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Die Macht

(1917)

Das deutsche Denken seit dem Zusammenbruch des Idealismus hat sich sehr viel mit der Frage der Macht beschäftigt. Diese Beschäftigung des Denkens war nur ein Widerschein tatsächlicher Vorgänge; denn in derselben Zeit entwickelte sich bei uns der Kapitalismus und trat die starke Bevölkerungsvermehrung ein. Wir haben immer gesagt, daß wir niemand bedrohen wollen, daß wir nur unsern Platz neben den andern Völkern verlangen; aber immerhin hat sich die Zahl der Deutschen in kurzer Zeit verdoppelt und es ist bei uns eine Industrie entstanden, welche sich bis in die äußersten Winkel der Welt verbreitet hat. Wir wollten niemand bedrohen, daß heißt, wir wollten niemand Land wegnehmen und nicht andere Völker unterdrücken. Unsere Gegner glauben uns das nicht. Aber dieser Unglaube entsteht nicht, wie wir allgemein denken, durch Verleumdungen, er entsteht nur durch unordentliches Denken. Die Bevölkerungsvermehrung und Entwicklung unseres Großgewerbes ist tatsächlich Machtsteigerung. Das Erobern und Unterdrücken ist auch Machtsteigerung, nur von ursprünglicherer

Art. Was unsere Gegner wirklich meinen mit ihren Vorwürfen, das ist, daß wir unsere Macht gesteigert haben. Da das aber offenkundig auf die ehrlichste Weise von der Welt geschehen ist, nämlich durch Fleiß, Verstand und Ordnung, so ist es für die Gegner durchaus von Vorteil, sich das gedanklich nicht allzu klarzumachen und uns Eroberungsabsichten unterzuschieben. Wir mögen erklären, soviel wir wollen, daß wir ja nicht die geringste Ursache hatten zu erobern, weil es auch so ganz gut ging; eben, daß es so ganz gut ging, ist ja das, was uns eigentlich zum Vorwurf gemacht wird. Wir werden gut tun, das auch nach dem Krieg im Auge zu behalten. Man hat gesagt, und zwar von einflußreichster Stelle, daß in der Welt genug Raum für dae Deutsche Großgewerbe neben dem englischen, daß Englands Krieg aus Geschäftsneid also ganz töricht war. Ja, England führt den Krieg gar nicht aus Geschäftsneid. Es führt den Krieg um die Macht. Es ist falsch, wenn wir England bloß als den gierigen Kaufmann betrachten. England ist der Weltbeherrscher. Und wir haben uns selber mißverstanden, wenn wir glaubten, wir wollten nur in Frieden arbeiten. Was ungewußt hinter unserer Entwicklung stand, das war der Wille zur Macht.

Unser Staatsbegriff wurde in der Zeit des deutschen Idealismus gebildet. Damals waren aber die Deutschen nach außen ohnmächtig; sie hatten noch keinen Staat. Das, was sie Staat nannten, das war die Ordnung ihrer innern Angelegenheiten; und so konnte denn die bekannte Bezeichnung des Staates als der verkörperten Sittlichkeit entstehen; aus einem Mißverständnis. Wir haben diesen Staatsbegriff noch heute, und ihm verdanken wir es ja, daß wir in gewisser Hinsicht, nämlich, wenn wir von innen nach außen sehen, ein Staatswesen höherer Art haben als unsere Feinde.

Aber inzwischen haben wir nun einen wirklichen Staat bekommen. Der wirkliche Staat hat mit der Sittlichkeit gar nichts zu tun; er ist der verkörperte Machtwille – kann man sagen: eines Volkes? Vielleicht. Er erscheint freilich fast immer als der Machtwille einer Klasse, Partei, eines Kreises, einer Gruppe. Wir müssen noch viel über das Seelenleben der Gesellschaft forschen, ehe wir wissen werden, was hier richtig ist. Nur das ist sicher: der Staat ist Machtwille.

Wir haben keinen großen Denker gehabt, der uns diese veränderte Lage klargemacht hätte, und waren deshalb hauptsächlich auf die naturgemäß bruchstückhaften Gedanken der Geschichtsforscher angewiesen. Sehr viel Verwunderung bei uns in diesem Krieg würde schwinden, wenn wir einen großen philosophischen Staatslehrer gehabt hätten; wir würden dann vor allem England verstehen.

Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, auch nicht das Reich der Sittlichkeit, aus dem es herauswächst. Wessen das Reich dieser Welt ist, das hat uns Gott deutlich genug gesagt. Wir leben aber in dieser Welt.

Es sind zwei Möglichkeiten: Gottes Gebot an seine Auserwählten erfüllen und nicht widerstreben dem Bösen; dann gelangen wir zu den Zuständen, in welchen das indische Volk lebt. Vielleicht hat das indische Volk recht, und jedenfalls müssen wir ihm immer die tiefste Achtung bezeugen; es lebte und lebt sein Leben nach seinem Gewissen und nach dem göttlichen Ziele hin, welches ihm deutlicher geworden ist als irgendeinem andern Volk. Oder wir müssen uns sagen: Die Auserwählten sollen nach Gottes Ratschluß immer nur ein kleiner Kreis sein, und nach Gottes Ratschluß herrscht in dieser Welt die Sünde; nur durch den Kampf des Bösen mit dem Guten entwickelt sich das, was Gott mit uns vorhat; deshalb wollen wir in dieser Welt, die nicht Gottes ist, unsern Mann stehen. Wir entrüsten uns gern über die Heuchelei der Engländer; hüten wir uns, daß wir nicht aus einem heldenhaften Irrtum eine andere Heuchelei entwickeln, weil wir uns die furchtbare Doppelgesichtigkeit des Staates nicht klarmachen.

Der Trieb zur Macht ist ein tragischer Trieb. Sind wir glücklicher durch unsere Großstädte, in welchen sich endlose Häuserreihen ziehen mit Proletariern, oder Villenvororte sich erheben, in welchen die Bourgeois wohnen; die einen nur von dem Trieb beherrscht, ihre Arbeit so schnell wie möglich abzutun, damit sie, wenn es hochkommt, in sinnlosem Vergnügen vergessen können, daß sie ohne Zweck leben; die andern in ständiger Angst zitternd, daß sie überflügelt werden, daß alles, was sie geschaffen, plötzlich wertlos wird, dem notwendigen Zwang folgend, nach weiterer Ausdehnung des Geschäftes, nach größerer Last und Sorge auszuschauen, ebenso ohne Zweck lebend wie die andern? Wir haben unsere Bevölkerung verdoppelt, unsern Reichtum vervielfacht; aber sind denn die Proletarier ein Gewinn für unser Volk, sind es die reichen Leute? Ist denn die Steigerung der Lebenshaltung ein Gewinn, die doch erkauft wurde um Ruhe des Gemütes, Muße zu höherer Tätigkeit, um Nervenkraft, Heiterkeit und Familienglück, um gesunde Luft, Stille der Natur und Anblick von Feld und Wald? Wir wissen es ganz genau: wir sind dem Zweck des Menschen weit entrückt, und wir sind noch nicht einmal glücklicher geworden; dennoch haben wir diesen Zustand erstrebt und wollen ihn gegen alle Feinde aufrechterhalten.

Ein Volk handelt hier nicht anders als der Einzelne. Wenn in einem Menschen der Trieb nach Macht vorhanden ist, so muß er ihm folgen, auch wenn er frühzeitig genug merkt, daß jede Macht uns versklavt, uns vereinsamt, uns die Menschen hassen und fürchten lehrt, uns tief unglücklich machen muß. Wahrscheinlich ist von allen menschlichen Leidenschaften die Machtleidenschaft die eigentlich tragische; jedenfalls hat die reine Tragödie immer Könige zu Helden, nicht aus irgendwelchen zufälligen kulturgeschichtlichen Gründen, wie die gewöhnliche herrschende Ansicht ist – denn in ihrer bedeutendsten Erscheinung, in Athen, fand sich die Tragödie ja bei einem Volk, welches vom Königtum überhaupt nur eine unvollkommene Kenntnis hatte – sondern deshalb, weil das geschichtliche Urbild »König« erfahrungsmäßig die reinste Darstellung des tragischen Machtwillens ist: man kann sagen, daß die Tragiker den König hätten erfinden müssen, wenn sie ihn nicht in der Geschichte vorgefunden hätten.

Dieser Weltkrieg mag uns oft als eine riesenhafte Anhäufung von Zufälligkeiten erscheinen. Scheinbar geben zuletzt Verhältnisse, Personen, Ereignisse und Dinge den Ausschlag, die ganz unbedeutend erscheinen: Verschwörungen von romanhafter Lächerlichkeit; eine technische Erfindung, etwa ob man eine Waffe gegen das U-Boot bekommt; die Tatsache, daß Deutschland allein Kali besitzt; ein dummer Zeitungsschreiber; eine falsche Übersetzung und dergleichen. Scheinbar sind wir durch diesen Krieg in den niedrigsten Bereich der schlechten Wirklichkeit eingespannt. Aber wenn wir genauer zusehen, dann werden wir finden, daß auch hier die großen Mächte wirken, die stets gewirkt

haben, die notwendigen Leidenschaften der Menschen, die zu allen Zeiten die gleichen waren und sein werden, und ihr notwendiger Ablauf in Wirkung und Gegenwirkung, welcher denn die großen Schauungen erzeugt - vielleicht kann man sagen: Erscheinung werden läßt.

Man könnte sagen: es stand Deutschland nicht frei, auf das Erstreben der Macht zu verzichten. Durch seine geographische Lage wäre es das geblieben, was es seit dem Ende des Mittelalters war: das Einflußgebiet der andern Mächte, der Schauplatz der europäischen Kriege, das Land, welches den andern Völkern die Soldaten für ihre Kriege lieferte. Wenn wir beklagen, daß unsere klassische Dichtung und Philosophie abgebrochen wurden, so dürfen wir nicht den neuen Geist Deutschlands verantwortlich machen, das Streben nach Macht, sondern die Napoleonischen Kriege, welche Deutschland verarmten, weil Deutschland machtlos war; aber auch das wäre nur eine aus der Erfahrung abgeleitete Erklärung. Hat sich der Kapitalismus bei uns entwickelt, damit nicht wieder solche Zeiten kommen sollten? Weder die Unternehmer, welche ihre Fabriken bauten, noch die Arbeiter, die mit ihren Familien unsere Städte erfüllen, haben an solche Gedanken gedacht. Unsere wirtschaftliche Entwicklung ging unbewußt vor sich, ja, ihre Träger waren oft genug Gegner unserer Waffenrüstung, welche uns den Krieg aushalten läßt.

Unsere frommen Vorfahren glaubten, daß Gott die Geschicke der Völker leitet. Wissen wir mehr als sie? Wir vermögen die Einzelerscheinungen des geschichtlichen Lebens zu einem großen Teil ursächlich zu verknüpfen – die Menschen haben das auch schon früher gekonnt, und es ist vielleicht fraglich, ob sie hier einen großen Fortschritt gemacht haben; aber über den Grund der Erscheinungen wissen wir jedenfalls nichts, heute so wenig wie früher. Volk auf Volk wird jetzt in den Wirbel des Krieges hineingerissen; beinahe vermögen wir schon die nächsten ursächlichen Zusammenhänge nicht mehr zu erkennen; denn je demokratischer die Völker sind, desto mehr scheinen sie von geheimen Mächten geleitet zu werden, deren Zwecke niemand weiß, die scheinbar in einer rein zufälligen Beziehung zu den Völkern stehen. Wenn wir nicht in diesem Toben des scheinbaren Zufalls alle Übersicht verlieren wollen, dann müssen wir uns mit doppelter Kraft die hinter der Erscheinung liegende, wirkliche Wirklichkeit bewußt machen.

Wir Deutschen sind geneigt, uns selber die Schuld bei Ereignissen zu geben. Wir haben uns dazu erzogen, wie wir es nannten, Gott mehr zu fürchten als die Menschen. Der Erfolg dieser Erziehung ist, daß wir oft vor den andern Menschen zurückweichen: nicht, weil wir sie fürchteten, sondern weil wir denken, daß sie im Recht sind. Es fehlt nicht an Stimmen bei uns, welche die Industrialisierung und das Streben nach Macht, nach unserer Art Macht, für ein Unrecht an unserem besseren Ich halten. Es sind nicht die Stimmen der Schlechtesten unter uns. Aber wir sollten denen antworten: Ein Volk hat es nicht in seinem freien Willen, welchen Weg es gehen will. Wenn wir den Weg gegangen sind, der uns nun die Feindschaft der ganzen Welt erregt hat, so hat ihn uns Gott geführt; und wenn wir das einsehen, so wollen wir auch hoffen, daß Gott vorausgesehen hat, wohin der Weg weiterhin gehen wird.


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