Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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gäbig

Es gibt nicht leicht ein «gäbigeres» Wort im Schweizerdeutschen als «gäbig». Die Schriftsprache hat es verloren oder doch nur in Zusammensetzungen bewahrt wie: freigebig und, mit verändertem Stammlaut (entsprechend dem i von «du gibst, er gibt»), in ergiebig, ausgiebig, nachgiebig. Alles eindeutige Wörter, wogegen unser «gäbig» vieldeutig ist und sehr verschieden übersetzt werden kann. Es ließe sich eine ganz hübsche und nützliche Schulübung daran anknüpfen, etwa so:

Übersetzt einmal: «Der Mäntig isch für mi kei gäbige Tag» (kein günstiger T.). «Lue, das wär jitz es gäbigs Format» (ein handliches, praktisches). «Dihr heit’s natürlech gäbig mit euem Outo!» (ihr habt’s bequem). «Du chunsch mer jitz würklech gäbig» (gelegen). «Es isch grad keis gäbigs Loufe uf däne Chislig» (kein angenehmes L.). «Isch das nid es gäbigs Eggeli da?» (ein einladendes, gemütliches E.) «Dä Bänz isch doch e gäbige Mändel» (ein sympathischer, umgänglicher M.). «I chäm gärn mit uf di Reis, wenn’s gäbig z’mache wär» (wenn es sich leicht machen ließe).

Noch im Mittelhochdeutschen standen nebeneinander in Gebrauch: gaebec (unser gäbig) und gaebe (das hochdeutsche gäbe in der Formel «gang und gäbe»), beide in der Bedeutung annehmbar, willkommen, lieb, gut. Aber ursprünglich bezeichneten sie die Gangbarkeit einer Sache: eine Münze, ein Tauschmittel, eine Marktware, z.B. Getreide, war gäb oder gäbig, wenn man sie geben (und verkaufen) konnte; so wie etwas «gäng» oder «gängig» war, wenn es auf dem Markte oder sonst im Verkehr der Leute ging, d.h. gangbar war, Kurs hatte, wie z.B. die «kurrenten» Geldsorten. Der Begriff erweiterte sich dann zu «allgemein gültig, annehmbar, brauchbar, geschätzt, lieb» usw.

Wir haben es also da mit zwei Arten der Adjektivbildung zu tun: einer stammhaften, ohne Ableitungssilbe: gäb, gäng oder gang und einer mit Ableitungssilbe: gäbig, gängig. In der heutigen Sprache bestehen noch beide nebeneinander, aber nur die mit Ableitungssilbe 162 (-ig, -isch, -lich, -sam u.a.) ist noch zeugungsfähig. Man vergleiche voll und völlig, gefüge und gefügig, geraum und geräumig, recht und richtig, starr und störrig, laß und lässig. Von Zeitwörtern sind z.B. mit -ig abgeleitet: fähig (zu fahen), inwendig (wenden), abschlägig (abschlagen), angängig (angehen), unterwürfig (werfen), gefällig (gefallen), streitig (streiten), abspenstig (abspannen = ablocken), willfährig (willfahren), erbötig (erbieten). Nur mundartlich kommen vor: gfölgig (folgen), gwirbig (gwirbe), gleitig (geleiten), rütschig (rutschen), merkig (merken), bsüechig (gesucht, begehrt, zu bsueche) und läbig (läbe), das aber schriftdeutsch noch in Zusammensetzungen vorliegt: leichtlebig, kurz- und langlebig.

Älterer Herkunft und für den Sprachforscher interessanter sind aber die Eigenschaftswörter ohne Ableitungssilbe. Oft sind sie einsilbig, wie eben das «gäb» und das «gäng» in der stabreimenden Formel «gäng und gäb», ferner genehm (zu nehmen) auch vornehm, angenehm, nutz und nütze (zu ge-nießen), bequem (zu bekommen, kommen, älter quëmen), biderb (zu altem durfen). Viel reicher als die Schriftsprache ist an solchen Bildungen unsre Mundart, besonders die der ältern Zeit: gsprääch: gesprächig (zu sprechen), gfrääß: gefräßig (fressen), gnooß: genössig (genießen), gchääm: bekömmlich (kommen), bhääb: behäbig (haben), eihääl: einhellig (hallen), läägg: liegend, sanft geneigt, besonders von Dächern gesagt (zu liegen) und trääf: treffend (treffen) und manche andere.

Unsre Altvordern, die diese Formen schufen, verstanden sich auf ausdrucksvolle Bündigkeit, auch in den Dingwörtern, während wir Neueren die abstrakte Begriffszergliederung einführten — zum Vorteil der Sprache? Man vergleiche einmal alt und neu in folgenden Beispielen: Beding — Bedingung, Drang — Bedrängnis, Verzug — Verzögerung, Güüd — Vergeudung, Gnuogsami — Genügsamkeit, Umschweif — Weitschweifigkeit, Gmäächi — Gemächlichkeit, Mißhelli — Mißhelligkeit, Zaagi — Zaghaftigkeit.

Haben wir’s etwa herrlich weit gebracht?


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