Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Der Lückenbüßer

Was hat er zu büßen, der arme Lückenbüßer? Ist er nicht der willkommene Ersatzmann, Aushelfer, «Chummerz’hülf», der in die Lücke springt und die Situation rettet?

Wie es mit dem Büßen gemeint ist, kann man in Luthers Bibelübersetzung finden, in der Erzählung vom Wiederaufbau Jerusalems (Nehem. 4,7), wo es von den Feinden Israels heißt: «Da sie aber höreten, daß die Mauern Jerusalems zugemacht waren und daß sie die Lücken angefangen hatten zu büßen, wurden sie sehr zornig.»

Diese Stelle läßt uns die sinnliche Bedeutung von «büßen» erkennen, nämlich ausfüllen, flicken, wieder gut machen. Das Zeitwort ist von «Buße» abgeleitet, und dieses, als Ablautbildung von «baß», dem Adverb zu «bester», hat ursprünglich den Sinn von Besserung, Wiedergutmachung. Auf greifbare Dinge angewendet, bedeutet «büßen» schon in althochdeutscher Zeit flicken, wie der Name Schuhbüßer («scuobuossâre») für Schuhflicker zeigt. Eine schweizerische Nebenform von büßen ist «büeze», wie «grüeze» von grüßen. Dieser Wechsel von z und ß im Silbenauslaut ist auch sonst bekannt, sowohl in der Schriftsprache als in der Mundart. Nebeneinander stehen die stammverwandten Wörter: wissen und Witz, gleißen und glitzern, weiß und Weizen (weißes Korn), beißen und Beize, heiß und Hitze, essen und ätzen, mundartliches Schweißi und Schweizi, schmeize neben schmeiße, Schutz neben Schuß, Gutz neben Guß, Bitz neben Biß usw.

«Büeze» als Flickarbeit jeder Art — es gab oder gibt noch Chachlebüezer, Ofe-, Chratte-, Wanne-, Zeine-, Gätzibüezer — nahm mit der Zeit den Beigeschmack mühsamer, saurer, auch verächtlicher Arbeit an, und so wurde die «Büez» zum Ausdruck für eine Arbeit, die mit Unlust, Widerstand und Geringschätzung verrichtet wird. Im Gegensatz zu dem edleren «Arbeit» war «Büez» nun das Lieblingswort eines Proletariats, das die unfreie, ungeliebte mechanisierte Fabrikarbeit nur noch als Mittel zum Broterwerb kannte und als menschenunwürdiges Joch empfand. Ja, die Unlust und 27 Widerwärtigkeit verschlang endlich den Begriff der Arbeit bis zu dem Grade, daß der Ausruf: «Das isch e Büez!» auf jede beliebige Beschwerlichkeit, Bedrängnis oder Plage bezogen wird.

Die Entwicklung des Begriffs «büßen» nach der geistigen Seite hin vollzog sich auf der Linie: ausbessern, heilen, befriedigen, sühnen. In älterer Sprache werden Krankheiten gebüßt (geheilt), Hunger und Durst werden gebüßt (gestillt), Lust, Mutwille, Rache, Zorn werden gebüßt (befriedigt), auch Verbrechen werden gebüßt (gesühnt). Von der Schule her kennt männiglich aus Bürgers «Wildem Jäger» die Stelle:

Mag’s Gott und dich, du Narr, verdrießen,
So will ich meine Lust doch büßen!

(d.h. befriedigen, letzen).

Und im Sinn von «sühnen» braucht auch Kriemhild im Nibelungenlied das Wort, wenn sie Rüdeger, dem Abgesandten Etzels, das Versprechen abnimmt, der Nächste zu sein, ihre Leiden zu büßen, d.h. zu sühnen.


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