Rudolf Gottschall
Im Banne des Schwarzen Adlers
Rudolf Gottschall

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Zehntes Kapitel.

Aus der Gesellschaft Jesu.

Emanuel war überrascht durch die Worte des Paters; die Stimme klang ihm bekannt; aber nirgends wollte sich das Bild in seine aufgeblätterten Erinnerungen fügen. Bald stand Pater Nikolaus wieder vor ihm und indem er die Laterne hoch hielt, so daß ihr voller Schein auf sein Gesicht fiel, sprach er zu dem Gefangenen: »Erkennt Ihr mich nicht?«

Noch immer besann sich Emanuel.

»Denkt an Gitschin,« rief der Pater.

Einen Augenblick stand der Prediger noch wie vor einem Räthsel; dann aber rief er in Zornesglut auffahrend:

»Ha, jetzt erkenn' ich Euch, obwohl Ihr gealtert seid in zwanzig Jahren, gealtert in Fluch und Sünde . . Ihr seid der Räuber, der Mörder meines Weibes!«

195 Der Pater stellte die Laterne auf den Tisch, kreuzte die Arme und sagte mit ruhiger und würdiger Haltung: »Ich bin darauf gefaßt, daß Ihr gegen mich wüthet, doch ich stelle mich Eurem Zorn. Euer Bild hat sich tief in meine Seele geprägt; es verfolgte mich oft in jenen innern Kämpfen, die Keinem von uns erspart sind. Darum erkannt' ich Euch alsbald, trotz Eurer weißen Haare. Klagt an, tobt, wüthet – ich begreife das Gefühl des Hasses, das Euch beseelt; doch wenn Ihr ruhiger geworden, so wollen wir mit einander sprechen über das Vergangene, das zwar an sich unabänderlich ist, aber doch nicht unwandelbar für uns, denn es erscheint bald in diesem, bald in jenem Licht. Was uns als eine gleichgiltige That erschien, wird oft eine düstere Macht, die unser Leben feindlich beherrscht; ja das Gute wird zum Bösen und umgekehrt. Alles, was aus dem Geist geboren ist, führt ein ewig Leben und wandelt sich in ewigem Wechsel wie alles Lebendige.«

Die sanften, ruhigen Worte des Jesuiten verfehlten ihre Wirkung auf Emanuel nicht. Die Gewohnheit des Denkens machte ihn geneigt, das eigene Erlebniß zu vergessen und sich allgemeinen Betrachtungen hinzugeben; hier stand ihm ein Todfeind gegenüber, der sein ganzes Leben zerrüttet hatte; aber die Beiden 196 begegneten sich in dem verwandten Zug, sich in des Lebens Schickungen sinnend zu vertiefen.

»Ihr seid ein Denker,« sagte der Schwenckfelder; »doch wehe der Arbeit des Gedankens, die zu so unseligen Thaten führt! Denken soll ein Werk der Erlösung sein für die Menschheit und wer nicht milden und barmherzigen Sinnes wird, der mißbraucht die höchste Gabe und das höchste Recht, das uns verliehen wird.«

»Ihr irrt,« erwiderte der Jesuit mit Bestimmtheit, »denken ist von Haus aus ein zweischneidig Schwert! Mich zog's von früher Jugend mit Allgewalt zu diesem Orden. Wenig kümmern mich die Barfüßler und Alles, was da den Strick um die Kutte trägt, alle die frommen Heerden, welche unser erhabener Hirt in Rom auf die Weide in allen Welttheilen treibt. Das sind die Gläubigen mit frommem Sinn, doch geringer Kraft; in dem Orden Jesu sind die zur Herrschaft gebornen Denker. Nur an dem Einen rütteln sie nicht: an der Herrlichkeit der allein selig machenden Kirche, deren Dienst sie sich geweiht haben. Sonst sind sie geistig freier als diejenigen, die ihrer Freiheit sich rühmen, als Ihr Anhänger einer himmlischen Aurora, welche, wenn sie dauernd Euch leuchten soll, auch eine dauernde Dämmerung in Euren Köpfen und Herzen verlangt. Ihr habt 197 Eure festen und starren Satzungen so gut wie die anderen, die Ihr schmäht und verachtet. Für uns aber ist nichts fest und unverbrüchlich; die Geheimlehren des Ordens geben uns den Schlüssel, der die festesten Schlösser löst, hinter denen sich die wechselnde Meinung der Menschen sicher wähnt. Das hat mich verlockt von Jugend auf, denn ich wollte nicht die betretenen Bahnen gehen.«

»So seid Ihr glücklich in Eurem Beruf?« warf Emanuel ein.

»Das Glück ist mehr eine Tochter des Zwangs, als der Freiheit; in stille Nöthigungen sich freundlich zu finden, das ist Glück! Mit der Freiheit ersteht der Kampf, mit der eigenen Prüfung der Zweifel. Wohl haben wir das Recht, der giltigen Meinung der anerkannten Ordenslehren die eigene, wenn auch minder berechtigte, entgegenzustellen, wie sie uns der Augenblick oder die Noth des Lebens an die Hand giebt. Das sind die probabeln und minder probabeln Lehren, und das ist das große Geheimniß unserer Freiheit; doch wenn wir uns kühn derselben bedienten, oft im Trotz auch gegen das weltliche Gesetz, da regt sich doch später wieder in uns ein Zweifel, oft ein heftiger, zerrüttender Zweifel, ob wir auch recht gethan. Wer gebunden ist an das Wort, der wandelt den sichern Weg der Pflicht; wer sich frei bestimmen kann, der 198 ist einem unsicheren Gewissen preisgegeben. Und so hab' ich innerlich viel gelitten –«

»Und auch bereut,« fiel Emanuel ein, »wahrhaft bereut, daß Du uns ins Unglück gestürzt hast?«

»Hier war der Weg mir vorgezeichnet,« sagte der Pater. »Was zum Heile der Kirche gereicht, schließt jede Reue aus. Doch mein Sinn ist mild, und die Pein der Menschen ist mir ein Gräuel. So hab' ich Dein Loos beklagt und mich entsetzt über der armen Minka Geschick; doch war ich es ja nicht, der es verschuldet hat. Euer abtrünniger Sinn und die Strenge der kirchlichen Gebote haben Euch das Verhängniß zugezogen, das über Euch hereinbrach; ich that nur meine Pflicht.«

»Und mit so empörender Gelassenheit!« rief der Prediger; »was ist das für eine Freiheit, welche den Anderen zum Glauben zwingt und schädigt an Leib und Seele, wenn er dem Zwang nicht folgt? Fürwahr, Euch hat kein Strahl der himmlischen Aurora berührt! Und wie jene mit den Dolchen bewehrte Madonna in Euren Kerkern die unglücklichen Opfer, so hält die Kirche Euch umschlungen, und wer noch das Gefühl des Lebens hat, dem muß die Seele bluten und verbluten. Das weitverbreitet Göttliche, das in allen Pulsen der Schöpfung schlägt, verlangt nicht so dumpfen Dienst, sondern freie Hingebung, 199 und wir Alle haben das Recht und wollen es haben, jenen Schleier zu heben, wenn's uns so um's Herz ist, um mit freiem Blick ihm in's Angesicht zu sehen. Doch,« rief Emanuel, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, der ihm das Blut aus den Zügen jagte, »ich plaudere wie ein Sinnloser, und jetzt erst drängt sich mir die Frage auf, die ich Dir entgegenrufen mußte, sobald ich Dich erkannt, die Frage, auf deren Beantwortung ich so lange mit heißer Sehnsucht harre bei Tag und Nacht. Glücklich, dreimal glücklich, daß ich Dich gefunden. Du kannst jetzt das Verbrechen sühnen, das Du an mir begangen, Du kannst mich so selig machen, wie Du mich elend gemacht. Sprich, wo ist mein Kind? Wo ist die Tochter meiner Minka?«

Nach einer Pause entgegnete der Jesuit: »Ich weiß es nicht.«

»Das ist unmöglich,« fuhr Emanuel auf; »das ist eine böswillige Verheimlichung. Ihr dürft lügen, wenn es Euch bequem ist, und Du gebrauchst das Vorrecht Deines Ordens.«

»Ich habe keinen Anlaß dazu. Wäre jenes Mädchen noch unseren Absichten gemäß im Dienst der Kirche erzogen und gehörte es zu den Geweihten, so würde ich, auch wenn ich wüßte, welches Kloster sie birgt, auf Eure Frage die Antwort weigern.«

200 »So gehört sie keinem Kloster an? So brauche ich sie hinter keinem Sprachgitter zu suchen? So kann sie mir, ganz mir angehören, wenn ich sie finde?«

»Sie ist nicht mehr in unserer Macht.«

»Doch wohin hat sie sich gewendet? Gebt mir nur eine Spur, der ich folgen kann!«

»Ihr vergeßt wohl, wo Ihr seid,« erwiderte der Jesuit; »wie darf ein Unfreier in so kühnen Plänen sich ergehen? Doch wäret Ihr auch frei, ich könnte Euch keine Spur zeigen, die Euch zu Eurer Tochter führte. Wir brachten das Mädchen zu den Carmeliterinnen in Prag; dort wurde dasselbe erzogen, zunächst einer Novize anvertraut, dann in der Schule des Klosters unterrichtet. Ich sah sie oft, sie wuchs heran als ein reizendes Kind und nahm von Jahr zu Jahr an Anmuth zu. Doch lag in ihrem Wesen etwas Herbes und Trotziges; als ich sie zum letzten Male erblickte, war sie eine siebenzehnjährige Jungfrau von bestechendem Reiz, und es war beschlossen, daß sie als Novize in das Kloster treten sollte. Da verschwand sie plötzlich; ihr eigenartiger Sinn, gewiß auch vermessene Weltlust sträubten sich gegen das dauernde Band. Wie sie ihre Flucht bewerkstelligt hat, ist noch bis heute unbekannt. Alle Nachforschungen blieben ein Jahr hindurch vergeblich. Da kam uns die Kunde zu, daß ein Mädchen, auf welches 201 die angegebenen Zeichen paßten, jedenfalls unter einem angenommenen Namen, wie es Schauspieler pflegen, einer reisenden Truppe angehöre, die in Tabor spiele. Augenblicklich eilte ich nach der kleinen Stadt und suchte den Director auf. Er lag in einer Scheuer auf Stroh mit zerschlagenen Gliedern und tröstete sich mit einer Branntweinflasche, aus welcher er in kräftigen Zügen trank. So nahe dem Ziel mußte ich scheitern. Denn ich erfuhr von dem wackeren Manne, daß gestern die Mitglieder seiner Truppe, nachdem sie wegen der Ungunst der Verhältnisse nicht ihre Gage erhalten konnten, sich in alle Winde zerstreut hätten, und zwar hatten sie vorher noch ihrem Groll ein Genüge gethan. In Folge ihrer niedrigen Rache liege er jetzt hier auf dem Stroh, ein zerschlagener Mann. Wohin sich das Mädchen gewendet, das ich suche, könne er nicht wissen; sie sei sehr geschickt gewesen, von hübschem Aussehen und wohlklingender Stimme und werde gewiß irgendwo ein Unterkommen finden, sei es auch jenseits der Landesgrenze; denn wegen allerlei unbezahlbarer Forderungen pflegten die Künstler und Künstlerinnen am liebsten das Weite zu suchen. Wenig getröstet verließ ich den unglücklichen Bühnenleiter, nachdem ich ihm noch ein Almosen in die Hand gedrückt hatte. Wir ließen fast bei allen reisenden Truppen in Böhmen 202 nachfragen, doch ohne den gewünschten Bescheid zu erhalten. Das Mädchen blieb verschollen.«

Emanuel saß in Gedanken versunken, eine Thräne schimmerte in seinem Auge. »Ein verlorenes Leben,« sagte er vor sich hin, »und der Vater kann seiner Tochter nicht Trost, nicht Hilfe bringen! Machtlos sind seine Segenswünsche! Mit dem Auge der Vorsehung möchte ich über sie wachen – und da irrt sie umher, allen den lauernden Gefahren preisgegeben, mit denen das Leben draußen und in der eigenen Brust uns umringt! Und so im Dunkel geht ihr Pfad – was ihn erhellen könnte, treue Liebe, die Liebe des Vaters, hat keinen Strahl für sie! Einsam, einsam – Vater und Tochter!«

Dann aber übermannte den Gefangenen der Groll über die Anstifter des Unheils. »Und das Alles ist Euer Werk! Wir könnten zusammen leben, friedlich, glücklich, in den Thälern des heimatlichen Gebirges, meine Minka, ich, mein Kind! Ihr habt das Band zerrissen, Ihr habt uns auseinander gescheucht, die Mutter in den Tod gejagt, in die Fluten der Elbe, die Tochter hinausgestoßen, hilflos, rathlos in die Welt . . mich in den Kerker geworfen! Ist dies nicht Teufelswerk, das Glück zu zertrümmern und sich zu freuen an der Zerstörung? Hätte ich nicht ein Recht, Euch zu fluchen, wenn solches Recht einem Sterblichen 203 verliehen wäre? Ich halte ihn zurück, diesen Fluch! Der allgemeine Jammer der Creaturen läßt nicht zu, daß wir unsere Hand anders gegen sie erheben, als zum Segen!«

»Das ist ein Wort, das viele böse Worte gut macht, und in's Herz trifft,« erwiderte Pater Nikolaus. »Ich verstehe Euren Schmerz, ja ich theile ihn, denn ich bin in gleicher Lage mit Euch und eine zufällige Verkettung der Umstände hat mich gleichsam in den Schicksalskreis gezogen, der Euch gebannt hält. An den zerstäubenden Funken Eures Lebensglücks hat sich die Fackel entzündet, die auch das meinige verwüstete.«

»Und in welchem Zusammenhang steht Euer Schicksal mit dem meinigen, mit dem meiner Tochter?« frug Emanuel gespannt.

»Hofft auf keine neue Enthüllung,« erwiderte der Pater, »was ich erzählen will, gilt nicht der jüngsten Zeit; es handelt sich nur um einen Faden, der sich an die Wiege Eures Kindes schlang. Bei meinen Besuchen in Prag lernte ich die Pflegerin dieses Kindes kennen; es war ein anmuthiges Mädchen, Ludmilla, welche sich dem Orden der Carmeliterinnen weihen wollte. Sie wachte über das Kind mit so liebevoller Sorgfalt, daß ich oft in ihr, wenn sie es im Arme trug, ein Abbild der Madonna zu sehen glaubte, jener Madonna, welche Raphaels Phantasie 204 so wunderbar im Lichtglanz einer aus innerster Seele strömenden Verklärung auf die Leinwand gezaubert hat. Ich kam öfter nach Prag, als es die Fürsorge für das Kind verlangte; ich unterlag dem Zauber dieses liebreizenden Geschöpfes. Bald hatte dasselbe meine Seele unzerreißbar gefesselt, keine Bußübungen verdrängten ihr Bild. Und mir war es oft, als sähe ich in ihren Augen den Wiederschein der Leidenschaft, die mich erfüllte. Wie flog sie mir entgegen, wenn ich nach längerer Abwesenheit wieder erschien, wie wenig dachte sie des Klosters und der einsamen Zukunft! Sie war so frisch, so lebensfroh; oft schwebte ein schalkhaftes Lächeln um ihre Lippen, und die Zärtlichkeit, mit der sie als kleine Pflegemutter das fremde Kind umgab, schien mir oft verschwendet und machte mich sogar eifersüchtig auf den zarten Pflegling. Eines Tages nahm ich die Beichte ab, und sie erschien bei mir im Beichtstuhl. Niemals hat wohl das Bekenntniß einer Sünde so den Beichtiger entzückt; es war ja die Liebe zu mir, die sie mir beichten mußte, und es war eine lange Beichte; denn sie erzählte mir mit kindlicher Gewissenhaftigkeit Alles, was in ihrem Herzen vorgegangen war, seitdem sie mich erblickt hatte, verschwieg mir nicht die leiseste Regung ihrer Gefühle, ja nicht einmal ihrer Träume, in denen die keckere Natur den zögernden Gang der wachen 205 Empfindung beflügelt! Wie schlugen meine Pulse bei diesem Geständniß! Und nur milde Buße legte ich ihr auf für einen Frevel, der mich selbst wie mit süßer Trunkenheit erfüllte; ich rieth ihr einen Rosenkranz als Armband zu tragen, ein Bild der heiligen Jungfrau auf der Brust, und jene leichten Andachten auszuüben, wie sie unser Pater Barry aufgezeichnet hat, oft den Namen Maria und täglich das Ave zu ihren Ehren zu sprechen, durch die heiligen Engel Grüße an sie zu bestellen.

Wie ein Taumelnder ging ich zu einem Ordensbruder, in dessen Gemach in zahlreichen Folianten die Schriften der Meister aufgestellt waren, deren Meinungen unser Orden als leitende Richtschnur verehrt. Wo konnte ich mir besser Raths erholen, als bei jenen Meistern, bei jenen geistigen Adlern und Phönixen, welche die ganze Christenheit verwandelt haben, bei jenen Sanchez und Escobar, deren Lehren, über alle menschliche Weisheit erhaben, sicherer uns leiten, als alle Philosophie? Und welch ein Born des Lebens quoll mir entgegen aus diesen Ueberlieferungen! Warnte nicht der Pater Lemoine davor, den blassen und melancholischen Mystikern zu gleichen, welche in der Stille und Zurückgezogenheit leben, denen das Blut träge durch die Adern fließt, während Erdfarbe ihr eintöniges Gesicht bedeckt; verherrlichte er nicht 206 die Fröhlichen, welche leichten Blutes und erfüllt von sanftem und warmem Gefühl, die Freuden des Lebens schaffen? Kämpft er nicht an gegen das Bild der Tugend, welches die alten Kirchenlehrer entworfen haben, und das sie uns vorführt als ein grilliges, menschenscheues, von Schmerz und Anstrengungen gefoltertes Wesen, eine Feindin aller jener Genüsse, die zu einem angenehmen und freudigen Leben gehören? Verlacht er nicht die kopfhängerischen Anhänger der alten Lehre, welche nicht Ehre und Ruhm kennen, denen ein schönes, reizendes, liebenswürdiges Mädchen Schrecken einjagt, die Bedauernswerthen, auf deren Augen die Alles besiegenden Liebesblicke, welche allenthalben freiwillige Sclaven ohne Kettengeklirr an ihren Triumphwagen fesseln, nur diejenige Gewalt haben, wie sie die Sonne auf Eulenaugen ausübt? Und wenn das die Meister sagen, sollte ich sitzen im Rath der Kopfhänger, im Horst der Nachteulen, während die volle Liebes- und Lebenssonne mir in's Herz schien? Rief mir nicht die Stimme eines unserer Weisen zu: Glaubt Ihr denn, Eurem Ziele sicherer entgegenzugehen, wenn Ihr den verdrießlichen Vorschriften der strengen Moral folgt, als wenn Ihr auf unsere nachsichtigeren Lehrsätze hört? Und da verkündete Pater Taberna, daß diese Sünden vergeben werden sollen, wenn eine unwiderstehliche Gewalt 207 dazu verleitet, und Pater Fegeli beweist, daß ein Mädchen völlige Freiheit habe, über sich zu verfügen.

Unwiderstehlich fast war die Gewalt, die mich zu dem reizenden Mädchen hinzog, und war sie nicht freie Herrin über Leib und Seele? Soll ich Euch das Wachsthum unserer Leidenschaft schildern, die endlich alle Schranken durchbrach? Aus unseren Bußübungen selbst zog sie neue Nahrung; wir verblendeten uns dagegen, daß wir frevelten gegen das Gesetz; wir standen in seliger Freiheit über demselben, wie jene freigesinnten Priester, welche das Recht der Leidenschaft so rückhaltslos anerkannt hatten; doch die Kirche selbst und ihre strengen Verwalter theilen nicht die kühnen Anschauungen der Auserwählten unseres Ordens: wir mußten den Schleier des Geheimnisses über unsere Liebe breiten. Ludmilla trat wieder aus dem Dienste des Klosters; die Priorin schalt die ungetreue Novize, welche so wenig ausdauernde Frömmigkeit an den Tag lege. Monate vergingen uns in verschwiegenem Glück – Ludmilla wurde Mutter. Doch so heimlich die erwählte Stätte war, das Gerücht davon drang in die Klostermauern, und als sie noch auf dem Krankenbette lag, im Fieber jener körperlichen Erregung, welche die Natur an die große That des Weibes knüpft, trat die Priorin vor sie hin und drohte ihr für die Entweihung des Klosterdienstes mit dem Zorn 208 der irdischen und himmlischen Gewalten. Ludmilla, in höchster Erregung, verfiel in ein Nervenfieber und starb.

Wer mit ihr gesündigt, blieb ein Geheimniß; durch einen vertrauten Freund sorgte ich für das Kind, das jenseits der Grenze in Sachsen erzogen wurde. Ich war glücklicher als Ihr. Zwar lange Jahre hindurch sah ich den Sohn nicht, der meinem Herzen in der Ferne und unbekannt so theuer war, wie Euch die Tochter Eurer Minka; doch dann konnte ich meine Sehnsucht nicht bezwingen; der Fehltritt jener unglücklichen Novize war nach ihrem Tode allmälig in Vergessenheit gerathen. Als Fremder trat ich vor ihn hin, den Vaterlosen, sah und sprach ihn; er war schon ein Jüngling geworden, mit den Zügen seiner Mutter, aber hoch emporgewachsen, daß er mich fast um Kopfeslänge überragte; er vermochte die Thräne in meinem Auge nicht zu deuten, die dem Angedenken seiner Mutter galt, und der Liebe zu dem Sohn, den ich nicht lieben durfte. Doch ich wachte über ihn mit väterlicher Sorge; ich wollte wenigstens sein Glück sichern, soweit es in meinen Kräften stand. Da plötzlich erfuhr ich eine Kunde, die mich tief erschütterte; preußische Werber hatten meinen Sohn bei einem Spaziergang ergriffen, geknebelt und nach Potsdam geschleppt. Niemals erfuhr ich etwas von 209 ihm; meine Phantasie sträubte sich dagegen, ihn im Infanterieregiment der blauen Grenadiere zu suchen, in jener Uniform mit scharlachrothen Aufschlägen und Halsbinden, strohfarbenen Westen und Beinkleidern unter den weißen Sclaven aller Länder, welche Despotenlaune sich zum Spielzeug erkoren. Dort in der Leibgarde eines ketzerischen Königs, der es sogar gewagt hatte, einen Vikar in Welschtirol von der Kanzel forttreiben zu lassen und in seine Uniform zu stecken – dort befand sich mein Sohn, der Sohn meiner Ludmilla! Unser Liebestraum, unser leidenschaftliches Glück . . . o, daß an selige Augenblicke sich verhängnißvoll Jahre uns fremden Lebens knüpfen . . . oft eine Kette endlosen Wehs!

Immer mehr vertiefte ich mich in diese Gedanken; ich fühlte mich schuldig, weil die rauhe Hand des Potsdamer Verhängnisses den von mir verlassenen Sohn erfaßt hatte. Wäre er im Schooß einer Familie aufgewachsen, so hätte ihn solches Leid nicht treffen können. Ich selbst wäre in seiner Nähe gewesen, würde ihn beschützt haben. Immer tiefer spann ich mich in diese Gedanken ein, die vielleicht Trugschlüsse, aber für mein Gemüth von unheimlicher Wahrheit waren. Da wandte ich mich wieder grüblerisch den Geheimlehren unserer Patres zu, die mich darin bestärkt hatten, glühender Neigung zu folgen; 210 in meiner Zerrüttung gab ich mich den probabeln Meinungen hin und es erbitterte mich der Widerspruch, der zwischen ihnen bestand und den Satzungen der Kirche. Ich wurde ein Ketzer, ein Lästerer, indem ich die Aussprüche unserer Patres gegen die Kirche selbst wandte. Das Recht, entgegengesetzten Meinungen zu folgen, den Befehlen der Vorgesetzten nicht zu gehorchen, wenn der Ausspruch derselben uns als falsch erscheint, und Vieles, was außerhalb der Kirche Geltung haben soll, bezog ich auf sie selbst und bereitete durch meine grüblerischen Zweifel großes Aergerniß: ich verstieß ja gegen die Grundsätze des Ordens, gegen die Gleichförmigkeit und Uebereinstimmung, die in den Ansichten der Gesellschaft herrschen soll, und ich selbst gerieth in einen Taumel von Widersprüchen, die mich peinigten wie Schwärme von Dämonen; man warf mich in den Ordenskerker und legte mir schwere Buße auf; ich fand darin die Strafe für meine Schuld. Ja, mir wurde es zuletzt öde und dumpf – und wie Fledermäuse aus Mauerspalten schwirrten die probabeln und minder probabeln Meinungen mir noch durch den Kopf. Ich fühlte nur, daß ich unglücklich durch sie geworden war. Allmählich wurde ich still und ergeben, ich durfte den Kerker des Profeßhauses wieder verlassen; ich lebe ruhig und athme wie jede andere Creatur; ich fliehe die 211 Gedanken der Geistreichen und lasse mich selten auf die alten Wege verlocken. Ungelesen stehen die Folianten der frommen Patres in der Bibliothek, sie wirbeln nur Staub auf, wie alles Denken; ich folge blind dem Gebot der Obern, aber die alte Wunde heilt nicht, die Verzweiflung über das Schicksal meines Sohnes.«

Es war still, ganz still im Kerker; durch die Herzen der beiden Männer, die einander so fremd waren im Glauben und Fühlen, gings wie ein Zug gemeinsamer Andacht; die Wehmuth über das gleiche Geschick, über die Räthsel des Lebens verbrüderte die feindlich Gesinnten . . . Emanuel reichte dem Pater Nikolaus die Hand, dieser ergriff sie nicht ohne Rührung.

»Ich werde für Euch sorgen, daß es Euch hier unten behaglicher wird. Hoffentlich läßt Eure Freiheit nicht auf sich warten; der Besuch des Junkers ist eine günstige Vorbedeutung, lebt wohl!«

Die Riegel klirrten, die Schritte des Paters entfernten sich: Emanuel dachte seiner Tochter, und die Freuden des Wiedersehens erhellten mit lichtem Schimmer die ersten Träume, welche den Schlummernden auf seinem Strohlager umschwebten. 212

 


 


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