Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Viertes Kapitel.

Auf dem Rathhause.

Der nächste Tag war einer der bewegtesten, welche die Hauptstadt Schlesiens seit längerer Zeit erlebt hatte. Schon in aller Frühe hatte sich der Ring mit vielen hundert jungen Handwerkern gefüllt, außerdem mit einer bunten Volksmenge, welche vorzugsweise von Neugier oder auch von der Spannung auf ungewohnte Ereignisse sich bestimmen ließ. Der Rath hatte den Ausschuß der Bürgerschaft auf das Stadthaus beschieden, um ihm seinen Beschluß und denjenigen des Oberamtes mitzutheilen; doch die Vertreter der Zünfte hatten es vorgezogen, nicht zu erscheinen, und die Rathsherren und Bürgercapitäne konnten sich nur mit Mühe einen Weg durch die Menge bahnen.

Arthur befand sich mitten im Gedränge und wurde von den lärmenden Handwerkern, unter denen sich 62 die jungen Schneider durch eine fieberhafte Beweglichkeit, die Schlosser und Schmiede durch die Energie ihrer Fäuste auszeichneten, die breite Rathstreppe hinaufgeschoben, denn alles Volk drängte in's Rathhaus und begehrte stürmisch den Einlaß in das Sitzungszimmer. Der Rath sah sich genöthigt, sich in den Fürstensaal zu begeben, wo die stolzen Bürgermeister verflossener Jahrhunderte von den Wänden mit Ingrimm auf die dichtgedrängte Menge herabsahen, während die Masken, Thier- und Fratzengebilde der Haupt- und Mittelpfeiler sich unheimlich zu beleben schienen. Alle diese Gesichter trugen den Ausdruck höchster Erregtheit; aus dem Getümmel erhoben sich drohend geballte Fäuste; es war ein Toben und Tosen wie das unruhiger Meereswellen.

Ein Aktenstück in der Hand, erhob sich am Rathstisch der Syndikus, fest und unerschüttert; es lag etwas Gebieterisches in seinem Wesen, so geschmeidig er auch sonst sich in die Schlangenwindung diplomatischer Verhandlung zu fügen wußte. Gutzmars Stimme vermochte die größte Versammlung zu beherrschen; er war der Geist und das Wort des Breslauer Rathes. Doch kaum hatte er, die Pergamentrolle in der Hand entfaltend, den Beschluß des kaiserlichen Oberamtes vorzulesen begonnen, als ihn ein Sturm des Unwillens unterbrach, den er nicht 63 zu beherrschen vermochte; er drang nur noch mit der Bitte durch, die Versammlung möge ihr Anliegen durch Abgeordnete vortragen.

Da sprang der geborene Vertreter des Breslauer Volkes, der semmelblonde Beischuster Döblin, auf einen Stuhl und sprach mit seiner durchdringenden Stimme: »Die Bürgerschaft ist nicht gesonnen, fremde österreichische Truppen einzunehmen, denn die Stadt ist bereit, sich selbst zu vertheidigen. Mit Freuden treten wir Alle unter die Waffen; auch im dreißigjährigen Kriege und bei der Belagerung Wiens hat sich Breslau selbst vertheidigt. Und hätte die Stadt Danzig nicht erst den Stanislaus und die Stadt Thorn im schwedischen Kriege nicht sächsische Truppen eingenommen, so wären sie nicht belagert und zu Grunde gerichtet worden.«

»Wir sind nicht im Stande,« entgegnete Gutzmar, »die Kosten einer Vertheidigung aus eigenen Mitteln zu bestreiten; der Wachtdienst, die Ausfälle sind belästigende und gefährliche Dinge. Das zu bestehen wird die Bürger hart ankommen, und wie groß ist unsere Verantwortlichkeit, wenn die Defensive nicht nach Wunsch ausfällt!«

Wiederum ergriff Döblin das Wort zur Gegenrede; die innere Verbitterung hemmte den Fluß seiner Worte, er glich anfangs einem Hahn mit gesträubtem 64 Gefieder, der krampfhaft prustend mit seinem Zorne kämpft. Das kalkweiße Gesicht des Beischusters hatte wieder jene fliegende Röthe angenommen, die es bei jeder Aufregung überkam; er schnellte die Worte wie durchbohrende Pfeile los: »Bürger von Breslau, man treibt ein Spiel mit Euch! Rath und Oberamt stecken unter Einem Hute oder vielmehr unter Einer Haube, die jetzt in Wien zu suchen ist. Der Rath hat bereits Ordre parirt und unsere Privilegien preisgegeben! Man weiß es ja, von wo den Herren Geld, Titel und Ehrenstellen kommen, und die Wappen auf ihren Kutschkasten und Pferdedecken! Vom Wiener Hofe kommen alle guten Gaben und alle vollkommenen Gaben, von dort, wo kein Wechsel ist des Lichts und der Finsterniß, sondern ewige Finsterniß! Das dulden wir nicht länger. Eine freie Stadt ist unser Breslau und eine freie Stadt soll es bleiben.«

Vergebens betheuerte Gutzmar, daß er von Herzen es treu meine mit der Stadt; ein maßloser Sturm von Schmähungen brach los gegen den Rath; Anklagen häuften sich auf Anklagen; die Rathsherren, welche den Kopf sonst hoch genug zu tragen pflegten, drängten sich zusammen wie Schafe in der Hürde, wenn's gewittert. Die Bürgercapitäne, meistens im Besitze eines kräftigen Commandobasses, suchten zu beruhigen; aber ein noch gewaltigerer Chorus brüllte 65 ihnen entgegen: »Keine Feldsoldaten! Wir schlagen sie todt wie die Hunde!«

Der Rath versprach von Neuem zu berathen; Gutzmar forderte die Menge auf, den Saal zu verlassen, bis die Berathung zu Ende sei. Doch nur ein Theil derselben folgte der Aufforderung; die andern blieben zurück, um darüber zu wachen, daß die Rathsherren nicht über die geheime Treppe entwischten. Es war ein leises Sprechen am Rathstisch, ein Flüstern mit verlegenen Mienen; bald füllte sich der Saal wieder.

»Wir flehen Euch an,« rief Gutzmar seinen ungestümen Mitbürgern zu, »Euch zu beruhigen. Wir wollen die beiden Commandanten von Rampusch und Wuttgenau zur Conferenz berufen und ihr Gutachten hören.«

»Hierher rufen, keine Zeitversäumniß, wir holen sie,« riefen viele Stimmen durcheinander und mehrere von denen, welche der Hauptthür des Fürstensaales am nächsten standen, eilten hinaus, um die hohen soldatischen Befehlshaber der Stadt Breslau an Ort und Stelle zu bringen.

Nach einer geraumen Zeit, während welcher die Unruhe der Bürgerschaft sich in einem Wirbel von durcheinanderschwirrenden Gesprächen äußerte, klapperten die Säbel der Obersten von Rampusch und 66 Wuttgenau über die Schwelle des Fürstensaals: ein kriegerischer Klang, welcher die siegesgewissen Gefühle in der Brust der Breslauer Bürgerschaft mächtig entzündete. Freilich, der alte Rampusch hatte außer seinem gewaltigen silberweißen Schnauzbart und seiner krampfhaft aufrechten Haltung gerade nichts in seinem Wesen, was einen besonderen Heldenmuth bekundete, und auch nicht schwer an seinen Lorberkränzen zu tragen; der jüngere Wuttgenau galt aber für einen österreichisch Gesinnten. Lauter Jubel begrüßte die Eintretenden. Wuttgenau warf einen verächtlichen Blick auf die Menge, Rampusch aber grüßte freundlich lächelnd und sonnte sein greises Haupt in den Strahlen der Volksgunst. Er wußte, daß sein jüngerer Kamerad ihn verdrängen wollte und hielt desto krampfhafter an seinem Commando fest.

»Oberst Rampusch,« begann Gutzmar, »wir wenden uns an Euch mit der Bitte um wahrheitsgemäßen Bescheid. Die Umstände sind dringend und erfordern rasche Entscheidung. Wir fragen Euch, ob die Stadt Breslau im Stande ist, ohne fremde Truppen aufzunehmen, sich aus eigenen Mitteln zu vertheidigen?«

Rampusch zögerte mit der Antwort, er wußte wohl, welchen Bescheid der Rath von ihm zu erhalten wünschte. Doch aus der Volksmenge heraus ertönten drohende Zurufe und Fragen, ob er's mit dem Volke 67 halten wolle oder nicht? Auch war er wenig geneigt abzudanken; mit dem Einzug der Oesterreicher war seine Herrlichkeit zu Ende. So war der alte Soldat schlau genug, eine bestimmte Antwort zu umgehen, dafür aber sich der Gunst des Volkes von Neuem zu empfehlen.

»Was die Wehrkraft der Stadt betrifft,« sagte er, »so ist dieselbe ja einem hohen Rath bestens bekannt; ich selbst kann nur erklären, daß ich bereit bin, für diese Stadt gern mein Blut zu opfern.«

Das waren zündende Worte, und mit dem glücklichen Instinkt des Volksmannes war Döblin augenblicklich auf dem Platz, um das Flugfeuer nicht verflackern zu lassen, sondern zu einem rasch um sich greifenden Brande auszubreiten. Rampusch hatte mit diesen Worten, die er, mit kampfmuthiger Miene und seinen Schnauzbart streichend, vorbrachte, im Grunde nichts gesagt, was die Vertheidigung der Stadt betraf, und nur seinen eigenen Heldenmuth in ein glänzendes Licht gerückt; Döblin bemächtigte sich augenblicklich dieser Worte als einer großartigen Verkündigung von Selbstvertheidigung. »Das ist unser Vater,« rief er, »Vater Rampusch! Ihm wollen wir folgen und Gut und Blut für die Stadt opfern.«

Das war ein Jubelruf, der durch den Saal brauste und draußen auf den Treppen und auf dem Markte 68 ein donnerndes Echo fand! Rampusch stand, fast zu seiner eigenen Verwunderung, in voller Heldenglorie vor dem Sessionstisch; er mußte zweifeln, ob diese Männer ringsum die wünschenswerthe Aehnlichkeit mit den Männern von Sagunt und den Thermopylen besaßen und dem Preußenkönig den Paß verhauen würden; er mochte über die Wehrhaftigkeit der Stadt Breslau seine stillen Bedenken haben; doch wozu sollte er eine so frühe Siegesfreude stören? Konnte er nach der ruhmreichsten Defensive einen schöneren Lohn finden, als wenn das Volk ihm zujubelte, ganz wie es in diesem Augenblicke that? Er nahm die Vorausbezahlung ruhig an, strich seinen Ruhm mit Würde ein und überließ es der Zukunft, für alles Uebrige zu sorgen.

Wuttgenau beneidete seinem Chef diese wohlfeilen Lorbern.

»Nur der Magistrat,« rief er aus, »hat zu bestimmen, wer das obere Commando führen will. Man setze den Respekt vor dem Magistrat nicht aus den Augen!«

Diese in unangenehm nörgelndem Ton gesprochenen Worte verhallten spurlos in dem wachsenden Getümmel. Der Rath widerstand nicht länger, die Volksbewegung erschien ihm zu mächtig. Gutzmar verkündete mit lauter Stimme, daß der Rath die Aufnahme der 69 kaiserlichen Besatzung rückgängig machen und die vergebenen Vorrechte der Stadt wieder herstellen werde. Stürmischer Beifall ward diesem Beschluß des Rathes zu Theil, der seine Sitzung jetzt schloß und durch die Schöffenstube und über die geheime Treppe sich flüchtete, während das Volk noch hartnäckig den Sitzungssaal behauptete, als wollte es den errungenen Sieg krampfhaft festhalten.

Arthur hatte mit lebhaftem Antheil diesen Verhandlungen beigewohnt. Das Selbstvertheidigungsrecht der Stadt Breslau war ihm freilich gleichgiltig; aber mit der Abwendung der Stadt von Oesterreich fiel ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale Preußens, und der feurige junge König besaß Geist genug, sich diese Lage der Dinge zunutze zu machen.

Die Begeisterung für Friedrich, welche durch keine erlittene Unbill im Herzen der jungen Schlesiers vertilgt werden konnte, brachte ihn indeß noch an demselben Tage in mißliche Verwicklungen. Fortgeschoben von der herausdrängenden Menge, in welcher er, wenn sich ihre hochgehenden Wogen an dieser oder jener Stelle theilten, den merkwürdigen Kopf des kleinen Doctors zu erblicken glaubte, der dann wie ein unterseeischer Meerpolyp etwas aus der Flut emportauchte, um gleich wieder von ihr verschlungen zu werden, war Arthur mit einer Strömung in eine 70 Rathsstube gedrängt worden, wo der Rathsherr thronte,. welcher die Stelle eines Markt- und Wachtmeisters bekleidete und die Schlüssel der Stadtthore in Gewahrsam hatte. Dieser jüngste Rath, Reiter, ein gewaltiger Herr mit funkelrothem Gesicht, ein Freund der Königin von Ungarn, schon weil in ihrem Land der edle Tokaier wächst, war durch die Vorgänge des Tages in ganz besondere Aufregung versetzt worden; seine kleinen Augen glühten wie feurige Kohlen und seine dicken buschigen Augenbrauen zogen sich drohend zusammen. Als neben einigen Bürgern, die als Deputation an ihn abgeschickt waren, ganz gegen ihren Willen noch ein paar Andere mit Arthur von der Flut seitwärts in dies Zimmer gespült wurden, stemmte sich der Rathsherr mit seiner herkulischen Gestalt, unterstützt von dem nicht minder kräftigen Stadtvoigteiamtsboten gegen die Thür, um sie in's Schloß zu werfen. Das Streben scheiterte anfangs an der Widerstandsfähigkeit einiger Fleischmassen, welche dabei, wie die Chronik berichtet, stark »turbiret« wurden; es kam zu einem Scharmützel, bei welchem der Rathsherr, ebenfalls nach der Mittheilung der Chronik, mehrere »Kaldaunenstöße« erhielt, bis es ihm zuletzt doch gelang, die Thüre vor der Menge abzusperren. Die Laune des jungen Würdenträgers, der hier inmitten einiger bewaffneter Rathsdiener 71 thronte und sogar einen säbelklirrenden Rathsreiter, der von seinem im Getümmel unbändigen Pferde hatte absteigen müssen, zur Verfügung hatte, war durch die Nachwehen der erhaltenen »Püffe« keineswegs verbessert worden; er ging wuthschnaubend auf und ab und sah, wen er verschlinge. War er doch innerhalb dieses Zimmers ein gewaltiger Machthaber, und die draußen sich verlaufende Menge kümmerte ihn nicht mehr. Ingrimmig hörte er die Rede mit an, welche der Führer der Deputation, der Bürgercapitän, Posamentir- und Seidenstrickerälteste Stieber, aus dem goldenen A B C auf der Albrechtsgasse, an ihn richtete; dieser verlangte die Schlüssel der Stadtthore, welche von jetzt ab in den Händen der Bürgersoldateska bleiben sollten.

»Die Komödie,« rief der Stadtrath ärgerlich, »ist ja noch nicht zu Ende; meint Ihr denn, daß man die Stadt Breslau mit solchem Straßenspektakel regiert? Noch ist das kaiserliche Oberamt zur Stelle und wird den abgetrotzten Rathsbeschluß kassiren. Der General Brown wird mit den Rädelsführern kurzen Prozeß machen und die Panduren in die Stadt legen, ohne viel zu fragen. Blitz und Wetter! Das wäre ja kläglich, wenn die Flickschuster das Regiment der Stadt führen sollten! Ne sutor ultra crepidam!«

72 »Doch wir bitten um die Schlüssel,« sagte der Bürgercapitän, »der Syndikus und der Rathspräses haben sie uns bewilligt, es gehört zur Vertheidigung, wir leben im Kriege!«

»Die Schlüssel, die Schlüssel!« rief der Rathsherr, sich immer mehr ereifernd, »wollt Ihr die Thore zu- oder aufschließen? Blitz und Wetter! Wer hat uns denn in diese erfreuliche Lage gebracht? Wer schürt die Unruhen mit seinen bezahlten Agenten? Wer macht die Stadt ungetreu gegen Haus Habsburg? Wer anders, als dieser kleine Brandenburger König, der mit seines Vaters Spielzeug Lärm machen und der Potsdamer Garde zeigen will, daß man sie commandiren kann, wenn man auch einige Köpfe kleiner ist, als die Flügelmänner des Regiments, dieser galante, französische Prinz mit seinen Rheinsberger Versmachern und Buhldirnen, dieser heimtückische Hohenzoller, der die Welt in Verwirrung stürzt, nur damit man von ihm spricht, der treulose Verräther, der seine märkische Krone nur kaiserlicher Gnade verdankt und gegen seine Wohlthäter den Degen zieht, gegen eine Kaiserin, die viel zu anständig ist, als daß man ihren Namen in einem Athem nennen könnte mit einer Orczelska und den neuesten Grazien von Rheinsberg.«

73 »Haltet ein,« rief hier Arthur, »ich lasse den König von Preußen nicht beschimpfen.«^

»Wer spricht hier,« frug der Rathsherr, »wer giebt Euch ein Recht, mich zu unterbrechen?«

»Ich nehme mir dieses Recht; ich habe die Gastfreundschaft des Königs genossen, und dulde es nicht, daß man ihn ungestraft beleidigt.«

»Ei die Gastfreundschaft,« rief der Stadtrath mit triumphirendem Lächeln, »da haben wir ja einen Solitair vom reinsten preußischen Wasser. Man kennt das! Ihr sollt wohl hier den Dank abzahlen für die genossene gastliche Aufnahme? Und da giebt es mancherlei Münze, in der man solche Zahlung leisten kann. Seid Ihr ein Breslauer Bürger?«

»Nein, das bin ich nicht,« rief Arthur, auf den jetzt auch der kriegerische Seidenstrickerälteste mit zweifelhaften Blicken hinsah.

»Was habt Ihr hier zu suchen? Ich sehe hier lauter ehrenwerthe Bürger, auch wenn sie nicht zur Deputation gewählt sind, doch man kennt schon heraus was zur Stadt gehört.«

»Ich bin ein schlesischer Edelmann,« erwiderte Arthur.

»Allen Respekt, doch hier in städtischen Dingen giebt's nur Einheimische und Fremde,« versetzte der Rathsherr, der sich immer mehr in zornigen Eifer 74 hereinsprach, während die bewaffnete Macht der Rathsstube sich kampfbereit an seine Seite drängte, »und hier in städtischen Dingen steht jetzt viel auf dem Spiel, vielleicht unser Kopf. Wenn wir auch kaiserlichen Truppen den Zutritt in unsere Thore verwehren, so sind wir doch gut österreichisch und werden die Herren Preußen sammt ihrem seidenen, Flöten blasenden König mit blutigen Köpfen nach Hause schicken, wenn sie an unsere Thore klopfen. Verdächtig ist uns Jeder, der's mit den Brandenburgern hält, am meisten wenn er bei der Rheinsberger Conspiration zugegen war und jetzt sich hier in den Schlüsselsaal drängt, um zu hören, wie es mit unseren Stadtthoren aussieht; mit einem Wort, mein Herr, wir dulden keine preußischen Spione.«

»Ha, das fordert Blut,« rief Arthur in höchster Erregung aus, indem er dem Rathsreiter, der sich ihm in bedenklicher Weise genähert hatte, den Säbel aus der Scheide riß, doch der Bürgercapitän selbst fiel ihm in die Arme.

»Das paßt zum heutigen Tag,« sagte der Rathsherr mit erbittertem Lachen, »Empörung gegen die Obrigkeit! Das Maß ist übervoll! Doch wir wollen uns Ruhe verschaffen, Blitz und Wetter! Bis auf Weiteres mit dem jungen Herrn in den Zeiskekäfig! Noch amtirt in unserer guten Stadt der edelgestrenge 75 Rath, und kein Landjunker hat hier Befehle zu ertheilen, am wenigsten ein verdächtiger Preußenfreund!«

Arthurs Bestreben, sich zur Wehr zu setzen, wurde von Hause aus durch die Uebermacht vereitelt, man entwand ihm den Säbel wieder und die Rathswache rüstete sich frohen Muthes, ihn in den »Rathskäfig« zu geleiten; sie war am heutigen Tage so oft verhöhnt worden und hatte sich so viel Unwürdiges gefallen lassen müssen, daß sie in der Verhaftung eines Ruhestörers eine trostreiche Wiederherstellung ihres gekränkten Ansehens fand.

»Ihr werdet mir Rede stehen, Herr Rathsherr, für jede Unbill, die mir hier widerfahren,« rief Arthur, als ihn die Wache umringte, um ihn fortzuführen.

»Sorgt nur, daß Ihr selbst Rede zu stehen vermögt wegen der Spionirerei und angedrohter Gewaltthat,« entgegnete der Rathsherr, der im Vollgefühl seines Amtsbewußtseins sich stolz aufrichtete. Nach so glorreicher Amtshandlung war sein Zorn verraucht und er hatte die ruhige Würde wieder gefunden, die einem Mitglied des edelgestrengen Rathes gebührt.

Als Arthur durch den Corridor geführt wurde, hatte sich die Volksmenge bereits verlaufen,. und er bemerkte nur noch, an den Pfeiler gelehnt, der von der Hand des Bildhauers mit allerlei merkwürdigen 76 Zerrbildern geschmückt war, mit verschränkten Armen, den kleinen Doctor von Rheinsberg.

Das »Zeiske-Gebauer« war eine Art von Rathsgefängniß für Verhaftete von Distinction, ein sehr trauliches Gemach mit vergitterten Fenstern und mit äußerster Raumersparniß eingerichtet. Der Gefangene konnte hier nicht seine innere Unruhe durch Hin- und Herwandern beschwichtigen, er genoß kaum so viel Freiheit wie ein gefangener Zeisig im Käfig, der doch von einer Sprosse auf die andere hüpfen darf. Arthur mochte, nachdem die Rathswache ihn verlassen und die Thüre verschlossen hatte, ungestört seinen Gedanken nachhängen und wenn die innere Ungeduld ihn peinigte, hin- und herrücken mit dem schlichten Holzstuhl und Holztisch, aus denen das Mobiliar des Zeiskegebauers bestand. In der That waren seine Gedanken nicht erfreulicher Art, und als vor seinem inneren Sinn sein ganzes bisheriges Leben vorüberzog, da war es ein Gefühl höchster Unbefriedigung, das ihn erfüllte. Seine Ungeduld wich einer dumpf brütenden Stimmung, und so saß er lange, den Kopf auf den Arm gestützt, über der Vergangenheit und Zukunft fast der Gegenwart und seiner engen Haft vergessend. Wiederum war er in ein zweifelhaftes Licht gerückt und wie in Rheinsberg für einen österreichischen, so hier für einen preußischen Spion gehalten worden. Und 77 durfte er dem hochmüthigen Rathsherrn seinen ungerechten Verdacht zum Vorwurf machen? Die Umstände zeugten gegen ihn. Große Ereignisse trugen sich ringsum zu; größere bereiteten sich vor; er war ein unbetheiligter Zuschauer und der böswillige Zufall machte ihn allen Parteien verdächtig. Fast erschien ihm der Schuster Döblin als ein thatkräftiger Held, wenn er sich mit ihm verglich; hatte doch jener auf dem Rathhaus eine wichtige Entscheidung durchgesetzt! Und er selbst stand thatlos unter der Menge und gerieth zuletzt ganz nutzlos in üble Händel, als er zur Unzeit seine Begeisterung für den preußischen König kundthat. So konnte es nicht länger fortgehn. Er wollte nicht länger zu den Halben gehören, auf welche von beiden Seiten ein schiefes Licht fällt; er fühlte in seiner Brust einen Thatendrang, der ihn heraustrieb aus den engen Verhältnissen, in denen er sich bisher bewegt. Sein ganzes Leben erschien ihm wie dies Zeiskegebauer, düster, eng, abgesperrt, in jenem Zwielicht, wie es bald die frühe Decemberdämmerung über den engen Raum verbreitete.

Doch was sollte er thun? Der Stadt Breslau helfen, ihre Neutralität zu vertheidigen? Auf die Wälle treten, um mit den alten Mörsern die Oesterreicher, seine Landesgenossen, oder die Preußen, denen sein Herz entgegenschlug, niederzudonnern? Was 78 kümmerte ihn die Herrlichkeit der gemeinen Stadt, auf deren Heldenmuth er sehr geringes Vertrauen setzte! In Preußen drüben aber war er noch immer verdächtig, ja geächtet, und doch hatte er nur den einen Gedanken, daß von dort aus die entscheidende Wendung für sein Leben kommen werde.

In solche Gedanken versunken, deren Fäden er immer von Neuem löste und knüpfte, hatte er kaum bemerkt, wie der Abend gekommen war. Der gestrenge Rath und die Rathswache schienen den Gefangenen ganz vergessen zu haben; weder Trank noch Speise wurde ihm gereicht und nicht einmal eine Kienfackel erhellte das wachsende Dunkel. Stunde auf Stunde verrann, selbst der letzte Lärm der täglichen Geschäftigkeit, der aus dem Rathshofe heraufdrang, war verhallt. Es mußten bereits die ersten Stunden der Nacht gekommen sein. Arthurs körperliches Unbehagen erhöhte die Mißstimmung, in der er sich befand.

Da hörte er leise, schleichende Schritte auf dem Gange, und so wenig er glaubte, daß das Rathhaus, in welchem der Verstand der ganzen Breslauer Bürgerschaft gesammelt wirkte, eine Stätte sei, welche mit Vorliebe von Gespenstern heimgesucht werde, so machte doch das Hin- und Herschleichen draußen einen eigenthümlichen Eindruck auf ihn. Dieser gab indeß alsbald andern Empfindungen Raum, als er das Rauschen 79 eines weiblichen Gewandes zu hören glaubte, eines jener anmuthigen Geräusche, welches im Herzen des jungen Ritters ein eigenthümliches Gefühl von Lebenslust weckte, als käme ein verlockendes Abenteuer hereingerauscht, süß, schön, geheimnißvoll, und streichelte ihn mit sanften Händen und sähe ihn mit dunkeln verheißungsvollen Augen an.

Doch was sollte die Nachtigall im Zeiskegebauer? Es mußte eine Sinnestäuschung sein!

Dennoch hörte er plötzlich neben den leichtgeflügelten Schritten schwere Tritte, das Klirren eines Schlüsselbundes, es näherte sich der Thür; der Schlüssel drehte sich im Schlosse. Bald trat ein alter Rathsdiener herein, mit einer Laterne, deren Licht bis zu einem matten Scheine gedämpft war, und – das Rauschen des Kleides war kein Sinnentrug gewesen, eine schlanke, tiefverschleierte Frauengestalt.

Das Licht genügte kaum, um ihre Bewegungen zu erkennen.

Sie legte den Finger auf den Mund und erhob dann den Arm, indem sie durch die Thüre hinaus in's Freie deutete. So schwach sich diese Bewegungen im Halbdämmer abzeichneten, so blieb die vornehme Anmuth derselben doch den Augen Arthurs nicht verborgen.

»Darf ich fragen?« begann Arthur, doch eine abwehrende Handbewegung schloß ihm alsbald den Mund.

80 »Ihr seid frei, Herr,« sagte der alte Schließer mit näselndem Tone, indem er mit dem Schlüsselbund klapperte, zum Zeichen, daß er den Gefangenen auch den weiteren Weg durch die Thore des Rathhauses zu leiten vermöge.

Arthur verneigte sich dankend gegen die schlanke Gestalt, die rasch auf ihn zutrat, ihm ein Etwas in die Hand drückte, das in weicher Watte vergraben und mit Bändern umwickelt schien. Als aber Arthur dankend auch die Hand der Schönen drücken wollte, da zog sie dieselbe zurück und trat in's tiefere Dunkel.

»Ich danke Dir, wer Du auch seist,« sagte Arthur, welcher dieser geheimnißvollen Erscheinung gegenüber den gesellschaftlichen Ton mit dem dichterischen vertauschte, »hoffentlich kommt die Stunde, wo Du Dein Schweigen brichst.«

Da war es ihm, als wenn seine Befreierin mit dem Kopfe nickte, ganz leicht, ganz anmuthig, ja fast schalkhaft, wie es kaum für so ernste und geheimnißvolle Begegnung passend erschien. Dann aber erhob sie wieder wie ungeduldig ihren Arm und zeigte auf die Thüre. Arthur folgte dem Schließer, der ihn die Gänge hindurch und Treppen hinab durch eine Seitenthüre aus dem Rathhause entließ. 81

 


 


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