Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Es war einmal

Ja, es war einmal, da konnte auch eine schweizerdeutsche Erzählung so anfangen. Da hatte auch das Schweizerdeutsch die einfache Erzählungsform: es war, er sprach, er sang, ich ging, wir kamen usw. Reste davon sind uns in mundartlichen Volksliedern noch erhalten, so im «Simelibärg»:

I gab’s mim Lieb z’versueche,
Daß’s miner nit vergäß

oder in dem halbmundartlichen Tannhuser-Lied (Tannhuser war ein wundrige Knab), dessen zweite Strophe lautet:

Wann er in grüene Wald use käm
Zue dene schöne Jungfraue,
Sie fiengen an ein längen Tanz,
Ein Jahr war ihnen ein Stunde.

Auch von schwachen Biegungsformen finden sich Spuren, z.B. das «wotti» (wollte) im «Fräulein von Samaria», das anfängt:

Es wotti’s ein Mägtlein Wasser hole,
Wott hole ab’s Jakobs Brunne.

Als Zwingli seine schweizerdeutsche Bibelübersetzung unternahm, waren die einfachen Vergangenheitsformen schon nicht mehr volkstümlich; darum führte er an vielen Stellen die zusammengesetzte (das Perfekt) ein und schrieb z.B. Apostelgesch. 10, 10 ff.

«Do Petrus in Joppen war,... ist er an einem Tag um die sechste Stund zu oberst ins Hus ufhin gangen, hat da wollen beten und ist hungrig worden begeerend essen; und indem das Gsind zuerüst, ist er verzuckt worden und sieht den Himmel uffgethon und ein Bereitschaft (Gefäß) herabkummen glych als wär es ein groß lynin Tuech... Do het ein Stimm zu ym gesprochen: Stand uf, Peter..»

Das war durchaus gegen den damaligen Schriftgebrauch, wie man sich überzeugen kann, wenn man etwa Heinrich Bullingers Aufzeichnung zum Jahr 1519 (drei Jahre vor jener Übersetzung des Neuen Testaments) vergleicht, wo lauter Imperfekte vorkommen:

«Dises Jars 1519 was in der Eydgenoschaft der groß Todt, 16 in welchem an der Pestelentz fast vil Lüthen in Stetten und uff dem Land abstarbend. In Zürich hub er an, im Augsten um Laurenty, namm am häfftigsten zu umm den 12. Septembris und wäret biß nach Wyhnächten, gägen der Liechtmäs. Und sturbend in den dryen Pfarren in die dritthalb tusend Menschen zu Zürich. Es starb auch Anderes Zwingli, ein Jüngling gar großer Hoffnung, dorum er M. Ulrychen gar übel row (reute, leid tat). Der Präst bestund ouch Zwingli selbs, im Augsten...»

Der Verlust der einfachen (Imperfekt-)Formen in den Zeitwörtern unsrer Mundart muß im 15. Jahrhundert schon sehr groß gewesen sein. Ein Beispiel aus dieser Zeit, das alte Tellenlied, in welchem die einfachen Formen noch vorherrschen, zeigt in seiner 6. Strophe auffällig das Eindringen des Perfekts. Da liest man:

Alsbald er den ersten Schutz hat gtan,
Ein Pfil hat er in sin Göller getan:
«Hett ich min Kind erschossen,
So hatt ich das in minem muot —
Ich sag dir für die Wahrheit guot —
Ich wölt dich han erschossen.»

Nur die Konjunktivformen der einfachen Vergangenheit saßen fest, und da geschah es denn, daß man sie, in der Volksdichtung wenigstens, als Ersatz für die verlorenen oder unsicher gewordenen Indikativformen setzte. So heißt es z.B. in dem luzernischen Lied vom «Buecher Friedli», das seinem Kerne nach wohl in die Zeit des Bauernkrieges (1653) zurückreicht:

Wie-n-er ihe chäm uf Luzerä,
Spaziered uf de Gasse die Herä

und drei Strophen weiter:

Was gschäch an eime Zystig z’Luzerä?

Noch etwas weiter liest man:

Und zletscht, wo si vor em isch gstandä,
Do lit (liegt) er in Chetten und Bandä.
Was zog er für es Büechli
Us sinem Busem Tüechli?

17 Also nebeneinander Perfekt, Präsens und Imperfekt (isch gstande, lit er, zog er).

Aber, wird man fragen, wie kam es denn, daß die Mundart die kurzen, erzählenden Formen verlor und die zusammengesetzten, nicht erzählenden dafür eintauschte? Wie mochte sie auf diesen Reichtum verzichten und ein so ausdrucksvolles Darstellungsmittel fahren lassen?

Der Vorgang, der sich weit über die Schweiz hinaus verfolgen läßt, indem er sich über alle süddeutschen und mitteldeutschen Mundarten erstreckte, erklärt sich aus einfachen Ursachen. Die Verarmung der Zeitwortformen begann wohl bei den schwach konjugierten Verben. Schuld daran war das Abfallen der Endungs-e in der einfachen Vergangenheit: indem man «macht» statt «machte», «lebt» statt «lebte», «sagt» statt «sagte», «braucht» statt «brauchte» schrieb und sprach, fielen Gegenwarts- und Vergangenheitsform zusammen; oder, um mundartliche Beispiele zu geben: «er seit» konnte jetzt bedeuten: er sagt und er sagte, «er gloubt» er glaubt und er glaubte. Ja dieses «gloubt» fiel auch noch mit dem Partizip «geglaubt» zusammen, wie «zalt» mit zahlte und gezahlt, «brüelet» mit brüllte, gebrüllt, «gspürt» mit spürte, gespürt. In der Mundart, wo die Weglassung des Endungs-e hemmungslos um sich griff, und zwar in der Deklination wie in der Konjugation, entstand eine viel größere Verarmung und Undeutlichkeit der Zeitwortformen als in der Schriftsprache. Um die Vergangenheit deutlicher zu bezeichnen, verwendete man nun immer häufiger die mit dem Partizip zusammengesetzte Form, also «er het gläbt, gloubt, bruucht» statt lebte, glaubte, brauchte. Und von der schwachen Konjugation ging dieser Mißbrauch auch auf die starke über. Man sagte nun auch «er het gseh, trunke, glitte, gschribe» statt «er sah, trank, litt, schrieb», und «er isch gsi, gloffe, gstorbe, gfalle» statt «er war, lief, starb, fiel» usw. An dieser Verarmung war auch der in jeder Sprache, besonders aber in jeder Mundart wirksame Trieb nach Vereinfachung und Ausgleich schuld. Wenn es früher hieß: ich starb, wir stürben, ich schreib — wir schriben, ich schrau — wir schruwen, ich was — wir waren, ich zoch — wir zugen, so war das ein Formenreichtum, den nur ein festgewurzeltes 18 und feines Sprachgefühl aufrechthalten konnte. Das Bedürfnis nach Ausgleichung machte sich geltend, und es entstanden eine Menge schlechter Mischformen, bis schließlich auch diese außer Gebrauch kamen und durch das Perfekt ersetzt wurden.

Wie schon gesagt: in unsern Volksliedern, auch in mundartlichen, haben sich einige Reste erhalten. Aber nicht nur da. Auch in der Alltagssprache abgelegener Landschaften, besonders im Guggisberg, in Saanen und im Wallis waren vereinzelte Formen (was, wasen, hatti, cham, wollt) noch am Ende des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Der «Friesenwäg» von Jakob Romang, in Saaner Mundart 1862 gedruckt, schließt bekanntlich mit den Worten:

Am Abend druf was är en Lych.

Und Ulrich Dürrenmatt läßt (1885) den «Guggisberger Hüterbub», der ihm seine Knabenzeit verkörpert, sagen:

Ja, so ischt es albe gsy,
I was selber no derby.

Mehr als das. Noch im Jahre 1900 schreibt er ein Gedicht «In’s Otteleue!» das mit erzählenden Imperfekten gespickt ist. Die Bemerkung «Nach der Melodie Niene geit’s so schön und luschtig» beweist, daß er das Lied für den Volksgesang bestimmt hat und seinen Guggisbergern zutraut, daß sie es samt all den verklungenen Imperfektformen noch als bodenständig empfinden.

Diese dichterisch-sprachliche Tat ist so einzigartig, daß es sich verlohnt, einige Strophen (es sind die vierte bis achte) aus dem Gedicht wiederaufzuschreiben.

In’s Otteleue!

We mer scho am Alta hange,
Üser Bärge sy o alt,
U mir hatti nie as Blange
Na der nüwwe Gstalt u Gwalt.

Dopplet hi-mer müeße diene,
Z’Friberg, z’Bärn gehorsam sy;
Drum sy mir de albe niene
Naua recht dihiimme gsy.

19 We me si het gwanet ghäbe,
Annerfahrt im füfte Jahr,
Wechsleti die Herrschaft äbe,
Chame nüwwe Vogt darhar.

Het sich Friberg üs erbarmet,
Mußti äs grad umhi ga;
Was der Bärner chli erwärmet,
Mußti är va Griffe lah.

Het der Bärner hüscht befohle,
Kumidierti Friberg hott;
Ghina wollt der anner tole,
Annersch gieng es alli Pott.


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