Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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gespiesen

«Wünsche wohl gespeist zu haben!» In der Schweiz ist diese Redewendung nicht üblich. Wäre sie’s, so würde sie in schriftsprachlicher Form lauten: Wünsche wohl gespiesen zu haben! Denn seit dem Ende des 16. Jahrhunderts ist dieses Zeitwort, wie sich aus den zahlreichen Belegstellen des Schweiz. Idiotikon Nachweisen läßt, sowohl in unsrer Mundart wie in unsrer Schriftsprache ablautend gebraucht worden: speise, spies, gespiesen. Haller, Gotthelf und auch G. Keller schrieben noch so. Und bis auf den heutigen Tag gilt namentlich die Partizipialform «gespiesen» in dem bildlichen Sinne von unterhalten, vermehren, mit Geldmitteln unterstützen in unserem Sprachgebrauch als richtige Form: ein Fonds, ein Vereinsvermögen, eine Stiftung wird durch Beiträge, Subventionen, freiwillige Gaben usw. «gespiesen». In der Mundart wird auch ein Brunnen von den und den Quellen gespiesen, alter Wein mit einem Zusatz von neuem (oder auch von Wasser) gespiesen, und besonders gebräuchlich sind «abgspise» in der Redensart «einen mit leeren Worten abspeisen», «verspise» im Sinne von aufessen und etwa auch «nachegspise» (nachträglich speisen, nähren), wie z.B. Simon Gfeller es in bezug auf Wasser von geschmolzenem Schnee verwendet: «I de Bärgen obe sy Hüüfen alte Schnee gläge; dä isch jetz dünn worde u het nohegspise.»

Das war nicht immer so. In schweizerischen Schriftwerken des 16. Jahrhunderts gehen «gspise» und «gspist» nebeneinander her, und es steht außer Zweifel, daß die schwache Biegung des Wortes (speiste, gespeist) die ältere und ursprüngliche ist, wie sie auch in der neuhochdeutschen Schriftsprache die alleingültige geblieben ist.

Das Zeitwort «speisen» ist kein ursprüngliches Zeitwort, sondern von «Speise» abgeleitet, wie z.B. reisen von Reise, weiden von Weide, büßen von Buße, trösten von Trost, loben von Lob. Und solche abgeleitete Zeitwörter, welche im Vergleich zu den ursprünglichen die erdrückende Mehrzahl ausmachen, werden schwach, das heißt nicht mit Ablaut, sondern mit dem Bildungslaut -t 134 gebogen (speis-te, gespeis-t). Nun sind aber die Fälle nicht selten, wo ein ursprünglich schwach gebogenes Zeitwort, unter dem Einfluß eines ähnlich lautenden stark gebogenen, auch starke, das heißt ablautende Formen annahm, so z.B. preise, preiste, gepreist (jetzt pries, gepriesen), rufe, rufte, geruft (jetzt rief, gerufen, schweizerdeutsch noch grüeft), weise, weiste, geweist (jetzt wies, gewiesen). Und vielleicht ist es gerade dieses letztgenannte Zeitwort, das in unsrer Mundart zu spies, gespiesen verführt hat. Wir müssen also zurück zu dem älteren speiste, gespeist.

Das Dingwort Speise ist aus dem mittellateinischen spensa, spesa entlehnt, das, wie das ebenfalls mittellateinische Zeitwort spendere (unser heutiges spenden), auf lateinisch expendere: auswägen, auszahlen zurückgeht. Spesa bedeutete, wie noch heute im Italienischen: Ausgabe, Kosten; sein Sinn verengerte sich aber auf die Spende an Arme, und diese bestand häufiger in Nahrung, Wegzehrung, Proviant als in Geld. So wurde spesa, dem Sinn (wie dem Laut) nach zu Speise, und nur in dem gelehrten Fremdwort Spesen erhielt sich die alte Bedeutung von Kosten.


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