Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Was schaut dabei heraus?

«Was luegt derby use?» Alle Tage kann man das hören, ohne mehr dabei zu denken, als was die Redensart eben sagt: Was für ein Gewinn, Ertrag, Erfolg ist dabei zu erwarten? Gewöhnlich lautet die Antwort: «Nid viel, Herrjee!» oder «Weeneli gnue!» Und die Sache ist erledigt.

Und doch wäre sie, wenn man über den Ausdruck nachdächte, noch lange nicht erledigt. Man brauchte nur die sinnliche Anschauung, die darin steckt, neu zu beleben, so würde man einen hübschen Einfall der dichtenden Sprachphantasie entdecken, jener Sprachphantasie, «die für uns dichtet und denkt».

Diese Phantasie, die alles Leblose belebt und vermenschlicht, hat schon seit vielen Jahrhunderten das menschliche Schauen auf die Dinge übertragen, so daß wir es heute selbstverständlich finden, wenn ein Schloß auf das Städtchen herunter schaut, wenn eine Kapelle «still ins Tal herab schaut», wenn die Fenster des Zimmers in den Garten und ein Denkmal weit ins Land hinaus schaut, als ein richtiges «Lueg-ins-Land»; wenn einem Bettler die Zehen zu den Schuhen und einem Schulmeisterlein das Taschentuch aus den Rockschößen heraus schaut; oder gar, wenn die Morgensonne ins Stübchen und der Mond auf die Landschaft herab schaut. Und nun denke man sich, daß die Post einen verdeckten Korb ins Haus bringe, über dessen Inhalt die neugierigen Kinder zu raten anfangen. «O, Chirsi!» ruft der Fritzli aus, denn er hat zuerst entdeckt, daß ein Kirschenstiel zum Strohgeflecht heraus schaut. Oder man denke sich, daß ein Sammelbeutel geleert werde, ach, lauter armselige Fünferli und ein paar Hosenknöpfe! Aber nein, ganz zuunterst, was schaut da heraus, golden blinkend? Wahrhaftig ein Zwanzigfrankenstück! Hurra! Nun hat doch etwas herausgeschaut bei der Sammlung.

Aber das rechte Schauen, Herausschauen ist doch Sache der Augen. Der Schalk, der Übermut, der Hunger, die Krankheit schaut ihm aus den Augen — so sagen wir, weil wir aus den Augen zu lesen verstehen, weil wir das «Aussehen», das «Gschau», 123 wie der Österreicher sagt, zu deuten imstande sind. In der älteren Sprache, bis ins 17. Jahrhundert hinein, genügte das bloße «schauen, sehen» für das jetzige «ausschauen, aussehen». Nicht nur Grimmelshausen (im «Simplizissimus») schreibt noch: «Es sahe, als sollte ein lustig Banquet gehalten werden», sondern auch bei Schiller liest man: «Luise, du siehst blaß», bei Goethe: «Du siehst wie ein Gespenst», und bei Grillparzer (im «Bruderzwist») ruft Lucretia beim Anblick Don Caesars aus: «O Gott, so schaut das Unglück!»

All das ist aus den Augen gelesen. Aber die Kraft der sinnlichen Anschauung nimmt mit der Zeit ab, wie eben alles Ursprüngliche mit der Zeit abnimmt, und so wird das «ausschauen» auch auf Dinge übertragen, die keine Augen haben. «Wi gseht dihr wider dry!» sagt die Mutter zu den Kindern, die verstrubelt oder verschmutzt vom Spielen und «Chosle» heimkehren. «Wi gseht das dry!» heißt es etwa nach einem Hagelwetter beim Anblick des Gartens, und «Es gseht bös us mit ihm!» nach dem Besuch eines Schwerkranken. So sagt auch der Engländer nicht nur: «She looks very serious» oder «He looks like his father» (sieht dem Vater ähnlich), sondern auch: «The new house looks very nice» u. dgl.

Die Dinge sehen nicht nur aus, sie sehen uns auch an. Das empfindet besonders ein in die geliebte Heimat Zurückkehrender, wie jener Raffael Senno in Rud. v. Tavels «Verlornem Lied», wo man die Stelle liest: «Und wo si du z’Ballaigues dürefahre, wo sech ds Schwyzerland i syr ganze Herrlichkeit uftuet, da nimmt’s ne. Wär chönnti säge, was das isch, wo eim der Hals äng macht ob däm Blick? Me luegt nid ds Land a, ds Land sälber luegt mit große, schönen Ouge jedes vo syne Chinder a, wo us der Frömdi heichunt.» — So auch, mit schöner Vermenschlichung, in Goethes «Mignon»:

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?

In älterer Sprache, auch im Schweizerdeutschen, konnte dieses «ansehen» im Sinne des heutigen «angehen», ganz wie französisch 124 regarder (Qu’est-ce que cela me regarde?) verwendet werden. So schreibt Zwingli einmal: «Ein Teil der gsatzen (Gesetze) sehnd allein den inneren Menschen an», und noch jetzt kann man im Berndeutschen hören: «Was die Sach agseht...» = was das betrifft, und «Das gseht ihn a» = das betrifft ihn, geht ihn an, entsprechend dem Lateinischen (bei Cicero): «Ad te spectat oratio mea». Der ältere Sprachgebrauch ging noch weiter: das Ansehen einer Sache wurde zu einem Ansehen der Person in betreff dieser Sache; so besonders häufig in der Redensart: Es (die Sache) will mich ansehen — es will mir scheinen, mich bedünken. Der Chronist Fricker schreibt z.B. «Es ist ein sömlich (solcher) ungstüemer span entstanden, das es mich wolt angseen, das uff denselben morgen ein stat und regiment von Bern zuo boden gan würde», und Niklaus Manuel: «Erstlich wil mich ansehen, die meß sige in eim bösen zeichen, nemlich im scorpion, entpfangen.»


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