Otto von Greyerz
Sprachpillen
Otto von Greyerz

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Eine orthographische Frage

«Die orthographischen Fragen sind alle gelöst», höre ich sagen; «dafür hat man den Duden. Oder vielmehr man hat ihn nicht, weil man ihn nicht braucht; und wenn man ihn hätte, so schlüge man nicht nach, weil das zum Langweiligsten und Nutzlosesten gehört, was es gibt». — Gut gebrüllt, Löwe, bzw. Löwin! Allein —

So spricht nur, wer noch niemals Mundart geschrieben hat; wer noch nicht die Erfahrung gemacht hat, daß es für die Mundart keinen Duden und folglich unzählige ungelöste Fragen gibt; wer noch nie den leisesten Versuch unternommen hat, solche Fragen zu lösen.

Wer sich aber das ganze Jahr hindurch mit Mundartmanuskripten plagt und auf die herzbewegendsten Fragen «Wie schreibt man das?» und «Darf man so, oder muß man anders?» Antwort geben soll, der weiß schon eher, was es auf sich hat, daß uns eine Mundart-Orthographie fehlt und daß hier Willkür und Anarchie herrscht.

Nachdem nun die ungeneigten Leserinnen oder auch Leser das Blatt weggelegt haben, rede ich nur noch mit den geneigten Schicksalsgenossen von der Feder und frage sie:

Schreibt man besser «eso» oder «e so», besser «ekei» oder 39 «e kei»? «Das ist doch gehupft wie gesprungen! Verschont uns, bitte, mit solchen Haarspaltereien!» — Auch gut. Schon wieder ein paar Leser weniger. Jetzt bleiben mir fast nur noch die Seriösen, denen schon der Wunsch aufgestiegen ist, sich über mundartliche Rechtschreibfragen zu verständigen; über die eine und andere wenigstens.

Und da fangen wir versuchsweise mit «eso» und «ekei» an; denn darüber läßt sich mit Vernunft und gutem Willen eine Verständigung erreichen. Fast alle Neulinge in der Mundartschriftstellerei schreiben «e so» und «e kei», wie wenn es einem schriftdeutschen «ein so» und «ein kein» entspräche, was natürlich nicht stimmt. Vielleicht daß unser gut mundartliches «e chlei» oder «e chly» (was wirklich einem hochdeutschen «ein klein», vgl. «ein wenig», entspricht) zu der falschen Auffassung verführt hat. Tatsache ist, daß unser «eso» aus «also» (mit Akzent auf dem «so») hervorgegangen ist; ähnlich wie «allein» aus «all-ein», englisch «alone» aus «al-one» — ganz einer, nur einer, einzig. Die Zusammensetzungen mit «all» können den Ton auch auf der ersten Silbe haben, wie zum Beispiel unser «allwäg» (alle Wege). Mit dieser Betonung ist aus «also» in mancher schweizerischen Mundart «ase» geworden. Es stehen sich somit, infolge verschiedener Betonungsart, «eso» und «ase» gegenüber. Beide sind durch Zusammenwuchs zu einem Wort geworden und sollten auch als ein Wort geschrieben werden.

Auch in der Schreibung «e kei» verrät sich ein naiv-verirrtes Sprachgefühl. Da nämlich neben «ekei» auch die kurze Form «kei» gebräuchlich ist, wird im Unterbewußtsein das vorausgehende «e-» als Artikel gedeutet. Wie «e Möntsch» neben «Möntsch», «e neue» neben «neue», «e chly» neben «chly», scheint auch «ekei» neben «kei» eine Verbindung mit dem unbestimmten Artikel zu sein. Das ist ein Irrtum. Wir wissen aus der älteren Sprache, daß das heutige «kein» nur ein Bruchstück, ein Ueberrest, ein Wortstummel von einer früheren Zusammensetzung ist, die in althochdeutscher Zeit «nih-ein» (auch nicht ein), in mittelhochdeutscher «nech-ein», auch «ne-kein» lautete.

Und jeder Leser, der einmal seine Nase in mittelhochdeutsche Texte gesteckt hat, weiß, daß dort die Verneinungspartikel in 40 doppelter Gestalt vorkommt: als «ne» und als «en», zum Beispiel ich ne-weiß und ich en-weiß (beides = ich weiß nicht). So gab es denn auch neben dem «nekein» ein «enkein» (lat. n-ullus), und dieses ist eben unser mundartliches «ekei». Das ungeschulte Sprachgefühl hat, gerade wie bei «eso» (aus also) die Zusammensetzung «ekei» (aus en-kein) falsch gedeutet und «e kei» daraus gemacht, als ob ein unbestimmter Artikel vorhanden wäre. Unser schweizerisches Idiotikon liefert dafür einen überzeugenden Beweis mit einem Vers aus dem Absagebrief eines humoristischen Liebhabers:

Jetzt guete Nacht, Dorothea Steiner!
Ein so ein Schatz will ich ein keiner!

Frei ins Berndeutsche übersetzt:

Iitz gueti Nacht, Marianni Töne!
Eso-n-e Schatz wott ig ekene!


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