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Auri sacra fames

(1916)

Es hat zu allen Zeiten reiche und arme Leute gegeben, und es ist keine Zeit denkbar, wo es sie nicht gäbe, wie es immer klug und dumm, begabt und unbegabt, schön und häßlich geben wird. Der Reichtum an sich ist durchaus kein Vorzug, er kann selbst eine drückende Last werden; Manner von höherem Geist haben ihn immer als solche empfunden und gelegentlich auch den Schluß gezogen, sich seiner zu entäußern. Zum mindesten hat er die Folge, daß er die Manschen von der Natur und ihren Mitmenschen entfernt und es ihnen dadurch schwer macht, zu einem ausgeglichenen Leben zu gelangen. Seelisch niedrigstehende Menschen sind immer zum Neid geneigt. Alles Äußere ist für den Menschen nur ein Mittel, seine Seele zu entwickeln; wer äußerlich unglücklich gestellt ist, der kann sich durch das Unglück höher bilden, und der Glückliche kann das Glück so verwenden, daß er innerlich höher kommt. Alles kann den fördern, der eine Seele hat, welche sich fördern lassen will, und in diesem Sinn ist es durchaus richtig, wenn man sagt, daß alles Äußere gleichgültig ist. Wer aber eine gemeine Seele hat, welche diese Gabe nicht besitzt, sich fördern zu lassen, der ist immer geneigt, die Schuld auf das Äußere zu schieben: wenn er nicht arm wäre, dann hätte er dies erreicht, und wenn er nicht krank wäre, dann hätte er das geschaffen. Ein solcher Gang der Empfindungen und Gedanken ist die Ursache des Neides.

In natürlichen Verhältnissen und bei gewöhnlicher seelischer Gesundheit

der Menschen kommt nun der Neid verhältnismäßig selten vor. Zwar ist hier vielleicht die Verhältniszahl der seelisch hochstehenden Menschen nicht größer als anderswo; aber wie es eine heilende Kraft der Natur bei körperlichen Schädigungen gibt, so gibt es sie auch bei geistigen Schädigungen. Die unfruchtbare Betrachtung, wie alles wäre, wenn dies oder das anders wäre, das zwecklose Vergleichen der eigenen Verhältnisse mit andern verbrauchen Kraft, ohne mit ihr etwas zu nützen, sie zehren am Menschen; und der gesunde Mensch sucht immer einen Weg, auf dem er mit seiner Kraft für sich selber vorwärtskommen kann, auch wenn es nur in den äußeren Dingen des Lebens ist. Ein Bauer, der fleißig arbeitet, bis er müde ist, und seine freie Zeit zu Nachdenken über die Verbesserung seines Landes und zu Gesprächen über Preise, Absatzmöglichkeiten, Einkauf und Erfahrungen mit Angeboten verwendet, wird sicherlich zweckmäßiger für sein Wohlergehen handeln als einer, der die Vorzüge des Gutsbesitzers bebrütet und sich mit seinen Nachbarn gegen ihn aufhetzt. Gegenwärtig sehen wir aber große Teile des Volkes vom Neid gegen den Besitz ergriffen.

Es ist ja einfach, wenn man eine sittliche Verwerfung der Leute ausspricht. Gewiß ist der Neid stets gemein, und ein Neidischer ist ein gemeiner Mensch. Aber es ist nicht jede menschliche Seele von Natur geeignet, sich zum Höheren zu bilden. Wenn die niedrigern Seelen, statt die ihnen angemessene Art von Vollkommenheit zu erreichen, allgemein einem bestimmten Laster verfallen, so muß die Ursache, außer in ihnen selber, auch noch in allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen liegen.

Will man klar sehen, so darf man zunächst diesen Neid nicht mit allen den oft ja auch recht unerfreulichen seelischen Begleiterscheinungen des Klassenkampfes verwechseln. Der Klassenkampf, eigentlicher ausgedrückt: der Kampf zwischen Proletariat und Unternehmertum, ist ein notwendiges Mittel in der bürgerlichen Gesellschaft zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung, wie es etwa der Wettbewerb, der Kampf der Unternehmer untereinander, ist. In diesem Kampf spielt gelegentlich der Neid eine Rolle als Hetzmittel, hält er die Leute zusammen und betont die Gegnerschaft gegen die andern. Aber ähnlich wie im Kampf der Nationen, werden auch im Kampf der Klassen durch die Gemeinschaftlichkeit so viele sittliche Triebe geweckt und gestärkt, daß hier die schlechten Triebe nie verheerend auf die Seelen wirken können und im ganzen und großen wahrscheinlich die Menschen seelisch höher geführt werden.

Der Neid, um den es sich hier handelt, ist das unfruchtbare, verzehrende und sinnlose Laster, das mit allgemeinen Bestrebungen nichts zu tun hat und sich nur gegen den Menschen selber richtet, der es beherbergt, indem es ihn unfroh, gehässig, träg und bitter macht und ihm jedes Glück nimmt, das er haben könnte.

Es wäre vielleicht möglich, sein Überhandnehmen heute folgendermaßen zu erklären.

Äußere Voraussetzung für den Neid ist die Möglichkeit des Vergleiches. Wenn man jemand beneiden soll, dann müssen die Dinge, wegen deren man ihn beneidet, mit denen, die man selber hat, auf denselben Nenner gebracht sein. Wenn der Mensch irgendwie kann, sucht er aber nach einer Gelegenheit, sich als besser wie andere zu fühlen, und das wirkt dann dem Neid wieder entgegen. Ein Weinbauer etwa wird nicht neidisch über einen Kornacker sein, sondern über einen Weinberg, soweit er nicht überzeugt ist, daß auf seinem Berg der beste Wein von der Welt wächst. In früheren Zeiten waren nun die meisten Güter der Menschen miteinander nicht vergleichbar; nachdem sich aber die Geldwirtschaft verbreitet hat, werden sie es, indem die Menschen sich immer mehr angewöhnen, die verschiedenartigen Beschaffenheiten, indem sie einen Geldwert der Dinge feststellen, in Zahlengrößen auszudrücken. Wenn der Weinbauer Weinberg und Acker in Geld schätzt und findet, daß der Acker des Nachbarn zehnmal so viel wert ist wie sein Weinberg, dann ist die Vergleichung sofort gemacht und für den Neid die Gelegenheit gegeben; jene Gegenwirkung durch den Eigendünkel ist dann nicht mehr möglich, denn nur der, welcher den meisten Geldwert besitzt, kann ihn noch haben, der also, welcher ohnehin beneidet wird. Seit den ältesten Zeiten haben alle höher gesinnten Menschen die furchtbaren sittlichen Gefahren des Goldes gesehen. Wie viele Dichter und Philosophen, wie viele Propheten und Heilige haben das Gold verflucht: Haus und Hof, Acker und Vieh, Schmuck und Putz, alle Güter, welche Menschen haben können, werden gewiß nie ohne Bedenken besessen und können sicher den Menschen in seinen höheren Zwecken irremachen; aber nie hat sich auf sie der Haß so gewendet wie auf das Gold, nie hat man in dem Maße angenommen, daß eine Kraft der Unsittlichkeit an sich in ihnen steckt, etwas Teuflisches; man hat die Gefahr immer nur im Menschen selber gesehen, der besitzt, nicht im Besitz. Das Gold hat immer eine Ausnahmestellung eingenommen. Und wodurch unterscheidet sich das Gold von jedem andern Ding? Nur dadurch, daß es Geld ist, daß man jedes andere Ding für Gold kaufen, jeden andern Wert in Gold ausdrücken kann. Wenn aber die Geldwirtschaft, wie das heute der Fall ist, ganz durchgedrungen ist, dann ist sozusagen jeder Besitz unter dem Fluch des Goldes, denn jeder Besitz erscheint als ein Geldwert. Es ist nur natürlich, daß in der Klasse, welche erst mit der entwickelten Geldwirtschaft entstanden ist und nur in ihr bestehen kann, im Proletariat, der Neid sich am leidenschaftlichsten entwickelt hat. Dem Proletarier muß sich ja alles in Geld ausdrücken: Nahrung und Kleidung, Vergnügen, Kummer, Glück, Leid, Bildung und Charakter. Es ist ja selbstverständlich, daß in ihm die wahnsinnige Vorstellung entstehen muß, wenn er mehr Geld hätte, dann stände er auch menschlich höher – ist nicht in seinem Gegner, dem Kaufmann, dieselbe Vorstellung vorhanden, daß der Reiche höher steht als der Arme, daß der Mensch nur gilt, was er hat? Wir sprechen hier nicht von Einzelnen, sondern von Klassen; der Einzelne kann natürlich kraft der Freiheit des Willens sich über die Ansichten und Vorstellungen seiner Klasse erheben. Die beiden Klassen, welche das Wesen der heutigen Gesellschaft bestimmen, haben diese Ansicht vom Geld; die Klassen, welche sie nicht haben, sind Überbleibsel einer früheren oder Anfänge einer künftigen Gesellschaft: der Adel, die Beamten, die Gelehrten; oder sie leben ungeschichtlich, wie die Künstler, außerhalb der Gesellschaft. Offenbar haben die Menschen noch in keiner Gesellschaftsform eine solche Kraft entfaltet wie in der heutigen. Der heutige Mensch lebt nur für Eines: für seine Arbeit; der eine offenkundig gezwungen, der andere scheinbar freiwillig. Er lebt nicht mehr für sich selber. Die Arbeit ist nicht mehr Ausfluß der Persönlichkeit, wie es früher selbst oft genug noch das Handwerk war. Aber sie ist darum auch nicht Selbstzweck geworden, wie uns von wohlmeinenden Leuten oft eingeredet werden soll; die Arbeit geschieht nur des Geldes wegen. Dieses abgezogene Ziel: die höchstmögliche Zahl, bewirkt, daß keine Kraft der Menschen mehr nebenher geht, wie das früher der Fall war; daß alle Kraft sich sammelt auf einen einzigen Weg. Auch die Laster der Menschen müssen diesem allgemeinen Zuge folgen. Da, wo die heutige Gesellschaft sich schon einigermaßen befestigt hat, sehen wir die vom Wege führenden Laster abnehmen, die auf dem Wege gehenden zunehmen: vor allem den Neid.

Geld ist nicht an sich ein Gut, man kann sich für Geld nur Güter kaufen. Wenn die seelischen Kräfte mit höchster Anspannung also auf das Geld gehen, so gehen sie auf ein Mittel. Wie, wenn für das Mittel so viel Kräfte verbraucht werden, daß nachher nicht mehr genug da sind, um es zu gebrauchen?

Das ist aber tatsächlich die Lage unserer heutigen Gesellschaft. Wir klagen alle darüber, daß unsere reichen Leute von ihrem Gelde keinen vernünftigen Gebrauch machen können, daß zwar die äußere Möglichkeit einer großen Kultur da ist, aber nicht die Männer, welche diese Möglichkeit verwenden können. Wenn man das heutige Proletariat genau betrachtete, so würde man dieselbe Klage über das Proletariat vorbringen müssen, wie über die neuen Reichen. Auch die Proletarier haben keine vernünftige Verwendung für ihre doch sehr gestiegenen Einnahmen. Beide Klassen kommen nicht weiter, als daß sie immer hastiger die Zahlen ihres Einkommens zu erhöhen streben. Je mehr aber das geschieht, je gleichartiger sich im Grunde Bourgeois und Proletarier werden, desto mehr muß der Neid beim Proletariat zunehmen. Der Proletarier sieht: der Andere ist ja gerade ein solcher Mensch wie ich, weshalb ist er reich und bin ich arm? Bei dem Bourgeois nimmt entsprechend das Gefühl der Menschenverachtung zu, das als Laster bei ihm dem Neid der Untern entspricht; denn nur so kann er ja vor sich selber seine höhere Stellung rechtfertigen. So wird in den Kreisen des Erwerbslebens eine immer giftigere Luft erzeugt. Ob die einmal zu einem Ausbruch führt, wie man früher glaubte, oder nicht: das ist ja ziemlich nebensächlich. Die Hauptsache ist, daß in dieser Luft der Mensch seinen Pflichten nicht nachkommen kann: sittlich, gütig und heiter zu sein, sich selber zu einem höheren Wesen zu bilden und andere zu seiner Nachahmung zu zwingen.

Wir wollen frühere Gesellschaftsformen nicht romantisch verklären. Aber sie hatten doch immer das eine für sich: sie zwangen nicht die ganze Gesellschaft in ihre Form, sie hatten ihre Poren und Löcher, in welchen die Menschen leben konnten, welche an das Wesentliche dachten. Die heutige Gesellschaftsordnung, scheinbar die freieste von allen, und jedem äußern Zwang abgeneigt, übt doch einen furchtbaren inneren Zwang aus und zwingt den Menschen mehr wie jede frühere Ordnung ihr Gepräge auf. Gegen den äußern Zwang wehren sich die Menschen, den innern aber spüren sie meistens gar nicht; weil ja doch den meisten der Zustand, in welchem sie gerade leben, als der natürliche und gewöhnliche vorkommt.


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