Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Der Bölima

Wer nicht erziehen kann,
Braucht einen Bölimann.

Wer glaubt noch an den Bölima? Schon der alte Häfliger schreibt in seinen «Volksliedern» (1813):

Ke Mönsch glaubt meh a d’Sträggele,
So wenig as a Böhlima.

Aber in Gotthelfs Erzählungen, z.B. in Käthi der Großmutter, spukt er noch sehr lebendig. Der kleine Johannesli möchte immer wieder erzählen hören «vom Teufel und dem Bölima, von Gott und den Engeln». Das gehört in Johanneslis Mythologie alles in einen «Kratten». «Grosmüeti, wenn jetzt der Bölimann 141 käme oder gar der Tüüfel, was wollten wir machen?» fragt er mit angsterfüllten Augen. Und lange noch über Gotthelfs Zeit hinaus war der Bölima der Kinderschreck, mit dem Mägde und Mütter die Kleinen ins Bockhorn jagten.

In unserm aufgeklärten, elektrisch beleuchteten Zeitalter, das keine Geister und Gespenster mehr sieht, lebt der Bölima, nur in anderer Gestalt, als Erziehungsmittel fröhlich weiter. Wer Ohren hat, zu hören, kann ihm zu Stadt und Land, auf der Straße und in der Eisenbahn jeden Tag begegnen. Bald ist er ein Hund — «Lue dert der Wouwou, dä byßt di, we d’jitz nid chunsch!», bald ein harmloser Kaminfeger — «Mach, oder i säge’s dem Chemifäger dert!», bald ein ahnungsloser Polizist — «We d’jitz nid angänds folgisch, so nimmt di der Landjeger, gsehsch ne dert?» Der beliebteste Ersatz aber für den Bölima ist doch der «Vatter». «Schwyg, oder i säge’s em Vatter!» «We d’jitz nid guet tuesch, so git der der Vatter d’Ruete!» «Häb Ornig, oder i säge’s em Vatter; dä wird der de!»

Das gehört zur alltäglichen Pädagogik unseres Volkes. Wenn so eine — selber unerzogene — Mutter merkt, daß es mit ihrer Autorität aus ist, so muß der «Vatter» her. Die in ihrer Erzieherrolle gänzlich schiefgewickelte Mutter sieht nicht ein, wie sie sich selbst und den Vater dazu in den Augen des Kindes herabsetzt; sich selbst, weil sie ihre Unfähigkeit eingesteht, den Vater, weil sie ihn zum Zuchtmeister und Popanz erniedrigt. Es mag ja Väter geben, denen diese Rolle paßt, weil sie sich zu keiner bessern eignen und nur in dieser Rolle etwas bedeuten. Allein der Fehler liegt bei der Mutter, die sie ihm aufnötigt. Eine gute Erzieherin droht und schimpft überhaupt nicht, und eine gute Gattin erspart ihrem Mann die beschämenden Handlangerdienste eines Rutenknechts. Sie braucht überhaupt keinen Bölimann; sie ist auch selber keiner; sie hat sich durch Selbstzucht und gutes Beispiel die Achtung und Liebe ihrer Kinder erworben, «sie herrschet weise im häuslichen Kreise» und tritt diese erworbene Herrschaft an niemand ab.

Fragt vielleicht eine Leserin, die diese Belehrung nicht braucht, nach dem ursprünglichen Sinn des Wortes Bölima? Er ergibt 142 sich sehr einfach aus der Vergleichung mit sinnverwandten Namen wie Rumpelstilz und Popanz; denn «bole» bedeutet in unserer Mundart (wie schon mittelhochdeutsch «bollen, bollern») poltern, rumpeln. Der Bölimann ist also ein Poltergeist, wie der Popanz (vielleicht aus Popp-Hans) in seiner Stammsilbe auf diejenige von schweizerdeutsch «popple, pöpperle»: pochen, anklopfen zurückzuführen sein mag. Die Wortbildung «Böli-ma» ist von derselben Art wie unser Pläribueb (zu pläre), Chärimeitschi (zu chäre), Chräblichatz (zu chräble), Waschlisepp (zu waschle), Lampelimuul (zu lampele), Glettibrätt (zu glette) u.a.m.


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