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Kunst, Wissenschaft, Adel und Bürgertum

(1913)

Es wird oft genug festgestellt, daß die Gegenwart die Wissenschaft pflegt und unterstützt, nicht nur durch alle möglichen Einrichtungen und durch eine geschickte Organisation der wissenschaftlichen Arbeit, sondern auch durch sofortige Anerkennung und Belohnung hervorragender Leistungen, welches dann die Leistungsfähigkeit bedeutender Leute naturgemäß steigert; Fälle, wo durch Fachneid außergewöhnliche Personen unterdrückt werden, sind außerordentlich selten, denn dem ja allgemein menschlichen Fachneid und dem Wunsch Gleichstrebender, Neuartiges nicht aufkommen zu lassen, steht das lebhafteste Interesse der gesamten Gesellschaft gegenüber.

Im Mittelalter sehen wir den entgegengesetzten Zustand. Nicht nur fehlen alle heutigen wissenschaftlichen Einrichtungen; es wird auch ein entschiedener Druck von den verantwortlichen Vertretern der Gesellschaft auf die Wissenschaft ausgeübt durch Verschweigen der Leistungen und selbst durch Verfolgen der Persönlichkeiten.

Im Mittelalter aber und in allen aristokratischen Zeiten sehen wir eine starke Anteilnahme der Gesellschaft für die Kunst; und in einer Weise, die uns heute unbegreiflich erscheint, fehlt die eigentlich elende Kunst vollständig; denn zwar gibt es bessere und geringere Künstler, auch wohl einmal einen ganz schlechten, aber das, was man heute Kitschiers nennt, fehlt vollständig. In der Gegenwart dagegen herrschen in der öffentlichen Meinung jedesmal die Kitschiers von höherer oder niederer Ordnung, und die wirklichen Künstler müssen indessen in der Dunkelheit, in Mangel an Anerkennung und Lohn schaffen, können also nicht das leisten, was sie unter anderen Verhältnissen leisten würden. Und man halte nicht entgegen, daß es ja offenbar Zeiten gibt, in welchen keine künstlerisch schöpferischen Genies geboren werden; eine Anzahl künstlerisch schöpferischer Genies sind doch in den letzten Geschlechtern aufgetreten; mag man ihre Kraft noch so gering ansetzen, immerhin waren sie doch etwas, während die gleichzeitigen Größen des Publikums nichts waren; und kein einziger von ihnen wurde gefördert, alle wurden mehr oder weniger unterdrückt.

Eine solche merkwürdige Erscheinung muß doch Ursachen haben; vielleicht liegen diese Ursachen im Bau der Gesellschaft, und vielleicht können wir die Gesellschaft, in welcher wir leben, und welche wir für die naturgemäße halten, besser verstehen, wenn wir diese Ursachen zu erkennen vermögen.

Wenn man von bürgerlicher oder adeliger Gesellschaft spricht, so meint man, daß diese Gesellschaft nicht nur ihre herrschende Klasse im Bürgertum oder im Adel hat, sondern auch, daß diese herrschenden Klassen der ganzen Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken, indem ihre Empfindungen die allgemeinen Empfindungen der Völker sind. In der adeligen Gesellschaft gibt es nur wenige Vornehme, aber auch der letzte Tagelöhner teilt in irgendeiner Weise die Empfindungen seiner Herren; in der bürgerlichen Gesellschaft empfinden auch die Könige und vornehmen Herren bürgerlich.

Es gibt natürlich viele Unterschiede zwischen adeligem und bürgerlichem Empfinden: welcher kann der in diesem Fall wichtige sein?

Die gesellschaftliche Stellung der Künstler ist in adeliger und bürgerlicher Gesellschaft ganz verschieden. Die ausübenden Künstler, Schauspieler, Musiker und dergleichen, von denen hier im übrigen nicht die Rede sein soll, sind in adeligen Gesellschaften verachtet und bilden einen Stand, welcher dem der Gaukler und Dirnen nahe steht; Baumeister, Bildhauer und Maler gelten als Handwerker, deren Geschicklichkeit man schätzt, die man im übrigen aber durchaus zu den »Leuten« rechnet; die Dichter haben als Dichter keine besondere Stellung, sondern ihre Stellung richtet sich nach ihren sonstigen gesellschaftlichen Eigenschaften, man rechnet sie zu den Gauklern und Seiltänzern, oder sie gehören zu den Bürgern, Kriegern, vornehmen Herren und Vertretern der Kirche.

Heute gelten die Künstler jeder Art als eine Art von Menschen, welche hoch über dem durchschnittlichen Bürgertum stehen; soweit man bei dem gesellschaftlichen Durcheinander heute überhaupt ordnen kann, muß man sie jedenfalls den höheren Schichten der Gesellschaft zurechnen und nicht mehr den mittleren oder gar dem Bodensatz.

Nun kann man sagen, daß eine gute gesellschaftliche Stellung dem Talent schadet. Eine Schauspielerin, die heute Abend an der Tafel einer Exzellenz glänzt, kann unmöglich morgen die Balkonszene in der »Julia« gut spielen. Und mutatis mutandis geht es den anderen, nicht ausübenden Künstlern gerade so. Aber damit verschiebt man nur die Frage, denn man sagt damit ja nichts anderes, als daß heute in den Künsten talentlose Leute im Vordergrund stehen; eine Schauspielerin, die wirklich Talent hat, wird keinen Ehrgeiz nach Exzellenzentafeln äußern; jeder wirkliche Künstler ist am glücklichsten, wenn er mit äußeren Ehrungen möglichst verschont wird, damit er seine Zeit und Kraft für seine Arbeit verwenden kann und seine Erholung in der ihm angenehmen Weise zu suchen vermag, nämlich unter Leuten, die irgendwie durch Temperament, Gesinnungen, Empfindungen seinesgleichen sind.

In der adeligen Gesellschaft weiß jeder durchaus, was er ist, und dadurch weiß er auch, was er nicht ist. Jeder hat Menschen über sich, jeder aber, außer den Leuten, die draußen stehen, hat auch noch Menschen unter sich; und dieses Letztere ist viel wichtiger als das Erstere, denn aus diesem Umstand ergibt sich ein unerschütterliches Selbstbewußtsein in bezug auf das, was man ist. Der letzte Flickschuster hat gern tausend Staffeln der gesellschaftlichen Leiter über sich, wenn er, nur sicher sein kann, daß er drei, vier Staffeln unter sich hat. Ehrgeiz und Eitelkeit der Einzelnen, und der Ehrgeiz war damals ebensogroß wie heute die Eitelkeit, wenden sich dadurch vom Gesellschaftlichen ab auf das Persönliche und damit mehr oder weniger Sittliche. Die Frau des Flickschusters darf nicht so schöne Kleider tragen wie die Frau des Kaufmanns, aber der Flickschuster kann in seiner Art ein ebenso tüchtiger oder noch tüchtigerer Mann sein wie der Kaufmann.

In der bürgerlichen Gesellschaft weiß niemand, was er ist, und so sind dem gesellschaftlichen Ehrgeiz keine Schranken gesetzt. Die Klassen gehen durcheinander, haben keinerlei äußere Kennzeichen; Familien steigen auf und ab in den Klassen, in den Großstädten, bei wichtigen Handlungen des Lebens, in wichtigen Einrichtungen findet eine offenkundige Gleichmachung statt. Da die Menschen trotz aller bürgerlichen Einrichtungen doch verschieden sind, so fühlen sie sich trotz alledem doch auch wieder als verschieden, aber sie haben die Sicherheit dieses Gefühls verloren, denn sie wissen nicht, ob es von den anderen anerkannt wird. Deshalb verteidigt jeder seine gesellschaftliche Geltung, sucht gleichzeitig eine höhere zu erreichen, wehrt sich gegen jeden Anspruch von Überlegenheit bei anderen Menschen. Der Drang zum Höheren wird nun nicht mehr ausschließlich auf das Persönliche gerichtet, er wird zum großen Teil vom Gesellschaftlichen aufgesogen, die Eitelkeit wird immer weniger persönlicher, immer mehr gesellschaftlicher Natur. Aber das Persönliche hängt von uns ab: ein tüchtiger Mensch weiß, daß er tüchtig ist, auch wenn ihn niemand gelten läßt; das Gesellschaftliche hängt von den anderen ab: ob man mich für vornehm hält, das wird von den anderen entschieden, nicht von mir. Dadurch kommt Mißtrauen und Unduldsamkeit in die Menschen gegenüber den anderen Strebenden. Der mittelalterliche Flickschuster ordnete sich gesellschaftlich dem Kaufmann unter, der heutige begehrt auf: ich bin ebensoviel wie er.

Nun gehört es zum Wesen der Kunst, daß sie Herrschaft ausübt. Die Menschen glauben mit ihren Augen die Dinge zu sehen, sich mit ihren Empfindungen zu ihnen zu stellen. Sie irren sich, sie sehen mit den Augen, empfinden mit den Empfindungen früherer Künstler. Das geht bis zum scheinbar Äußerlichsten, bis zum Aufnehmen der Farben in der Natur, bis zum scheinbar Innerlichsten, bis zur Rückwirkung auf seelische Reize. Diese Herrschaft ist gewiß von allen Herrschaften die unschuldigste, die Menschen haben sich ihr stets gern und freudig gebeugt, und ein großer, sicher der reinste Teil des menschlichen Glücks hat in der ruhigen und selbstverständlichen Anerkennung dieser Herrschaft bestanden, und von den großen geistigen Mächten, der Religion, der Liebe und der Kunst, war die Kunst immer die freundlichste und gütigste: sie konnte ja immer nur mit Einwilligung des Menschen wirken. Die heutige Unbotmäßigkeit aber, das Mißtrauen gegen jedes Höhere und gegen jede Herrschaft, die Gleichmachungsbestrebungen, stimmen die Manschen argwöhnisch und bald feindlich gegen die Kunst. Das ist aber immer nur die neue Kunst, die von dieser Gegnerschaft betroffen wird, denn die ältere ist allmählich immer schon in das Bewußtsein eingedrungen und herrscht, ohne daß die Menschen es wissen.

Diese Deutung leuchtet ein, wenn man die Geschichte der neueren Künstler im einzelnen betrachtet, denn man sieht mit Erstaunen, daß unter Umständen eine offene Feindschaft vorhanden ist. Die Olympia Manets, welche jetzt im Louvre als klassisches Bild wirkt und mit Ehrfurcht angesehen wird, wurde auf der ersten Ausstellung von den entrüsteten Damen mit den Schirmen angegriffen; Flaubert erhielt wegen seiner Madame Bovary eine Anklage wegen Unsittlichkeit und entkam mit Mühe einer Verurteilung zu zwei Jahren Galeere; man könnte Hunderte von Beispielen selbst der tätlichen Feindschaft anführen, ganz zu schweigen von den bloßen Vorwürfen und Beschimpfungen der Unsittlichkeit, Kälte, Lieblosigkeit, Verrücktheit u. a. Eine bloße Nichtbeachtung der Kunst könnte schließlich ja ihre Gründe in der Stumpfheit einer nur materialistisch gerichteten Gesellschaft haben, diese Feindschaft setzt doch tiefere Gründe voraus.

Wir sahen, daß im Fall der Wissenschaft die Sache umgekehrt ist, daß die Wissenschaft früher verfolgt wurde, heute sehr unterstützt wird. Sieht man hier genauer zu, so findet man, daß es sich eigentlich nur um die sogenannten exakten Wissenschaften handelt, daß die Liebe zu diesen etwas auf die anderen überstrahlt und nicht gerade zu ihrem Vorteil, denn die Geisteswissenschaften werden dadurch unter ein fremdes Joch gebracht. Der Grund der Liebe ist aber recht klar: es ist der äußere Vorteil, den sie der heutigen Gesellschaft bringen; wie der Grund zu dem früheren Haß in dem Aufrührerischen liegt, das sie enthalten.

Die bürgerliche Gesellschaft hat für ihre gesellschaftlichen Kämpfe nun andere Mittel, als frühere Gesellschaften hatten. Sie unterdrückt nicht mehr, indem sie Scheiterhaufen errichtet, und deshalb sind die Ausbrüche der offenkundigen Feindschaft gegen die Kunst auch verhältnismäßig unbedeutend gegenüber einem anderen Mittel der Kunstunterdrückung: der Erzeugung der sogenannten Kitschkunst.

Es ist doch eine Tatsache, die zu denken gibt, daß es keine einzige Gesellschaft bisher gab, welche Kitschkunst erzeugte; selbst die hellenistische Gesellschaft, die der heutigen in so manchem ähnlich ist, hat sie nicht; der Kitsch ist durchaus ein Erzeugnis der heutigen bürgerlichen Gesellschaft und erscheint sofort überall da in Europa, wo ihre ersten Anfänge sich zeigen.

Wenn man dieses Ersatzes Unterschied von der wirklichen Kunst auf eine Formel im Sinne dieser Ausführungen bringen will, so kann man sagen, daß er nicht Herrschaft über die Menschen anstrebt, sondern unter Vortäuschen, wirklich Kunst zu sein, die in den Menschen einer bestimmten Zeit vorhandene Gemeinheit und Dummheit enthält. Ähnlich wie das Dienstmädchen sich einen falschen Brillantring für zwei Mark fünfzig Pfennig kauft und dadurch in ihrer Vorstellung sich auf die Stufe der Herrschaft erhebt, welche einen echten Ring hat, gibt sich die große Menge von heute dieser falschen Kunst hin. Diese Unterdrückung durch den Ersatz statt durch Zwang ist die allgemeine Unterdrückungsweise der bürgerlichen Gesellschaft, die natürlich, als Gesellschaft, genau so unterdrückt wie jede andere Zeit, nur daß das dem durchschnittlichen Wünschen von heute nicht zum Bewußtsein kommt, wie es ja dem Mann, der sich über eine Ketzerverbrennung freute, auch nicht zum Bewußtsein kam, daß er unterdrückte. Man kann also von vornherein sicher sein, daß ein Buch, eine Tondichtung, ein Bild, welche allgemeines Aufsehen machen, unter allen Umständen schlecht sind.

Wie aber jede Unterdrückung etwas enthält, wodurch sie sich zuletzt wieder selber aufhebt, so auch diese: alle Kitschkunst ist kurzlebig, und ihre kurzlebigen Geschlechter befehden sich auf das grimmigste, indem immer der Kitsch von heute dem Kitsch von gestern den Garaus macht. Dadurch kommt es im Lauf der Zeit, daß die besseren Teile des Volkes die Anteilnahme an der Kunst überhaupt verlieren und sich in den höheren Schichten des Geistes allmählich eine Leere bildet, in die bei gegebenen Verhältnissen die wirkliche Kunst wieder einströmen kann.


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