Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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In Egi ha

Von der schönen Frau Madeleine Wagner liest man in Tavels «Unspunnen», wie sie mitten im Festtrubel mit allem Volk in der Freude aufgegangen, aber doch ganz Dame geblieben sei und damit «alles in Egi bhalte heig». Und von einer jungen Lehrerin, die in eine Klasse verwilderter Bengel gestellt worden ist, hört man rühmen: «Gäb wi chly und pring si isch, su ma si se doch benige und het di gröschte Süchle in Egi.»

Der Sinn der Redensart ist klar. «In Egi ha» heißt im Zaum halten, eine stille Herrschaft ausüben, Autorität behalten. Aber was ist es mit diesem «Egi», das außer aller Verwandtschaft zu stehen scheint?

14 In der Tat, seine Verwandtschaft liegt weit ab, in fernen Zeiten und Ländern. Das altschweizerische Zeitwort «egen»: drohen, eine drohende Gebärde machen, ist kaum mehr bekannt. Einst war das anders. Wenn eine Rechtssatzung von 1419 erklärte: Zucken oder Egen sei verboten, so verstand man: die Waffe zu zücken oder sonst mit einer Gebärde zu drohen, sei verboten. Dieses «egen» ist von einem uralten Dingwort abgeleitet, das im Gotischen «agis» lautete, im Althochdeutschen «egî», und Furcht, Schrecken bedeutete. Auch im Altnordischen und Altenglischen war das Wort heimisch. Aus der älteren Form «age» entstand die heutige englische «awe». «To keep a person in awe» heißt heute noch: jemand Scheu einflößen, also ganz unserem «in Egi ha» entsprechend.

Zu dem gotischen Verb «agjan»: schrecken, gab es eine althochdeutsche Ableitung von gleicher Bedeutung: agisôn, egisôn, später zu eisen vereinfacht, und dazu wieder ein Eigenschaftswort eislich: schrecklich, verstärkt durch die Vorsilbe ver- zu vreislich. Man denke an den vreislichen (schrecklichen) Wate im alten Gudrunlied. Das einfache eislich oder aislich hat sich noch im Bayrisch-Österreichischen erhalten, wo man auch sagt oder doch gesagt hat: Sie ist in die Frais gfalln: hat einen Krampfanfall gehabt. Der einfache Stamm erscheint dort noch in der Fügung: mir aiset, d.h. mich befällt ein Schrecken. Das entspricht dem altschweizerischen: Es eget ihm = es droht ihm etwas.

Ein kleines Beispiel also, wie vereinsamte, fast unverständlich gewordene Wörter, ähnlich vereinsamten, unverständlichen Menschen, uns durch Aufhellung ihrer Vergangenheit verständlich und vertraut werden können.


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