zuschauern besetzt und nur der Himmel bewahrte seinen vollsten Gleichmuth, indem er seine Schneeflocken so langsam und langweilig herunterstreute, als kümmere ihn nicht im Geringsten der festliche Jubel und die Aufregung der Menge.

235 Wenn auch der König selbst noch nicht gleich erschien, so gab es doch viel zu sehen und zu besprechen. Da erregte zunächst der Adjutant Aufsehen, der mit gezogenem Degen die Rathsherren auf das Rathhaus begleitete, wo noch der Präses den Vertrag zu unterschreiben hatte; dann kamen die königlichen Küchen- und Proviantwagen und viele Maulthiere mit blausammtnen Decken, welche das Silberservice trugen und mit ihren hellen Glöcklein gar gemüthlich klingelten. Man hatte sich den Einzug der Preußen stets so furchtbar gedacht – und nun ging er so behaglich von Statten und machte den Eindruck, als würde ganz Breslau zu einem großen Diner eingeladen. Mancher wischte sich den Mund und empfand ein landesverrätherisches Gelüste, sich mit den Feinden zu Tisch zu setzen. Nun kam der königliche Wagen; alle Augen waren auf die prachtvolle Galaequipage gerichtet. Der König saß nicht darin, aber auf den gelben Sammetkissen lag sein blausammtner Hermelin. Sollte vielleicht die gute Stadt Breslau selbst in diesen warmen Königsmantel gehüllt werden? Die dreißig Gendarmen, welche die Stadt Breslau dem Monarchen als Geleite verstattet hatte, ritten vor dem Wagen her, und ein Trompeter schmetterte ein lustiges Begrüßungsliedlein.

236 Wieder verging eine geraume Zeit; wer sich langweilte, mochte die Schneeflocken und die Köpfe der Menge zählen. Endlich eröffnete das Musikcorps am Schweidnitzer Thor mit schmetterndem Klang den jubelnden Reigen; die blaue Compagnie der Bürgerwehr salutirte. Der König! Das Echo pflanzte sich fort von Straße zu Straße, und immer neue Musikcorps nahmen die Klänge auf, sobald sie zu erlöschen drohten. Der König! Der Stadtmajor von Wuttgenau ritt dem Zuge voraus; vor dem König liefen die allergrößten Grenadiere der weiland Potsdamer Garde her, jetzt in Heiduken umgewandelt, in orangefarbener Livree mit Gold und Silber und mit riesigen Mützen.

Der König! Wie er dasaß auf dem schnaubenden Schimmel, den eine silbergestickte Chabracke schmückte, im blausammtnen Kleide mit weißen Achselbändern, mit dem silbernen Stern geschmückt, einen blauen schlichten Mantel über all' dem Glanz, den dreieckigen Hut fast immer grüßend in der Hand, zur Seite die Obersten, hinter sich eine glänzende Suite von Offizieren. Wie klirrten die preußischen Säbel! Hie Brandenburg in Schlesiens Hauptstadt! Vom Jubel der Menge begrüßt, fühlte es der König wie den Flügelschlag einer großen Zukunft über sich rauschen, und doch mitten in die gehobene Stimmung brach 237 das dumpfe Gefühl: »Es ist ein Triumph vor dem Siege!«

Unter den Zuschauern, die auf dem Ringe den Einzug des Königs mitansahen, befand sich Einer mit hochklopfendem Herzen, der in den Jubelruf mit stürmischer Begeisterung einstimmte, obschon er ein leises Wehgefühl nicht unterdrücken konnte.

Auch er fühlte den Flügelschlag des schwarzen Adlers über seinem Haupte, und dieser Adler verkündete ihm Sieg, Licht, Freiheit! Ihm entgegen flogen alle seine Gedanken, alle Wünsche seines Herzens! Er hatte in den Jesuitenkerkern gesehen, wie rechtlos in Schlesien der Einzelne den kleinen geistlichen Machthabern verfallen sei; er hatte die schlaffe kaiserliche Beamtenwirthschaft, die Ueberhebung und Machtlosigkeit der städtischen Behörden kennen lernen; er fühlte bis ins Innerste den dumpfen Druck, der über dem schönen Lande brütete. Und was brauste da für ein feuriger Jugendgeist in das Land hinein! Der junge König mit dem großen, tiefen Auge . . . die schnaubenden Rosse, die klirrenden Säbel . . . fröhlicher Kriegsmuth, glühender Thatendurst . . . und es war nicht blos die ruhmdürstende Tapferkeit einer kriegsbereiten Soldateska . . . hinter den blitzenden Waffen sah Arthur die in mildem Glanze leuchtenden Musen von Rheinsberg . . . Kunst und Wissen, ein 238 freies Denken, ein frisches Leben . . . und dies alles zusammen machte seine Pulse glühend schlagen und erhob ihn zu jenem Gefühl der Begeisterung, welches oft mit einem körperlichen Bangen verbunden ist, als zittere der Leib davor, daß die Seele bei so hohem Flug ihm ganz entschweben könne.

Doch dies Bangen wurde gesteigert durch den Gedanken, daß er ja an all' dieser Herrlichkeit kein Recht besitze. Dieser stolze junge König hatte ihn ja von sich gestoßen und beschimpft; wer von diesen Offizieren in Rheinsberg gewesen, der wußte ja, daß des Königs Ungnade auf ihm ruhe, und er selbst allein wußte, daß diese Ungnade die Gunst des liebenswürdigsten Mädchens in Ungunst verwandelt habe. Noch immer hatte er sich nicht rechtfertigen können; aalgleich war ihm der Doctor Salomon nun auch das letzte Mal entschlüpft; er hatte ihn auf die Ankunft des Königs in Breslau vertröstet; der König war in Breslau angekommen, doch wo war Doctor Salomon? Und selbst wenn er eine Audienz bei dem König nachsuchte – was nützte sie ihm, da er außer dem Doctor keinen Zeugen hatte zur Bestätigung seiner Worte, zum Beweise seiner Unschuld!

Wie von fieberhafter Ungeduld umhergetrieben, eilte Arthur, während sich die Menge nach dem Einzug des Königs zerstreute, durch die Straßen; er 239 hoffte immer, daß der Zufall ihm das Männchen entgegenführen werde, auf das er jetzt alle seine Hoffnungen setzte; er konnte sich nicht nach ihm erkundigen, denn er wußte seinen Namen nicht. Der kleine Doctor liebte es, so geheimnißvoll wie möglich zu bleiben. Das Wiedersehen mit dem merkwürdigen gelehrten Hofnarren erschien ihm als der höchste Wunsch seines Lebens und er spähte nach ihm aus, wie nach einem verlorenen Kleinod. Es war das im Grunde kein hoffnungsloses Bemühen; denn die Breslauer wußten viel von der Allgegenwart des Doctors zu erzählen; doch ein ungünstiger Zufall hinderte jedes Wiederfinden. Selbst im Schweidnitzer Keller suchte Arthur am Abend vergeblich nach ihm und ging mißgestimmt nach Hause. Welch eine sonderbare Laune des Schicksals knüpfte die Entscheidung über seine Zukunft an ein Wort des drolligen Männleins!

Auch an dem nächsten Tag war Arthur nicht glücklicher, und er beschloß, wenigstens für das Glück Anderer zu sorgen, und bei dem Assessor von Reideburg eine erneute Fürsprache zu Gunsten seines gefangenen Freundes einzulegen, dessen Lebensschicksale einen dauernden Eindruck auf sein Gemüth gemacht hatten. Als er in das Haus des Assessors trat, fand er alles in großer Bewegung; Kisten wurden gepackt, Mantelsäcke geschnallt; Bedienten liefen hin und her; 240 oben kniete Kleopatra neben einem Heuhaufen, aus welchem sie einige ehemalige Grashalme herausgriff, um Vasen und Trinkgefäßen verschiedener Art einen sichernden Verband anzulegen; Sigismund saß auf einem Sopha, die Pfeife im Mund und die Füße auf zwei gewaltige Aktenbündel gestützt, welche ebenfalls auf dem Wege der Auswanderung sich zu befinden schienen.

»Da haben wir's, Kleopatra, erhebe Dich und sieh dem Landesfeind in's Gesicht,« sagte Sigismund, als Arthur eintrat, »wahrlich, zu einer günstigeren Stunde konnte Dich Dein Stern nicht hierherführen! Das verdanken wir Deinen Herren Preußen!«

»Was ist denn vorgefallen?« fragte Arthur verwundert.

»Nichts weiter, als daß wir Breslau verlassen müssen, kopfüber, verjagt, wie Vagabonden, nicht blos ich, so schmerzlich mir auch dies schon wäre, sondern auch mein ehrwürdiger Präsident, der alte Graf und das ganze Oberamt.«

»Das war ein Blitz aus heiterem Himmel,« rief Kleopatra mit tragischer Geberde, indem sie das Heu von ihren Kleidern stäubte, »wer hätte geglaubt, daß wir so plötzlich uns trennen müßten?« Und dabei ergriff sie im Aerger einen Amor von Gips, dem der eine Arm abgebrochen war, bei den Beinen und 241 wickelte ihn so gewaltsam in eine Heubinde ein, daß er gewiß geschrien haben würde, wenn ihre Hände die Macht des Pygmalion besessen hätten, ihn zum Leben zu erwecken. »Und wer ist dieser fremde Fürst mit seinen schnauzbärtigen Rittmeistern, daß er sich das Recht nimmt, in unsere inneren Angelegenheiten einzugreifen?«

»Ich verstehe noch immer nicht –« sagte Arthur betroffen über den Ausdruck von Wuth in der Miene der Kleopatra.

»Nun, Dein Prinz von Rheinsberg,« erwiderte Sigismund, indem er sich erhob und seinen Pfeifenkopf an dem Marmorsims des nahen Kamins zerschmetterte, – »ich wünsche ihm das Loos dieser Leda, die hier mit ihrem Schwane in den letzten Zügen liegt – Dein Prinz von Rheinsberg, jetzt König der Mark Brandenburg und der umliegenden Ortschaften und Commandant der Potsdamer Wachtparade, benimmt sich wie ein kleiner Despot, den die Königin von Ungarn erst wird mores lehren müssen. Noch vor den Thoren, verbietet er dem Oberamt, seine Sitzungen zu halten, und kaum als Gast in unsere Stadt eingezogen, verlangt er, daß wir alle augenblicklich dieselbe verlassen. Das ist das neueste Völkerrecht! Man schließt einen Neutralitätsvertrag – und gebietet dann als Souverän. Kein preußischer Soldat 242 darf durch die Stadt gehen, wenn er nicht von der städtischen Leibcompagnie geleitet wird – und die höchste Behörde der Stadt wird wie eine Schaar Verbrecher herausgetrieben.«

»Und was sagte der Rath dazu?« frug Arthur.

»Der Rath?« entgegnete Sigismund, »der Rath reichte zu unseren Gunsten eine Art von Gnadengesuch ein, doch Seine Majestät bedauerten, der getreuen Stadt Breslau ihre erste Bitte abschlagen zu müssen.«

»Es ist aber Krieg,« erwiderte Arthur, »der König will keine Feinde im Rücken haben . . . und freundlich sind ihm die Herren vom Oberamt wahrlich nicht gesinnt.«

»Es giebt, Gott sei Dank, noch viele Andere in Breslau, die ihm nicht freundlich gesinnt sind und die Sache wird kein gutes Ende nehmen. Ich werde schon Mittel und Wege finden, gelegentlich wieder nach Breslau zu kommen, und Kleopatra wird mir inzwischen Bericht erstatten über Alles, was hier vorgeht.«

Die Schauspieldirectrice hatte inzwischen die sämmtlichen kleinen Kunstwerke, die sich im Besitz des Oberamtsassessors befanden und von denen einige im Geschmack der Zeit recht kecke mythologische Zumuthungen stellten, ohne alle spröden Bedenken eingepackt und erhob sich nun von der Erde, indem sie dem Assessor 243 für seine letzten Worte freundlich zunickte: »Ich weiß die Feder zu führen,« sagte sie, »ich verstehe auch zu sehen und zu hören . . das lernt man in unserem Beruf . . . mir soll nichts entgehen.«

»Ich bedauere nur,« sagte Arthur, »daß ich unter diesen Umständen meine Bitte gar nicht vorbringen kann, sie betrifft die Befreiung des Schwenckfelders . . . doch an wen in aller Welt soll ich mich jetzt wenden?«

»Wende Dich jetzt an den hohen Rath . . . die Akten sind freilich alle mitfortgewandert; das sind die Folgen dieser fluchwürdigen Invasion. Es war jetzt alles auf dem besten Wege; da mußte dieser Berliner König kommen; nun, es freut mich, daß er auch Dir einen Strich durch die Rechnung macht!«

Kleopatra konnte bei dieser Bemerkung ein schadenfrohes Lachen nicht unterdrücken und Arthur hielt es für das Gerathenste, sich mit dem Ausdruck des Bedauerns über die Verweisung des Oberamtes bei dem Jugendfreund zu verabschieden. Er sah ein, daß der letztere jetzt nichts mehr für den Gefangenen thun konnte, und war schwer betroffen von der Aussichtslosigkeit aller seiner Bemühungen.

Nach Hause zurückgekehrt, fand er auf seinem Tisch ein großes Couvert mit einem großen Siegel, und zu seiner höchsten Ueberraschung befand sich auf diesem Siegel wieder die Wolke, aus welcher der 244 zierliche Zeigefinger sich zu der bedeutungsvollen Inschrift in die Höhe streckte. Was hatte ihm die geheimnißvolle Schöne mitzutheilen? Führte ihn sein Schutzgeist vielleicht auf den Weg, der zu dem kleinen Doctor führte? Denn wenn sie ein Schutzgeist war, so mußte sie alle seine Wünsche errathen. Er öffnete den Brief, indem er vorsichtig das Siegel schonte. Doch statt auf die zierlichen Zeilen einer zarten Hand zu stoßen, erblickte er mit unmuthigen Befremden einen anderen Brief, dessen Adresse im Curialstyl abgefaßt war und mit jenen geschäftsmäßigen Schriftzügen, welche von Hause aus den Gedanken an ein vertrauliches Geheimniß ausschlossen; doch als er ihn erbrach . . . er traute seinen Augen nicht . . . welche gütige Fee legte ihm ein Geschenk auf den Tisch, das er mit so fieberhafter Unruhe ersehnt hatte, das zu erreichen er den kleinen Doctor so ruhelos angegangen war! Was er Schritt für Schritt zu erringen hoffte, hier lag es fertig, wie aus den Wolken herabgefallen. Wer freilich Arthurs Vergangenheit nicht kannte, der hätte sich über die freudige, stürmische Aufregung, die ihn ergriff, aufs Höchste wundern müssen; denn das innere Couvert enthielt nichts als was hundert Breslauern an jenem Tage zugekommen war, ohne etwas anderes als das Gefühl einer behaglichen Genugthuung zu erregen; es war nur die Einladung zu dem 245 Festball, welchen der König von Preußen im Locatellischen Saale den Breslauern gab; für Arthur aber bedeutete diese Einladung Erfüllung und Krönung seiner glühendsten Wünsche. Er war von dem jungen König wieder zu Gnaden angenommen; das Mißverständniß von Rheinsberg mußte beseitigt sein, er galt nicht mehr für einen Spion; er konnte mit voller Freude sich in den Kreisen bewegen, denen er angehörte durch die Begeisterung für den jungen König, die ihn seit seinem Besuch in Rheinsberg erfüllte.

Immer wieder betrachtete er die geheimnißvolle Wolke; wer war die unbekannte Vermittlerin, die ihm heute das schönste Geschenk gemacht, das ihm seit langer Zeit zu Theil geworden war? Auf dem Ball bei Locatelli hoffte er sie zu finden; denn war es auch ein Maskenball, bei dem vor allem die Damen im Costüm erschienen – durch irgend ein Zeichen mußte sein verhüllter Schutzgeist die Maske lüften, davon war er überzeugt; sie würde in seine Nähe treten, um ein Wort des Dankes zu hören, um ihm irgend einen neuen bedeutsamen Wink zu geben; ein Wesen, das ihn so liebevoll überwachte, konnte ihm nicht fern bleiben; er meinte, er würde ihre Nähe aus allen Schleiern herausfühlen.

Seine freudige Aufregung war zu groß, es duldete ihn nicht lange in den Zimmern; er mußte hinaus, 246 frische Luft athmen, sich zerstreuen durch den Anblick des bunten Treibens der Menschen. Wie anders erschienen ihm jetzt die preußischen Uniformen, die sich hier und dort in den Straßen zeigten; es waren ja die Uniformen der Rheinsberger Offiziere; er durfte jetzt kühn und fest in ihre Mitte treten. Als er um eine Ecke des Ringes bog, bemerkte er von ferne einen Offizier, der alle anderen an kolossaler Körpergestalt überragte. Je näher er ihm kam, desto bekannter gemahnte ihn sein ganzes Wesen . . . und doch konnte er sich nicht besinnen, unter den preußischen Lieutenants einen Bekannten von so ausgeprägter Körperfülle zu haben. Wie erstaunte er, als von oben herab, über die steifen Kragen der Montur, eine Stimme tönte, deren kräftige Gemüthlichkeit ihm ja seit lange vertraut war:

»Alter Junge, Du wunderst Dich wohl über meine neue Verwandlung? Na, in der Noth, sagt ein altes Sprüchwort, frißt der Teufel Fliegen, und da bin ich denn in die Montur gekrochen, die, wie mir mein Spiegel und die Leute sagen, meine körperlichen Formen gar stattlich hervorhebt.«

In der That war die Ueberraschung Arthurs nicht gering, den Junker Hans Leopold von Schweinichen auf einmal in der Uniform des Preußenkönigs zu erblicken.

247 »Doch wie in aller Welt hast Du diese Verwandlung so rasch zu Stande gebracht?« frug er erstaunt.

»In der einfachsten Weise von der Welt! Auch der letzte Kürschner, von dem ich Dir jüngst erzählte, wurde neuerdings unangenehm gegen mich. Das liegt einmal in den politischen Verhältnissen: alle Welt verliert die gute Laune. Sollte ich meinen Pelz bezahlen oder zurückgeben? Da blieb mir nichts übrig, als den ganzen Winter das Zimmer zu hüten. Da kam mir ein guter Gedanke! Als ich die preußischen Obersten in Breslau hereinreiten sah, gefielen mir die Bursche; stattliche Leute, das hat einen Pli, das ist adrett, das imponirt aller Welt! Da war ich rasch resolvirt! Die Schweinichen haben zu allen Zeiten gern Kriegsdienste genommen und sehr verschiedenen Herren gedient; ich wußte zwar, es würde meiner Familie nicht sehr angenehm sein, wenn ich unter die Brandenburger ginge; doch meine Familie hat nichts für mich gethan und Haus Oesterreich auch nicht und Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich setzte ein langes Schreiben auf, in welchem ich dem König meinen Wunsch vortrug, in seine Dienste zu treten. Dabei schilderte ich ihm meine Lage und daß mir dies nur möglich sein würde, wenn er die Gnade hätte, die Sorge für meine Equipirung zu übernehmen. Diese Sorge hat mich ja zeitlebens gequält; früher 248 wandte ich mich an die Schneider und Kürschner und wie der Pöbel heißt, dem man noch gute Worte geben muß, wenn man ihm etwas abkauft und nicht gleich das Geld zur Hand hat; jetzt wandte ich mich an einen König; der giebt's gratis und aus dem Vollen heraus!«

»Da hast Du im Grunde ein gutes Geschäft gemacht,« unterbrach ihn Arthur.

»Nun kannst Du Dir denken, Herzensjunge, wie ich auf die Antwort gespannt war. Ich hatte mein Schreiben dem Obersten von Borck mitgegeben, der trug es hinaus auf den Schweidnitzer Anger zum König! Und gestern erhielt ich die Antwort: Alles bewilligt! Ein Offizier brachte mir das Patent, ein Unteroffizier die Uniform. Und jener erzählte mir, des Königs Freude über mein Gesuch sei groß gewesen, da ich der erste schlesische Junker sei, welcher den Wunsch ausgesprochen habe, in preußische Kriegsdienste zu treten; doch eben so groß sei die Verlegenheit gewesen, eine für mich passende Uniform zu finden; denn der König wollte das Patent gleich mit einer solchen begleitet sehen, während erst später der Schneider mir eine Equipirung machen sollte, welche den Reiz der Neuheit mit einer sich vollkommen anschmiegenden Eleganz und Bequemlichkeit vereinigen würde. Endlich erinnerte man sich eines riesenhaften 249 Offiziers, der jüngst verstorben – ich sage Dir, Herzensjunge, die Riesen haben alle ein kurzes Leben seit dem seligen Goliath, dem freilich ein dummer Hirtenbube das Lebenslicht ausblasen konnte; wir bieten zu viel Terrain für die heimtückischen Manövres der inneren Krankheit und zu viel Fläche für die Kanonenkugeln . . . kurz, man fand auf irgend einer Kammer draußen diese Uniform, in welche ich allenfalls hineinpasse, obgleich bei dem ersten Versuch einige Nähte platzten . . . kurz, me voilà officier du roi de Prusse.«

»Ich gratulire Dir,« sagte Arthur, »Dein Leben hat einen würdigen Zweck gefunden, Du kämpfest für die Sache der Aufklärung, für die Sache der Freiheit.«

»Lieber Freund,« erwiderte der Junker, »Krieg ist eben Krieg, man kämpft dort, wo man hincommandirt wird. Ich hätte auch in österreichische Dienste treten können: das wäre sämmtlichen Vettern und Onkeln lieber gewesen, doch gerade deshalb habe ich es nicht gethan. Und dann ist man dort so weitläufig und umständlich; hier geht alles prompt zu. Die ganze Art, wie hier zu Werk gegangen wird, macht mir ein kapitales Vergnügen. Man rückt in's Land ein, wie der Blitz, berennt die Festungen, schleicht sich unter allerlei Vorwänden in die Hauptstadt ein. 250 Die haben Chancen, die Preußen, – und ein rechter Landsknecht geht nur dorthin, wo die besten Chancen sind. Wer aber Kriegsdienste nimmt bei allerlei Volk, der ist ein Landsknecht auch in diesem glorreichen Jahrhundert. Freiheit, Aufklärung – lieber Freund, das sind lauter schöne Dinge; weiß nicht, ob die gerade in Commiß ihren Einzug halten. Wer eine Kugel in den Kopf bekommt, mit dessen Aufklärung wird es wohl nicht mehr zu weit her sein!«

»Ich freue mich wahrhaft über Deinen Entschluß, alter Freund,« sagte Arthur, »wollen wir uns nicht im Rathskeller zusammen finden?«

»Ich wäre gern dabei, doch da ist eine fatale Geschichte beim Militär . . . das ist der sogenannte ›Dienst‹. Daran muß ich mich erst gewöhnen. Die Uniform ist stattlich und steht mir sehr gut, aber der Dienst, der Dienst! Habe mich meine Lebtage nicht um die Uhr gekümmert, es war mir so gleichgiltig, was die Glocken schlugen; ich begriff gar nicht, wozu der ganze Lärm in den Lüften war. Jetzt heißt es, punkt fünf Uhr, punkt sechs Uhr . . . und ich habe mir sogar ein solches Instrument gekauft, wenn auch noch nicht bezahlt; doch die Uniform giebt Credit . . . ich trage es am Herzen, dies Mordinstrument, durch welches mein ganzes Behagen zu Tode gepickt wird. In der That, seit ich diese ewige Unruhe in der 251 Tasche trage, pickt es mir auch im Kopfe, als wenn die Zeiger und die Räder mir im Gehirn herumgingen, ich wandle durch die Straßen wie das böse Gewissen. Da muß ich gleich auf den Anger hinaus. Siehst Du, nun habe ich schon wieder fünf Minuten versäumt, ich seh' es an der Rathsuhr, und nun muß ich laufen, bis ich aus allen Poren schwitze, um zurecht zu kommen. An diese kleinen Unannehmlichkeiten habe ich gar nicht gedacht; ich sah nur die blanken Knöpfe. Lebe wohl, Herzensjunge!«

Und mit diesen Worten empfahl sich der stattliche Offizier, dem alle Welt nachsah, als er mit Gigantenschritten die Schweidnitzerstraße entlang schritt. Er ließ Arthur in tiefem Nachdenken zurück. Diese preußische Uniform hatte ja längst auf ihn selbst einen bestrickenden Zauber ausgeübt, während sie für den wackern Freund nur eine Hilfe in der Noth war, doch mit dem leichten Gewissen eines Landsknechtes wie dieser Freund, vermochte er den Entschluß nicht zu fassen. Bis jetzt war diese Frage noch nicht an ihn herangetreten, denn so lange er bei dem König in Ungnade gefallen und mit dem Makel eines österreichischen Spions behaftet war, würde ja sein Ersuchen sinnlos gewesen und von Hause aus zurückgewiesen worden sein. Jetzt war es anders. Jenes Hinderniß war beseitigt; ja, sein Gesuch in preußische 252 Kriegsdienste zu treten, würde auch den letzten Zweifel beseitigt haben, der vielleicht noch in Bezug auf die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bestand. Für ihn selbst war es die That, die auf diese erst das Siegel drückte. Hatte er doch müßig gestanden in großer Zeit; sein Herz aber war bei dem schwarzen Adler und seinem Siegesflug, und seiner inneren Begeisterung zu folgen, ist des Mannes Recht und Pflicht zugleich. Wo sein Herz war, da sollte auch sein Degen sein.

Und doch . . . dieser Boden gehörte dem Hause Oesterreich; der Doppeladler hatte über seine Wiege gesehen; alle die Seinigen waren aufgewachsen unter dem Gesetz österreichischer Hoheit und sahen in den Habsburgern ihre angestammten Herren. War es nicht eine Art von Desertion und Fahnenflucht, wenn er zum Landesfeinde überging? Doch in seinem Herzen war er schon längst fahnenflüchtig, und so locker war das Band, welches diese Lande mit Oesterreich verknüpfte, daß außer der Gewohnheit und den Steuern kaum eine innere Zugehörigkeit bestand. Und wie verkommen war alles unter dieser Herrschaft! Nicht Oesterreich, Schlesien war sein Vaterland, und welchen glänzenden Aufschwung würde dieses nehmen unter der Regierung eines geistreichen Fürsten, welcher alle schlummernden Kräfte des Landes entfesseln, alle niederdrückenden lahm legen, welcher den Künsten 253 und Wissenschaften seinen eigenen Geist einhauchen und die geistliche Alleinherrschaft in seinem Reich zerbrechen würde. War er ein österreichischer Deserteur, so war er doch ein schlesischer Patriot und opferte das weitere Vaterland, um dem engeren Gedeihen und eine schöne Zukunft zu sichern.

Alle diese Gedanken wogten in Arthur seit der Begegnung mit dem preußischen Lieutenant Hans Leopold von Schweinichen hin und her; er schob es zunächst auf, einen Entschluß zu fassen; er wollte erst die Begegnung mit dem Könige selbst abwarten, die ja bei dem Locatelli'schen Festabend nicht ausbleiben konnte.

Und dieser heißersehnte Abend war herangekommen! Arthur trat in den lampenhellen Saal; noch war die Erinnerung an das Verlobungsfest Sigismunds lebendig in seiner Seele; doch trug das heutige Fest einen gänzlich verschiedenen Charakter. Die Hälfte der Gäste war im Maskencostüm erschienen, besonders die Damen, und ein bunter Flor von Pegnitzschäferinnen, olympischen Göttinnen, Odernymphen durchwogte den Saal. Die Herren waren im Ballcostüm erschienen, doch jede Erinnerung an die Landestrauer war auf das Strengste untersagt. Eine große Zahl preußischer Offiziere klirrte mit ihren Sporen und Säbeln durch den Saal und gab dem Fest einen kriegerischen Zug, 254 wie er den Breslauer Festen bisher fern gewesen war. Papa Rampusch hatte seinen Schnurrbart heute wieder unternehmungslustig in die Höhe gedreht; denn er hatte sich selten unter einer so großen Zahl tapferer Kameraden befunden, die seinen Verdiensten um die Vertheidigung Breslaus volle Gerechtigkeit widerfahren ließen, und auch der Major von Wuttgenau verkehrte, trotz seiner kaiserlichen Gesinnung, auf das freundlichste mit den kriegerischen Gästen. Arthur hatte auch die Freude, die jüngste Säule der preußischen Herrschaft, deren Kapital alle andern überragte, hier wiederzufinden; denn auch der Junker Hans Leopold hatte sich vom Anger draußen wieder eingefunden und seine majestätische Erscheinung flößte den Pegnitzschäferinnen Grauen und den Odernixen Bewunderung ein, die sich einen solchen Flußgott wünschen mochten. Eine schalkhafte Nixe, die außer dem Schilfkranz im Haar noch ein Fangnetz von grünem Schilf in den Händen trug, gefiel sich darin, sich den Stromgott einzufangen und ihn am grünen Bande festzuhalten; die anderen Nixen bildeten einen Reigen mit ihr und umtanzten den Stromgott, der sich diesen Scherz anfangs mit Behagen gefallen ließ, dann aber mit einem Kernfluch sich durch den umstrickenden Tanz die Bahn brach: »Na, ihr nassen Frauenzimmer, ihr Wasserhexen, nun macht einmal Platz, oder ihr sollt sehen, wie ein 255 preußischer Offizier mit solchem verwetterten Spuk fertig wird!« Und dabei zerriß er das Fangnetz von Schilf, und schritt groß durch den gelösten Reigen.

Arthur hatte dem heiteren Schauspiele mit Ergötzen zugesehen; dabei schweiften seine Blicke immer nach rechts und links in's Maskengewühl, um seine geheimnißvolle Schöne zu entdecken. Hier trat eine Silesia ihm näher und berührte ihn mit ihrem Fächer; doch es war eine riesige Gestalt, ihr Fächerspiel nur ein zweckloser Maskenscherz. Hans Leopold hatte bald ein Auge auf die Riesin geworfen, seine Tänzerin vom letzten Locatelli'schen Ball in ihr erkannt und mit ihr ein Schutz- und Trutzbündniß für den nächsten Menuett geschlossen. Um Arthur flirrte es indessen von Schönheiten in der verschiedensten Tracht, deren Augen kokett durch die Masken ihm zulächelten; einige mit Pfeil und Bogen bewährte Phantasiegöttinnen richteten ihr Geschoß auf ihn; eine Edeldame mit einem ausgestopften Falken in der Hand, ein süßes Fräulein aus der minniglichen Zeit, legte ihm die Hand auf die Schulter und erklärte ihn für ihren Ritter; doch keine dieser anmuthigen Masken war diejenige, die er suchte.

Da erklang plötzlich ein schmetternder Tusch durch den Saal, und wie die vom Wind erfaßten und seitwärts geneigten Tulpen, Malven und Rosen eines 256 Blumengartens neigten sich alle diese bunten Masken. Der König war erschienen in seiner blauen mit Silber geschmückten Uniform; neben ihm standen die Obersten, welche den Breslauer Neutralitätsvertrag vermittelt hatten. Auch andere Herren waren mit dem König in den Saal getreten; in einem derselben, dessen volles Gesicht in heiterstem Glanze strahlte, erkannte Arthur einen Genossen des Rheinsberger Kreises, den Hamburger Kaufmannssohn, welchen der »Tourbillon« in seinem Netze gefangen hatte. Nicht lange dauerte es und Bielefeld stand neben ihm und drückte ihm herzlich die Hand.

»Da sind wir,« sagte er lächelnd, »wir haben auf unsern Gegenbesuch nicht lange warten lassen. Wir wissen jetzt Alle, daß Ihnen in Rheinsberg ein Unrecht widerfahren ist.«

»Ich habe die Kränkung lange nicht verwinden können,« erwiderte Arthur, »doch freue ich mich jetzt, daß man sich von meiner Unschuld überzeugt hat. Mein Herz war immer bei dem Kronprinzen und den Seinigen; doch was machen die Rheinsberger und Rheinsbergerinnen?«

In diesem Augenblicke wurde die Unterhaltung unterbrochen, denn alle Augen richteten sich auf den jungen König, der mit der Gräfin von Schlegelberg, 257 in deren Palais er wohnte, den Tanz eröffnete. Man hatte in Breslau seit einem Jahrhundert keine Majestät gesehen und gar eine tanzende Majestät, die sich in die bunten Reihen mischte. Das erschien als etwas Unerhörtes! Unnahbar in den ernsten Gemächern der Burg konnte man sich nur die Kaiser von Oesterreich denken, schon bei Lebzeiten in vornehmster Zurückhaltung wie in einer Art von Erbbegräbniß eingesargt. Etwas vom düstern Hauch des Eskurial schwebte um die Majestät der Habsburger, und hier ein junger, galanter, volksthümlicher König! Selbst das verstockteste Gemüth der österreichisch gesinnten Rathsherren empfand einen leisen Zug von Neigung zu diesem Fürsten, und nur die von Wien aus neugemalten Wappenschilder legten einen Protest ein gegen die zu lebhafte Aeußerung der Begeisterung. Auch manchem Rathsfräulein hatte es das große Auge des Königs angethan und für Augenblicke wurde die im stillen Kämmerlein hängende schöne und stolze Maria Theresia vergessen.

Der König von Preußen tanzt! Das sagte die feierliche Stille im Saal! Noch andere Damen wurden der Ehre theilhaft; nur die gewaltige Silesta trauerte, daß sie vergessen war; sie durfte doch vor allen erwarten, in dem Arm des Königs von Preußen zu ruhen.

258 Der König von Preußen tanzt . . . mag es der schmetternde Lärm der Musik dem staunenden Breslau verkündigen! Alle Gespräche verstummten; man sah nur auf den jungen Monarchen, auf die Tänzerinnen, die er wählte, auf die Touren, die er ausführte, und erst als er unter die Zuschauer zurückgetreten war, summte wieder das Leben der neuaufgenommenen Unterhaltung durch den Saal, jenes schwirrende, brausende Leben, welches den darüberschwebenden Tönen der Musik einen dunklen Grund giebt. Auch Arthur nahm seine Fragen wieder auf, welche Bielefeld beantwortete, indem er mit den Rheinsbergerinnen und zwar zuerst mit seinem »Tourbillon« anfing.

»Frau von Morien wird hoffentlich bald nach Schlesien kommen; wir alle vergehen vor Ungeduld und können es nicht abwarten, die wichtigsten Nachrichten erst aus weiter Ferne zu erfahren. Und Frau von Morien ist überhaupt ja das ungeduldigste Wesen, welches die Erde trägt. Mein Gott, sie sollte nur Schiffe auf der See haben, wie unsereins, sie würde auf dem Lande seekrank bei jeder Nachricht von einem Orkan; doch sie ist reizend, eine echte voll aufgeblühte Schönheit, wie schade, daß sie am heutigen Abend fehlt! Es giebt zwischen der Elbe und der Binnenalster wenige, die sich mit ihr messen können, und auch hier an der Oder,« fügte er mit einem Blick 259 in den Saal hinzu, »ist nicht alles Blume was blüht!«

»Und Frau von Brandt?« frug der Junker weiter.

»Schmachtet nach wie vor noch nach ihrem fürstlichen Seladon! Seit Friedrich König geworden ist, soll ihre Neigung einen großartigen Aufschwung genommen haben. Ihr Herz begehrt alle Tage eine erhabene Sonntagsfeier, und Herr von Keyserling, der nur für die Wochentage ist, vermag sie nicht mehr zu trösten.«

Mit einigem Zögern erkundigte sich nun Arthur nach Agnes von Walmoden, doch ehe er noch den Namen auf die Lippen gebracht hatte und die Frage gethan, welche Bielefeld sich nicht beeilte zu beantworten, sah er neben sich, das Gesicht mit schwarzer Halbmaske verdeckt, eine Wolkenkönigin, die anmuthige Gestalt in lauter Schleier gehüllt, welche dunkel und hell, wie ein buntes dichtes Gewölk sie umwogten . . . und die Brosche war sein Medaillon, mit den Fingern, welche empor zeigten . . . und die Gestalt selbst legte die eine Hand zart auf seinen Arm und winkte mit der anderen, ihr zu folgen.

Und Arthur folgte ihr, sie legte ihre Hand in die seinige und wenige Augenblicke darauf stand er vor dem König, welchem die Wolkenfee ihn mit tiefer graziöser Verneigung vorführte.

260 »Herr von Seidlitz,« sagte Friedrich, »ich begrüße Sie als meinen lieben Rheinsberger Gast. Das Mißverständniß, welches Ihren plötzlichen Abschied verursachte, hat sich gelöst; danken Sie es dieser Dame; ich weiß jetzt, daß Sie ohne jede Mitschuld waren, als Sie den kleinen Doctor durch den Garten in das Cavalierhaus geleiteten. Er selbst ist übrigens jetzt in meinen Diensten und ich bin mit ihm zufrieden. Ich bin Ihnen Satisfaction schuldig und ich will Ihnen jede gewähren, die in meinen Kräften steht!«

»Diese gnädigen Worte, Sire,« erwiderte Arthur, »sind die höchste Satisfaction, die ich ersehnen konnte. Auch während Ihre Ungnade auf mir ruhte, hat mein Herz immer für den edlen König und seine glorreiche Zukunft geschlagen.«

»Wie es mit dieser Zukunft aussieht,« sagte Friedrich, »das ist noch dunkel; doch wollen wir nächstens an ihre Pforte klopfen. Es läßt sich nicht übel an in diesen Landen und in dieser Stadt, doch auf das Morgenroth folgt selten ein schöner Tag.«

»Das ist schon mehr als Morgenroth, es ist die Morgensonne,« erwiderte Arthur sich verneigend.

»Sie haben Esprit, Monsieur! Und ich liebe das! Wir haben's in Rheinsberg erfahren, meine Damen von Rheinsberg lieben und schätzen den Esprit. Jetzt freilich gilt es die rauhe Sprache der Schwerter und 261 Kanonen und da wird der Mensch oft zur Maschine, wozu ihn jener französische Denker für immer machen will. Es ist überhaupt noch nicht ausgemacht, ob man die Geschichte mehr mit dem Geist oder mit der Maschine vom Platz bewegt!«

»Sire, mit dem Geist, mit dem Genius!« –

»Und mit guten Soldaten und Kanonen. Wie die Welt einmal ist, hat sie einen harten Schädel, man wird nicht in Güte mit ihr fertig. Nous verrons! Sie aber, Monsieur, haben ein Recht, mich als Ihren Schuldner zu betrachten.«

Und mit einer leichten Handbewegung endete der König das Gespräch, indem er sich zu der Wolkenfee wandte. Die umstehenden Offiziere grüßten Arthur verbindlich und ließen sich in ein Gespräch mit ihm ein; er antwortete zerstreut; alle seine Gedanken weilten bei dem anmuthigen Mädchen, das sich der besonderen Gunst des Königs erfreute, das er jetzt unter allen Verschleierungen heraus zu erkennen glaubte, und zwar mit einer Freude, die alle seine Pulse höher schlagen machte. Der König hatte das Gespräch mit ihr abgebrochen, sie eilte in das Maskengewühl; Arthur trennte sich so rasch, wie es irgend schicklich erschien, von der Gruppe der Offiziere, um ihr zu folgen. Doch schon drehte sie sich in fröhlichem 262 Walzer; der König hatte befohlen, daß der deutsche Tanz den französischen ablösen solle, und sie erschien bei der Leichtigkeit und fluchtartigen Gewandtheit ihres Wesens in der That wie ein fliegendes Gewölk. Kaum war der erste Tanz vorüber, als Arthur auf sie zutrat, um sie aufzufordern; doch gleichzeitig nahte ein anderer Cavalier und die Schöne bedauerte flüsternd, daß sie schon für alle nächsten Tänze versagt sei.

So mußte Arthur sich in Geduld fassen; er stand da mit hochschlagendem Herzen und mitten im Gewühl der Menge war es ihm, als hörte er die hohen Buchen von Rheinsberg über sich rauschen und das Plätschern des freundlichen Sees zu seinen Füßen, und jedesmal, wenn das holde Räthsel mit den wallenden Schleiern an ihm vorüberflog, faßte ihn ein umüberwindliches Sehnen, ihr unter der Maske in das feurige Auge zu sehen, ihr die Hand zu drücken mit herzlichem Dank für Alles, was sie für ihn gethan. Sie war es, sie mußte es sein! Doch wie kam sie nach Breslau so lange Zeit vor dem König? Wie fand sie den raschen Weg in den Rathskerker? Wie wäre es ihm damals möglich gewesen, auf sie zu rathen, da es ihm noch jetzt schwer fiel, hierfür eine Lösung zu finden! Oder sollte er sich doch noch täuschen?

263 Endlich ruhte sie ermüdet vom Tanz, trat aus den Reihen und ging, sich Kühlung zufächelnd, in einer Seitenhalle des Saales, wo das Gedränge geringer war, auf und ab; sie trat in eine Fensternische und blickte hinaus in die winterliche Nacht. Jetzt trat Arthur zu ihr:

»Herzlichen Dank, schöne Maske! Wird jetzt meine Stumme mit mir sprechen?«

»Der Bann ist von Dir genommen durch des Königs Wort; ich wünsche Dir Glück dazu, schlesischer Ritter! So ist auch Deine Stumme wieder redend geworden.«

»Du warst mir ein Geheimniß, Du bist es nicht mehr; ich kenne Dich jetzt, Du Fee des Wasserfalles! Ich nenne Dich bei dem Namen . . .«

»Halt, nicht so hastig,« erwiderte die Wolkengöttin, »denk' an die schöne Isabella von Pogarell! Sie ist die Göttin, ich bin nur die Wolke!«

»Ich beweine sie, doch wir sind geschieden. Ihr Herz gehört der Kirche und der Kaiserin; wir können nicht zusammen glücklich sein.«

»Geschieden auf immer?« frug es aus der Maske heraus.

»Auf immer,« erwiderte Arthur fest, »o so lege die Maske ab, Agnes von Walmoden, damit ich Dir in das gute, treue Auge sehen kann, und das Du 264 des Maskenscherzes begleite uns von jetzt durch das Leben.«

Er küßte ihr glühend die Hände; sie ließ es mit innerlichem Erzittern geschehen; dann aber nahm sie die Maske ab und sah ihn an mit dem schalkhaften, feurigen Auge, das sich eben jetzt verschleierte, da eine Thräne die Wangen netzte:

»Ja, ich bin es, Agnes, die keinen anderen Gedanken hat, als Dein Wohl, seit den seligen Tagen an den Ufern des Rheinsberger See's, die zerschmettert wurde durch den Schimpf, der Dich bei Deinem Abschiede begleitete. Nach Breslau eingeladen von einem Onkel, dem Rathsherrn von Sommersberg, habe ich insgeheim Deine Pfade verfolgt; der kleine Doctor theilte mir Deine Verhaftung mit; ich bewirkte durch das Ansehen des Onkels Deine Befreiung. Ich konnte auch dem Verlangen nicht widerstehen, Dich wiederzusehen, daher mein kecker Besuch im Zeiskekäfig. Dort erhieltst Du das Medaillon – öffne es jetzt . . . die Wolke ist verschwunden, die zwischen uns und unserem Glücke stand. Von Deiner Unschuld hatte mich der Doctor längst überzeugt; es galt, den König davon zu überzeugen. Es ist geschehen, Du bist frei von jedem Makel; Deine Stumme spricht mit Dir, sie spricht aus bewegtem, vollem Herzen . . .«

265 »Und sagt sie mir, daß dies Herz mir gehört, mir ausschließlich, für ewig, mir, den sie durch die freie That wachsamer Liebe zu dauerndem Dank verpflichtet hat?« sagte Arthur, indem er die anmuthige Wolkenfee mit allen ihren Schleiern an sein Herz drückte; doch sie entwand sich der Umarmung, welche der gefällige Vorhang der Nische vor den Augen der Vorübergehenden verbarg.

»Arthur, mein Herz gehört Dir; es wäre zu thöricht, es zu leugnen; man kann sein Denken, sein Empfinden, sein Leben nicht Lügen strafen; mit zitternder Angst, mit allen Qualen der Eifersucht hab' ich Dein gedacht, mit allem Jammer über zerstörtes Glück; denn des Königs Acht und Bann drohte Dich aus meinem Leben zu löschen und Deine Liebe zu der schönen Heiligen da drüben griff mir an's Herz. O, Deine muntere Agnes war recht traurig geworden und sah oft in's Leben wie in einen Ballsaal, wo alle Kerzen ausgelöscht sind!«

»Doch jetzt ist ja kein Zweifel mehr –«

»Das Alles ist gut . . . und in meinem Herzen ist Frieden und Seligkeit. Doch ich habe ein Gelübde gethan, ich muß es halten. Mein Herz ist Dein, doch meine Hand, mein Leben gehören nur einem Manne, der für die glorreiche Sache des Preußenkönigs gekämpft hat. Das ist mein Gelöbniß 266 und es steht fest, wie draußen der Stern am Pol, der aus den zerrissenen Gewölken hervorblickt.«

»Agnes, Du liebst mich . . . und knüpfest Deine Liebe an Bedingungen?«

»Und sie sind ernst, denn ich schicke Dich in Kampf und Tod! Wie ich jauchzen würde mit dem Sieger, so würde ich trauern mit dem Opfer Zeit meines Lebens! Und weil ich selbst so festen Sinnes bin und meinen Pakt gemacht habe mit Tod und Leben, einer Liebe treu, wie auch der Würfel falle, so verlange ich von Dir den gleichen Sinn. Keine Schleife hefte ich Dir an, indem ich Dich zu meinem Ritter wähle! Das Zeichen Deiner Dame ist der schwarze Aar der Hohenzollern; unter Friedrichs Fahnen erringt Deine Liebe den letzten Sieg!«

»Und vergissest Du, Agnes, daß ich geboren bin auf österreichischem Boden, daß ich mich von all' den Meinigen losreißen muß, daß ich ein dunkles Gefühl in mir ersticken muß, welches mich an meine Jugenderinnerungen, an die Farben mahnt, in deren Anblick ich groß geworden bin?«

»Es ist ein Opfer, es ist vielleicht eine Schuld,« erwiederte Agnes sinnend, »aber ohne Opfer und Schuld geschieht nichts Großes. Doch nicht ich will die Verführerin sein! Bleibe der Heimat treu, wenn Deine Pflicht es gebietet! Meine Liebe wendet sich 267 auch dann nicht ab von Dir; doch mein Selbst mit Leib und Leben gebe ich nur Demjenigen hin, der durch Mannesthat bewiesen hat, daß er dieselben Götter ehrt, für welche meine Seele glüht.«

Es trat eine Pause ein nach diesen fest und begeistert gesprochenen Worten. Konnte Arthur noch länger mit dem Entschluß zögern, der mit allen seinen Gefühlen, mit der ganzen Richtung seines Geistes im Einklang war? Er schüttelte gewaltsam alles von sich, was ihn wie heimatliches Gedenken, wie Einspruch des alten Familiengeistes gemahnte. War Schlesien erobert, so gehörten ja auch alle die Seinen dem neuen Vaterlande an und ihnen wie allen war die würdigste Stätte bereitet.

»Wohlan, es sei!« rief er mit plötzlicher Entscheidung, »ich werde Kriegsdienste nehmen im Heere des jungen Königs, ich werde Schlesien für eine glänzende Zukunft erobern helfen. Mein Gewissen spricht mich frei von der Anklage des Landesverraths; ich verrathe dies Schlesien nicht, wenn ich auch dem Doppelaar den Rücken wende. Und dann, meine Agnes –«

Mit klopfendem Herzen hatte das schöne Mädchen den Entschluß Arthurs gehört und als er sie jetzt umfaßte, sank sie ohne Widerstand in seine Arme.

268 »Von jetzt ab Dein auf immer!« Ein glühender Kuß besiegelte den Bund. Dann aber erhob sie sich, eine große Thräne stand in ihrem Auge, sie legte die Hand auf seine Schulter. »Ich kann Dich nicht verlieren, ich werde Dich nicht verlieren, es wäre zu grausam! Ich segne Dich, treue Liebe segnet Dich – keine Kugel soll den Weg zu Deinem Herzen finden, nein, nein! Leb' wohl, kehre mit dem Lorber heim! Deine Agnes erwartet Dich, um Dich jauchzend zu umarmen.«

Und weinend vor Freude und Bangen und doppelt schön in höchster Erregung, schied die Schutzgöttin, welche Arthurs Pfade bewacht hatte, von ihm und aus der Gesellschaft.

Arthur trat vor den König, der ihm das Wort verstattete. »Sire, ich bitte um die Satisfaction, die Sie gnädig mir gewähren wollen; ich bitte um die Erlaubniß, in Ihre Kriegsdienste treten zu können.«

»Das ist eine Satisfaction für mich,« sagte der König sichtlich erfreut, »daß Schlesiens Adel sich zu meinen Fahnen drängt. Wir sind noch nicht quitt, Monsieur! Doch Ihr Wunsch ist Ihnen gewährt. Das Patent soll bald in Ihren Händen sein. In welchem Regiment?«

»Das entscheide die Gnade Euer Majestät.«

269 Der König wandte sich zu dem Obersten Borck mit raschem Befehl. Da trat ein Adjutant in den Saal, ein Schreiben in der Hand; Friedrich las es und sagte zu den Umstehenden:

»Es ist dringlich! Morgen in aller Frühe reiten wir! Ein Lebewohl Breslau und seinen Freuden!«

Er verließ mit den hohen Offizieren in plötzlichem Aufbruch den Saal.

Zu Hause angekommen, griff Arthur sogleich nach dem Medaillon; er drückte an die Feder, sie sprang auf und das Bild seiner theuren Agnes lächelte ihm mit lieblicher Anmuth entgegen. Er drückte es unter heißen Küssen an sein Herz und verwahrte es dann an seiner Brust, wo es ihn als ein Talisman in allen Gefahren des Krieges begleiten sollte.

Schon einige Tage darauf ritt Arthur in der Escadron Schulenburg den schlesischen Bergen zu.

Lange war sein Herz im Banne des schwarzen Adlers; jetzt hatte er ihm seine That, seine Ehre und Liebe geweiht.

 


 


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