Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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allpott

In Bern halten die Zünfte alljährlich ihr Großes Bott, ihre Jahresversammlung ab. Das «Bott» ist, wie das «Bätt» aus Gebätt, durch lautliche Angleichung aus «Gebott» entstanden, daher auch «Pott» geschrieben, wie es gesprochen wird. Es ist also eigentlich das Bieten, Aufbieten, Aufgebot der Zunftmitglieder, und von da aus auf die Versammlung übertragen. In älterer Sprache hieß jede Art von bürgerlichem oder militärischem Aufgebot, von gerichtlicher Vorladung, von Angebot bei einer Steigerung, einer Wette oder einem Handel kurzweg «es Pott». In Gottlieb Jak. Kuhns Gedicht von der Entstehung der Alpenrose sagt Hans zu Eisi, nachdem sie ihn aufgefordert hat, «Flüehbluemi» von der spitzen Fluh herunterzuholen, um ihr Jawort zu erlangen:

Es Bott! du muest si ha,
We du witt mit mer z’Chilche ga.

Mit andern Worten: Dein Angebot soll gelten! Aus diesem «Bott» erklärt sich auch der Anfangsvers eines andern Gedichts von Kuhn (An den frühen Winter):

En Botts i tue! Gschau, het’s nit gschneit?

«Botts» ist hier erstarrte Genitivform, und der Ausruf ist redensartliche Form für: Ich wette drauf! Die Stelle bedeutet also wohl in heutiger Sprache nicht viel mehr als: Wahrhaftig, schau, hat’s nicht geschneit? Eine andere redensartliche Anwendung von «Bott» haben wir in «eis Botts», d.h. auf einmal, ähnlich wie «eis Gurts», «eis Ritts», «eis Wägs», was ursprünglich auf einen Schlag, in einem Ritt, in einem Weg (mit betontem «ein»), dann abgeschwächt auf einmal bedeutet. Und so enträtselt sich auch die 96 Redeformel «alli Pott» oder «allpott» (eigentlich — alle Aufgebote, bei jedem Aufgebot) als Ausdruck für allemal, immer wieder, alle Augenblicke.

Wie in «Augenblick» die Zeit nach dem Aufschlagen der Augen gemessen wird, so in «all Nase läng» nach der Kürze der Nase. Unsere Mundarten sind unerschöpflich in sinnfälligen Ausdrücken für rasche Wiederholung in der Zeit:

all Gäng (bei jedem Gang), all Ritt (bei jedem Ritt), all Fahrt, auch in allfart zusammengezogen (auf jeder Fahrt), all Ruck, Rutsch (bei jedem Ruck, Rutsch), all Rung (bei jeder Drehung), all Ränn (bei jedem Anstoß), all Chehr (bei jeder Biegung, Wiederkehr), all Hick (bei jedem Hick, z.B. ins Holz), all Streich usw. Lauter Beispiele für die sinnliche Anschauung, aus welcher die Sprache unsrer Altvordern Ausdrücke für unsinnliche Begriffe wie die der Zeit zu schöpfen verstand.


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