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Der Strafsäbel
oder
der schlaue Hauptmann.

Mikado sitzt auf seinem Thron,
Der Herr der Japanesen;
Er ist der Götter eigner Sohn,
Das heiligste der Wesen.
Er spendet, wie es ihm gefällt,
Theils gratis, theils für schweres Geld
Die Titel und die Würden.

Nun ließ er jüngst nach altem Brauch
Den Daimio berufen,
Der warf sich eilends auf den Bauch
Und rutschte an die Stufen;
Mikado heißt ihn aufrecht stehn,
Er läßt ihn mild sein Antlitz sehn
Und fragt: »Was gibt es Neues?«

»O Herr! sprach drauf der Daimio,
Ich kann Dir Gutes melden,
Die Truppen sind gesund und froh
Und kampfesmuth'ge Helden.
Man lebt im Land in Floribus,
Es ist ein wahrer Hochgenuß,
Und Alles ist zufrieden.

Nur Einer ist ein böser Wicht,
Ein abgefeimter Spötter,
Der fürchtet auch vor Dir sich nicht
Und lästert unsre Götter;
Das ist der Hauptmann Kansaki
Bei der beritt'nen Compagnie
Der schweren Luntenschützen!«

Mikado sprach: »Das thut mir leid,
Solch gröbliches Verschulden
Das können wir zu dieser Zeit
In unserm Heer nicht dulden;
Wie doch ein Mensch sich ändern kann –
Sein Vater war ein braver Mann,
Ich kenne die Familie.

Drum weil ich früher ihn geehrt
Als alten Sohn des Landes,
So sei ihm eine Gunst gewährt
In Anbetracht des Standes.
Er schlitze gleich nach altem Brauch,
Mit eig'ner Hand sich auf den Bauch –
Ich geb' ihm selbst den Säbel!«

Er sprach's und greift sich an den Leib
Und löset sonder Zagen
Den Säbel, den zum Zeitvertreib
Er an dem Gurt getragen.
Der war vom allerfeinsten Schliff,
Geziert mit Gold, und trug im Griff
Viel edle Diamanten.

»Nimm hin, mein theurer Daimio,
Das Schwert, das ich dir spende,
Gib es dem Hauptmann so und so
In seine eignen Hände;
Sag einen schönen Gruß von mir,
Er soll als wackrer Cavalier
Noch heut' den Bauch sich schlitzen!«

Der Daimio ergriff das Schwert
Und lächelt fromm und heiter,
Gehorsam warf er sich zur Erd'
Und rutschte rückwärts weiter;
Vor des Palastes hohem Thor
Da traten gleich die Diener vor
Und er bestieg die Sänfte.

Es war ein schwüler Sommertag,
Kein Wind durchweht die Halme,
Der Hauptmann in dem Garten lag
Und schlief bei einer Palme;
Vor ihm sein gelber Diener stand
Mit einem Fächer in der Hand
Und jagte ihm die Mücken.

Da öffnet sich das Gartenthor,
Und ernsten, schweren Ganges
Tritt nun der Daimio hervor,
Der Mann des höchsten Ranges.
Ein Sklave rannte vor und schrie:
»Wo ist der Hauptmann Kansaki?
Mein Herr wünscht ihn zu sprechen.«

Und als der Hauptmann dies gehört
Durch seine Palmenblätter,
Da rief er: »Wer hat mich gestört? –
Millionendonnerwetter!«
Doch als er sah den Daimio,
Da that er gleich, als wär' er froh,
Und stellte sich in Achtung.

Drauf sprach er: »Dank der ew'gen Kraft,
Zu der wir alle flehen!
Was hat die Ehre mir verschafft,
Dich, Herr, bei mir zu sehen?
Ich aß erst vorhin meinen Reis,
Der Mittag ist so schrecklich heiß,
Drum bin ich nicht in Gala!«

Doch dieser sprach mit finstrer Mien':
»Du hast verwirkt dein Leben!«
Dann reicht er ihm den Säbel hin
Von seinem Herrn gegeben.
Auch macht er, nach dem Bauch gewandt,
Die Schlitzbewegung mit der Hand,
Zum Zeichen seiner Sendung.

Der Daimio ging wieder fort
So ernst wie er gekommen;
Der Hauptmann aber sagt kein Wort
Und hat das Schwert genommen.
Er schaut die Diamanten stumm –
Dann sprach er leis: »Es wär' doch dumm,
Den Bauch sich aufzuschlitzen!«

Rasch nimmt er Rock und Säbel mit
Vom Ort, wo er geschlafen,
Dann eilet er mit schnellem Schritt
Hinunter an den Hafen;
Da ankert ein Franzosenschiff
Und das war eben im Begriff,
Nach Frankreich abzufahren.

Der Daimio hat von der Stund'
Vom Hauptmann nichts vernommen,
Doch der ist munter und gesund
In Frankreich angekommen.
Er sah sich dort die Gegend an,
Dann ist er mit der Eisenbahn
Rasch nach Paris gefahren.

Der Kansaki, gar schlau und fein
In Thaten und Gedanken,
Verkauft alsbald den Säbel sein
Für hundert Tausend Franken.
Jetzt geht er auf die Boulevards,
Trägt einen schwarzen Frack sogar
Und spielt den reichen Nabob. –

So lang dir lächelt noch das Gold
Und Diamanten blitzen,
Dann brauchst du, wenn man dir auch grollt,
Den Bauch nicht aufzuschlitzen.
Der Säbel zieret einen Mann,
Doch sind noch Diamanten dran,
Ist er bei weitem besser.


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