Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Die güldne Sonne

Was ist besser, die goldne oder die güldne Sonne? — Das bekannte Loblied des Schöpfers von Paul Gerhardt fängt in seiner ursprünglichen Fassung an:

Die güldne Sonne
Voll Freud und Wonne...

Unser Kirchengesangbuch von 1890 hat die «güldne» durch die «goldne» ersetzt; das Probeheft des neuen Gesangbuches hingegen stellt das «güldne» wieder her. Darüber regen sich nun viele Gemüter auf: Weg mit den sinnlosen Altertümeleien! «Güldne» sei lächerlich.

Aber was gibt es da zu lachen? Wenn unsre Sekundarschüler in Goethes «Erlkönig» lesen: «Meine Mutter hat manch gülden Gewand» oder in Heines «Belsazer»: «Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt, das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt» — lachen sie da auch? Nicht daß ich wüßte. Aus meiner Knabenzeit erinnre ich mich im Gegenteil, daß in Gerhardts Abendlied die «güldnen Sternlein», die am blauen Himmelssaal prangen, mir einen besonders lieblichen Eindruck machten und daß die Schlußstrophe mir gerade um der «güldnen Waffen» willen zu Herzen ging:

Gott laß euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar!

Ich hätte es schon damals nicht begriffen, wenn einer da etwas lächerlich gefunden hätte. Dieses «gülden», verglichen mit dem gewohnlichen 151 «golden», hatte einen eigenen Glanz, den Glanz des Seltenen, die Ferne des Altertümlichen, den Schimmer des Poetischen. Die Engel, die sich zu unserm Schutz um das Bett stellten, standen in einer Verklärung, sie hatten «güldene» Waffen, nicht bloß goldene. Und so hatten die «güldnen» Geräte aus dem Tempel Jehovahs etwas Ehrfurchtgebietendes, Heiliges an sich, und die «güldnen» Gewänder des Erlkönigs schienen wie aus Mondlicht gesponnen.

Erst viel später erfuhr ich aus der deutschen Sprachgeschichte, daß in dem Unterschied von Gold — gülden ein lautgesetzlicher Wechsel zu erkennen ist, der auch in Horn — hürnen (der hürnene Siegfried), in Holz — hülzen (ältere Form für hölzern), Hof — hübsch (aus hübisch), Zorn — zürnen, voll — füllen und andern Beispielen sich wirksam zeigt. Das braucht man aber nicht zu wissen, um den poetischen Reiz solcher alten Wortformen zu empfinden. Man muß bloß das innere Ohr dafür haben.

Und das haben eben viele Leute nicht. Ihnen ist «ward» wie «wurde», «stund» wie «stand», «hub» wie «hob», «schwur» wie «schwor», «lebest» wie «lebst» usw. Der Unterschied von Tale — Täler, Lande — Länder, Worte — Wörter oder von gerochen — gerächt, geglitten — gegleitet, verworren — verwirrt, verwunschen — verwünscht sagt ihnen unter Umständen gar nichts. In Schillers «Was da kreucht und fleucht», in Gerhardts «Zeuch ein zu deinen Toren» oder «Schleuß zu die Jammerpforten» geht ihnen das «kreucht, fleucht, zeuch, schleuß» auf die Nerven. Daß in dem dichterischen «Mondenschein» etwas mehr liegt als in dem nüchternen «Mondschein», und zwar wegen der Altertümlichkeit der Form (urspr. des mânen schîn), ist ihnen Hekuba, so daß sie über schöne Dichterstellen hinweglesen, wie etwa in Goethes Faustmonolog:

O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein!

oder in Lenaus «Postillon»:

Niemand als der Mondenschein
Wachte auf der Straßen,

152 (wo das Altertümliche auch in dem Dativ «Straßen» liegt), oder in Neanders frommem Kirchenlied (Himmel, Erde, Luft und Meer):

Mondenglanz und Sternenpracht
Loben Gott in stiller Nacht.

Das durch Luthers Bibelübersetzung verbreitete «Odem» für älteres «Atem» (althochdeutsch «âtum») ist nur eine mundartliche Nebenform, hat jedoch einen ausgesprochen feierlichen Klang, der es über «Atem» hinaushebt; so in dem 150. Psalm, Vers 6

Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!

Hier hat auch die neue Zürcherübersetzung, die sonst altertümliche Formen meidet, an Odem festgehalten, wie übrigens auch an andern feierlich gestimmten Stellen, z.B. Hiob 27, 3

Fürwahr, solange noch mein Odem in mir ist
Und Gottes Hauch in meiner Nase,
Wird kein Unrecht von meinen Lippen kommen.

So brauchen die Dichter alter und neuer Zeit gerne «Fittich» für Flügel, Luther, Ps. 91:

Mit seinem Fittich bedeckt er dich
Und unter seinen Flügeln findest du Zuflucht,

«Born» für Quelle, z.B. Schiller (in «Ideal und Leben»):

Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born,

«Antlitz» für Gesicht, «Eiland» für Insel, «Hort» für Schatz, «Silberlinge» für Silbergeld, «immerdar» für immer, «eilends» für rasch, «alsobald» für alsbald und «also» für so («Also hat Gott die Welt geliebet»), «gen» für gegen (gen Himmel), «von hinnen» für von hier, «wonniglich, inniglich, bitterlich» usw. statt der einfachen Adverbien ohne -lich.

Kurzum, es gibt Stilunterschiede nicht nur in Synonymen, d.h. gleichbedeutenden Wörtern verschiedenen Stammes, sondern auch in lautlichen Nebenformen desselben Wortes; die einen klingen alltäglich, die andern ungewöhnlich und darum gehoben, feierlich, die einen weltlich, profan, die andern geistlich, priesterlich, gottesdienstlich. 153 Die einen rücken den Begriff in handgreifliche Nähe, die andern rücken ihn in die Ferne, schaffen Abstand von dem Geweihten, Heiligen. Das Wort bekommt etwas von seiner alten Zauberkraft zurück.

Und wie steht es nun, nach all dem, mit der «güldenen Sonne»? Ist sie immer noch «sinnlos altertümlich», immer noch «lächerlich»? Gewiß, «golden» tut’s auch; golden ist auch schön. Aber wenn ich die Wahl habe, werde ich nicht dem alten Gerhardt recht geben, der an der «güldnen Sonne» seine Freude hatte?


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