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c. Frevel und Gewalttat.

Hamburger Seehelden.

Von Johannes Schmarje.

Über die Helgoländer Allee, den ehemaligen Stadtgraben, spannt sich in kühnem Bogen die Kersten Miles-Brücke. Sie trägt als Schmuck die Wappen von 32 früheren Hansestädten, während an den Pfeilern die Standbilder vier berühmter Hamburger Seehelden angebracht sind. An der Südseite links sehen wir das Standbild des 1420 gestorbenen Bürgermeisters Kersten Miles, der dem adeligen Land- und Strandräuber, dem Herrn von Lappe, das feste Haus Ritzebüttel mit dem heutigen Cuxhaven entriß und sich so als weitschauender Politiker bezeigte, indem er seiner Vaterstadt diesen wichtigen Punkt an der Elbmündung zu verschaffen wußte. An dem andern Pfeiler der Südseite fesselt uns das meisterhaft ausgeführte Standbild des Seehelden Simon von Utrecht († 1437). Gerade so, muß man meinen, hat der kühne Seeheld ausgeschaut, als er auf der Höhe von Helgoland seine Kriegskogge, die in alten Liedern vielbesungene »Bunte Kuh«, zum Angriff gegen den gefürchteten Seeräuber Störtebecker führte. Den besiegte er und brachte ihn gefangen nach Hamburg. Zum Andenken an die kühne Tat, ist das Modell der »Bunten Kuh« im Hamburger Ratskeller aufgehängt. An der Nordseite der Brücke erblicken wir die Standbilder der Seehelden Ditmar Kohl († 1563) und Jakob Karphanger. Letzterer lieferte 1678 mit der Fregatte »Kaiser Leopold« fünf französischen Kaperschiffen in der Elbmündung ein siegreiches Treffen. Fünf Jahre später ging er auf einem Zuge gegen die Korsaren im Hafen von Cadix mit seiner brennenden Fregatte »Wappen von Hamburg« zugrunde, nachdem er zuvor seine Mannschaft in Sicherheit gebracht hatte.

Von Ditmar Kohl aber soll hier ausführlicher erzählt werden. Wir folgen dabei dem anschaulichen Bericht, den ein Zeitgenosse unseres Helden in niedersächsischer Sprache für die Nachwelt abgefaßt hat.

Die Überschrift lautet:

Volget ene waraftige Historie, wo Clawes Kniphof, ein weldich seerouer, von den Hamborgern is genamen vnd gefangen vnd vp dem Broke de kop afhouwen.

Der landflüchtige König Christian II. von Dänemark hatte einen Haß auf die Hansen geworfen. Darum suchte er ihnen zu schaden, wo er nur konnte. Derweilen er nun an befreundeten Höfen Hilfe und Trost begehrte und endlich in Holland heimlichen Beistand gewann, rüstete er im Jahre 1525 ein Geschwader von vier Schiffen aus, mit dem er den Hansen zu schaden und gleichzeitig Norwegen zu erobern gedachte. Die Ausrüstung der Schiffe und deren Bemannung geschah zu Vere in Zeeland unter dem Schutz der Frau Margareta, der Regentin der Niederlande. Öffentlich wurde freilich von einem ehrlichen Kriegszuge und nicht von beabsichtigter Piraterei geredet.

Das Hauptschiff des Geschwaders war »Die Gallion«, ein großer Viermaster. Zur Unterstützung waren ihm drei andere Schiffe beigegeben: »Der Bartum«, »Der fliegende Geist« und eine kleine Jacht »Der weiße Schwan«.

Zum Hauptmann über dieses Geschwader setzte König Christian einen jungen Mann, der sich durch seine kühnen Taten schon einen Namen gemacht hatte. Er hieß Klaus Kniphof, war 24 Jahre alt und der Pflegesohn des Bürgermeisters Johann Myeter zu Kopenhagen. Zu ihm gesellte sich ein wilder Abenteurer, der »Rote Klaus«, der bald sein Vertrauter wurde und einen schlimmen Einfluß auf ihn gewann. Klaus Kniphof erhielt einen Kaperbrief, der ihn mit weitgehenden Vollmachten über alle Schiffe, Schlösser, Städte und Lande, die ihm Gott als gute Prisen verleihen würde, ausrüstete. So ließ er denn die Werbetrommel rühren, und angelockt durch die Aussicht auf reiche Beute hatte er bald einen großen Zulauf von verwegenen Gesellen, Abenteurern und Glücksrittern aller Art. Darunter waren sogar adlige Herren, wie z. B. der holsteinische Ritter Benedikt von Ahlefeldt, der aber Anefeld genannt wurde, weil er seine Güter verkauft und verpraßt hatte. Den Herren von Amsterdam war das Beginnen Kniphofs unbequem; denn es war allenthalben ruchbar geworden, daß er ein Seeräuber sei. Darum sandten sie ihm Botschaft, er möchte die Schelde räumen, damit sie nicht in Verdacht bei den Städten der Hansa kämen. Diese hatten sich schon über ihn zu Brüssel beschwert. Infolge davon sah sich auch die Regentin Frau Margareta genötigt, Siegel und Brief an die Hansestädte zu schicken, daß sie Kniphof, so sie seiner habhaft werden könnten, nach Seeräuberrecht behandeln möchten. Kniphof mußte nun die niederländischen Gewässer verlassen. Er segelte in die offene Nordsee und machte diese zum Schauplatz seiner Taten. Jedes hanseatische Schiff, dessen er habhaft werden konnte, brachte er auf; er plünderte an der norwegischen Küste und verübte Gewalttat gegen Geistliche, Bürger und Bauern. Danach wagte er sogar einen Überfall auf die Stadt Bergen mit ihren reichen Klöstern, Stiftungen und Kirchen. Er hatte es besonders abgesehen auf die berühmten Kontore der Hansestädte, in deren Gewölben er große Schätze vermutete. Aber die Kaufleute brachten ihre Wehre zu werke, so daß er ihnen nichts tun konnte.

Dieses böse Spiel verdroß nun billig die Hansestädte, also daß sie die Hamburger angingen, den Freibeutern das Handwerk zu legen. Die wollten sich erst nicht in die Sache begeben, aber die Not forderte, daß sie es mußten wagen. Die Hamburger rüsteten nun eine Flotte von vier Kraffeln Solch ein Kraffel war ein zweimastiges Seeschiff, etwa von der Größe eines heutigen Schoners, jedenfalls viel kleiner als die Gallion Kniphofs. aus. Das erforderte großes Geld, nämlich dreißigtausend Gulden, und noch heutigentags sind die andern Städte ihnen mit keinem Pfennig zur Hilfe gekommen. Kurz vor Pfingsten waren die Schiffe aufgetakelt, mit wehrhaftem Volk zum Kampf gegen die Seeräuber trefflich ausgerüstet und zur Ausfahrt bereit. Simon Parseval wurde vom Rat zum Admiral ernannt; er sowie Ditmar Kohl, Klaus Hasse und Dirk van Minden befehligten je einen der vier Kraffeln. Darauf lief die Flotte aus der Elbe und kreuzte während der langen Sommerzeit in den Gewässern der norwegischen Küste; den sauberen Gast aber, den sie allenthalben suchte, konnte sie nicht finden. Gegen den Herbst lief sie die Elbe hinauf und kehrte unverrichteter Sache nach Hamburg zurück. Das wollte dem Rat sehr wenig behagen; um sich nicht schimpflicher Nachrede auszusetzen, gab er darum dem Admiral Befehl, wieder in See zu laufen. Überdies hatte er kurz vorher sichere Zeitung erhalten, daß Kniphof in der Osterems läge. Die Schiffspatrone und Hauptleute waren es wohl zufrieden, ausgenommen Hans Holk und Grote Helmke, die mochten nicht wieder hinaus. Nachdem sie durch Asmus Stolte und Kord Blomen ersetzt worden waren, gab Ein Ehrbarer Rat Befehl zur Ausrüstung der Flotte, die durch zwei Bojer (kleine einmastige Fahrzeuge) verstärkt worden war.

Kurz darauf erhielt der Rat eine zweite Nachricht, wie es sich begeben hatte, daß Klaus Kniphof in die Osterems gekommen war. Weil er sich vorgesetzt hatte, Norwegen zu erobern und es ihm dazu an Volk und Viktualien gebrach, hatte er einen gefangenen Hamburger Steuermann gezwungen, seine Flotte in die Osterems zu steuern. Dort wollte er sich für die Kriegsfahrt ausrüsten. Um seinen Hals zu retten, hatte der Steuermann dem Kniphof zu Willen sein müssen. Es war ihm aber gelungen, bei höchster Fluttide die Gallion auf eine Sandbank zu setzen, ehe Kniphof es hatte hindern können. Da hatte das Schiff Not gelitten, einen Mast eingebüßt und fürs erste festgesessen. Das Schiffsvolk hatte nun den Steuermann über Bord werfen wollen, war aber daran durch Kniphof verhindert worden; denn gegen ihn hatte der Steuermann vorher geklagt, daß er die Schiffe gerne hineinbringen wolle, daß er aber des Fahrwassers nicht kundig sei. Nun wußte der Steuermann wohl um die Gründe und Untiefen in der Flußmündung Bescheid, aber er hatte das Schiff mit Vorsatz auf den Sand gesetzt und gehofft, die Hamburger würden es erfahren und mit ihrem Volk darüber herfallen.

Als nun Ein Ehrbarer Rat von dieser Lage Kniphofs Kunde erhielt, ließ er sogleich die Trommel rühren, daß sich jeder eilends an Bord begebe. Das geschah am 3. Oktober, und der Himmel verlieh der Flotte einen guten Ostwind, der sie schnell der See und dem Feinde entgegenführte. Als sie Neuwerk ansegelte, erfuhr der Admiral, daß Kniphof noch immer in der Osterems liege, um dort Mannschaft für die Bezwingung Norwegens anzuwerben. Da ließ er noch mehr Segel setzen; denn der Wind war günstig, so daß die Flotte schon am 6. Oktober bei Gretsyl in den Meeresarm segelte, den man die Grete nennt. Hier warfen sie vorerst Anker, und die Hamburger Schiffspatrone und Hauptleute hielten einen Kriegsrat, wer von ihnen mit Hilfe der beiden Bojer die Gallion entern solle. Und weil jeder der tapfern Männer die Ehre des schwersten Kampfes für sich begehrte, warfen sie das Los darüber. Und das Los entschied, daß der Admiral mit den beiden Bojern, dazu Ditmar Kohl mit seinem Kraffel sich auf die Gallion werfen sollten, und daß Klaus Hasse den »Fliegenden Geist« und Dirk van Minden den »Bartum« zu nehmen hätten. Die Hamburger Schiffe lagen am 6. Oktober so ferne von der Flotte Kniphofs, daß sie einander wohl sehen aber mit ihren Geschützen nicht schaden konnten.

Als nun Kniphof die Hamburger Schiffe gewahrte, rief er sein Volk zusammen. Er hatte die Meinung, davonzufahren, wollte sich aber zuvor mit seinen Gesellen besprechen, was sie dazu sagten. Da haben sie geantwortet, er möchte nur liegen bleiben und die Feinde herankommen lassen, sie wollten ihrer wohl mächtig werden. Die Hamburger wären doch nur Apfelschützen, dererwegen sie unverzagt seien. Und wenn die Kunde vor Fürsten und Herren käme, daß sie vor den Apfelschützen geflohen wären! Die Schande wollten sie nicht leiden; sie sollten sich wehren mit Macht und meinten auch, daß sie die Hamburger Kraffeln mit ihren Kartaunen und Serpentinen leichtlich in den Grund schießen könnten.

Als nun Kniphof aus dieser Antwort vernahm, daß sein Volk unverzagt war, kriegte auch er frischen Mut und sprach: »Hei frisch, liebe Gesellen, wir wollen Preis und Ehre einlegen. Dort liegen güldene Berge, die sollen unser sein. Ein jeder Büchsenschütz lade seine Büchse und jeder Konstabler sein Geschütz. Aber bei Leib und Gut! er schieße nur auf die Kraffeln und nicht auf die Bojer, damit wir Lot und Kraut nicht unnütz verschießen.« Dieser Befehl hat ihm hernach großen Schaden gebracht.

Nun steckte Kniphof seine Fähnlein aus und ließ sie fliegen; dazu lösete er drei Schüsse aus seinen größten Stücken, um die Hamburger zu ehren und sie als achtbare Feinde willkommen zu heißen. Solchen Kriegsgruß erwiderten die Hamburger geziemend, indem auch sie drei ihrer größten Stücke losbrannten. Dabei ist es am Abend des 6. Oktobers geblieben. Aber Kniphof, den das Grauen biß, hat an selbigem Abend seinen Schiffsschreiber an Land setzen lassen, damit er während der Nacht Volk in den Dörfern anwerbe und auf die Schiffe brächte. Das hat der Schreiber getan. Er brachte in der Nacht auf, wen er konnte, holte die Hausleute aus ihren Betten und versprach ihnen große Dinge, wie sie große Beute machen könnten, wenn sie nur eine Stunde helfen wollten. Die Fischersleute und Bauern haben sich von ihm bereden lassen, sind mit ihm aufs Schiff gegangen und sind auch hier in Hamburg vors Gericht gekommen, obwohl sie nicht länger auf den Schiffen hatten sein wollen, als Zeit dazu gehört, um den Schwanz eines Pökelherings zu verzehren. Als der Tag hervorbrach, fragte sich jeder, wie wohl sein Abend sein würde. Klaus Kniphof, der sich sonst herrenmäßig kleidete, zog am 7. Oktober ein weißes Hemd an, dazu ein blaues Wams und ebensolche Hosen, in welchem Anzuge er auch gefangen nach Hamburg gebracht worden ist. Und hernach im Kerker hat er seinem Beichtvater gezeigt, wie die Kugeln die Hemdsärmel zerrissen und doch seine Haut nicht verletzt hätten.

Die Hamburger hatten großes Verlangen zum Kampf, nach den Feinden stand ihr Begehr. Die Schiffspatrone ließen ihrem Volke einen Morgentrunk verabreichen, nämlich Warmbier mit Büchsenkraut (Schießpulver), wohl vermengt und ineinander gerührt; und diesen zarten Trunk haben sie einander zugetrunken, bis sie halb betrunken waren. Da wußten die Hauptleute, daß es losgehen könnte. Sie redeten ihr Kriegsvolk nun also an: »Gesellen, nehmt euch zusammen und habt der Feinde wohl acht! Wenn ihr euch von ihnen bezwingen lasset, so ist es gewiß, daß es euch wird kosten Leib und Leben. Darum denket darauf, daß ihr es euren Vorfahren gleich tut, die alle Seeräuber von der See geholt haben. Auf daß die ehrliche Stadt Hamburg ihren Ruhm behalten möge! Das wollet alle gedenken!«

Nun hatten die Hamburger Anführer beschlossen, daß die beiden Bojer sich zuerst an die Gallion machen und ihr Deck beschießen sollten. Sie rechneten darauf, daß die Geschütze der hochbordigen Gallion über die kleinen Bojer hinwegschießen würden.

Das hatte Kniphof auch wohl bedacht und daher verboten, auf die kleinen Fahrzeuge zu schießen.

Es war am Sonnabend, dem 7. Oktober morgens um 7 Uhr, als die Hamburger zum Angriff schritten. Nun waren die flinken Bojer die ersten an dem Feind. Sie legten sich längs der Gallion, daß sie ihr Deck bestreichen konnten und schossen ihr manch guten Kerl aus der Wehre. Kurz darauf kommt Simon Parseval, der Admiral, mit seinem Kraffel heran, wirft seinen Draggen Ein Draggen ist ein kleiner Anker mit vier Zähnen, wie er noch heute auf den Elbfischerbooten gebraucht wird. in die Gallion, um sich daran festzumachen, und gibt die Ladungen seiner Büchsen und groben Stücke auf den Feind ab. Die Gallion blieb dem Admiral die Antwort nicht schuldig; aber ihre Kartaunen und Schlangen, wiewohl sie Blitz und Donner auf den Kraffel spieen, richteten nicht viel Schaden an; denn der Admiral hatte sein Volk unter Deck beordert, so daß nur 12 Mann zur Regierung des Schiffes oben waren. Nun riß aber der Draggen los, so daß das Admiralschiff von der Gallion abtrieb.

Währenddessen hatte Klaus Hasse mit seinem Kraffel den »Fliegenden Geist« angelaufen und wurde seiner Herr, bevor noch der Hauptangriff auf die Gallion geschah. Weniger Glück hatte Dirk van Minden. Er sollte den »Bartum« angreifen, lief aber auf den Grund, ehe er herankam. Das ging Dirk sehr nahe, aber sein Volk sandte er mit dem Boot den andern Hamburger Schiffen zur Hilfe. Derweilen nun das Admiralschiff von der Gallion abtrieb, vergaßen die kleinen Bojer ihren Dienst nicht; mit unaufhörlichem Schießen setzten sie dem mächtigen Gegner tapfer zu.

Nun hielt auch Ditmar Kohl nicht länger zurück. Er hielt seinen Kraffel hart auf die Gallion zu, um den Hauptangriff zu wagen. Als Kniphof Ditmars Kraffel heransegeln sah, vermutete er, daß auch dessen Volk unter Deck sein würde gleich wie im Admiralschiff. Darum ließ er alle seine wehrhaften Männer aufs Deck und an die Reling treten und befahl ihnen, den Kraffel sofort zu entern, wenn er längsseit käme und seinen Draggen fallen ließe. So gedachte er den Kraffel in seine Gewalt zu bekommen, ehe die Hamburger sich dessen versähen.

Die Sache kam aber ganz anders. Ditmar Kohl war mit seinen Hauptleuten eins geworden, es anders zu machen wie der Admiral. Er rechnete darauf, daß die beiden Bojer die Gallion nicht umsonst beschossen hätten. Darum rief er all sein Volk an Deck und gab Befehl, daß sich jeder bereithalten sollte, sobald die Gallion herankäme. Die Konstabler und Büchsenschützen sollten in der Hast ihre Geschosse in den Feind feuern, und dann sollten die Enterhaken und Faustrohre ihr Werk tun. Als nun Ditmar Kohls Kraffel herankam, stand das Volk der Gallion dicht gedrängt an Deck, und in diesen dichten Haufen schlugen nun die Kugeln aus den Stücken und Hakenbüchsen der Kraffel, so daß sofort 30 Mann niedergestreckt wurden. Da entfiel manchem Gesellen Kniphofs der Mut; sie vergaßen das Entern und flüchteten unter Deck.

Als die Leute in den Bojern vernahmen, was Ditmars Volk mit dem Schießen angerichtet hatte und daß es sich nun zum Entern anschickte, da sind sie in ihre Boote gesprungen, haben sie schnell an die Gallion gestoßen und haben dann ihr Deck erklommen. Hier tobte ein wilder Kampf Mann gegen Mann, daß unter den Tritten der Männer das Schiff erbebte. Und hinter den Kriegsleuten der Hamburger wollten die Bootsleute nicht zurückstehen. Sie ließen ihre Handbeile tanzen, gönnten keinem das Leben, sondern wer ihnen vor die Faust kam, der wurde totgeschlagen. Die Kriegsleute nahmen dagegen diejenigen gefangen, die um ihr Leben baten. Nun trafen die Bootsleute auf den Roten Klaus, den sie lange gesucht hatten, fielen über ihn her und zerhieben ihn in Stücke, wie man das Fleisch zu einem Hamburger Grapenbraten zerhaut. Mittlerweile war der Ausgang des Kampfes doch schon außer Zweifel. Die Hamburger wurden Meister der großen Gallion. Von Kniphofs Gesellen lagen die besten in ihrem Blute oder trieben als zerhauene Leichen auf den Meereswogen dahin. Dem Herrn Benedikt von Ahlefeldt war gleich anfangs die Schädeldecke (»de pregenpanne«) weggeschossen; auch ein früherer Bürgermeister von Kopenhagen lag unter den Erschlagenen. Als Kniphof das grausige Ende des Roten Klaus mit seinen eigenen Augen hatte ansehen müssen, da wurde er inne, welch grimmig Volk die Hamburger Bootsleute wären. Von ihren Beilen zerhauen zu werden, deuchte ihn schlimmer als ehrliche Kriegsgefangenschaft. Darum haute er sich durch die Bootsleute hindurch, bis er einen Rottmeister der Landsknechte ersah, und zu dem sprach er: »Nimm mich gefangen, lieber Krieger.« Der Krieger sprach: »Was ist dein Name, was bist für einer?« »O lieber Kriegsmann,« sprach Kniphof, »ich bin der Hauptmann der Schiffe, schone meines Lebens und verrate mich doch den Bootsleuten nicht, denn die schonen meiner nicht.« »Höre,« sprach der Krieger, »du sollst einen frommen Namen haben. Hinrik Moller sollst du heißen, damit du unerkannt bleibest.« Kniphof gab dem Rottmeister einen güldenen Ring dafür, daß er ihn so gefangen nahm und ihn von der Gallion auf Ditmar Kohls Schiff brachte. Ditmar Kohl erkannte den Gefangenen sofort, aber er brachte ihn aus dem Wege; denn sein Hauptmann Cord Blome raste noch mit den Bootsleuten umher, die jeden totschlugen, der ihnen in den Weg kam; und insonderheit schrien sie nach Kniphof, dem wollten sie seinen Lohn geben.

Dieses grimmige Spiel hatte nun wohl an die acht Stunden gedauert, von des Morgens um acht bis nachmittags vier Uhr. Kniphof war's sonderlich ergangen. Die Kugeln der Büchsen hatten ihm seine Kleider auf dem Leibe zerrissen; seine Hemdsärmel waren durchlöchert, und doch hatte seine Haut keine Schramme bekommen. Er blieb auf Ditmars Kraffel, wiewohl der Admiral sehr darum bemüht war, daß er selber den Gefangenen in Gewahrsam bekäme. Aber daraus wurde nichts, Ditmar hatte ihn, behielt ihn und brachte ihn auch nach Hamburg.

Während des Kampfes war der »Bartum« auf Grund geraten. Da warf man das schwere Geschütz über Bord; denn der Hauptmann gedachte, auf diese Weise das Schiff flott zu machen und davonzukommen. Aber als es nichts helfen wollte, ließen sich etliche der Freibeuter vom Bord ihres Schiffes ins Wasser in der Hoffnung, Grund zu finden, aber sie wurden von den Hamburgern abgefangen oder niedergemacht, ehe sie den Strand erreichten. Als der Admiral Simon Parseval den »Bartum« auf Grund sitzen sah, schickte er einen Haufen seines Volks mit dem Boote hin, der das Schiff einnehmen sollte. Als das Boot längsseits des »Bartum« kam, stießen die Freibeuter eine schwere Steinbüchse über Bord, um das Boot zu zerschmettern. Zum Glück konnten die Bootsleute rechtzeitig ausweichen. Da schleuderten die Freibeuter Teile der Ladung, Geschütze, Steinkugeln und, was sie zu fassen kriegen konnten, ins Boot hinunter, so daß die meisten Bootsleute verwundet wurden und Gott dankten, als sie wieder vom »Bartum« abkamen. Aber ehe die Freibeuter sich dessen versahen, war einer der kleinen Bojer herangekommen, hatte seine Leute aufs Deck des »Bartum« geworfen, die sich nun mit Handbeilen an die Feinde machten. Als das Admiralschiff heransegelte, um den Bojersleuten zu helfen, war die Arbeit schon getan; wer nicht erschlagen war, wurde gefangen genommen. Danach blieb dem Admiral nur noch die Einnahme der kleinen Jacht übrig, in der nur wenig Volk war.

Die Hamburger hatten einen herrlichen Sieg erfochten; darum ließen sie ihre Fähnlein fliegen, auf daß alle, so am Lande stünden, sehen möchten, daß Kniphof durch Gottes Gnade geschlagen war.

Am Ufer bei Gretsyl standen viele Menschen, die von frühmorgens an dem Kampfe zugesehen, und als sie nun den Sieg der Hamburger vernahmen, erhuben sie groß Geschrei und Wehklagen um das Geschick ihrer Gefreundeten, die an dem Kampfe teilgenommen hatten. Auf dem Deich stand der Graf von Friesland. Den hatte Kniphof zuvor gebeten, er möchte doch zuschauen, wie kurz und gut er den Hamburgern aufspielen werde.

Danach verteilten die Hamburger ihre Gefangenen auf die Schiffe, bei welcher Gelegenheit es die Bootsleute nach ihrer Weise »kurz und gut« machten, indem sie die Gefangenen, die nicht unterzubringen waren, totschlugen oder über Bord warfen.

Andern Tages wehte ein heftiger Sturm aus Nordwest, so daß sie auf der Osterems liegen bleiben mußten und nicht einmal an Land fahren konnten, um die Toten zu begraben; sie mußten sie daher ins Meer werfen.

Danach richteten die Hamburger mit den erbeuteten Schiffen und 162 Gefangenen ihren Kurs auf die Elbe. Der widrigen Winde wegen ging die Fahrt nur langsam vonstatten. Ihnen voraus aber flog die gute Kunde des glorreichen Sieges nach Hamburg. Da schickte Ein Ehrbarer Rat zwei seiner Mitglieder, nämlich Herrn Dirik Lange und Herrn Otto Bremer, den Siegern entgegen, um sie willkommen zu heißen. Da die Herren nun in Ditmar Kohls Schiff traten, haben sie Klaus Kniphof freundlich angeredet, ihn aufgefordert, sich zu ihnen zu setzen, und gesagt: »Klaus, willkommen!« Er hat geantwortet: »Ja, meine Herren, ihr möget mich billig willkommen heißen.« Danach setzten sie ihm einen Trunk vor mit den Worten: »Trinket nur aus Eurem Becher, Klaus!« Antwortete er: »Es ist nicht mehr mein Becher, sondern er gehört den guten Gesellen, die ihr Leben darum gewagt haben. Und, meine lieben Herren, das mögt ihr wohl wissen, ich hätte nicht geglaubt, daß solche Männer in solchen grauen Wämsern steckten. Sie fielen zu mir ins Schiff nicht, als ob sie Menschen wären sondern wie die Teufel!«

Danach am 22. Oktober, am Sonntag vor St. Katharinen-Kirchweih, wurden Kniphof und seine Gesellen ausgeschifft und durch das Millerntor bis vor das Rathaus geführt. Von hier ging der Zug nach dem Winsertore. Zu beiden Seiten standen bewaffnete Bürger. Trommler und Pfeifer und fünf Fähnlein Landsknechte zogen voran; dann ging Klaus Kniphof zwischen zwei seiner Mitgefangenen, den Edelleuten Simon Gans und Jürgen Sidou. Darauf kam das geringere Volk seiner Gesellen paarweise oder zu dreien. Ein langes Tau lief zwischen ihnen hindurch, an dem sie hintereinander festgeschnürt waren. Die Verwundeten, die nicht gehen konnten, wurden mit einem Boot ans Rathaus gebracht und dort reihenweise eingeschnürt. Kniphof wurde dann auf den höchsten Boden des Winserturmes gebracht; ein Stockwerk niedriger sperrte man die beiden Edelleute ein und den gemeinen Haufen in das untere Gelaß, so viele ihrer dort Platz fanden. Die übrigen wurden im Büchsenhause und im Brooktorturm untergebracht.

Desselbigen Tages kam ein Brief des Grafen Edgard von Friesland an den Rat, des Inhalts, daß er Kniphof mit seinem Volk und seinen Schiffen ausgeliefert haben wolle; denn sie seien auf seinem Stromgebiet erbeutet worden. Noch an demselbigen Sonntage forderte der Rat die Bürgerschaft auf das Rathaus, und man beschloß, dem Grafen zu schreiben: wenn er ihr Volk und ihre Schiffe haben wolle, so wollten sie ihm die wohl senden, die sollten auch ihn holen, wenn er die Seeräuber verteidigen wolle. Der Hehler sei so gut wie der Stehler. Auf diese mannhafte Antwort hatte der Graf nichts weiter zu sagen.

Am 25. Oktober wurden Kniphofs Fähnlein in dem Dom über dem Predigerstuhl aufgehängt. Am folgenden Tage ist Kniphof mit etlichen seiner Gesellen vor Gericht geführt und daselbst von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags verhört worden. Er wurde des Seeraubs angeklagt – nicht weniger als 172 Schiffe hatte er geplündert und viel unschuldig Blut vergossen – und als Seeräuber verurteilt. Als Kniphof den Spruch der Richter vernommen, bat er für seine Gesellen, die er zur Freibeuterei gezwungen hatte. Dann wurde er wieder in seinen Kerker im Winserturm geführt, wo er auf Veranlassung der Richtherren von dem Klosterbruder Stephan Kempe ermahnt wurde. Und Kniphof schlug in sich und fand Trost in Gottes Wort, so daß er seinen Tod durch Henkers Hand als gerechte Strafe seiner vielen Sünden erkannte. Deshalb bereitete er sich mit Hoffnung auf die Absolution und das Sakrament mit Freudigkeit zum Tode.

Am Montag, dem 30. Oktober, wurde Kniphof nach dem Grasbrook geführt, an den Ort, wo man angesichts des freien Elbstromes seit uralten Zeiten die Seeräuber zu enthaupten pflegte. Es war frühmorgens, als der Frohn ihn ganz allein abholte; denn dieses hatte er sich als eine Gnade erbeten, damit es ihm nicht das Herz breche, wenn er die Verwünschungen der durch ihn ins Verderben gebrachten Genossen vernehmen möchte. Ohne Furcht und Zagen schritt der junge, schöne Hauptmann zwischen den Bütteln und Landsknechten durch die dichtbesetzten Straßen. Auf dem St. Katharinenkirchhof wartete schon sein Beichtvater Stephan Kempe. Der erteilte ihm hier vor allem Volk, das betend niederfiel, die Absolution und das heilige Sakrament der Versöhnung. Dann ging's zum Brooktore hinaus, und am Strand der Elbe, auf derselben Stelle, wo vor 123 Jahren Klaus Störtebecker mit seinen Gesellen den Tod von Henkershand erlitten hatte, empfing er mit gefalteten Händen den Schwertstreich, der sein Haupt vom Rumpfe und seine Seele von der Erde schied.

Eine Stunde später wurden 16 seiner Gesellen zur Stelle gebracht und enthauptet; und am 10. November empfingen noch 46 ihr Urteil, das lautete auch auf den Hals. Als sie das hörten, sind sie ganz wild geworden und haben auf den Rat und die Bürger gescholten. Aber es half ihnen nichts, am Montag nach Martini wurden sie abgehauen. Danach am 24. November wurden 26 und am 4. Dezember 20 Gefangene freigesprochen, der Ursache willen, daß Kniphof sie zu seinem Dienst gezwungen hatte. Am 13. Dezember wurden wieder 8 Freibeuter, darunter der Edelmann Simon Gans verurteilt und Montags darauf hingerichtet. Im ganzen erlitten 75 Freibeuter ihren Tod von Henkershand. Ihre Köpfe aber wurden auf hohe Pfähle gesteckt allen bösen Gesellen als weithin sichtbare Denk- und Warnungszeichen. Die alte plattdeutsche Chronik, die wahrscheinlich aus der Feder des Paters Stephan Kempe stammt, schließt ihren Bericht mit den beweglichen Worten: »Hebben se de rechtsculdigen gestrafet ond de onsculdigen losgelaten, dat is Gade dem Heren am besten bekant. Auerst o here, barmhertige God, dorch dine grote barmherticheit erbarme di der, de in dusser sake sint ommegekamen! Amen.«

Nach einer niedersächsischen Chronik.


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