Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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paff, kaputt, futsch

Wenn der Mensch bei plötzlichem Gefühlsandrang kein gebildetes Wort findet, um sich zu entladen, so greift er zu naturhaften Ausrufen wie ah! au! ei! ach! hu!, eine Art Gefühlsesperanto, das in der ganzen Welt verstanden wird wie lachen und weinen, streicheln und kratzen; denn es besteht zweifellos ein allgemein menschlicher Zusammenhang zwischen solchen Gefühlslauten und ihren Erregern, den Gefühlen. Es ließe sich darüber sprachphilosophieren. Doch kämen wir an kein Ende damit.

Solche formlosen Sprachgebilde, Schallnachahmungen z.B. wie «quatsch», können auch zu richtigen Wörtern werden. Ursprünglich ahmt dieses quatsch den Ton eines klatschenden Schlages in eine breiartige Maste nach; dann aber zum Dingwort erhoben, bezeichnet es die breiartige Masse selbst, den Quatsch auf der Straße besonders; zuletzt wird es auf leeres, ekliges Geschwätz übertragen: «Das ist ja alles Quatsch!», sogar adjektivisch: «ein quatsches Gerede», und verbal: «Was der wieder quatscht!» So wird der Ausruf «weh!» — altgermanisch wai! = italienisch guai, englisch woe — zum Dingwort «das Weh», in familiärer Sprache auch zum Eigenschaftswort: ein weher Finger; auch Steigerungsformen kommen vor: das hat mir noch weher, am wehsten getan. Zeitwörtliche Ableitungen gibt es z.B. zu ach: ächzen, plumps: plumpsen, juch: juchzen, jauchzen.

Gibt es auch solche Ableitungen von «paff»? Man sagt wohl: ich war paff; aber nur in sehr freier Sprache wird man sich erlauben: Ich war noch paffer als er, oder: Ich war am paffsten von allen. In 60 klassischer, besonders gehobener Sprache ist das Wort unmöglich; das sprachliche Taktgefühl weist es in seine Schranken. Denn was ist paff anders als das in verschiedenen Spielarten (piff paff puff) bekannte Schall- oder Knallwort, das den Eindruck eines Gewehrschusses wiedergeben soll? Man sitzt gemütlich beisammen und denkt an nichts Böses — auf einmal paff! geht draußen ein Schuß los. Alles wird still, fährt auf, horcht, läuft ans Fenster: Was ist da los? — Das ist die paff-Situation. Unsere Fassungskraft ist überrumpelt, unser Verstand steht still, wir sind... wie sagt man gleich? Nun eben, weil uns das treffende Wort fehlt, greifen wir in der Verlegenheit zu dem Situationswort: wir sind einfach (dieses «einfach» ist sehr bezeichnend) — paff. Das heißt, wir sind so, wie man ist, wenn es unvermutet «paff» macht.

Das ist allerdings primitiv gedacht. Ein Schriftsteller braucht denn auch solche Ersatzwörter nicht. Ihm steht eine ganze Stufenleiter von Begriffswörtern zur Verfügung: betreten, betroffen, verdutzt, verblüfft, erstaunt, bestürzt, erschreckt, vor den Kopf geschlagen, sprachlos. Da ist aber keins — seien wir ehrlich — das das knallig, plötzlich, unbegreiflich Erschreckende und bei allem doch Ungefährliche des Erlebens so wundervoll kurz und anschaulich zusammenfaßte wie «paff». — «Betreten» sind wir, wenn einer unvermutet an uns heran, uns sozusagen auf die Hühneraugen tritt; «betroffen», wenn uns etwas Unerwartetes, z.B. ein Ziegel vom Dach, an eine empfindliche Stelle trifft; «verdutzt» (in älterer Sprache ist «vertussen» = betäuben), wenn das Plötzliche uns betäubt; «verblüfft» (von niederdeutschem «bluffen» = durch Gebärden und Worte Furcht einjagen), wenn wir uns durch gefährlichen Anschein erschrecken lassen; «bestürzt», wenn das Überraschende verderbendrohend über uns stürzt — die übrigen Ausdrücke erklären sich von selbst. In jedem liegt eine Teilerscheinung, die auch in «paff» liegen kann; aber keine hat den humoristischen Unterton, den das «paff» durch seinen Knalleffekt und die leise Ironisierung des Schreckens mit sich bringt.

Kaputt ist kein Ausruf, aber auch ein Ersatzwort, das man braucht, wenn einem in der Geschwindigkeit des Sprechens nichts 61 Besseres einfällt. Man hätte zwar Auswahl genug, wenn man sich besinnen wollte oder könnte: entzwei, auseinander, gebrochen, zerbrochen, gerissen, zerrissen, zerfetzt, zerknickt, gespalten, geplatzt, geborsten, zersplittert, zertrümmert, zerschmettert, zerschellt, zerspellt, zernagt, zerfressen, zerknüllt, verderbt, verdorben, vernichtet, zunichte, dahin. Man braucht nur auszulesen! Aber eben, die Auswahl ist zu groß oder die eigene Anschauung zu schwach oder der Geist zu bequem, oder alles miteinander macht, daß man das Allerweltsersatzwort zu Hilfe nimmt und — «einfach» kaputt braucht. Der Teller ist kaputt, die Maschine, die Tapete, das Kleid, das Fest, die Hoffnung, die Freude, der Mensch selber ist ganz kaputt, tutti caputti! Ein kaputtes Geschirr, eine kaputte Waschmaschine, ein kaputter Sonntag — das Wort wird wie sonst ein Eigenschaftswort dekliniert.

Daß das Wort niederer Herkunft, gleichsam ein Bastard in unserer Sprache ist und daß man es weder in einer Festrede noch auf der Kanzel, noch sonst in gewähltem Deutsch verwenden dürfte, fühlt jeder; aber was geht das den Alltag an! Bezeichnend für unsere Gedankenlosigkeit ist aber, daß uns die Übereinstimmung des Wortes mit «Kaputt» = Soldatenmantel nicht im geringsten stört. Wirklich ist nämlich das Eigenschaftswort «kaputt» nichts anderes als das französische «capote» (Verkleinerung von cape), das zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Sinn von Kapuzenmantel in Deutschland eindrang. Auch die adjektivische Form «capot», die in der Redensart «être capot» und «faire capot» auf das Kartenspiel angewendet wurde, fand Eingang im deutschen Sprachgebrauch. Faire capot bedeutete im Kartenspiel: einen abstechen, verlieren machen, être capot: verloren haben, fertig sein, in familiärer Sprache auch: bestürzt, in größter Verlegenheit sein. Der «Große Littré» erklärt den seltsamen Bedeutungswandel mit den Worten: «Die gänzliche Niederlage im Spiel wird wie ein Kapuzenmantel aufgefaßt, den man über den Besiegten wirft.»

Endlich «futsch», noch weniger salon- und kathedermäßig als kaputt und paff und doch durch ganz Deutschland verbreitet. Unser schweizerdeutsches futsch mit dem geschlossenen u scheint französischen Ursprungs zu sein, wie das ebenfalls gebräuchliche «futtü» (franz. 62 foutu), das man übrigens auch im Elsässischen und Schwäbischen kennt. Und vom Französischen her, wo foutre seiner Grundbedeutung wegen verpönt ist, haftet ihm ein Geschmäcklein an, das ihm den Zugang in die bessere Literatur und Gesellschaft verbietet. Die Form «futsch» (mit dem unorganischen sch) ist ja wohl auch als euphemische Veränderung zu verstehen. Die Volkssprache, nicht puristisch bestrebt, braucht das Wort unbedenklich. «Die Leute sagen, Resli sei futsch (verloren)», heißt es in der «Käserei», und der Dekan Stalder scheut sich auch in der Mundartübersetzung des Gleichnisses vom verlornen Sohn nicht vor dem Wort: «My Bueb ischt futsch gsi, und mer händ e wider übercho!»


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